Eigenständiger Vogel mit Territorialanspruch

B.C. Rich Pro X Mockingbird im Test

E-Gitarre von B.C. Rich im Metal-Style, stehend
(Bild: Dieter Stork)

 

Mockingbirds, zu deutsch Spottdrosseln, zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, die Stimmen und Gesänge verschiedenster, in ihrem Umfeld lebender, Singvögel auf hohem Niveau adaptieren zu können. Das zeugt schon von ordentlich Bandbreite und Flexibilität. Ob der Vogel, der mir hier ins Haus geflattert kam, da mithalten kann?

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Evolutorisch hat er sich ja durchaus etabliert. Seit ’76 gibt es das Design schon und man kann es bedenkenlos zu den Klassikern zählen, obwohl es durch die asymmetrische Formgebung und das nach unten ausgerichtete Horn Merkmale aufweist, die alles andere als klassisch sind.

 

Konstruktion der B.C. Rich Pro X Mockingbird

Konstruktiv hingegen findet man viel Bekanntes wieder, jedoch mit einer Ausnahme: Die Mensur ist mit 24,625″ minimal kürzer als beispielsweise die einer Paula. Der durchgehende Hals aus Mahagoni trägt ein mit Pearloid eingefasstes Griffbrett aus Ebenholz, auf dem sich, neben rautenförmigen Pearloid-Inlays, Bünde der Kategorie Jumbo befinden. Korpusseitig wurden an die Halsflanken Flügel, ebenfalls aus Mahagoni, geleimt. Komplettiert wird das Ganze dann mit einem auf die gewölbte Decke geleimten, stark gemaserten und nicht näher spezifizierten Furnier, das nach Ambonia aussieht. Für die Saiten-Connection und das Finetuning ist Schallers Floyd-Rose-System samt zugehörigem Klemmsattel zuständig, während das grobe Stimmen stylische Super-Rotomatic-Mechaniken von Grover übernehmen. Die gesamte Hardware ist in Chrom gehalten, was zusammen mit dem dunklen Black Cherry Burst und dem alles umgebenden Perloid-Binding einen modern-edlen, aber auch leicht urigen Eindruck vermittelt. Auf jeden Fall schick!

Als Tonabnehmer wurden ein EMG 81 an der Steg- und ein EMG 60 an der Halsposition mit Plastikrähmchen montiert. Jeder PU ist jeweils in Lautstärke/Ton regelbar, geschaltet wird via 3-Wege-Toggle. Die komplette Regleranordnung entspricht im Prinzip der einer Paula.

Ein kurzer Blick in die drei E-Fächer, alle sorgfältig mit Graphitlack ausgepinselt, zeigt sauber verlötete Alpha- und Switchcraft-Komponenten. Das sieht man gerne! Was die generelle Verarbeitungsqualität angeht, macht die Mockingbird einen durchweg guten Eindruck, lediglich das Korpusbinding weist hier und da ein paar verarbeitungsbedingte Einschlüsse unterm Lack auf, die vom Abkleben herrühren könnten. Jetzt aber genug Federn gelassen. Wird Zeit, sich mal von den gesanglichen Qualitäten zu überzeugen.

 

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Das Griffbrett mit 24 Bünden bedingt einen kleineren Abstand der PUs zueinander, was eigenständige Sounds zur Folge hat. (Bild: Dieter Stork)

 

Die B.C. Rich Pro X Mockingbird in der Praxis

Akustisch gespielt ertönt ein kompakter, auf Mitten und obere Mitten fokussierter, komprimierter Ton mit viel Obertongehalt und, bedingt durch die Vibratoeinheit, einer Portion Metall. Darüber hinaus lassen Resonanzfreudigkeit und gutes, in allen Lagen gleichmäßig ausklingendes Sustain aufhorchen.

Ergonomisch weiß der Vogel zu überzeugen. Das abgerundete D-Halsprofil von gesunder Stärke liegt gut in der Hand und fühlt sich durch den geringen Zuwachs zu den höheren Bünden auf ganzer Länge sehr gleichmäßig an. Bis hin zum 22. Bund ist die Bespielbarkeit auf Grund des fließenden Hals-Korpus-Übergangs absolut uneingeschränkt. Lediglich auf den letzten beiden Bünden eckt man innerhalb des eng geschnittenen Cutaways manchmal an. Hängt die Harke am Gurt zieht’s den Hals ein wenig nach unten, was aber mit der rechten Hand easy kompensiert werden kann.

Jetzt aber Kabel rein, Amp auf Drive und Bridge-PU. Mittenmäßig geht hier einiges – dominant, durchsetzungsstark, artikuliert und fest. Der Bassbereich fällt, was die Definition angeht, ein wenig ab. Durchaus am Start aber nicht so klar, wie die Nachbarn aus den höheren Stockwerken. Das Signal bekommt dadurch ein wenig Schmutz, was dem ein oder anderen Oldschool-Gitarrero durchaus gefallen wird. Bei extremen Downtunings hätte ich jedoch meine Bedenken, da der Sound ein wenig verwaschen rüberkommen könnte. Wenn man aber im Standardtuning-Territorium bleibt, ist alles tutti. Sowohl Powerchord- als auch Singlenoteriffs klingen dicht, fett, setzen sich durch und besitzen ordentlich Tragkraft. Leadlines klingen rund und haben genug Fülle, um in den höheren Lagen nicht fiepsig daherzukommen.

Schaltet man, weiterhin mit Verzerrung, zum Neck-PU, wird das Signal wesentlich weicher, der Mitten- und vor allem Hochmittenbereich nimmt ab und der Bass legt im Gegenzug zu. Aufeinanderfolgende Töne schmelzen dadurch stärker ineinander.

In der Zwischenposition wird’s hohler, knochiger und körniger, der Bass nimmt wieder ab und wird straffer, was dem Sound wieder mehr Definition verleiht. Hier machen ganze Akkorde und Zerlegungen ziemlich viel Spaß, weil genug Platz und Artikulation da ist, vor allem, wenn man am Verstärker Gain zurücknimmt und ihn crunchy fährt. Wird der Amp komplett entzerrt, klingt’s ziemlich ungewohnt. Man hört schon noch die ausgehöhlte Zwischenposition heraus, jedoch im Bass nicht so breit wie gewohnt. Das ganze hat ein bisschen was von ’ner matteren Strat-Hals-Mitte-Zwischenposition, weil die Frequenzauslöschungen Parallelen aufweisen. Kommt mir als Sympathisant dieser Position natürlich sehr gelegen und ist vor allem mal ’ne sehr willkommene Abwechslung.

Bemüht man im Clean-Modus den Hals-Tonabnehmer alleine, fällt auf, dass der nicht allzu definierte Bass der Gitarre dem analytischen Charakter der EMGs ein wenig entgegenwirkt, was echt Charme hat. Auch hier ist das Klangbild ein wenig anders als gewohnt, da die tieferen Frequenzen nicht ganz so nach vorn preschen. Dadurch wirkt es klarer und aufgeräumter. Im Gegensatz zum 81er am Steg, der clean sowieso eigentlich wenig Spaß macht, geht der 60er dynamisch sogar ganz gut mit und da tut sich tonal auch was, wenn man ein bisschen den Anschlag verändert. Yeah!

An der Stimmung kann man ja auch einiges variieren. Dank des wie gewohnt super funktionierenden Floyd-Rose-Systems, kehren alle Saiten zu ihrem Ursprungstuning zurück, sobald der Hebel wieder losgelassen wird. Das funktioniert einfach!

 

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Wohlproportionierter Hals und fließender Hals-Korpus-Übergang sorgen für gute Bespielbarkeit. (Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Spottdrossel oder Mockingbird? Die Spottdrossel ist, was Bandbreite angeht, ganz klar das Alpha-Tier, dafür ist die Mockingbird die Spezialistin in ihrem Revier. Wer prinzipiell auf EMGs steht, ’ner kleinen Portion Schmutz nicht abgeneigt ist und ab und an auch mal Richtung Rock schielt, sollte hier definitiv mal testen, denn gerade der eigenständige Kombi-Sound und der für EMG-Gitarren dynamische Cleansound machen die Mockingbird wendig und schlagen die Brücke zum Territorium zwischen Oldschool-Metal und Heavy-Rock.

 

Übersicht

Fabrikat: B.C. Rich

Modell: Pro X Mockingbird

Typ: Solidbody-E-Gitarre

Herkunftsland: Korea

Mechaniken: Grover Super Rotomatic, chrom

Hals: Mahagoni, durchgehend

Sattel: Floyd-Rose Klemm-Sattel

Griffbrett: Ebenholz, eingefasst, Pearloid Rauten-Inlays,

Raduis: 12″

Halsform: D-Profil

Halsbreite: Sattel 43,35 mm, XII. 53,15 mm

Halsdicke: I. 20,85mm, XII. 22,65mm

Bünde: 24, Jumbo

Mensur: 625 mm (24,625″)

Korpus: Mahagoni

Oberflächen: Black Cherry Burst, Hochglanz (optional Black Burst oder Silver Metallic)

Tonabnehmer: aktiv; EMG 81 (Bridge), EMG 60 (Neck)

Bedienfeld: passiv; 2× Volume; 2× Tone; Toggle

Steg: Schaller Floyd-Rose, verchromt (Hardtail optional)

Gewicht: 4,06 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: Music & Sales

66606 St. Wendel

www.musicandsales.com

Zubehör: Gigbag; Einstell-Werkzeug

Preis: ca. 1150

 

Plus

  • Optik
  • Oldschool-Sound (Bridge)
  • eigenständige Clean-Sounds (Neck und Kombi)
  • Hardware
  • Bespielbarkeit
  • Stimmstabilität

 

Minus

  • kleine Einschlüsse im Binding

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