G&B Testbericht

Fender 56 Heavy Relic Stratocaster MN im Test

Zwei E-Gitarren Fender 56 Heavy Relic, schwarz und weiß, stehend
(Bild: Dieter Stork)

Originale 50er-Jahre-Strats werden kaum noch einmal angeboten und wenn, dann ist höchste Vorsicht geboten. Wer eine hochwertige Alternative sucht, der wird − nach Absprache und in Begleitung seines Fachhändlers − bei Fender in Düsseldorf fündig. Der dortige Showroom hält immer einige Delikatessen aus dem Custom Shop bereit, aber Gitarren aus speziellen kleinen Serien wie die vorliegenden 56er Heavy Relics werden dort nicht alt, auch wenn sie so aussehen.

 

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Um es vorwegzunehmen: die scheinen da drüben im Custom Shop richtig Spaß daran zu haben, wenn wieder mal ein Auftrag aus Deutschland reinkommt, klar spezifiziert bis ins Detail vom hiesigen Fender-Spezialisten Gernold Linke. Der hat inzwischen den Bogen raus, wenn es darum geht, den klassischen Fender-Klang mit zeitgemäßen Features zugunsten moderner Spielpraxis zu verbinden, aller Heavy-Relic-Optik zum Trotz. Von beiden Versionen – See Through White Blonde und 2-Tone Sunburst – wurden nur jeweils 15 Exemplare gebaut.

Konstruktion der Fender 56 Heavy Relic Stratocaster MN

In der Wiederholung liegt die Kraft – weiß jeder Spieler, der übt. Drum auch hier noch einmal die Revue der wesentlichen Details des Stratocaster-Designs mit Fokus auf die speziellen Features dieser 56er-Heavy-Relic-Ausgaben. Wir verallgemeinern insofern, als die Spezifikationen beider Versionen jenseits der Farbgebung identisch sind. Der Korpus besteht aus zweiteilig gefügter, ausgesucht leichter Sumpfesche (Swamp Ash) und zeigt zeitgerecht authentische Konturen, vor allem die großzügig geschnittene Bucht auf der Rückseite oben. Der jeweils dünnen Nitro-Lackierung verschaffte man mit viel Arbeit ihre sehr authentisch wirkende Heavy-Relic-Optik. Wie bei den alten Originalen sind die Hälse der vorliegenden Relics reine Einteiler.

Da also kein Griffbrett aufgeleimt wurde, musste zur Einlage des Halsstabes eine Nut auf der Halsrückseite gefräst werden, die nach dessen Montage dann mit dem berühmten “Skunkstripe” aus Walnussholz wieder verschlossen wurde. Zugunsten der modernen Spielpraxis folgt das Halsprofil hier nun allerdings keineswegs den 1956 üblichen kräftigen Halsdimensionen. Das bei den Reissues realisierte “Oval C”-Format finden wir erst bei späteren Strat- Generationen – in den 50er-Jahren war B “normal size” die Regel und 1956 wurde das zuvor ziemlich dicke “big baseball bat”-Profil in Richtung V-Shape verändert, welches dann 1957 seine stärkste Ausprägung fand. Weiterhin wurde bei unseren Relics auch der historische Radius von 7,25″ gegen den flacheren 9,5″-Radius praxisgerecht aktualisiert. Die saubere Medium-Jumbo-Bundierung (Dunlop 6105) ergänzt dieses Bild ganz folgerichtig.

Die Greiffläche wirkt mit ihren künstlich erzeugten Spielspuren im Lack nicht unbedingt superauthentisch, aber damit kann man leben; die Halsrückseite dagegen erscheint nicht so unwirklich gealtert wie bei manch anderer Relic. Die Kluson-Mechaniken wiederum sehen aus, als seien sie 50 Jahre lang mit ungewaschenen Futfingern begrabbelt worden, funktionieren aber natürlich einwandfrei.

In Sachen Pickup-Bestückung vertraute der Auftraggeber Gernold Linke seinem Ohr mehr als einem vorgegebenen Standard und stellte für die 56er Relics einen Mix aus verschiedenen Fender-Pickups zusammen: Custom 69 am Hals, Fat 50s in der Mitte und Texas Special am Steg. Die sitzen zwar auf dem historisch korrekten einfachen Pickguard, werden ansonsten aber natürlich in moderner Manier mit einem Fünfwegschalter angewählt. Die Tone-Regler greifen wie üblich auf den Hals- und Mittel-Pickup zu, der Tonabnehmer am Steg bleibt davon ausgenommen.

Starkem Aging wurde letztlich auch das Vibrato-System unterzogen. Die Bugblechreiter und Konterschrauben sind heftig korrodiert, nur der Stahlblock ist schlicht grau lackiert und wirkt dadurch frisch. Im Übrigen zeigen alle Schrauben schwerste Korrosion – naja, so lautete halt der Auftrag: Heavy Relic.

Fender 56 Heavy Relic Stratocaster MN  in der Praxis

Die vorliegenden 56er-Relic-Strats sind zunächst einmal schön leicht. Der Korpus liegt so komfortabel an, wie man das eben kennt von diesem „Original Contour Body“-Design. Davon einmal abgesehen muss in Sachen Handhabung natürlich der Hals in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden. Da kann der Rest einen noch so extremen „used“-Look aufweisen, geht es um die Spielbarkeit, will hier in diesem Sinne niemand mehr irgendwelche lauen Kompromisse hinnehmen. Das alles ist also unbedingt genauerer Betrachtung wert.

Der Radius der alten Originale machte und macht auch heute noch Probleme beim Saitenziehen wegen seiner starken Wölbung von 7,25″. In den 50er-Jahren war das kein Thema, bzw. da kam kaum jemand auch nur auf die Idee bei den damals üblichen enormen Saitenstärken. Entsprechend hoch muss man die Saitenlage bei den historischen Instrumenten heute einrichten, und/oder die Bünde in Compound-Manier abrichten, um beim Bending absterbende Töne zu verhindern. Der mehr zeitgemäße 9,5″–Radius der Testgitarren kommt uns da sehr entgegen und dann sind da auch noch die relativ hohen 6105 Bünde von Dunlop drauf, übrigens ultimativ abgerichtet und glänzend poliert. Zusammen mit dem fluffigen „oval C“-Halsprofil, samtig geschliffenem Rücken und perfekt eingerollten Kanten zur Greiffläche hin fühlt sich dieser Hals uneingeschränkt großartig an. Jenseits aller Relic-Optik ist hier also viel Augenmerk auf eine optimale Bespielbarkeit der Gitarren gerichtet worden – mit besten Ergebnissen.

Akustisch angespielt erstaunen diese Relics wieder einmal mit dichter und resonant- kraftvoller Tonentfaltung. Da weiß man gleich: Hier waren Leute am Werk, die ihr Handwerk verstehen. Der Akzent verschiebt sich zwischen den beiden Schwesterinstrumenten tatsächlich marginal, wenngleich in nur schwer beschreibbarer Weise. Die Sunburst-Version tönt etwas runder und dichter, die Blonde dagegen feiner und seidiger in der Auflösung – auf jeden Fall aber schwingen beide erstaunlich frei.

Elektrisch zahlt sich das natürlich aus. So wichtig die Tonabnehmer auch für die übertragene Tongestalt sind, sie können letztlich nur akzentuiert umsetzen, was sie an schwingender Substanz vorfinden. Das Erfreuliche an den vorgelegten Heavy Relics ist nun die recht authentisch reproduzierte Klangästhetik der 50er-Jahre, welche allerdings durch die Tonabnehmerwahl tendenziell modernisiert wurde, wohlgemerkt aber ohne Einbußen am grundlegenden Vintage-Charme hinnehmen zu müssen. Will meinen, diese trocken-resonante, knackig perlende Tondefinition alter Strats kommt auch hier zum Zuge, obwohl die eingesetzten Pickups nun nicht einfach nur auf Reproduktion setzen. Der Custom 69 am Hals ist in diesem Sinne zumindest nominell eine eher überraschende Wahl, aber wie sein Kollege Fat 50 in Mittelposition transportiert er die sonoren Toneigenschaften der Gitarren auf vollkommen souveräne Weise, wenngleich mit etwas mehr Kick. Gibt der Custom 69 mit attraktivem Holzton perkussiv konturierte und kehlig-knusprige Klänge heraus, die durch Tiefe und Obertoneleganz begeistern, so ist der Fat 50 in der Mitte so aufgestellt, dass er auch allein seinen Tonabnehmer bestens steht, ja markig und farbreich zu gewinnen weiß. Der kraftvolle Texas Special am Steg legt da natürlich noch was drauf und sorgt bei Lead-Spiel für scharfen Anriss, ja Punktion des Trommelfells. So aggressiv das Tonverhalten in Zerrpositionen auch sein mag, immer tönt es substanziell und sogar elegant – na gut, eine gewisse Lust am Schmerz einmal vorausgesetzt (stilvoll, wie Harakiri).

Toll klingen bei diesen Strats auch die Zwischenpositionen. Hohlwangig und knackig zugleich in klaren Einstellungen und stimmlich wunderbar harmonisch ineinander schmelzend bei Crunch und Zerre. Das hat hohe Klasse. Letztlich: So ähnlich die Gitarren von den verbauten Materialien her auch sein mögen, gleich klingen sie natürlich nicht wirklich. Dennoch eint sie ein resonant-lebhafter Klangreichtum, der dem Fender Custom Shop zur Ehre gereicht.

Resümee

Fender Deutschland bringt immer wieder sehr interessante Kleinserien an den Markt, wie die vorliegenden 56-Heavy-Relic-Stratocaster-Versionen erneut beweisen. Dabei handelt es sich keineswegs um detailgenaue Kopien des namengebenden Jahrgangs, sondern eher um eine Kombination aus bestimmten Charakterzügen der historischen Instrumente mit praxisgerechten Updates in Richtung auf aktuelle Bedürfnisse. Nur wenige Spieler würden heute etwa einen dicken „Boat Neck“ bevorzugen oder sich mit einem Dreiwegschalter zufriedengeben.

Die Pickup-Bestückung scheint zunächst verwirrend bunt zusammengewürfelt, schnell aber erweist sie sich als passend, ja schlagend. Auch sie richtet sich nicht so sehr am überkommenen Klangbild aus, sondern verbindet gediegenes Vintage-Flair mit der Tendenz zu späterem, etwas druckvollerem Klangpotenzial. Beide Versionen zeigen bestes Schwing- und Resonanzverhalten und die Hälse sind mit ihrer perfekten Medium Jumbo-Bundierung einfach famos bespielbar. So alt das Stratocaster-Lied auch sein mag, mit der Stimmkraft solch exzellenter Gitarren wie diesen 56 Heavy Relics singt man es immer wieder gern – Lujah!

 

 

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