Headless Madness

Extended Range Guitars: Kiesel vs. Strandberg

Headless
Kampf der kopflosen Titanen: Kiesel vs. Strandberg (Bild: Simon Hawemann)

An Headless-Gitarren scheiden sich schon seit den 80ern die Geister, in erster Linie natürlich an deren Ästhetik. Denn allein schon ergonomisch haben diese Instrumente durchaus eine absolute Daseinsberechtigung.

Irgendwie erlebt das kopflose Design im Zuge der ERG-Welle eine Renaissance und schwimmt seitdem auf selbiger mit beachtlichem Erfolg mit. Marken wie Strandberg und Kiesel Guitars sind ganz vorn mit dabei und ich hatte nicht nur die Gelegenheit die populärsten Modelle beider Hersteller ausgiebiger zu testen, sondern besitze mittlerweile tatsächlich selbst ein Modell ohne Headstock. Meine Gedanken und Erfahrungen werde ich hier mit euch teilen!

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What ever happened to the 80s?

Ich erinnere mich noch sehr gut an das erste Mal, als ich eine Headless-Gitarre in der Hand hielt: Der Vater von meinem besten Schulkumpel war zu dieser Zeit das perfekte Klischee eines Shred-Gitarristen und hatte schon in den 90ern ein beachtliches Home-Studio-Setup. Ich habe alles noch genau vor Augen: Die roten Tannoy-Reveal-Monitore, den ebenfalls roten 19’’ Line6 POD Studio und vor allem die Wand voller Gitarren. In den 90ern war das alles nicht selbstverständlich – heute sitze ich selbst in einem zeitgemäßen Äquivalent eines solchen Home-Studios, inklusive an den Wänden hängender Gitarren und digitaler Preamps.

Kiesel ZM7
Stimmmechaniken der Kiesel ZM7 (Bild: Simon Hawemann)

Vor der Gitarrenwand des Vaters meines Kumpels stand jedenfalls auch das klassische Steinberger ,’Paddel’’ in schwarz und wir lachten immer über diese Gitarre, weil wir sie unfassbar hässlich fanden. Die Ibanez RGs waren als junge Metal-Gitarristen schon eher unser Ding – und auch die hingen dort natürlich an der Wand. Zu dem Zeitpunkt hätte ich mir niemals vorstellen können, dass Headless-Gitarren ein großes Comeback feiern würden – schon gar nicht in einem modernen Metal-Kontext. Aber hier sind wir nun, 20 Jahre später, und Headless- ERGs verkaufen sich anscheinend wie geschnitten Brot. Und um direkt mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Mir bleiben die Witze und das Gemecker über Headless- Designs mittlerweile im Halse stecken. Finde ich Headless-Gitarren deswegen jetzt grundsätzlich cool? Nicht unbedingt.

Kiesel Zeus ZM7
Kiesel Zeus ZM7 (Bild: Simon Hawemann)

Ehrlich gesagt bin ich, was die Ästhetik angeht, noch immer nicht zu 100% an Bord und kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, solch ein Instrument live zu spielen – unter anderem, weil solche Gitarren an mir wie Tennisschläger aussehen. Dabei machen die kompakten Ausmaße, das geringe Gewicht und die ergonomische Bauweise schon wirklich Sinn. Und zu Hause bzw. im Studio spiele ich wirklich fast nichts anderes mehr. Ich habe das bereits in meinem Review der Kiesel Vader VM8 erwähnt, die ich relativ frühzeitig in dieser Serie besprochen habe, aber besonders wenn man allein am Studio-Schreibtisch sitzt und aufnimmt, ist so ein kompaktes Instrument in jeglicher Hinsicht komfortabler, als z. B. eine full-sized 8-String.

Strandberg Boden Original 8
Stimmmechaniken der Strandberg Boden Original 8 (Bild: Simon Hawemann)

Die Kiesel Zeus ZM7 ist zudem mit Abstand meine leichteste Gitarre und somit auch hervorragend im Handling. Das Gleiche gilt für die Strandberg Boden 8, die ich mir als Leihgabe besorgt habe. Und weil beide Gitarren doch recht unterschiedlich sind und ich immer wieder die Frage gestellt bekomme, ob denn nun Kiesel oder Strandberg die besseren Headless-Gitarren baut, werde ich an dieser Stelle auf beide etwas genauer eingehen.

Schweden oder USA?

Ohne Strandberg gäbe es den Headless- Trend der letzten Jahre vielleicht gar nicht. Ich erinnere mich noch gut daran, dass eines dieser schwedischen Instrumente zunächst in einem Tosin-Abasi- Video auftauchte. Zum damaligen Zeitpunkt war Strandberg noch ein reiner Custom Shop, in dem alle Instrumente mit viel Handarbeit gebaut wurden… für eine ordentliche Stange Geld versteht sich! Die Nachfrage wurde irgendwann zu hoch und die Warteliste zu lang, also entschied sich Master Luthier Ola dafür, fortan auch Fern-Ost-Modelle unter dem Namen Strandberg ,Boden’ anzubieten. Aber ganz reibungslos verlief der Start nicht! Zunächst sollten Strictly7-Guitars aus den USA den Job übernehmen, aber die fragwürdige Reputation und viel dokumentierte Unzuverlässigkeit dieser Gitarrenschmiede sorgte für eine außerordentlich kurze Kollaboration. Von da an übernahm der Washburn Custom Shop die Fertigung der kopflosen Trendsetter – und auch diese Liaison war aus irgendeinem Grund nicht von langer Dauer.

Strandberg Logo auf den Potis
Liebe zum Detail: Strandberg Logo auf den Potis (Bild: Simon Hawemann)

Von dem Zeitpunkt an verlor ich ehrlich gesagt etwas den Überblick, bis ich schließlich im Jahre 2015 auf der Musikmesse in Frankfurt endlich die fertige Import-Variante der Strandberg Boden aus der Cort-Electric-Guitar-Factory in Indonesien in der Hand hielt. Jedenfalls scheinen die Schweden dort endlich fündig geworden zu sein und so ist auch das Exemplar, das ich hier teste aus Korea. Zunächst mal drängt sich natürlich die Frage auf, ob so ein Import-Modell mit einer Made-in-USA-Gitarre, wie eben in diesem Fall einer Kiesel, qualitativ mithalten kann. Und hier muss ich jetzt etwas ausholen: Meine erste 7-String war in den frühen 2000ern eine Cort VIVA7 aus eben genau dieser Fabrik in Indonesien – und auch wenn das eine recht solide Gitarre war, war sie bei Weitem nicht so gut verarbeitet wie die Strandberg Boden. Die Qualität ist wirklich hoch und die Verarbeitung bis ins kleinste Teil präzise. Selbst die Bünde sind makellos abgerichtet und haben perfekt verrundete Bundenden. Nun bezahlt man für eine Strandberg Boden 8-String auch gut über € 2000, was für ein Fern-Ost-Modell eine ordentliche Summe ist. Aber ich muss sagen, dass man dafür auch tatsächlich die entsprechende Qualität geliefert bekommt.

Headless
(Bild: Simon Hawemann)

Immerhin sind im Preis auch die momentan sehr gehypten Fishman Fluence Modern Pickups enthalten. Die einzige Enttäuschung ist die für diese Preisklasse doch eher dezent geflammte Ahorndecke. Das wirklich schöne thermobehandelte Birdseye-Maple-Griffbrett macht zwar einiges wieder gut, ich persönlich würde in der Preisklasse jedoch etwas mehr von einer geflammten Decke erwarten.

Meine Kiesel Zeus ZM7 Multiscale und auch die bereits von mir getestete Vader VM8 sind ungefähr in der gleichen Preisklasse angesiedelt wie die Strandberg Boden. Wie bereits gesagt, handelt es sich bei diesen nicht um Import-Modelle, sondern um Semi-Custom-Instrumente Made in America. Ich will damit nicht sagen, dass Import-Gitarren zwangsläufig schlechter sein müssen – es ist schließlich 2018 und auch in indonesischen Fabriken ist man mit High-Tech-Maschinerie und fähigen Gitarrenbauern ausgestattet. Aber normalerweise kostet ein Fern-Ost-Modell nun mal einen Bruchteil von seinem amerikanischen oder auch japanischen Pendant. Man kann sich jetzt also darüber streiten, ob der Preis für die Strandberg-Boden-Serie einfach sehr hoch oder der für die Instrumente von Kiesel überaus fair ist – qualitativ sind sich jedenfalls beide ziemlich nah.

Headless
(Bild: Simon Hawemann)

Endureneck oder klassisches Halsprofil?

An dieser Stelle kommen wir jetzt zum wirklich großen Unterschied zwischen Strandberg, Kiesel und eigentlich allen anderen Herstellern von Headless-Gitarren – und das wäre der sogenannte ,Endureneck’. Auf den ersten Blick mag das kantige Halsprofil unbequem aussehen, aber irgendwas wird sich Ola Strandberg dabei ja wohl gedacht haben?! Und tatsächlich, das Halsprofil folgt dem gesamten Konzept eines ergonomisch designten Instruments und ist somit erstaunlich kom-fortabel. Im Grunde genommen handelt es sich beim Endureneck um ein trapezförmiges Profil: die mittlere, zum Griffbrett parallele, Fläche verläuft dabei von der Halstasche aufwärts in Richtung Sattel und führt somit den Daumen immer in idealer Position den Hals entlang. So ungefähr um den 5. Bund herumflutscht mein Daumen für die ersten paar Bünde in der Regel von ganz allein auf diemittlere Fläche des Trapezes, während er sonst entlang der oberen Fläche dieses ungewöhnlichen Profils entlang gleitet.

Endureneck
Endureneck – kantig aber komfortabel! (Bild: Simon Hawemann)

Der Endureneck erfordert für mich nicht mal wirklich eine außerordentlich lange Eingewöhnungsphase. Das ganze fühlt sich von vornherein erstaunlich natürlich an. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich das Endure-Profil langfristig zwangsläufig einem normalen Halsprofil vorziehen würde. Beides funktioniert für mich einwandfrei und deswegen stellt sich mir natürlich die Frage der Notwendigkeit eines solchen Konzepts. Besonders, da dies ja mit Sicherheit einen Einfluss auf den Preis der Strandberg Boden haben dürfte. Denn die Produktion – auch in einer indonesischen Fabrik – erfordert durchaus einen anderen Fertigungsprozess als der von allen anderen Gitarren die dort gebaut werden. Höherer Aufwand, höherer Preis – klar!

Headless
(Bild: Simon Hawemann)

Vergleiche ich das alles nun mit meiner langfristigen Erfahrung mit der Kiesel Zeus ZM7 Headless, habe ich Schwierigkeiten einen klaren Favoriten festzumachen. Beide Gitarren haben streng genommen all die gleichen Vorzüge: Sie sind leicht, kompakt, ergonomisch designed und spielen sich erstklassig! Auch in Sachen Sound vermisse ich nichts. Nach einigen Monaten mit einer kopflosen Gitarre kann ich nach anfänglichen Zweifeln sagen, dass ich so ein Instrument in meinem Studio und fürs Songwriting nicht mehr missen möchte.

Fazit

Headless-Gitarren… ein weiteres Phänomen des nun schon eine Dekade anhaltenden Extended-Range-Guitar-Booms und Beweis dafür, wie offen diese Zielgruppe für andersartige Gitarren-Konzepte ist. Haben wir in den frühen 2000ern noch über die kopflosen Paddel von Steinberger gefeixt, haben die Headless-Gitarren von Strandberg und Kiesel heutzutage eine außerordentlich große Fangemeinde. Und andere Hersteller und Custom Shops ziehen wie immer ständig nach!

Aber wer baut nun die bessere Headless- Multiscale? Der innovationswütige Schwede Ola Strandberg oder Jeff Kiesel und sein Semi-Custom Shop in Kalifornien? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Fakt ist, dass man eine Kiesel Osiris oder Zeus Headless mit den exakt gleichen Spezifikationen wie die der mir vorliegenden, indonesischen Import-Variante der Strandberg für den gleichen Preis kriegen kann wie die Kiesel Made in USA.

Die Strandberg Boden 8 ist allerdings die innovativere Gitarre, so viel ist sicher. Und ja, trotz made in Indonesia Stempel auf der Rückseite ist die Qualität durchaus beeindruckend und fast mit der von Kiesel zu vergleichen. Das Endureneck Halsprofil ist eine zwar nicht notwendige, aber dennoch geniale Erfindung. Ich habe mich bei einigen Strandberg Spielern umgehört und alle haben mir attestiert, dass der Endureneck auf Dauer ihre Spieltechnik und in manchen Fällen sogar vorherige Beschwerden in den Handgelenken verbessert hat. Da ziehe ich den Hut! Wen der Import-Faktor also nicht abschreckt, der kann bedenkenlos zugreifen. Ich habe ganz ehrlich bisher noch keine ähnlich hochwertige Gitarre aus Indonesien in der Hand gehabt. Man hat nicht das Gefühl es hier mit einem Fernost-Modell zu tun zu haben und das ist schon ein Kunststück. Gute Arbeit!

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Und mit so einer Gitarre sich nicht in die Öffentlichkeit trauen?

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