(Bild: Marcel Gollin)
„Das ist das erste Album, bei dem ich das Gefühl habe: Das bin zu 100 Prozent ich“, sagt die Wahlkölnerin Sophie Chassée über ‚Elyra/Solune‘, ihr aktuelles und sechstes Werk als Solokünstlerin. Und darauf präsentiert sich die 29-Jährige abwechslungsreicher und offener denn je.
In den zehn Songs steht Virtuosität gleichberechtigt neben ausgereiftem, emotionalem Songwriting, instrumentale Fingerstyle-Nummern neben deutschsprachigen Pop-Stücken. Und nach dem Hören hat man tatsächlich das Gefühl, der Person Sophie Chassée ein ganzes Stück näher gekommen zu sein.
Mit ihren Ausflügen in die Zwischenwelten von modernem Fingerstyle, klassischem Singer-Songwriting und perkussiver Akustikgitarre bewegt sich Sophie Chassée schon seit Jahren in einer eigenen Nische. Für die einen ist sie die technisch versierte Klopfgitarristin, für die anderen vor allem eine Singer-Songwriterin mit ungewöhnlichem Gitarrenspiel.
Genau diese Gradwanderung prägt auch ihr neues Album, das unter ordentlichem Zeitdruck entstanden ist. Sieben Songs schrieb Chassée innerhalb von zehn Tagen kurz vor der Studio-Deadline – vielleicht auch deshalb spricht sie heute von ihrer bislang persönlichsten Produktion.
Gemeinsam mit Produzent Jonas Axt habe sie erstmals das Gefühl gehabt, ihre musikalischen Vorstellungen kompromisslos umsetzen zu können. Dabei geht es Chassée, die in den letzten Jahren auch immer wieder als Bassistin auf der großen Popbühne in Erscheinung trat, längst nicht mehr darum, möglichst viele Techniken zu demonstrieren. Zwar bleibt ihr perkussiver Fingerstyle ein zentraler Bestandteil ihres Spiels, doch Stücke wie die Single ‚Wrongs And Rights‘ zeigen bewusst eine andere Seite: mehr Folk-Pop, mehr Band-Denken, weniger Gitarren-Showcase.
Faszinierend ist dabei, wie natürlich Chassée technische Komplexität in ihre Musik integriert. Anders als bei vielen Vertreter:innen der modernen Fingerstyle-Szene wirkt ihr Spiel selten wie reine Demonstration von Können. Vielleicht auch deshalb, weil Gesang und Gitarrenspiel bei ihr nicht nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig stabilisieren, wie sie erzählt.
Im Gespräch spricht Chassée offen über diesen Balanceakt, über den Einfluss von Gitarristen wie Mike Dawes oder Petteri Sariola und über den Druck, technisch und klanglich mithalten zu wollen. Doch zunächst zu einem ganz anderen Thema:
Sophie, wir sind uns neulich zufällig in einem Musikladen begegnet. Da warst du auf der Suche nach einer Les Paul. Was machst du mit einer E-Gitarre?
Die E-Gitarre ist ein schwieriges Thema bei mir. Im stillen Kämmerlein spiele ich viel Neo-Soul-Sachen, Jazz-Voicings, plänkle vor mich hin und versuche, gut zu klingen. Mit Blues-Licks tue ich mich schwer, das geht nicht locker in meine Finger.
Ich kann ein paar Hendrix-Sachen und John-Mayer-Soli, aber das, was intuitiv kommt, sind eher Neo-Soul-Sounds oder Prog-Rock-Riffs. Ich habe vor Kurzem gemerkt, dass ich vielleicht gar keine so schlechte Heavy-Metal-Gitarristin wäre. Deswegen die Les Paul – so ein Brett ist schon geil.
Du bist ja sowohl Bassistin, als auch Klopfgitarristin, als auch Songwriterin, als auch Sängerin. Wer steht auf deinem neuen Album im Vordergrund?
Die Gitarristin und die Songwriterin, würde ich sagen. Die Ursprungsidee war ja, das Ganze in zwei EPs aufzuteilen. Die erste EP ‚Elyra‘ ist bereits im März erschienen. Das war die Fingerstyle-EP, bei der der Fokus auf Gitarre, also Fingerstyle und Klopfgitarre lag.
Die zweite EP sollte dann eher eine Folk-Pop-EP sein, wo dann auch mal – wie bei der Single ‚Wrongs And Rights‘ – ein Schlagzeug gespielt wird und der Fokus eher auf dem Songwriting liegt als auf der Gitarre. Ich habe mich dann aber letzten Endes auch aus Zeitgründen dazu entschieden, das nicht in zwei EPs aufzuteilen, sondern ein Album daraus zu machen. Nun vervollständigen diese Folk-Pop-Songs die EP mit den Fingerstyle-Nummern.
Du hast spieltechnisch ein riesiges Repertoire und dadurch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten als für Gitarrist:innen allgemein üblich. Andererseits geht es ja auch einfach um Songs. Ist es schwierig, da immer alle zufriedenzustellen?
Ich würde schon sagen, dass es da eine Erwartungshaltung seitens der Zuhörenden gibt. Auf jeden Fall. Der Struggle ist bei mir immer: Da sind zum einen die Fingerstyle-Gitarren-Nerds im Publikum, zum anderen aber auch die Fraktion derer, die einfach nur gerne meine Songs hören wollen und gar nicht aus der Gitarren-Ecke kommen. Das ist für mich immer ein Dauerspagat, dieses Publikum zusammenzuhalten und dafür zu sorgen, dass für beide irgendwie etwas dabei ist.
Ich finde es aber auch schön, wenn man beides verbinden kann. Gerade in dieser Szene finde ich es manchmal ein bisschen schwierig, dass dieses Show-off-Geklopfe so sehr im Vordergrund steht und es nicht mehr nur um die Musik geht. Ich will nicht diejenige sein, die als Hintergedanken hat, möglichst viele Techniken zeigen zu müssen.
Spürst du denn seitens der Szene einen Druck, spieltechnisch mithalten zu müssen?
Ja, schon. Es gibt ja Leute wie Mike Dawes oder Petteri Sariola, die einfach wegweisend für diese Szene sind. Oder Alexandr Misko. Da merkt man erst, was alles möglich ist mit der Gitarre. Das finde ich total inspirierend.
(Bild: Marcel Gollin)
Und dann gibt es eben so Parts wie bei ‚Treehouse‘ in der Bridge, wo ich denke: „Okay, Mike Dawes würde das jetzt einfach mit der Gitarre spielen. Dann kann ich das doch vielleicht auch.“ Ich gucke mir also viel von den Leuten ab und habe höchsten Respekt davor, wie die solche Techniken einfach in die Welt bringen und Dinge möglich machen, bei denen man nicht dachte, dass sie möglich seien. Ich sehe das als Bereicherung fürs Komponieren auf der Gitarre. Aber klar, das Gefühl mithalten zu müssen, ist da.
Wie ist das in Kommentaren auf YouTube oder Instagram? Wirst du da auch gefordert?
Ich hatte bisher sehr viel Glück. Aber natürlich gibt es immer wieder Kommentare. Letztes Jahr hatte ich einen, den ich nie vergessen werde. Da hat sich jemand sehr viel Zeit für einen sehr langen Kommentar genommen und geschrieben, wie scheiße das alles ist mit dem Gekloppe und dass ich mich doch mal bemühen solle, normal zu spielen.
Das musste ich erstmal schlucken. Aber das ist wie bei vielen Sachen im Leben: Neue Dinge werden erst mal skeptisch betrachtet. Vielleicht hatte der Typ das noch nie gesehen oder kann selbst nicht so spielen und hat sich in seinem Ego gekränkt gefühlt.
Petteri Sariola erzählt das auch immer wieder, dass Leute ihm so etwas sagen. Das geht überhaupt nicht in meinen Kopf, wie man zu jemandem sagen kann, er oder sie solle normal spielen. Was ist denn normal?
Im Gegensatz zu deiner Karriere als Solo-Gitarristin, warst du als Bassistin auch Teil verschiedener großer Pop-Acts. Gab es da so etwas wie „Realness-Keeping“-Probleme vonseiten der Fingerstyle-Szene?
Das war immer sehr interessant. Die Leute sehen dich entweder als Bassistin auf der Bühne oder sie kennen dich aus deinem Solo-Projekt. Da sind sie einfach schnell ein bisschen verwirrt, weil sie das beides nicht so recht zusammenkriegen. Aber auch für mich sind das zwei unterschiedliche Personen. Als Bassistin in einer Pop-Produktion bin ich in einem anderen Modus als bei meinem Solo-Zeug.
Was ja Sinn macht, man hat ja ganz unterschiedliche Funktionen und Aufgaben zu erfüllen.
Ja, man steht ganz anders im Fokus. Deswegen mache ich das mit dem Bass jetzt nicht mehr so viel, denn dieser Wechsel zwischen Festival-Auftritt mit Bass am Samstag und dann am Sonntag einem Zwei-Stunden-Solo-Gig in Buxtehude, das ist schon anstrengend. Das können sich viele Leute gar nicht vorstellen.
Letzte Woche habe ich zum Beispiel bei der Verleihung des Grimme-Preises gespielt. Einerseits Bass in der Band von Helmut Zerlett, andererseits zwischendurch zwei Songs solo auf der Akustik-Gitarre. Das war wie zwei unterschiedliche Gigs in einem: Es ist total anstrengend.
(Bild: Marian Menge)
Du spielst Akustikgitarren von Lakewood, richtig?
Ja, ich habe mir zwei bauen lassen, eine eine M-37 und eine M-34, also eine mit Cedar-Decke und eine mit Fichtendecke.
Wenn du sagst „bauen lassen“: Hast du da viel reingeredet? Schließlich hast du ja selbst Gitarrenbau gelernt.
Naja, ich habe dem Martin Seeliger damals schon sehr klar gesagt, was ich will. Aber mit Details habe ich mich zurückgehalten, denn ich habe mich ja nicht ohne Grund an Lakewood gewandt. Mein Problem ist, dass ich sehr kleine Hände habe.
Und ich fand zwar, dass die Lakewood-Gitarren sehr gut klingen, aber ich kam mit ihren Hälsen überhaupt nicht zurecht, die sind einfach zu fett. Also habe ich Martin gebeten, mir eine Gitarre mit einem wirklich dünnen Hals zu bauen. Die erste war dann die M-34 mit einem super schlanken Hals.
Und die Harp-Gitarre?
Das ist eine Timberline. Die kommen aus Indonesien und werden seit ein paar Jahren in Serie gebaut. Sie kosten aber trotzdem noch ziemlich viel Geld. Die Firma ist damals auf mich zugekommen, und ich wollte schon immer mal eine Harp-Gitarre haben, weil Michael Hedges und Andy McKee mich damit immer sehr inspiriert haben.
(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)