„I serve the song, whatever it needs“

Interview mit Sadler Vaden: Die Allzweckwaffe der Jason Isbell Band

Anzeige
(Bild: Vaden)

„I serve the song, whatever it needs“, lautet einer der Sätze, die beim Interview mit Sadler Vaden haften bleiben. Seine Aussage belegt, weshalb der amerikanische Ausnahmegitarrist stattliche 14 (!) Gitarren und diverse Effektpedale auf die Europatournee des mit vier Grammy Awards ausgezeichneten US-Countryrockers Jason Isbell mitgebracht hat.

In Zeiten dramatisch steigender Transportkosten und der dringenden Notwendigkeit, Ausgaben einzusparen, ist eine so ungewöhnlich große Zahl an Instrumenten und hochwertigen Accessoires offenbar Ausdruck eines – so Vaden augenzwinkernd – „gewissen Maniak-Syndroms“. Wir haben den 40-Jährigen getroffen und uns von ihm nicht nur sein Equipment, sondern auch seine Rolle in dieser großartigen Band erklären lassen.

Anzeige


Sadler, beim Blick auf das Ausmaß deines Equipments reibt man sich die Augen: 14 Gitarren, eine Vielzahl an Effektpedalen, zwei exklusive Combo-Verstärker, ein eigener Bühnentechniker, nur für dich allein: In der Band von Jason Isbell darf offenbar geklotzt werden.

Oh Mann, wie recht du hast! Das Problem ist, dass ich mich nie entscheiden kann, welche Gitarren ich zu Hause lasse. Außerdem: Irgendwie brauche ich sie alle, denn bei Jason verlangt jeder Song nach etwas anderem, nach einem anderen Sound, einer anderen Spielweise, mal Rhythmus, mal Lead, mal Slide, es ändert sich ständig.

Apropos Slide: Wenn du deinen Bottleneck auspackst, erinnert dein Spiel ein wenig an Mick Taylor Mitte der Siebziger bei den Rolling Stones. Hast du diesen Vergleich schon mal gehört?

Hin und wieder höre ich es tatsächlich, natürlich vor allem von Stones-Fans. Es stimmt, ich liebe Mick Taylor, speziell sein Spiel auf ‚Goats Head Soup‘, meinem Lieblings-Stones-Album.

Fender Seafoam Green Custom Telecaster mit Lollar Special T Pickups
Mexican Fender Custom Black Telecaster mit Lindy Fralin Pickups
Fender Custom Shop Blonde Telecaster mit Lindy Fralin Pickups
Gibson SJ 200, Baujahr 2011 mit L.R. Baggs HiFi Duet System
Gibson 1960 Hummingbird Murphy Lab, Baujahr 2023 mit L.R. Baggs HiFi Duet System
Fender Stratocaster mit Seymour Duncan Psychedelic Custom Pickups
Gretsch Corvette, Baujahr 1962
Sadlers Gibson SG, Baujahr 2009, mit 3rd Power Magfrag Pickups

Slide-Gitarren scheinen derzeit aktueller und wichtiger denn je zu sein.

Ja, es ist definitiv deutlich präsenter geworden. Viele Fans bringen mich mittlerweile mehr mit meinem Slide-Spiel in Verbindung als mit meinen sonstigen Beiträgen. Weil es oft die besonderen Momente in der Show sind, in denen ich Slide spiele, etwa bei ‚Cover Me Up‘ oder ‚Last Of My Kind‘, bei denen mir Jason absolut freie Hand lässt.

Du hast das Slide-Spielen also in die Band gebracht?

Nein, das Gegenteil ist eher der Fall. Als ich vor 13 Jahren zu Jason kam, musste ich an meinem Slide-Spiel hart arbeiten, da es hier ständig gefordert ist. Es gab bereits Songs, in denen die Slide-Gitarre absolute Pflicht war, also musste ich mich ranhalten und an meiner Technik feilen.

Mittlerweile liebe ich Slide-Parts und freue mich, sie so oft wie möglich zu spielen.

Vadens Mann für alle Fälle: sein Gitarrentechniker David Brown (Bild: Vaden)

Ich dachte, du seist in erster Linie ein überzeugter Pete-Townshend-Jünger!

Pete Townshend ist mein größtes Idol. The Who sind der Grund, weshalb ich angefangen habe, Musik zu machen.

Also doch nicht Neil Young?

Neil Young war so etwas wie der Urknall meiner Musikerlaufbahn: Ich war 1986 gemeinsam mit meinem Vater bei ‚Farm Aid‘ in South Carolina, mit Neil Young And Crazy Horse als Hauptact. Damals war ich neun und spielte noch keine Gitarre. Als wir wieder zu Hause waren, holte mein Vater seine Akustikgitarre und begann, zu klimpern.

Ich war wie paralysiert und wollte es unbedingt auch lernen. Mein Vater zeigte mir die ersten Akkorde, ich war wie besessen, kramte aus der Plattensammlung meiner Eltern die besten Scheiben hervor, The Who, Van Morrison, Leon Russell, du weißt schon, all die Klassiker. Mit zehn bekam ich dann meine erste eigene E-Gitarre.

Wie würdest du deine Rolle in der Band von Jason Isbell beschreiben?

Mein Job ist es, mit meiner Gitarre den Songs zu dienen, egal, worum es sich handelt: Mal ist es Leadgitarre, mal die Rhythmusgitarre, dann vielleicht eine Akustikgitarre oder auch mal eine Mandoline. Mein Platz ist auf der rechten Bühnenseite, die klassische Position also. Ich bin, um im Basketball-Jargon zu sprechen, wie Scottie Pippen für Michael Jordan.

Meine Aufgabe ist es, mit Melodien, Riffs und Hooks die Songs zu füllen.

Man hat den Eindruck, dass du für jeden einzelnen Song der Show eine andere Gitarre einsetzt.

Vermutlich habe ich tatsächlich zu viele Gitarren auf der Tour dabei, aber man lebt nur einmal (lacht). Ich habe zwei SGs, bedeutet: Wenn meine Haupt-SG ausfällt, gibt es noch eine zweite. Ich habe außerdem zwei Telecaster und zwei Akustikgitarren dabei, aber nur eine zwölfsaitige Rickenbacker, ohne Backup, eine besondere, sehr spezielle Gitarre.

Es gibt Gitarren, die nur einmal pro Abend zum Einsatz kommen, während andere mehrmals gespielt werden.

Sadlers Gibson SG, Baujahr 2009, mit 3rd Power Magfrag Pickups
Sadlers Gibson SG, Baujahr 2009, mit 3rd Power Magfrag Pickups
Gibson Les Paul Custom Shop mit OX4 Pickups
Rickenbacker 12-String
Danelectro Baritone, Baujahr 2024
Gibson Firebird, Baujahr 1968
The Loar Mandoline LM-520VS mit Fishman Pickup

Die braune Gibson SG ist bekanntlich deine Hauptgitarre und dein Lieblingsinstrument. Die Gründe dafür liegen in deiner frühesten Jugend, nicht wahr?

Ich war von klein auf ein großer Pete-Townshend-Fan und bin es immer noch, auch von Frank Zappa und Tony Iommi, generell von Black Sabbath. Mich hat von Beginn an das Design der SG angezogen und auch die Tatsache, dass meine musikalischen Helden SGs spielen. Außerdem liegt die SG perfekt in der Hand und ist nicht sonderlich schwer.

Leider wurde meine erste SG gestohlen. Zum Glück habe ich über einen Freund meine jetzige Haupt-SG bekommen, die braune mit dem natural burst finish.

Erzähl bitte etwas über dein aktuelles Pedalboard, das ebenfalls reichhaltig bestückt ist.

Es ist nicht so viel, wie es aussieht. Im Zentrum steht das GigRig, mit dem alles verbunden ist. Das GigRig hat eigentlich keine eigenen Effekte, es ist vielmehr ein Controller für alle Pedale. Und ich habe ein Line6 HX-Stomp.

Es gibt zum Beispiel einen Song namens ‚24 Frames‘, bei dem ich den Lead-Part mit dem Slide auf einer 12-Saitigen spiele. Den dafür notwendigen Sound hole ich einfach aus dem den Line6 HX Stomp. Es gibt verschiedene Gain- und Drive-Pedale, manchmal habe ich auch ein Strymon Blue Sky Reverb an.

3rd Power British Dream und Vox AC 30 (Bild: Vaden)

Mein 3rd Power British Dream Amp hat ein Marshall-Voicing, und bevor ich irgendwelche Drive-Pedale benutze, wechsle ich lieber zwischen den beiden Vox/Marshall-Sounds. Wenn ich ein Solo boosten will, drücke ich ein Clean-Boost, und wenn es ein richtig rockiges Solo sein soll, drücke ich ein Gain-Pedal. Es ist ziemlich einfach. Am häufigsten benutze ich die beiden Analog.Man-Delays, mit einem kurzen und einem langen Delay.

Eure Shows wirken so spontan und ungezwungen. Hast du viele Freiheiten in der Band? Oder ist alles haarklein durchstrukturiert?

Wir alle sind Fans der Rolling Stones, der Allman Brothers, und so weiter. Bei diesen Bands gibt es kein starres Korsett oder stringente Vorgaben. Wenn die Stones einen Song in einem bestimmten Tempo beginnen, ist völlig unklar, in welchem sie die Nummer beenden.

Natürlich gibt es Stücke, die ein gleichbleibendes Tempo brauchen, damit der Groove stimmt, damit jede Textzeile den notwendigen Raum bekommt. Aber meistens spielen wir die Stücke einfach so, wie sie sich von ganz allein entwickeln.

Pedalboard u.a. mit GigRig G3, Line6 HX Stomp und drei Analog.Man (Bild: Vaden)

Auch im Studio bei euren Albumproduktionen?

Manchmal haben wir dort einen Clicktrack, meistens aber nur zum Einzählen, nach ein paar Takten wird er dann abgeschaltet. Wir spielen einfach und nehmen am Ende die beste Performance, also diejenige, die sich am besten anfühlt, egal ob sie schneller oder langsamer ist als ursprünglich gedacht.

Wie funktioniert eigentlich die – nennen wir es mal so – Arbeitsteilung mit deinem Sänger und Boss Jason Isbell, der bekanntlich ebenfalls sehr respektabel Gitarre spielt?

Ich denke, wir motivieren uns gegenseitig und treiben uns zur bestmöglichen Performance an. In manchen Nächten ist Jason total on Fire, was wiederum mich dazu animiert, noch besser zu spielen. Und an manchen Abenden bin ich es, der die Energie in unsere Show bringt und Jason dabei hilft, möglichst tief in die Songs einzutauchen.

Jeder lernt vom anderen und jeder hilft dabei, das Optimum aus den Songs herauszuholen. Ich habe von Jason sehr viel übers Songwriting gelernt, mehr noch als über das Gitarrenspielen.

Letzte Frage: Neben deiner Mitgliedschaft in der Jason Isbell Band verfolgst du auch deine Solokarriere. Was von beidem hat Priorität?

Ganz eindeutig: Jasons Band! Ich habe bislang drei Soloalben aufgenommen, aber es gibt wichtigere Dinge im Leben, als auf die Bühne zu gehen und Musik zu machen. Es ist zwar der beste Job der Welt, aber meine Frau und meine zwei Kinder sind für mich noch wichtiger. Deshalb möchte ich so oft wie möglich zu Hause sein.

Für meine Soloscheiben habe ich mir ein kleines Homestudio eingerichtet. Jason und ich sind völlig unterschiedliche Songwriter. Meine Songs sind eher Power-Pop mit britischem Rock-Einfluss, also The Who, die Rolling Stones und Led Zeppelin.

Auch die Beatles und die Kinks haben mich stark beeinflusst. Gleichzeitig liebe ich Tom Petty And The Heartbreakers, Aerosmith und Van Halen. Es ist also eine Mischung aus all diesen Einflüssen.


 

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.