Effekt-Eng(e)l

Engl Compressor, Retro, Straight to Hell, Chorus & Delay im Test

Die einen werden sich über die News-Meldung gewundert haben, die anderen hatten es längst erwartet: Engl, seit vielen Jahren allein der Röhrentechnik verschrieben, bringt FX-Pedale auf den Markt. Erfreulicherweise nicht zu „abgehobenen“ Boutique-Preisen. Wunderbar. Wenn jetzt auch noch die Leistung stimmt …

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(Bild: Dieter Stork)

Ja, Engl ist mittlerweile schon seit mehr als drei Dekaden im Geschäft. Im Orwell-Jahr 1984 begab sich die Initialzündung mit einem – man höre und staune – programmierbaren Hybrid-Combo (Halbleitervorstufe und Röhren in der Endstufe). So ein Projekt haben die Bayern nie wieder angepackt, aber Engl hat über die Jahre die Entwicklung von Gitarrenverstärkern im Allgemeinen immer wieder mit eigenen Innovationen geprägt.

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Schaltbare Master-Volumes, vier Sound-Sektionen in zwei Kanälen und andere Features mehr. Die ausgelaufenen Modelle nicht mitgezählt, umfasst das Programm inzwischen allein schon an die 20 Topteile. Und diverse Größen der Rockund Metal-Szene spielen Engl-Amps. Mit dem Background steht die Kompetenz in Sachen Ton außer Frage. Anders ausgedrückt, die Pedale sollten hohen Ansprüchen genügen. Sechs Modelle sind derzeit im Programm. Wir hatten alle auf dem Tisch außer dem Reaper, einem Distortion-Pedal, mangels Lieferbarkeit. Einen Test dazu werden wir natürlich sobald als möglich nachliefern.

Schlicht funktional

Stabile Metallkästchen, darin moderne Technik, sprich eine u. a. mit SMD-Bauteilen bestückte Platine, so sehen heutzutage viele FX-Pedale aus. Keine besonderen Merkmale. Doch! An der Unterseite ist eine Buchse vorhanden (Westernstecker, RJ10, 4-polig), die in Verbindung mit den als Zubehör erhältlichen Pedalboards PB-4 und PB-6 erlaubt, die DC-Versorgung zentral zu organisieren.

Parallel damit wird auch die Signalverbindung zwischen den Pedalen realisiert (nennt sich „SCS-Connection“): Keine Klinkenkabel, die Gehäuse können so ganz nahe beieinander angeordnet werden eine extrem kompakte Lösung. Dank eines Gewindes in der Bodenplatte, kann man die Pedale ruckzuck an dem Board festschrauben.

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(Bild: Dieter Stork)

Hehe, das haben die (von) Engl aber geschickt eingefädelt. Das nö- tige Zubehör, Kabel etc., wird mitgeliefert, außerdem auch eine Transporttasche. PB-4 und PB-6 nehmen bis zu vier bzw. sechs Pedale auf. Sie kosten im Handel ca. € 71 bzw. € 91. Hohe Eingangsimpedanzen von 470 kOhm oder 1 Mohm und niedrige Ausgangsimpedanzen sorgen für günstige Voraussetzungen bei der elektrischen Anpassung.

Alle Pedale können anstatt über eine externe DC-Versorgung auch per Batterie gespeist werden. Die äußere Erscheinung des Pedals ist dezent bis schlicht gehalten. Was man nicht sieht: Die Potis haben Metallachsen, werden also derbe Fußtritte gesund überstehen. Substantiell ist soweit alles im Lot. Negativ schlägt allerdings zu Buche, dass die roten Status-LEDs relativ schwach leuchten.

Auf einer hellen Bühne kaum zu sehen, erst recht, wenn rötliches Licht aus den Scheinwerfern kommt. Im Übrigen werden die Pedale nicht hier in Deutschland, sondern in Russland gefertigt. Dahinter steckt die in der Musikindustrie weithin übliche Praxis „designen im Mutterhaus, fertigen in preisgünstigeren Landen“.

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(Bild: Dieter Stork)

Compressor

Wo andere Kompressoren mit zwei Reglern auszukommen versuchen, bietet Engls Compressor vier Parameter. Schön, dass neben der Anstiegs- (Attack) und der Ausklingzeit (Sustain) eine Höhenklangregelung vorhanden ist. Gerne, erhöht die Variabilität. Und sinnvoll, weil bei stärkerer Kompression in der Regel die Brillanz des Signals etwas nachlässt.

Mit dem Tone-Poti kann man dies abfangen bzw. den Betrieb des Kompressors als eigene Klangfarbe behandeln/abstimmen. Seine Funktion, den Pegel auf einen bestimmten Bereich einzugrenzen, erfüllt das Pedal unauffällig. Soli „begradigen“, Rhythmus-Passagen konsistenter machen, diese Grundaufgaben beherrscht der Kompressor.

Extreme Einstellungenwie z. B. Sustain am Maximum für langsam anschwellende Signale und/oder längere Attack-Zeiten führen zu der hörbaren Begleiterscheinung, dass nach einer (auch schon kurzen) Spielpause die Kompression hart einsetzt, eine Art gedämpfter Knackimpuls in höheren Frequenzen. Das „Problem“ haben aber auch andere Kompressoren am Markt – sind eben keine aufwendigen Studioprozessoren. Effekttyp: Kompressor Anschlüsse: Input, Output, DC-In, SCSCon. Regler/Schalter: Level, Tone, Attack, Sustain; True-Bypass-Fußschalter Opt. Anzeigen: Schaltstatus-LED Speisung: 9 Volt/DC, 15mA, Batterie o. Netzteil Ladenpreis: ca. € 135

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(Bild: Dieter Stork)

Retro

Laut der offiziellen Beschreibung basiert der Verzerrer im Sound auf Engls Amp-Modell Retro. Der ist britisch im Ton, ein erdiger harter Rocker, der sich an den Sounds der 1980er- bis 1990er-Jahre orientiert. Es gibt eine Menge Einstellmöglichkeiten für ein Distortion-Pedal. Okay, weil eine Zweibandklangregelung vorhanden ist, der Bright-Schalter und ein sogenanntes Low-Cut-Poti.

Die wie bei allen hier getesteten Pedalen eher dürftige Bedienungsanleitung verrät nicht, was die Idee dahinter ist. Nun, es nimmt jedenfalls sehr kräftig Einfluss darauf wie druckvoll und mächtig der Sound am unteren Ende des Frequenzspektrums ist, von sehr basslastig bis geradezu luftig. Bereits dies sorgt erheblich für einiges an klanglicher Vielfalt.

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(Bild: Dieter Stork)

Den Löwenanteil daran hat aber der Distortion-Regler, denn es ändert sich mit zunehmenden Verzerrungen der Sound-Charakter, indem eine Komponente, die nach Fuzz klingt, immer stärker wird. Von ganz leicht „haarig“, bis hin zu richtig kompakter Distortion reicht das Spektrum. Der Retro lässt sich schön dynamisch und ausdrucksstark spielen, hilft aber nicht dem Sustain der Noten auf die Sprünge.

Rock-Chords und harter Blues sind sein Metier. Die Ähnlichkeit zum Amp ist im Übrigen durchaus wahrnehmbar. So gut und markant das Pedal klingt, der Bright-Switch und die Klangregelung machen nicht viel her. Effekttyp: Distortion Anschlüsse: Input, Output, DC-In, SCSCon. Regler/Schalter: Volume, Dist (-ortion), Low-Cut, Bass, Treble; True-Bypass-Fuß- schalter Opt. Anzeigen: Schaltstatus-LED Speisung: 9 Volt/DC, 22mA, Batterie o. Netzteil Ladenpreis: ca. € 145

Straight to Hell

Alles klar, wer bei dem Namen nicht weiß wohin die Reise geht, sollte vielleicht besgitarre & bass 09.16 gitarrebass.de/media SOUNDS/VIDEOS Engl FX Pedale_Engl FX Pedale 04.08.16 09:52 Seite 141 ser Triangel-Virtuose werden. Voll auf die Zwölf, dieser Verzerrer ist einer wie er im Buche steht. Im Buche derer, die den martialischen Tönen frönen.

Erheblichen Anteil daran hat die aktive und sehr effektive Dreibandklangregelung. Mid Scoop, Schärfe in den Höhen, Druck im Bass, es ergibt sich eine gehörige Bandbreite. Die Distortion ist dicht in ihrer Struktur, die Ansprache ist schnell, dass Sustain wird nicht unterstützt.

Für tiefe Noten, Chord-Riffs und kraftvolle Basslinien ein höchst effizientes Sound-Tool, das leider einen störenden Bug zu Ohren bringt: Beim Einschalten entsteht ein ziemlich hartes, heftiges Knacken. Effekttyp: High-Gain-Distortion Anschlüsse: Input, Output, DC-In, SCS-Con. Regler/Schalter: Volume, Gain, Bass, Middle, Treble; True-Bypass-Fußschalter Opt. Anzeigen: Schaltstatus-LED Speisung: 9 Volt/DC, 3mA, Batterie o. Netzteil Ladenpreis: ca. € 125

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(Bild: Dieter Stork)

Chorus

Old school, Vintage-Atmo, dieser Chorus klingt warm, analog, dabei aber trotzdem transparent. Intensive Einstellungen schwingen weich durch und man kann dank des Detune-Reglers die Intensität der Verstimmung gut dosieren. Beim Umschalten auf den Vibrato-Modus wirkt der Klang an sich nicht anders, aber die Modulation hat einen anderen, ein bisschen an ein Leslie erinnernden Puls.

Daumen hoch, der Effektklassiker ist hier musikalisch ansprechend interpretiert. Effekttyp: Chorus, Modulation Anschlüsse: Input, Output, DC-In, SCS-Con. Regler/Schalter: Speed, Depth, Detune; Vibrato/Chorus, True-Bypass-Fußschalter Opt. Anzeigen: Schaltstatus-LED Speisung: 9 Volt/DC, 10mA, Batterie o. Netzteil Ladenpreis: ca. € 125

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(Bild: Dieter Stork)

Delay

Auch die digitale Echomaschine besinnt sich – wie der Chorus – auf das Wesentliche. Effektstärke (Level), Anzahl der Wiederholungen (Repeat) und Verzögerungszeit/D.Time sind die regelbaren Parameter. D. Time ist umschaltbar (x1/x2), sodass sich zwei Bereiche ergeben, 20 – 320 ms, 40 – 640 ms. Klanglich unterscheiden die sich nicht (außer etwas weniger Höhen im x2-Modus), die Zweiteilung wurde wohl nur gewählt, um die Einstellungen feiner vornehmen zu können.

Man beachte: Level regelt ausschließlich die Lautstärke der Echos, man kann daher das Originalsignal nicht ausblenden bzw. beides gegeneinander ausbalancieren. Qualitativ steht das Delay auf hohem Niveau, ohne dass es in irgendeiner Weise besonders hervorsticht. Wertige Standardware sozusagen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Effekttyp: Echo, digital Anschlüsse: Input, Output, DC-In, SCS-Con. Regler/Schalter: Level, Repeat, D.Time; x1/x2, True-Bypass-Fußschalter Opt. Anzeigen: Schaltstatus-LED Speisung: 9 Volt/DC, 45mA, Batterie o. Netzteil Ladenpreis: ca. € 125

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(Bild: Dieter Stork)

Resümee

Leistungsfähige FX-Tools zum fairen Preis, so lautet kurz und bündig das Fazit. Die beiden Distortion-Pedale punkten satt mit ihrer charakterstarken Tonformung, die übrigen drei, Kompressor, Chorus und Delay, versehen ihre Aufgaben ebenfalls akkurat und klanglich sehr ansprechend, ohne allerdings besondere Highlights abzufackeln.

Im Detail können die Pedale noch Optimierung vertragen, man denke an die Helligkeit der LED und das Schaltgeräusch des Straight to Hell. Davon abgesehen dürfte für viele User ein Plus darstellen, dass es zu vertretbaren Preisen die Pedalboards PD-4 und PD- 6 gibt; die praktische Verkabelung über die SCS-Connector hat zweifellos ihre Vorteile.

Plus

• Sounds, Signalqualität & Bandbreite

• charakterstarke Verzerrungen (Retro und STH)

• Zubehör: PD-4 und PD-6

• geringe Nebengeräusche

•Verarbeitung/Bauteile-Qualität

 

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