Produkt: Gitarre & Bass 5/2019
Gitarre & Bass 5/2019
INTERVIEWS: Slash, Phil Campbell, J.J. Cale, Bill Frisell, Kreator +++ VINTAGE-SPECIAL: Fender Princeton
Rare Bird!

Amp Station: 1955 Fender Tweed Super Amp

1955 Fender Super Amp Front

Nanu? Schon wieder ein Fender Amp? Man könnte sich wundern. Aber dieser Amp kam unlängst in meine Werkstatt hineingeflattert und ist wirklich so exorbitant selten, dass ich da einfach nicht widerstehen konnte.

Vor einem guten Jahr bekam ich aus USA ein Musik-Magazin, in dem dieser Amp sogar zum besten je gebauten Gitarrenverstärker gewählt wurde. Und das von etlichen Profis, Gitarrenhelden und bekannten Verstärker-Technikern.

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Die Fender-Super-Modelle stehen ganz am Anfang der Erfolgsgeschichte. Der Combo mit 2×10 Speaker-Bestückung war der erste richtige Tweed-Amp aus Kalifornien. 1947 wurden die ersten Amps ausgeliefert.

Zunächst noch unter der Produktbezeichnung „Dual Professional“ mit angewinkelt angeordneter Lautsprecher-Front und der berühmten Chrom-Schiene auf der Vorderseite. Schon Ende 1947 wurde dieses Design wieder fallengelassen.

Das Bedien-Panel mit Klangregelung

Die Schiene verschwand, das Frontpanel wurde begradigt und die beiden Ausgangsübertrager, die je auf einen der Speaker montiert waren, wurden durch einen größeren Trafo auf dem Chassis ersetzt.

Die Geburtsstunde des Tweed Super Amps! Der Name ist fast schon dreist simpel. Wer wollte keinen Verstärker spielen, der sich „Super“ nennt? Die ersten Amps waren noch mit Kathoden-Bias-Endstufe und zwei 6L6-Röhren ausgestattet.

Sie hatten eine Leistung von etwa 18 Watt. Schon Anfang der Fünfziger entwickelten die Fender-Techniker den Verstärker weiter. Er bekam eine Klangregelung, eine Kathodenfolgerstufe und fixed Bias.

Die Leistung steigerte man damit auf etwa 25 Watt. Der gleiche Amp wurde mit drei verschiedenen Gehäuse-Variationen hergestellt. Der Tweed Pro (siehe letzte Ausgabe) hatte einen 15-Zoll-Speaker, der Tweed Super zwei Zehnzöller und der Tweed Bandmaster drei Zehnzöller.

Bis auf die Lautsprecherbestückung waren diese Amps ab etwa 1955/56 identisch. Der Tweed Super war jedoch der Vorreiter dieses Designs.

1955 Fender Logo

Im Jahr 1955 bekam der Tweed Super das sogenannte „Narrow Panel“-Gehäuse mit Fender Logo, auf dem der Firmenname durch die Modell-Bezeichnung Super Amp ergänzt wurde.

Nur die allerersten Combos waren für sehr kurze Zeit mit zwei 6V6-Röhren bestückt. Und genau so einen Amp stellen wir heute hier vor. Er ist daher besonders selten.

In der Vergangenheit begegnete ich sogar einigen Sammlern, die bezweifelten, dass diese Modelle überhaupt existieren. Warum die Fender-Entwickler damals für kurze Zeit auf 6L6-Bestückung verzichteten und stattdessen zwei 6V6 verwendeten, ist nicht bekannt.

Layout der 5E4-A Schaltung

Tatsache ist jedoch, dass diese Röhren einen sehr markanten Overdrive-Sound erzeugen und dem Tweed Super daher einen einmalig saftigen Ton bescherten.

Die Vorstufe war so beschaltet, dass die Treble- und Bass-Regler praktisch wie Gain-Stufen agierten. Dreht man beide Regler weit auf, boostet man die gewählten Frequenzbänder und erhält aus dieser Schaltung einen einmaligen Overdrive-Sound, der diese Combos besonders berühmt machte.

Tubechart mit Seriennummer

Unser Proband hat zwei 12AY7 für die beiden ersten Stufen, was im Übergang von der 5E4-Schaltung zum Nachfolger 5F4 geändert wurde. Hier verwendeten die Entwickler in der zweiten Stufe eine 12AX7, die auch in der Treiberstufe eingesetzt wurde.

Damit erhielt der Amp natürlich noch mehr Gain und Overdrive. Mit einer Humbucker-Gitarre ist es daher fast unmöglich, dem Amp cleane Sounds zu entlocken. Ein Umstand, der den jungen Billy Gibbons an die in den USA noch schwer erhältlichen Marshall-Amps erinnerte.

Ein aufgedrehter Super Amp klingt tatsächlich mit einer Les Paul zum Verwechseln ähnlich nach Eric Claptons berühmtem Beano-Sound. Daher beeilte sich der „Reverend Gibbons“, möglichst viele von diesen Combos zu damals vermutlich lächerlich geringen Gebrauchtpreisen aufzukaufen.

Neben seinen 68er Marshalls, die er von einem Jeff-Beck-Roadie bekam, wurden die 2×10 Super Combos seine Lieblinge vor allem bei Studio-Aufnahmen. Seit jeher äußert sich Gibbons zwar sehr zurückhaltend bezüglich der bei bestimmten Aufnahmen verwendeten Amps, aber einige Fans sind sich sicher, dass er bei Songs wie ‚La Grange‘ oder ‚Tush‘ Super Amps eingesetzt hat.

Wenn ich mit meiner Les Paul über den kleinen Combo die entsprechenden Riffs anstimme, spricht einiges dafür, dass die Vermutung stimmt. Noch nie klang das so authentisch, wie mit dem mit 6V6 bestückten Tweed-Super.

Die beiden Jensen Alnico Zehnzöller

Wie 1955 üblich, kommt dieser Amp mit zwei sehr schwachen Alnico-Zehnzöllern von Jensen. Jeder hatte eine Leistung von etwa 10 Watt. Die Pappen sind hauchdünn, was den Speakern eine enorme Lebendigkeit und Schnelligkeit bescherte.

Im Vergleich zu modernen Speakern ist der Wirkungsgrad aber gering und der Headroom recht dürftig. Schon bei moderaten Lautstärken erhält man eine starke Kompression und schließlich auch Speaker-Distortion. Aber genau diese Sättigung wusste Billy Gibbons perfekt für sich zu nutzen.

Die Lautsprecher in unserem Probanden sind noch tadellos in Schuss, weshalb ich dem Besitzer riet, die Lautsprecher auszutauschen und für einen eventuellen Wiederverkauf trocken zu lagern. Man kann es drehen und wenden wie man will, die Lebenszeit dieser Lautsprecher ist nun mal endlich und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Geist aufgeben.

Und das wäre schade bei so einem Schmuckstück. Der Verstärker ist nämlich nicht nur extrem selten, sondern in allen Bauteilgruppen noch komplett. Ich musste lediglich die Netzteil-Elkos tauschen, zwei Buchsen und natürlich die Röhren.

Der Sound dieser Combos ist in jeder Disziplin außergewöhnlich. Mit einer Telecaster oder Stratocaster ist der Ton crisp, schneidend und durchsetzungsstark.

Und dennoch ist da diese Wärme im Sound, welche die Tweed-Combos von den späteren Blackface- und Silverface-Amps so markant unterscheidet. Aufgrund der mittlerweile extrem trockenen Solid-Pine-Gehäuse tönen diese Amps besonders resonant und knackig.

1955 Fender Super Amp Rückseite

Und auf diesem hölzernen Grundton thronen diese offenen, freien Höhen, die zwar ganz schön vordergründig sein können, aber niemals harsch oder unangenehm werden. Im Overdrive drücken die kleinen Amps wie ein großer Marshall oder Vox, haben dabei aber noch fleischigere Mitten und eine durch die geringe Leistung saftige Kompression.

Natürlich sind Combos wie diese nicht für alle Stilrichtungen geeignet. Betrachtet man sie jedoch als ein Stück „american history“, dann stehen sie automatisch ganz oben auf der Liste von zahlreichen Liebhabern.

Der Sound dieses Amps macht wahrlich süchtig. Man erwartet da keine Optionen oder weitreichende Flexibilität. Man nimmt ihn als das, was er ist und genießt diese Fähigkeiten dann aber wie bei kaum einem anderen Amp.

Man spielt Blues und Rock’n‘Roll und will damit gar nicht mehr aufhören. Und es ist auch wieder einmal sehr interessant zu erfahren, das kein Overdrive-Pedal auf der Welt diesen schmatzenden und singenden Ton in voller Ausprägung wiedergeben kann.

Das erreicht man hier nur durch die merkwürdige klangliche Balance des gesamten Combos. In der Tat vielleicht zumindest einer der besten Amps aller Zeiten … Bis zum nächsten Mal!

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2018)

Produkt: GITARRE & BASS – MARSHALL
GITARRE & BASS – MARSHALL
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