Meisterwerk?

Bluegrass-Tradition: Alvarez MD70EBG im Test

(Bild: Dieter Stork)

Unser Testinstrument entstammt der Masterworks-Serie – das weckt natürlich gesteigerte Erwartungen an den Hersteller aus Missouri, USA. Und wie das heutzutage so ist, wird auch diese High-Quality-Serie von Alvarez in China hergestellt, wo das Produktionsniveau bei Acoustics schon lange auch höheren Ansprüchen gerecht werden kann. Dahinter steckt die Bestrebung, für etwas mehr als 1000 Euro eine möglichst gute vollmassive Acoustic anzubieten. Das schauen wir uns an …

BLUEGRASS-TRADITION

Mit „vollmassiv“ sind die Hölzer für Decke, Boden und Zargen gemeint. Bei Ersterer haben wir es mit AAA-Sitka-Fichte zu tun, die aufgrund ihrer ausgesuchten Qualität besonders dünn – und somit resonant – ausfallen konnte. Sie ist mit einem nach vorne versetzten X-Bracing stabilisiert. Die Leisten sind „scalloped“, sie flachen also zum Deckenrand hin ab. Da man sich in dieser Serie der Bluegrass-Tradition verpflichtet fühlt, darf natürlich eine Deckeneinfasung (Purfling) im Herringbone-Stil nicht fehlen. Dieses Fischgrätenmuster taucht auch bei der Schalllochumrandung nochmal auf, und auch das Tortoise-Schlagbrett gehört mit ins stimmige Bild.

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Die Zargen und der zweiteilige Boden sind – wie sich das bei einer klassisch ausgelegten D-28-Enkelin gehört – aus Palisander. Die Korpus- und Griffbrettkanten sind mit gelblich „gealtertem“ Kunststoff-Binding eingefasst. Ganz typisch Alvarez ist der Steg aus Indian Laurel (Lorbeer), der vom Hersteller als Bi-Level Bridge bezeichnet wird.

(Bild: Dieter Stork)

Er ist nämlich hinten, wo die Saitenpins sitzen, abgeflacht, damit die Saiten nicht zu flach über den Knochensteg laufen und so ordentlich Schwingung auf die Decke übertragen. Das gleiche Ziel wird auch am anderen Ende verfolgt, wo zu diesem Zweck die Kopfplatte stärker nach hinten abgewinkelt ist.

(Bild: Dieter Stork)

Im Gegensatz zum auf Hochglanz polierten Korpus, ist der Mahagonihals matt versiegelt. Er ist am 14. Bund angesetzt und mit einem Griffbrett aus Indian Laurel belegt. Dieses weist nur ein einziges Inlay am 12. Bund auf und ist mit 21 schlanken, flachen Bundstäbchen besetzt, die tadellos poliert und verrundet wurden.

Die schlicht-traditionell geformte Kopfplatte ist mit offenen vernickelten Mechaniken im Pre-War-Style bestückt, die exaktes Stimmen zu einer einfachen Übung machen. Auch ein Pickup-System ist verbaut: das vielfach bewährte L.R. Baggs Element VTC transferiert die Acoustic-Sounds ins Elektrische. Im Schalllochrand sind – gut getarnt – zwei Regler für Volume und Tone untergebracht, die 9-Volt-Batterie steckt in einem Täschchen innen am Halsfuß, das Signal wird am Gurtpin/Klinke-Out herausgegeben.

KLANGLICHE WUCHT

Das Halsprofil fällt mir perfekt in die linke Hand – das satte, ganz weiche V-Shape fühlt sich super an. Die Saitenlage ist gut, aber nicht zu „low“, da wird beherztes Strumming nicht gleich mit Schnarren und Scheppern bestraft und die Saiten können frei schwingen.

Die ersten Akkorde wissen dann auch zu beeindrucken. Ein sonorer, wuchtiger, lauter, breit gefächerter Dreadnought-Sound breitet sich aus. Da ist richtig Dampf hinter. Die Ansprache, die Dynamik, das Sustain, der klangliche Nuancenreichtum – das alles bewegt sich auf Profi-Niveau. Die Alvarez formt souverän um, was der Spieler ihr an Input gibt.

Druckvolles Strumming, schnelles Plektrum-Spiel (Abstand E-bis e-Saite am Steg nur 53 mm), das sind sicher die Stärken dieser MD70, aber sie setzt natürlich auch Fingerstyle-Techniken dank ihrer Dynamik sensibel um … und das alles auf dem gesamten Griffbrett. Ob bei Solo-Ausflügen in die höchsten Lagen, oder einem Kapo z.B. auf dem 7. Bund – die klangliche Kraft ist immer und überall gegeben.

Jetzt wird es aber höchste Zeit, ein Klinkenkabel einzustöpseln und sich die Alvarez über Anlage anzuhören. Ich versuche ganz objektiv zu sein, obwohl das L.R. Baggs Element VTC System mein persönlicher Favorit ist. Also Amp an, und es erklingt … nichts. Hmm, nach Prüfung von Kabel und Verstärker, gerät die Batterie in Verdacht. Also alle Saiten lösen, das Batterietäschchen herausfischen und: leer, keine Batterie drin. Tss, tss, tss … sollte nicht passieren.

Nach der Komplettierung des PU-Systems läuft dann alles und klingt sehr zufriedenstellend. Die Saiten werden ausgewogen verstärkt und das Klangbild ist so natürlich, dass es dem Piezo-Pickup unter der Stegeinlage alle Ehre macht.

Der Klangregler rastet mittig – quasi auf „neutral“ – leicht ein. Von hier aus kann man den Sound seinem Geschmack und den Gegebenheiten nuanciert anpassen. Übertriebene Klangverbiegungen sind hier nicht drin. Ich nehme einen Hauch Bässe weg, und schon erhalte ich einen kraftvollen Erste-Sahne-Dreadnought-Sound ohne Feedback-Neigung, der professionelle Ansprüche locker erfüllt. Die erfüllt übrigens auch das äußerst stabile Gigbag.

RESÜMEE

Klassischen Dreadnought-Sound und -Look ohne Wenn und Aber auf hohem Niveau – nicht weniger hat die Alvarez MD70EBG zu bieten. Wirklich inspirierend, dieser wuchtige sonore Grundklang. Das gilt uneingeschränkt auch für die E-Sounds des L.R.-Baggs-Tonabnehmers (wenn eine Batterie an Bord ist ;-). Der Preis erscheint absolut angemessen bis günstig.

PLUS

  • klassisches Dreadnought- Design
  • Hölzer und Hardware
  • Werkseinstellung, Handling
  • druckvolle, sonore A- und E-Sounds
  • Dynamik, Ansprache, Sustain
  • L.R.-Baggs-Elektronik
  • Preis/Leistung


(erschienen in Gitarre & Bass 01/2022)

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