Engl Victor Smolski Signature im Test

Gitarren-Topteil von Engl, schwarz
(Bild: Dieter Stork)

 

Echte Gitarrenhelden sind im deutschsprachigen Raum rar gesät. Ob es auch daran liegt, dass das Publikum die international agierenden US/UK-Player höriger in den Fokus nimmt? Wie auch immer, einer der wenigen herausragenden Virtuosen hierzulande ist Victor Smolski, seines Zeichens Hochgeschwindigkeitsrekordler auf dem sechssaitigen Metal-Egg-Slicer-Board. Da hat er es sich wohl verdient, von Engl mit einem Signature-Amp geehrt zu werden.

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Rarer Event. Engl darf sich stolz über eine ellenlange Liste von prominenten Usern freuen, was allerdings spezielle, personalisierte Modelle angeht, hält sich die Firma seit jeher vornehm zurück. Nur zwei unserer „Kollegen“ war es bisher vergönnt, auf den Leib geschneiderte Amps zu bekommen: Als erstes Ritchie Blackmore und Jahre später (2008) Steve Morse. Ziemlich schmeichelhaft für Herrn Smolski, in diese Runde aufgenommen zu sein. Jedoch ist das Verstärkermodell eine limitierte Ausgabe, was sich auf den Zeitraum der Verfügbarkeit bezieht. Länger als zwei Jahre wird der Amp – intern trocken E646 genannte – vermutlich nicht im Programm bleiben.

 

Konstruktion des Engl Victor Smolski Signature

Der VS-Signature-Amp ist auf der Basis von Engls Dauerbrenner entstanden, dem Powerball, der ja erst vor ein paar Monaten in einer massiv überarbeiteten Version-II reinkarniert (und in G&B-Ausgabe 07/2010 getestet) wurde. Bis auf zwei, drei Schalterchen und einige anders gestaltete Symbole sieht man bei beiden Modellen dieselben Bedienungselemente. Vier Kanäle in 2+2-Anordnung, paarweise mit gemeinsamer Klangregelstufe und individuellen Gain- und Volume-Reglern, wobei die obere Potireihe die Sektionen für Clean und Crunch repräsentiert, während die untere zwei High-Gain-Lead-Kanäle bereitstellt. Das Layout ist seit dem Erscheinen des 1993 richtungweisenden Savage typisch für Engls Kraftmeier-Topteile und den meisten der geneigten Leser wahrscheinlich bekannt. Trotzdem sei noch einmal auf ein paar wichtige Details hingewiesen.

 

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Besonderheiten zeigen sich darin, dass Clean und Crunch neben Bass und Middle auf eigene Treble-Regler zugreifen. In der Lead-Sektion finden sich solche Maßnahmen zur besseren Abstimmung/Abgrenzung in anderer Weise. Es steht ein zweiter, klanglich anders arbeitender Mittenregler namens Middle-Voiced zur Verfügung, der, unabhängig davon welcher Leadsound gerade aktiv ist, alternativ zum Zuge kommen kann. Da hier mit hohen Vorverstärkungen gearbeitet werden kann, hat Engl der Lead-Sektion ein Noise-Gate spendiert, dessen Arbeitspunkt (Treshold) an der Rückseite einzustellen ist. Hier findet sich auch ein Einschleifweg, der dank des FX-Balance-Reglers die parallele oder serielle Beimischung von Effekten zulässt. Im Übrigen ist der VS-Head wie der Powerball mit der sogenannten Tube-Monitor-Sektion ausgestattet (oder sollte man sagen gesegnet?). Diese überwacht in intelligenter Manier die Betriebszustände der Endröhren und sorgt so für Zuverlässigkeit im täglichen Einsatz. Einigen Mehraufwand gegenüber anderen Modellen betreibt Engl im optischen Design. Silbrig schwarz-blaues Snakeskin-Tolex und echte, Glied für Glied zusammengeschweißte Eisenketten als Frontgrill bestimmen das Erscheinungsbild, abgerundet von platingrauen Chickenhead-Potiknöpfen.

Beim Sezieren des Topteils kommt der Engl-tyische Aufbau zum Vorschein. Platinen, die einem ihre Leiterbahnseite präsentieren, direkt zugänglich sind nur die groß dimensionierten Gitterwiderstände an den vier 6L6-Endröhren. Reparaturen, so sie denn bei der soliden Fertigung überhaupt notwendig werden, benötigen wegen der Demontage etwas mehr Zeitaufwand. Das gilt im Prinzip aber für alle modernen High-Tech-Röhrentopteile und ist insofern kaum ein rechenbares Manko.

 

Schalten

Über drei Stereoklinkenbuchsen an der Rückseite sind folgende Funktionen fernsteuerbar:

  1. Channel-Up/Down, -Select (1/2, 3/4)
  2. Master-A/B, Middle-Voiced-Ein/Aus.
  3. FX-Loop-Ein/Aus, Noise-Gate-Ein/Aus.

Eleganter als hier mehrere Fußschalter anzuschließen ist es, eines der von Engl angebotenen Schaltpedale zu benutzen, die über den extra dafür vorgesehenen S.A.C.-Port (Serial-Amp-Control, Klinke) mit dem Amp verbunden werden. Die können zum Teil sogar MIDI-Program-Change-Befehle ausgeben und sie zusammen mit den Schalteinstellungen speichern, sodass im Verbund parallel auch Effektgeräte kontrolliert werden können. Damit aber keine Missverständnisse aufkommen: Der Smolski-Amp selbst ist nicht mit einem MIDI-Interface ausgestattet.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Praxis

Engls großen Power-Topteilen haftet im Sound eine spezifische Art von Corporate Identity an. Bei aller Entschlossenheit und harter Attitüde tragen sie etwas Schöngeistiges in sich, bestimmt eine gewisse Eleganz die Klangformung. Röhrenkrawall mit HiFi-Energy sozusagen. So gesehen muss es hier bei der Entwicklung einigen Disput zwischen dem Chefentwickler Horst Langer und Victor Smolski gegeben haben. Lässt dieser Signature-Amp doch entschiedener den bösen Buben raushängen. Indem eine Spitze in den oberen Mitten prägend den Sound bestimmt, schwingt im Ton generell eine angriffslustige, giftige Note mit. Nein, die ist alles andere als unangenehm, zumindest solange man den Amp arttypisch befeuert, nämlich mit Humbucker-Gitarren. Im Team mit denen sorgt die Mitten-Giftspritze nämlich für ein Plus im Durchsetzungsvermögen. Gleichzeitig dürfte sie als Nebenprodukt zumindest mitverantwortlich dafür sein, dass dieser Signature-Engl sein Lied so obertonfreundlich singt wie kaum ein zweiter. Was heißt hier freundlich, der biedert sich geradezu an, so ein Kriecher, schleimt da irre rum mit seinen Flageolett-Falsetts (;-) – und das schon bei geringen Lautstärken. Und viel Gain braucht er auch nicht dafür. Geht schon im Crunch-Kanal mit zwei Drittel Gain gut los. Das Boshafte in seiner Natur zeigt der Amp deutlich am anderen Ende des Frequenzbandes. Komplexere Akkorde erzeugen gerne fiese tieffrequente Intermodulationen. Reine Quart- und/oder Quint-Voicings wiederum sind gegen dies immun, rund und kompakt im Klang. Aber nur wenn das Tuning wirklich stimmt und die Finger sauber zupacken!

Dieses Benehmen steht offensichtlich damit im Zusammenhang, dass dem Smolski-Topteil ein Maximum an Attack-Präzision anerzogen wurde. Die Anschläge werden überdeutlich dargestellt, mit einem breitbandigen Note-On-Geräusch, das bis in die unteren Mitten reicht, nicht nur so ein harmloses „Pick“ in den Höhen. Das ist natürlich ganz und gar gewollt, nämlich um windeseilig gespielten Lead-Passagen – Herr Smolski ist darin ja ein Spezialist – zu maximaler Artikulation zu verhelfen.

Große Aufmerksamkeit wurde offensichtlich auch dem Thema Bassdynamik geschenkt, denn in diesem Punkt schwingt sich der Verstärker ebenfalls zu überragenden Leistungen auf. Er bleibt äußerst energiereich an der oberen Grenze seiner Endstufen-Power. Und hält diese Fähigkeit erfreulicherweise fast über den ganzen Lautstärkebereich aufrecht. Man kann diesen Boliden wirklich dezent spielen und trotzdem entfaltet der Amp seine ganze Lebendigkeit.

Auffällig ist, dass die gemäßigten Kanäle Clean-1 und Crunch-2 im Bassbereich relativ schlank ausgelegt sind. Während die Lead-Kanäle 3 und 4 sich durch immense Gain-Reserven auszeichnen, und dennoch über markante Tonalität verfügen. Man muss es einfach so sagen: Eine technische Meisterleistung, die Gegebenheiten derart optimiert unter Kontrolle gebracht zu haben, u. a. nämlich auch mit relativ geringen bzw. vertretbaren Nebengeräuschen.

Im Klang unterscheiden sich die Sektionen dadurch, dass dem Kanal 3 etwas mehr Volumen in den unteren Mitten zueigen ist, begleitet von einer offensiveren Präsenz. Kanal 4 wirkt im Vergleich klanglich weicher und stellt die Anschläge nicht so betont heraus wie sein Kollege. Durch Umschalten auf den Middle-Voiced-Bereich ändert sich die Sachlage gleich wieder, da er in den Mitten tiefer ansetzt, so den höheren Frequenzen mehr Gewicht entgegenbringt und den Sound anders ausbalanciert; Die Präsenz des Kanal 3 wird dadurch z. B. milder. Engls ureigene Erfindung, zwischen zwei Mittenbereichen wählen zu können, erweist sich somit erneut als potentes Sound-Tool, denn schon leicht gegensätzliche Einstellungen der betreffenden Regler erzeugen markante Unterschiede, bis dahin, dass man von zwei weiteren Sub-Sounds sprechen kann. Middle-Voiced hat im Übrigen auch Einfluss auf Kanal 1 und 2, logischerweise nicht regelbar, es gibt dort ja nur ein Middle-Poti, aber effizient insofern, als die Wiedergabe etwas präsenter gemacht werden kann. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Fernschaltmöglichkeiten ist für den Live-Betrieb zweifellos ein Maximum an Tonvielfalt abrufbar.

Zum Schluss noch ein kurzer Kommentar zur Peripherie. Das Noise-Gate arbeitet in der von anderen Engl-Amps bekannt bewährten Weise. Dasselbe gilt für den vollkommen stressfreien Einschleifweg, der mit seinem niedrigen Arbeitspegel universell nutzbar ist.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Das war mal wieder eine Begegnung der besonderen Art, wie angenehm. Das VS-Signature-Topteil entpuppt sich nämlich als Charakterkopf mit markanten, eigenständigen Klangeigenschaften. Allem voran beeindrucken die hochgezüchteten High-Gain-Fähigkeiten, ihr Potential an sich und daneben die erstklassige Artikulation der Lead-Sektion. Die im Höreindruck stets offensive Klangformung, sowie hohe Energie im Schalldruck und extremistische Dynamik in der Ansprache machen den Signature-Amp zum wohl brutalsten Verstärkermodell im Engl-Sortiment. Fraglos eine Bereicherung, und für die Rücksichtslosen, aber Melodischen unter den Hard- und Metal-Rockern ein neuer Holy Grail. Heißt (nicht nur) für diese Kollegen schlussendlich: Ausprobieren ist Plicht!

Preis und Leistung stehen in einem gesunden Verhältnis.

 

Übersicht

Fabrikat: Engl

Modell: Victor Smolski Signature (E646)

Gerätetyp: E-Gitarren-Verstärker, Topteil, vier Kanäle

Herkunftsland: Deutschland

Technik: Vollröhrenbauweise, Halbleitergleichrichtung

Röhrenbestückung: Class-A/BGegentaktendstufe m. 4¥ 6L6GC; Vorstufe: 4¥ ECC83

Leistung: max. ca. 100 Watt, (Herstellerangabe)

Gehäuse: Schichtholzplatten (ca. 19 mm), Lüftungsgitter an Front- u. Oberseite, Snakeskin-Kunstlederbezug, Metallkappen an allen Ecken, Gummifüße, Tragegriff a. d. Oberseite

Chassis: Stahlblech, stehend montiert, Röhren mit übergestülpten Federklammern bzw. Sockelklammern gesichert

Anschlüsse: Front: Input; Rückseite: 5 Lautsprecheranschlüsse (2x 4 Ohm, 2x 8 Ohm o. 1x 16 Ohm), FX-Loop-Send, -Return, 3x Footswitch (Details siehe Text), S.A.C.-Port (speziell f. Engl-Schaltpedale), Netzbuchse (integr. Sicherungshalter)

Regler: Front: Clean-Gain-1, Crunch-Gain-2, Bass, Middle, Treble-Clean, – Crunch, Clean-Vol.-1 (LED), Crunch-Vol.-2 (LED); Lead-Gain-3 (LED), Lead-Gain-4 (LED), Bass, Middle, Middle-Voiced, Treble, Lead-Vol.-3, -4; Presence, Depth-Punch, Master-A (LED), -B (LED); Rücks.: (FX-) Balance, Noise-Gate-Treshold

Schalter/Taster: Front: Middle-Voiced, Up/Down + Left/Right (Kanalwahl), Standby, Power

Optische Anzeigen: Status-LED f. Wechsel des Kanals, der Master-Volumes, Middle-Voiced u. Tube-Monitor

Effekte: nein

Einschleifweg: ja, seriell/parallel vor den Master-Volumes, FX-Balance regelbar, On/Off fernbedienbar;

Pegel: -20 bis -10 dB, max. 0 dB (775 mV)

Besonderheiten: Noise-Gate für Lead-Kanäle, Power-Tube-Monitor

Gewicht: ca. 22,5 kg

Maße: ca. 715 x 260 x 270 BHT/mm

Vertrieb: Engl Marketing & Sales

GmbH

44803 Bochum

www.engl-amps.com

Zubehör: Netzkabel, Handbuch; optional verschiedene Schaltpedale zur Fernsteuerung

Preis: ca. 2230

 

Plus

  • Sound, Variabilität
  • Präzision/Transparenz
  • extreme Gain-Reserven
  • Dynamik, sehr hoher Schalldruck
  • diverse Fußschaltfunktionen
  • Ausstattung: zwei Master-Volumes, Noise-Gate etc.
  • Tube Monitor
  • geringe Nebengeräusche
  • sehr gute, deutschsprachige Bedienungsanleitung
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

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