Produkt: Fender Stratocaster
Fender Stratocaster
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Workshop

Repair Talk: Vintage Gitarren Tuning

Dieser Repair Talk startet mit einer etwas vagen Überschrift, die nicht wirklich klar definiert, worum es gehen wird. Das wirft Fragen auf, Interesse wird geweckt und somit geht es ohne ein weiteres verbales Vorspiel zur Sache. Hintergrund für den Repair Talk sind zwei Neubundierungen an Vintage-Gitarren, bei denen die vorgegebenen Parameter der Instrumente das Einstellen einer brauchbaren Saitenlage nicht ohne weiteres zuließen.

SCHLECHTE SYMMETRIE

Besonders zickig war eine 72er-Stratocaster. Schon bei der Einlieferung machte mich der Kunde darauf aufmerksam, dass die Böckchen des Vibratos in Sachen Höheneinstellung völlig ausgereizt waren (Abb. 1).

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Abb. 1: Völlig ausgereizt – Madenschrauben am Vibrato (Bild: M. Doc Schneider)

Obwohl die 70er-Jahre-Reiter bauartbedingt einen großen Einstellbereich haben, standen bei einigen Reitern (z. B. G/D Saite wegen des Griffbrettradius) die Madenschrauben nur noch wackelig und kurz im Gewinde. Zudem mussten die Pickups sehr weit über das Schlagbrett hinausragen (Abb. 2) um die gewünschte Abnahmesituation zu erzielen. In der Summe sind dies Indikatoren dafür, dass die Symmetrie dieses Instrumentes (Verhältnis Halswinkel/Aufbauhöhe) suboptimal ist.

Abb. 2: Die Pickups sitzen ungewöhnlich hoch. (Bild: M. Doc Schneider)

Nun gut. Die Gitarre hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und ist ja auch irgendwie über die Runden gekommen. Verschärft wird die Problematik der schlechten Symmetrie aber durch die angedachte Reparatur. Bei einer Neubundierung werden häufig die Bünde etwas höher als die originalen Vorgaben. Das alleine braucht in der Regel eine noch etwas höhere Aufbauhöhe/Einstellbereich. Zudem möchte der Kunde das 70er-Jahre-System durch ein Vintage-System mit gebogenen Reitern ersetzen. Hier soll etwas zusammenkommen, was nicht zusammenpasst. Die gebogenen Reiter haben weniger Einstellbereich und werden ohne weiteres Tuning kein brauchbares Resultat zulassen.

Erschwert wird ein ergebnisorientiertes Tuning dadurch, dass es sich um ein Vintage-Instrument handelt. Der Bereich der Vintage-Instrumente kann recht eigen sein, da Spieler und Sammler aufeinandertreffen und man schnell über recht hohe Geldsummen redet. Gerade der Sammlermarkt verlangt nach originalem Zustand und straft Abweichungen mit einem hohen Wertverlust ab. Das sollte beim Tweaken berücksichtigt werden, und alle Maßnahmen sowie Änderungen möglichst reversibel und/oder unsichtbar sein. Vintage-Tuning eben.

Abb. 3: Möglicher Symmetrieretter: Metallplatte zum Unterlegen (Bild: M. Doc Schneider)

Der Kunde hat vorausschauend zusätzlich zum Vibrato eine spezielle Metallplatte (Abb. 3/vorne) besorgt, um der Aufbauhöhe ca. 0,8 mm hinzuzufügen.

FEHLERSUCHE

Ich bin etwas skeptisch, dass die 0,8 mm das Eisen aus dem Feuer heben und kläre zunächst mal, warum die Symmetrie dieses Instrumentes so kritisch ist. Gut, dass der Kunde zwei Gitarren (beides 72er) zur Bundierung eingeliefert hat. So können Maße verglichen werden. Am Hals ist nichts auffällig. Bleibt der Korpus – genauer eingekreist: die Halstasche. Mit schnellem Blick ist hier nichts zu erkennen (Abb. 4), jedoch zeigt ein Nachmessen, dass die Halstasche der Vibratostrat mit ca. 15,5 mm gut 1 mm zu „flach“ ist (Abb. 5).

Abb. 4: Zwei Vintage-Bodys helfen bei der Fehlersuche.
Abb. 5: Fehler lokalisiert: Die Halstasche ist zu flach.

Eine Fertigungstoleranz, die die Symmetrie dieser Strat aus dem Lot wirft. Der oben angesprochene „Werterhalt“ unterbindet hier den schnellen (aber mit Sicherheit zielführenden) Griff zur Fräse. Es ist vielmehr die letzte Option, wenn andere reversible „Symmetrieretter“ nicht zum brauchbaren Ergebnis führen.

Abb. 6: Plakative Darstellung der angestrebten Symmetrie (Bild: M. Doc Schneider)

Werterhaltend wird zunächst versucht, die Symmetrie gemäß Abb. 6 zu verändern. Abb. 6 ist zwar etwas überzeichnet, zeigt aber transparent das Ziel. Der Halswinkel muss so verändert werden, dass der Hals nach oben verläuft. Dadurch wird die erforderliche Aufbauhöhe niedriger, die Reiter müssen nicht so hoch stehen.

UNTERFÜTTERN UND AUFRÄUMEN

Abb. 7: Die Platte in Position (Bild: M. Doc Schneider)

Der erste Tweak ist die Montage der mitgelieferten Metallplatte (Abb. 7). Diese liegt vollflächig unter der Grundplatte des Vibratos und lässt es 0,8 mm über dem Korpus stehen. Der hintere Teil der Grundplatte schwebt (Abb. 8).

Abb. 8: Vibrato montiert (Bild: M. Doc Schneider)

Optional habe ich noch einen Backstop installiert (Abb. 9), der den Block in der Nullstellung fixiert und verhindert, dass der Federzug bei fehlendem Saitenzug (Saitenwechsel) die Schrauben belastet.

Abb. 9: Optionaler Backstop eingebaut (Bild: M. Doc Schneider)

Das exakte Herstellen des Backstops ist zwar etwas fummelig und zugegeben optional aber das Vibrato ist nun eine Non-Vib-Lösung, bei der die Grundplatte auf der Metallplatte aufliegt und zusätzlich der Block fixiert wird. Das macht einen sehr stabilen Eindruck. Optisch fällt es kaum auf, da es einem freischwebend eingestellten System sehr ähnlich ist.

Hier hätte man natürlich auch stärker (ca. 2 mm) unterfüttern können, was aber dann sichtbar geworden wäre und dem Tuning eine falsche Optik verliehen hätte. Das leichte Unterfüttern geht in die richtige Symmetrierichtung, vermittelt aber trotzdem die gewohnte Optik und ist vollständig rückbaubar. Das Tweaken am Vibrato ist abgeschlossen, da es laut Kundenwunsch auch festgesetzt sein soll.

Gemäß den Zielvorgaben aus Abb. 6 wird nun in der Halstasche aufgeräumt. Oftmals verändern Lacknasen oder Lackreste die Auflagefläche der Halstasche und somit die Symmetrie. Beim Tuning-Kandidaten saß im linken Bereich der Halstasche ein recht hoher Lackrest. Dieser war für das Symmetrieproblem eher unerheblich. Der aufgesetzte Hals kippelte aber auf ihm. Die Auflagefläche war nicht plan. Mit Schleifpapier um eine Feile gewickelt entfernte ich vorsichtig Lackreste ohne dabei die Originalstempel zu entfernen (Abb. 10).

Abb. 10: In der Halstasche wird aufgeräumt (Bild: M. Doc Schneider)

Dadurch wurde die Halstasche mehr oder weniger plan, aber den Gewinn an Halswinkel sehe ich eher als minimal und somit nicht ausreichend an. Daher überprüfe ich nun den Hals. Auch hier kann ein dicker Lackaufbau – insbesondere am Halsende – den Halswinkel und somit die Symmetrie des Instrumentes in die falsche Flucht bringen. Ebenfalls mit Schleifpapier nehme ich behutsam etwas Lack weg. In diesem Fall nehme ich im hinteren Bereich gut Material weg, während im vorderen Bereich der Halsauflage möglichst wenig Material entfernt wird. Dabei muss die Fläche plan bleiben und die Stempel nicht entfernt werden (Abb. 11).

Abb. 11: Am Halsende wird etwas Lack abgeschliffen. (Bild: M. Doc Schneider)

Enge Vorgaben, die auch an dieser Stelle nur eine geringe Veränderung des Halswinkels zulassen. Aber vielleicht wird es ja reichen. Ein Test-Setup erstickt jedoch die aufkommende Hoffnung im Keim. Saitenlage knapp 1 mm und die Reiter trotz zweimal Tweak ausgereizt: Das reicht nicht (Abb.12).

Abb. 12: Immer noch unbefriedigend – Madenschrauben am Limit (Bild: M. Doc Schneider)

Die schnelle Lösung durch mehr Halsdurchhang (Halskrümmung) die Saitenlage zu erhöhen, ist in diesem Fall keine Alternative, da der 7,25 Zoll Radius eines Vintage-Halses für das saubere Ziehen in den hohen Lagen einen höheren Aufbau braucht. Am Optimieren der Symmetrie geht hier kein Weg vorbei.

FINALER TWEAK

Viele (auch vintage) Instrumente haben im hinteren Bereich der Halstasche einen „Shim“ (Unterlegplättchen) liegen, um den Halswinkel anzupassen – dann jedoch in die andere Richtung.

Energetisch also weitestgehend akzeptiert/ geduldet kann auch auf diese Weise noch ein wenig getweakt werden. Ungewohnt ist lediglich das Unterfüttern im vorderen Bereich der Halstasche – aber ungewöhnliche Vorgaben erfordern ungewöhnliche Lösungen. Aus schwarzem 0,6 mm Furnier fertige ich einen Shim von ca. 0,4 mm Stärke und platziere ihn gemäß Abb. 13.

Abb. 13: „Shim“ zum Verändern des Halswinkels (Bild: M. Doc Schneider)

Ich versuche, so dünn wie möglich zu bleiben, um die gewohnte Optik nicht zu stören (Abb. 14).

Abb. 14: Nur der „Wissende“ erkennt den Tweak. (Bild: M. Doc Schneider)

Ein stärkerer Shim wäre klar sichtbar und würde auch die seitliche Optik ungewohnt verändern. Leicht unterfüttert verläuft der Hals noch eher gewohnt und nicht wie ein sich schließendes Klappmesser (Abb. 6). Bis hier sind die drei Tweaks kaum sichtbar und vermitteln auch nicht den Eindruck, dass irgendetwas am Instrument unstimmig ist. Wurde aber das Ziel erreicht?

Die Summe und das Ergebnis der Tweaks sind nicht vorhersehbar und auch immer etwas Glücksache. Kurz: Hier hat es geklappt. Bei einem guten Setup stehen die Madenschrauben gut im Gewinde und haben noch etwas Einstellspielraum (Abb. 15).

Abb. 15: Ziel erreicht – Gute Saitenlage und noch Spiel an den Reitern (Bild: M. Doc Schneider)

Das Instrument fühlt sich gut an und sieht vertraut aus. Auch die Pickup-Höhe konnte aufgrund der Arbeiten reduziert werden. Darüber hinaus können alle Modifikationen (bis auf das ohnehin notwendige Aufräumen in der Halstasche) wieder rückgängig gemacht werden. Sogar auch nur teilweise, wenn zum Beispiel durch die Verwendung des originalen Vibratosystems mit seinem größeren Einstellbereich der Shim ggf. überflüssig würde.

Auch die schräg stehende Grundplatte eines freischwebend eingestellten Systems würde an den Tuning-Parametern kitzeln. Die gezeigten Tweaks sind übrigens nicht Vintage-gebunden und die Ansätze können auch bei unwilligen Neubau- oder Parts-Projekten Ruhe in die Symmetrie bringen. Doch jetzt erstmal genug getweakt. Fast chirurgisch geht es dann im nächsten Repair Talk weiter. Hantieren auf engstem Raum – vorher gönnen wir uns aber etwas Ruhe.

Bis dahin, der Doc

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Glückwunsch. Der Artikel erläutert alle wichtigen Aspekte. Zur Halswinkelanpassung gibt es übrigens fertige Keil-Shims, die ganzflächig sind, so dass der Hals/Body-Kontakt ganzflächig bleibt, während bei dem hier abgebildeten kurzen Shim zwangsläufig Kontaktfläche verloren geht (Luft dazwischen). Bei Vintage-Instumenten lohnt sich die realtiv teure Anschaffung bei StewMac:
    https://www.stewmac.com/tonewoods/shop-tonewood-by-instrument/electric-guitar-bodies-and-necks-and-wood/electric-guitar-necks/stewmac-neck-shims-for-guitar.html
    Eine Quelle in Deutschland ist mir leider noch nicht untergekommen. Ich schleife meine Keil-Shims daher selbst. Ist aber Filigranarbeit!

    Anderes Problem, das in dieselbe Rubrik passt:

    Es gibt natürlich auch häufig zu lang herausstehende Madenschrauben, die beim Damping unangenehm sind, und im Extremfall auch das Damping fast unmöglich machen. Anstatt hier mit Shims zu arbeiten, helfen dort Madenschrauben eine Nummer kürzer einzubauen (Originale aufbewahren!). Achtung: bei Zollgewinde muss man natürlich auch Zoll-Madenschrauben besorgen, die aber im guten Fachhandel erhältlich sind. Bei metrischen Gewinden ist das einfacher: M3 8mm (immer Edelstahl mit Ringschneide!) oder 6mm. Leider gibt es keine 7mm, nirgendwo…. falls jemand eine Quelle findet… bitte hier kommentieren. Danke.

    Mit musikalischen Grüßen – MrHKBlues – mit diversen Kommentaren in Gitarre&Bass (MrHKBlues googeln!) und in YT mit sonst nicht zu kaufenden Strat- und Teleschaltungen zu finden, die neusten Schaltungen jetzt unter gittevarii. Bleibt gesund und: Keep Rockin’ and Bluesin’

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