Zwei Amps an ein Cabinet?

Ampete 222 & 221 im Test

Nein, es ist durchaus nicht das erste Mal, dass ein Hersteller Geräte dieser Art auf den Markt gebracht hat. Aber keiner hat die Aufgabe bisher so konsequent zu Ende gedacht und umgesetzt wie vor einiger Zeit Ampete mit komplexen Multi-Routern. Diesmal geht es ein bisschen kleiner: Zwischen zwei Amps an einem oder zwei Cabinets zu wechseln, auch das öffnet schon neue Sound-Welten.

(Bild: Marlon Stork)

Ampete Engineering sind Peter Arends und Sebastian Blaschke, zwei erfahrene Techniker/Ingenieure/Entwickler, deren Know-How auf langjähriger Erfahrung in der Musikindustrie basiert. Seit ein paar Jahren betreiben sie in Köln eine Art Custom-/ Repair-Shop für Gitarren-Equipment und entwickeln vor allem eigene Produkte. Daraus sind zwei erlesene Vollröhren- Verstärker hervorgegangen, die Modelle Ampete One und Ampete Two (Tests in den Ausgaben 04/2015 u. 01/2016), 4×12- und 2×12-Cabinets, sowie der High-Tech-Signalswitcher „444“ (Test in Ausgabe 11/2014) nebst den Studio-Varianten 88S und 88S-Studio.

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Relaisrouting

Unsere Testkandidaten sind im Leistungsumfang reduzierte Ableger des Modells 444. Über diesen „Luxus“-Switcher als Schaltzentrale kann man bis zu vier Lautsprecherboxen und bis zu vier Verstärker samt Effektwegen verwalten und miteinander kombinieren. Selbstverständlich ist es möglich Presets abzuspeichern, sonst würde das Konzept in dem Umfang wenig Sinn machen. Das Modell 222 ist in der Grundkonzeption identisch, hier werden aber eben lediglich zwei Verstärker und zwei Cabinets eingebunden. Eine zusätzliche Option in der Signalverwaltung ist, dass die FXLoops der beiden Verstärker ebenfalls mit dem Gerät verkabelt werden, um dann im Einschleifweg des 222 selbst wechselweise aktiv zu werden. Dabei ergibt sich der Vorteil von Spillover-Effekten.

Da nicht nur die Lautsprecherausgänge der Verstärker mit dem 222 verbunden werden, sondern auch die Eingänge, schließt man die Gitarre nun an dem Switcher an, wobei man wahlweise den integrierten Buffer-Amp-Input benutzt oder nicht. Vorteil des Buffers ist die garantiert sehr hochohmige Anpassung zu den Pickups und die niederohmige Koppelung an die Verstärker, wodurch Beeinträchtigungen durch „Fehlanpassungen“ (die passive Gitarre parallel an zwei Amp- Inputs) ausgeschlossen werden. Feed Thru ist allein eine neutrale Verbindung zwischen den beiden betreffenden Buchsen vorne und hinten. Die weiteren Anschlüsse an der Rückseite dürften selbsterklärend sein.

Der Ampete 222 hält 99 Speicher-Presets bereit. Die MIDI-Sektion bietet ferner die Option jede einzelne der Schaltfunktionen an der Frontplatte über CC-Nachrichten anzusprechen. Das Modell 221 ist im Konzept noch weiter reduziert. Zwei Amps an einer Box zu betreiben ist die primäre Funktion, wir sehen hier aber trotzdem auch die eben beschriebene FX-Weg-Verknüpfung. Das 221 hat nicht den unbuffered-Input und der Statuswechsel, sprich das Umschalten zwischen den Verstärkern, wird schlicht per Fußschalter ausgelöst (Footswitch- Buchse).

Beide Geräte besitzen stabile Stahlblechgehäuse. Am 221 vermisse ich Montageösen, mit denen man das kleine Kästchen im Rack o. ä. ohne Umstände montieren könnte. Im Inneren der Switcher präsentiert sich sauberste Verarbeitung und ein mechanisch einwandfreier Aufbau, der Langlebigkeit verspricht. Das Umschalten der Signalführung führen qualitativ hochwertigste Relais aus. Schön, dass im 222 das IC und das Eprom servicefreundlich in Sockelfassungen stehen; so sind sie im Zweifelsfall blitzschnell ausgetauscht.

Multisound

Nachdem die zwangsläufig recht aufwendige Verkabelung erledigt ist, kommt das Aha-Erlebnis. Auf Knopfdruck die andere Box an den Start bringen, oder beide, zwischen den Amps wechseln, bei Amps und beiden Boxen im „Stereo- Modus“ laufen lassen… der Ampete 222 erfüllt, unter anderem unterstützt von den Ground-Lift-Schaltern, die Brumm-Probleme und Schaltknackse unterbinden, seine Aufgaben unauffällig, ohne jegliche technische Schwäche. Spätestens jetzt mag der eine oder andere mahnend den Finger heben und zu bedenken geben, dass beim wechselweisen Betrieb von einer oder zwei Boxen sich doch die Abschlußimpedanz ändert. Ist das nicht ein Problem?! Nun, dazu ist im Manual des 222 – das leider nur in Englisch vorliegt – ein aufschlussreiches Kapitel angefügt, das die Sachlage ergiebig beleuchtet. Und eine wesentliche Wahrheit ausspricht: Röhren-Amps nehmen keinen Schaden, wenn an ihrem Ausgang eine Fehlanpassung vorliegt. Das komplexe System Endstufenschaltung reagiert natürlich darauf, mit subtilen Änderungen in der Signalwiedergabe, diese beschränken sich vereinfacht ausgedrückt auf die Dynamik und die Leistungsausbeute.

So sieht mustergültige Verarbeitung aus. (Bild: Marlon Stork)

Ganz zu Recht verweist Peter Arends in dem Zusammenhang darauf, dass diese Phänomene wenig wahrnehmbar sind bzw. quasi unbedeutend werden, wenn anstelle von vier Lautsprechern acht aktiv sind, oder anstelle von zweien (2×12) vier Stück. So ist dem Manual nach grundsätzlich jede „Fehlanpassung“ (4, 8, 16 Ohm) erlaubt, als Richtwert empfiehlt Ampete z. B. bei 16 Ohm- Cabinets die beiden Amps ebenfalls auf 16 Ohm einzustellen.

Eine besondere Fähigkeit des 222 ist, dass nicht nur alternativ zwischen den Amps und Cabs hin- und hergeschaltet werden kann, sondern auch der Duo-Modus (Stereo- Modus heißt es im Manual) möglich ist. Zwei im Charakter unterschiedliche Amp-Stacks parallel, das erzeugt Weite und Volumen im Sound (wie man es von vielen Gitarren-Promis kennt, so z. B. Joe Bonamassa und James Valentine von Maroon 5 u.v.a.).

Na gut, sich zwei 4×12-Cabs hinzustellen kann natürlich ordentlich Laune machen. Die eine mit Greenbacks, die andere mit Vintage 30, dazu einen modernen Amp und einen retro-orientierten … cool! Doch mit dem 222 zu arbeiten, macht auch in bescheideneren Konstellationen Sinn. Z. B. mit einer passend bestückten Stereo-4×12-Box, oder gar einem Stereo- 2×12-Cab. Im Übrigen braucht man sich beim 222 keine Sorgen um Fehlbedienungen zu machen. Die Elektronik erkennt den Arbeitsstatus und meldet, wenn z. B. in einem Signalweg keine Box angeschlossen ist. Genial, so muss professionelles Werkzeug funktionieren!

Zum 221 – zwei Amps an einer Box, oh ja, ich habe schon von vielen Kollegen gehört, dass ihnen die Idee im Kopf herumschwirrt. Nehmen wir ein Klischee: Marshall JTM45 und JVM205, der eine für erdigen Vintage-Clean bis -Crunch, der andere für die moderneren Sounds bzw. die High-Gain-Abteilung. Kein Problem, die kleine Kiste arbeitet ebenso elegant wie ihr großer Bruder. Macht was er soll, der Switcher, unauffällig verlässlich. Mehr gibt es dazu in der Tat nicht zu sagen.

Alternativen

Der Hersteller Tonebone hat zwei kompakte Geräte im Programm, die Ähnliches leisten: das Modell Headbone schaltet zwei Amps an einer Box (ca. € 320), das Modell Cabbone zwei Boxen an einem Amp (ca. € 330). Beide wurden getestet in Ausgabe 08/2007. Palmer hat ein Gerät namens Tino („Two In One System“, ca. € 289) im Programm, das zwei Amps auf eine Box routet. Keines von den dreien hat eine FX-Loop zu bieten.

Resümee

Wir können es kurz und knapp auf den Punkt bringen: Der Ampete 222 basiert auf einem ausgefuchsten technischen Konzept und funktioniert perfekt. In der Modellserie ist er quasi der Amp-Cab-Switcher „fürs Volk“, denn mehr als zwei Amps und zwei Cabs zu konfigurieren, werden die meisten Gitarristen nicht brauchen. Der Preis? Man könnte meinen, der läge recht hoch, aber es ist zu bedenken, dass Ampete-Produkte nicht aus der Massenfertigungsstraße kommen, sondern in Kleinserie gefertigt werden. Von daher ist der UVP von € 890 sicher nicht zu hoch gegriffen. Seinen wenigen Konkurrenten ist der Ampete 221 dank des FX-Weges die entscheidende Nasenlänge voraus. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist definitiv ausgewogen.

Plus

  • Signalqualität, Funktion
  • Konzeption, Ausstattung (Ampete 222)
  • Vorkehrungen zur Betriebssicherheit (Ampete 222)
  • Handhabung
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

Aus Gitarre & Bass 02/2017

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