6L6 Im Brit-Style

Blackstar Artist 15

Regelmäßig zum Jahreswechsel hat die Musikbranche Hochkonjunktur. Allerorten sprießen anlässlich der NAMM-Show in Anaheim/Kalifornien die Neuerscheinungen hervor. Blackstar ließ zu diesem Anlass die Artist-Serie debütieren. Sie soll im Sound US-amerikanische und britische Gene miteinander verschmelzen.

Blackstar Artist 15_01

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Serie, das hört sich nach mehr an als sich − zumindest vorläufig − dahinter verbirgt. Zwei Comboverstärker sind am Start, der Artist 15 und der Artist 30. Beide sehr ähnlich, tatsächlich differieren sie primär in der Leistung. Blackstar beschreibt mit zwei Kernaussagen, unter welchem Stern die Artist-Serie steht: „Die Combos liefern die ultimativen Clean- und klassischen Overdrive-Klänge. Simplizität und Puristik gepaart mit Flexibilität“. Und weiter „Die Amps addieren zu der herausragenden Dynamik des 6L6- Endstufendesigns den glockigen Klang und Glanz eines britischen Class-A-Verstärkers.“ Schauen wir mal …

Konstruktion

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Verarbeitung: Wie nicht anders von Blackstar gewohnt, ist unser Artist 15 durch und durch solide und sauber gefertigt (kurz nachgerechnet: ich habe bisher mindesten 20 verschiedene Modelle getestet, nicht ein Proband zeigte relevante Schwächen), und die Elektronik ist maximal rationell aufgebaut, d. h. im Chassis verbirgt sich Platinentechnik, auf der so viele Bauteile wie nur eben möglich untergebracht sind (SMD hilft dabei). Darunter vier Röhrenfassungen, je zwei für die beiden 6L6GC und 12AX7 (Ruby Tubes).

Die geringere Leistung soll laut Blackstar durch Änderungen in der Endstufe für eine besondere Klangentfaltung sorgen. Mit den Röhren allein als aktive Bauelemente kommt die Schaltung nicht aus. Man sieht reichlich Halbleiter/ICs. Das Chassis hängt − im Übrigen gehalten von vier dicken Gewindeschrauben − an der Rückwand, die ihrerseits mit sechs Holzschrauben Halt im Gehäuse findet (wie z. B. bei Marshalls Bluesbreaker). Dieses ist aus Schichtholz gefertigt (ca. 19 mm) und an der Rückseite ungefähr zu einem Drittel offen. Ein Schutzgitter verhindert allerdings, dass man dort Kabel oder Zubehör reinpacken könnte.

Als Speaker kommt der G12 V-Type von Celestion zum Einsatz, Belastbarkeit ca. 75 W/RMS, 16 Ohm. Die Frontbespannung ist nicht abnehmbar. Zum Konzept des Amps. Es handelt sich um einen Zweikanaler, der in der CHI-Clean-Sektion neben dem Volume-Regler nur ein Tone-Poti besitzt. Der heißere Kanal II wartet dagegen mit einer passiven Dreibandklangregelung auf. Dieser steht ein für Blackstar typisches Element zur Seite, der ISF-Regler (Infinite Shape Feature), der breitbandig auf den Ton Einfluss nimmt.

Daneben gibt es noch ein Master-Volume und ein Reverb-Poti, das die Intensität des digital erzeugten Halleffekts bestimmt (beim Artist 30 kann der Klang des Halls verändert werden, mit einem Schalter: Dark/Light, weniger/mehr Höhen).

An der Rückseite des Combos ist ein serieller FX-Weg mit umschaltbarem PegelNiveau (-10/+4dB) zugänglich. Ferner drei Lautsprecheranschlüsse (einer, der 16- Ohm-Out, belegt vom internen Speaker) und ein Emulated Output für die D.I.-Abnahme. Silent-Recording ist möglich, indem man das Master-Volume auf Null stellt. Schlussendlich ist noch der Footswitch-Anschluss zu nennen, über den die Kanalumschaltung fernbedient werden kann; ein entsprechendes Pedal mit Status-LED gehört zum Lieferumfang (Kabellänge etwas magere 3,7 Meter, störrische, aber dicke, trittfeste PVC-Ummantelung). Der Reverb ist nicht fuß- schaltbar, schade. Auf den bei Röhren-Amps sonst üblichen Standby-Schalter muss man auch verzichten.

Praxis

Wenn ich einen Amp anteste, „zappe“ ich vor Neugierde oft erst einmal kurz durch ein paar Einstellungen, bevor ich mit dem Hören in die Tiefe gehe. Kanäle fix anchecken, am Gain und der Klangregelung drehen … was macht der Hall, wenn einer da ist usw. Hier, beim Artist 15 auch mal wieder. Prompt mit einem Überraschungsmoment. Channel- 2, zuständig für Overdrive, müsste doch ordentlich zerren, möchte man meinen. Tja, Stirnrunzeln, kommt nicht gerade fett aus den Pötten.

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Was ist hier los?! Des Rätsels Lösung ward schnell gefunden und ist schlichter Natur. Alte Schule, der Artist kommt erst richtig in die Gänge, wenn er so weit aufgedreht ist, dass die Endstufensektion in die Sättigung gerät. Und was man vorher − bei leiser Einstellung − auch nicht erlebt, ist dieses ganz spezielle Flirren der Höhen, sehr fein ziseliertes Zerren, das sich wie ein Zuckerguss mit der hohen Brillanz über das Klangbild legt. Und an was erinnert uns das? Also doch, genau, AC30! Das ist das Stichwort.

Der Charakter des Artist 15 ist in der Art wie sich die Verzerrungen entfalten, sehr ähnlich. Das Klangbild, man könnte auch sagen der Frequenzgang, bildet sich jedoch etwas anders aus. Während ein AC30, wohlgemerkt der alten Garde, in den unteren Mitten doch eher schlank aufspielt, wirkt der Artist 15 kompakter, kraftvoller und verhilft dem Instrument so zu mehr Körper. Zudem erweist er sich als detailverliebt und angenehm ausgewogen in der Ansprache. Eine Wonne wie sich mit einer Vintage-Strat die #2- und #4-Sounds ausbilden. Und man darf beherzt die Höhen betonen, das killt nicht die Ohren, brizzelt aber betörend in den Anzerrungen.

Die Overdrive-Intensität lässt sich mit der Spielweise und dem Guitar-Volume bestens variieren, während der Combo in der Lautstärke maßvoll bleibt. Alles in Allem eine glatte Eins, wenn man den Preis bedenkt! Und man muss ganz klar einräumen, dass die „großspurige“ Ansage 6L6-US-Charakter plus Brit-Class-A nicht überzogen ist. In hohen Aussteuerungen kann die Klangregelung des Channel-2 nicht wirklich Sound-formend agieren. Ihre Fähigkeiten beschränken sich in diesem Bereich darauf, feinfühlig zur Ausgewogenheit beizutragen. Der ISF-Regler spielt hierbei eine wichtige Rolle, denn er bestimmt maßgeblich wie dicht der Sound in den Mitten ist. Bei geringeren Gain-Einstellungen, die sich bis zum Cleansound reduzieren lassen, ist der Channel-2 klanglich viel variabler, verliert aber auch deutlich an Schalldruck.

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Maximal rationeller Aufbau in solider Qualität (Bild: Dieter Stork)

Bemerkenswert, sein Grund-Timbre betont die Mitten weniger als der Channel-1, der gerade deswegen erfreulich voluminös wirkt. Viel weniger Gain, er bietet viel Clean-Headroom bzw. wechselt erst spät in leichten Overdrive. Achtung, man bedenke: soll der Channel- 1 wirklich unverzerrt klingen, ist die Lautstärke relativ gering. Das kann in einer Band zu wenig sein. Man sollte also gut überlegen, ob man nicht besser zum leistungsstärkeren Artist 30 greift.

Die Tone-Klangblende leistet im Übrigen mehr als man meinen könnte. Links weniger Höhen, mehr Fundament in den tiefen Frequenzen, rechts zunehmende Brillanz, schlankere Bässe, das ergibt schon eine gesunde Variabilität. So können wir schon einmal zusammenfassen: In der Sound-Entfaltung bietet der Artist 15 einen glänzenden Eindruck. Er gibt sich im Weiteren ebenfalls keine Blöße. Der digitale Reverb-Effekt erweist sich gar als ein zusätzliches Highlight. Schöne Tiefenzeichnung, im Klang natürlicher als so mancher Federhall, und außerdem immun gegen Probleme bei hoher Aussteuerung des Amps; Vintage-Combos kommen in der Hinsicht oft an Grenzen. Der Einschleifweg erweist sich als einwandfreies Extra.

Dank der Pegelumschaltung können ohne Probleme auch Pedalgeräte ihre Qualitäten voll entfalten. Man bedenke aber: Ackert der Artist 15 im Bereich der Endstufensättigung, leidet durch die Verzerrungen natürlich unter Umständen die FX-Klangqualität. Am Ende wirft nur der Speaker-Emulated-Ausgang Fragen auf. Nein, am Klangbild gibt es nichts auszusetzen, das ist ausgewogen, wirkt angenehm abgerundet in den Höhen. Da jedoch das Signal vor dem Master-Volume abgriffen wird, liegt der schöne Zerr-Singsang des Artist 15 am Emulated Out nicht an. Ein (alternativer?) Abgriff hinter dem Ausgangstrafo wäre so gesehen geschickter, nützlicher gewesen.

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(Bild: Dieter Stork)

Resümee

Am Ende der Veranstaltung steht der Artist 15 geschmückt mit einem güldenen Lorbeerkranz auf der Bühne. Tolle Vorstellung: markante Tonformung, hochgezüchteter Vintage-Charakter, auch Ansprache und Dynamik stehen auf sehr hohem Niveau. Schwächen zeigten sich insofern, als der Reverb nicht fußschaltbar ist und der grundsätzlich gelungene Emulated Out nur in begrenztem Umfange die Qualitäten des Artist 15 abzubilden vermag, weil der Abgriff vor der Endstufe erfolgt. Angesichts der tonalen Fähigkeiten stehen Preis und Leistung dennoch in einem gesunden Verhältnis.

Plus
• Sound, sehr charakterstark, variabel
•Dynamik, Ansprache
• Signalgüte des FX-Weges, Pegelumschaltung
•Qualität des Emulated Out (m. Einschr., siehe Minus)
• wohlklingender Hall
• geringe Nebengeräusche
•Verarbeitung/Qualität der Bauteile

Minus
• Emulated Out gibt die Endstufenverzerrungen nicht wieder
• Reverb nicht fußschaltbar

 

Blackstar Artist 15_profil

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