Die Music Man Reflex Guitar HH Trem im Test

E-Gitarre von Reflex, schwarz, liegend

Seit Mitte der 80er gehört die 1974 von Leo Fender gegründete Firma Music Man zum Hause Ernie Ball. Anlässlich des „Übernahme“-Jubiläums im vergangenen Jahr hat sich das Designerteam natürlich nicht nehmen lassen, mit dem 25th Anniversar y Model ein neu entwickeltes Gitarrenkonzept vorzustellen, welches nun auch in der Music Man Reflex Guitar Verwendung findet.

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Wem die Gitarrenmodelle des US-Herstellers halbwegs geläufig sind, wird unschwer feststellen, dass die Grundform von der Axis übernommen, der Body jedoch leicht vergrößert wurde. Neben angenehmer Ergonomie und edler Optik hatten die Entwickler offenbar vor allem die klangliche Vielfalt im Visier. Quantitativ ist dieses Ansinnen schon mal bestens gelungen, denn zehn per Schalter abrufbare Sound-Varianten sind eine echte Ansage …

 

Konstruktion der Music Man Reflex Guitar HH Trem

Auch hinsichtlich der Bauweise beschreitet Music Man neue Wege. So trägt der Linde-Body in seinem Innern einen höchst präzise eingepassten Mahagoni-Kern, den sogenannten Tone Block, welcher nicht nur Halsfuß, Pickups und Vibrato Halt bietet, sondern natürlich auch Einfluss auf die Schwingungs- und Klangeigenschaften nimmt. Um einen ausgewogenen Sound mit maximaler Resonanz und definiertem Low End zu erzielen, hat man zahlreiche ca. 1 cm breite Nute in die Linde gefräst und das Ganze mit einer flachen, cremefarben eingefassten Ahorndecke verschlossen. Ein dezenter Rippenspoiler hinten und die Armschräge vorne gewähren hohen Tragekomfort, die verrundete Zarge der passgenauen Halstasche optimiert die Bespielbarkeit der oberen Lagen. Von schwarzem Strukturlack überzogene, gut 1 mm dicke Alubleche decken die Kammern der Vibratofedern und der Elektrik ab. Wie sorgfältig eine Gitarre verarbeitet wurde, erkennt man oftmals an Details: So wurden die Bohrungen der Holzschrauben angesenkt damit kein Lack wegplatzen kann. Auch die Abschirmung des E-Fachs macht Ernie Balls hohen Verarbeitungsstandard deutlich. Neben dem Aludeckel und dicker Alufolie am Boden, wurden die Wände mit einer Mixtur aus Graphit und Acryl-Lack überzogen, in den ein zentraler Massepunkt geschraubt wurde. Eine Klinkenrohrbuchse dient als Anschluss.

Die stramme Tasche, ein Konterblech und fünf Holzschrauben garantieren eine höchst stabile Verbindung von Hals und Korpus. Wie bei Music Man üblich, ist die Schraube des Halsjustierstabs zwischen Griffbrett und Hals-Pickup direkt zugänglich. Ein Stift, Nagel, Schraubendreher o. ä. genügt, um die gebohrte Scheibe zu drehen und damit die Halskrümmung bidirektional zu variieren. Das kontrastreich gemaserte Palisandergriffbrett, auf dem große und kleine Perlmuttpunkte die Orientierung erleichtern, trägt 22 vorbildlich bearbeitete Medium-Jumbo-Bünde. Ein optimal abgerichteter, reibungsarmer Kunststoffsattel (Tusq o. ä.) mit längenkompensierten Kerben, die eine gewisse temperierte Stimmung ermöglichen, führt die Saiten zu den Schaller Locking Tunern.

Während das Standardmodell der Reflex über eine feste Brücke verfügt, kommt unsere Probandin mit einem an zwei Schraubbolzen gelagerten Music Man Vintage Vibrato, dessen Einzelteile mit Ausnahme des Messingblocks aus hochwertigem Stahlblech gefertigt werden. Der Hebel wird gesteckt, rastet am Ende leicht ein, rotiert butterweich, zeigt keinerlei Spiel und lässt sich bei Bedarf sogar in der Höhe variieren. Was will man mehr? Vom Importeur wird das System so eingestellt, dass die Basisplatte in Ruheposition leicht die Decke berührt und damit eine konkrete Nullposition einnimmt.

Zwei DiMarzio Custom Humbucker übertragen das Sound-Spektrum der Reflex Guitar. Mitsamt ihrer speziellen Music-Man-Kunststoffrahmen ruhen sie auf jeweils drei Federn und lassen sich über drei Gewindeschrauben in Höhe und Neigung justieren. Verwaltet werden die Pickups via Master-Volume- und -Tone-Potis sowie Drei- und Fünfwegschaltern. Letzterer gestattet auch Split-Sounds, allerdings sind immer zwei Spulen simultan in Betrieb:

Position 1: Hals-Humbucker

Position 2: Stegspule Hals-PU + Halsspule Steg-PU

Position 3: Hals- + Steg-Humbucker

Position 4: Halsspule Hals-PU + Stegspule Steg-PU

Position 5: Steg-Humbucker

Alle Spulenpaare lassen sich zudem von Serien- auf Parallelbetrieb umschalten, wodurch fünf weitere Varianten abrufbar sind.

 

Praxis

In puncto Ergonomie kann die Music Man schon mal Bestnoten einfahren, denn ebenso ausgewogen wie am Gurt verhält sie sich auf dem Oberschenkel. Das Halsprofil liegt entspannend in der Hand und bietet dank seiner Öl/Wachs-Oberfläche angenehme Griffigkeit, während die nicht übermäßig hohen, sorgfältig bearbeiteten Bünde schnellen Lagenwechseln zugute kommen. Komfortablen Zugang zu den obersten Griffbrettgefilden gewährt die seitlich verrundete Halstasche. Praxisgerecht positionierte und butterweich agierende Schalter und Potis machen die Gitarre leicht handle-bar. Das Vibrato lässt sich selbstverständlich auch schwebend einstellen, in jedem Fall behält die Reflex auch nach heftigeren Bendings ihre Stimmung, wozu die Lock-Mechaniken und der kompensierte selbstschmierende Sattel beitragen.

Die Konstruktion aus vier verschiedenen Hölzern schwingt intensiv und lebendig und lässt jeden Ton langsam und kontinuierlich abklingen. Sustain vom Feinsten. Kraftvoll und ausgewogen präsentiert sich das unverstärkte Klangbild, das trotz Brillanz und reichem Obertongehalt eine gewisse Wärme durchscheinen lässt. Die direkte, impulsive Ansprache und quicklebendige Tonentfaltung sorgen für exzellente Dynamik.

Was sagt der Amp? Geht man die traditionelle HH-Konstellation mit seriell verdrahteten Hals- und Steg-Humbuckern und deren Paarung durch (Schalterpositionen 1, 3 und 5), ertönen unverkennbar Vintage-orientierte Les-Paul-Sounds, die jedoch durchweg etwas klarer und transparenter ans Ohr dringen als beispielsweise bei konventionellen PAF-Humbuckern. Der Hals-Pickup klingt warm und rund, und lässt mit kompakten, perfekt dosierten Bässen Mulm oder Wummern keine Chance. Der Nachbar glänzt derweil mit straffen Bässen, kraftvollen Mitten, geschmackvoll abgestimmter Brillanz und beachtlichem Obertongehalt, die Kombi beider zeigt mit glockig klarem Ton den gewohnten Hauch von Phasenumkehr. Auch in den Bereichen Crunch bis High Gain zeigt die Reflex typische Paula-Eigenschaften, wobei so gut wie keine Einbußen an Lebendigkeit, Transparenz und Dynamik festzustellen sind, und sich jeder Ton nahezu uneingeschränkt kontrollieren und formen lässt. Überraschenderweise halten die Zwischenpositionen des PU-Schalters mit den inneren (Pos. 2) bzw. äußeren (Pos. 4) Humbucker-Spulen Klänge bereit, die an ein P-90-Pärchen erinnern, was der direkte Vergleich mit einer 54er Goldtop Reissue auch prompt bestätigt. Dabei ist Position 4 klanglich näher am Original, während die einander zugewandten HB-Spulen eine etwas wärmere, weniger breit gefächerte Variante bieten, was übrigens für cleane wie für Zerr-Sounds gleichermaßen gilt.

Mit dem Umlegen des Toggle-Schalters in den Parallelbetrieb der selben Spulenpaare betreten wir gewissermaßen Fender-Terrain. Hier hat die Tele deutlichere Spuren hinterlassen, da die Reflex mitunter auch richtig schönen Twang liefert. Generell speckt die Parallelverschaltung die Humbucker-Sounds erheblich ab, die Klangbilder werden luftiger, glockiger, transparenter, knackiger und spritziger und verlieren dabei weitaus weniger Pegel als befürchtet. Während der Hals-Humbucker klare, bauchige Blues-Sounds liefert, gibt sich der Steg-Pickup knackig, brillant und obertonreich, zeigt sehr gute Balance, lässt auch die Bässe nicht zu kurz kommen und vermeidet jede Form von nerviger Schärfe. Die Schalterstellungen 2, 3 und 4 bieten das, was der Dreiwegschalter einer Tele in Mittelstellung liefert, wobei unsere Position 4 dem Original am nächsten kommt. Die anderen beiden halten lediglich minimal variierende Alternativen bereit.

Erstaunlich am breiten Klangspektrum der Reflex ist, dass wirklich keine Kompromisse zu beklagen sind. Die seriell wie auch parallel betriebenen Spulenpaare liefern charaktervolle cleane, crunchy und verzerrte Sounds, ohne dabei Transparenz, Dynamik und Durchsetzungsvermögen zu verlieren. Selbst bei High-Gain-Sachen zeigen sich alle Spulenkonstellationen überraschend resistent gegen Einstreuungen.

 

Resümee

Mit der Reflex Guitar landet Music Man mal wieder einen echten Kracher. Mir ist bislang keine Gitarre bekannt, die mit derart wenigen Bedienelementen ein solch breites Klangspektrum bietet. Keiner der Sounds ist in irgendeiner Form mit Kompromissen behaftet und somit uneingeschränkt praxistauglich. Wie von Music Man gewohnt, wurde die Reflex vorbildlich verarbeitet und bietet höchsten Spielkomfort. Die unkonventionelle Mixtur aus hochwertigen Tonhölzern zeigt beste Resonanzeigenschaften mit exzellenter Dynamik und beachtlichem Sustain. Zu den weiteren Highlights zählen die Lock-Mechaniken, der kompensierte Sattel und das stimmstabile Vintage-Vibrato. Alles in allem ein klanglich sehr flexibles, universell einsetzbares, super robustes Instrument, das jeden Cent seines stolzen Preises Wert ist.

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