Abschied von Megadeth

Dave Mustaine im Interview!

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(Bild: Ross Halfin)

Eines vorab zur Erklärung: Interviews mit Dave Mustaine gehören generell nicht zu den einfachsten Jobs eines Musikjournalisten. Der 64-jährige Amerikaner gilt als eigenbrötlerisch, streitlustig, bisweilen gar zänkisch und häufig nicht übermäßig auskunftsfreudig.

Zudem befindet er sich derzeit in keiner allzu guten körperlichen Konstitution. Der Rücken zwickt, die Hände schmerzen, dazu die leidigen Langzeitfolgen seiner Krebstherapie. Trotzdem ist Mustaine sichtlich bemüht, offen und ehrlich Antworten über das bevorstehende Ende seiner Band Megadeth zu geben.

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Dave, ich habe gerade mal recherchiert: Mick Jagger ist 83, Rod Stewart 81 und auch Carlos Santana schon fast 80. Warum also ist für einen 64-jährigen „jungen Mann” wie dich schon jetzt der Zeitpunkt gekommen, ein letztes Megadeth-Album zu veröffentlichen und auf Abschiedstournee zu gehen?

Na ja, zunächst einmal wünsche ich Mick Jagger alles Gute. Ich weiß nicht, was ihn antreibt, weshalb er in dem Alter noch unvermindert weitermacht. Ich weiß aber, dass so etwas für mich vermutlich nicht in Frage käme. Zumal ich befürchte, dass ich sowieso nicht so alt werde.

Es war für dich also eine folgerichtige und daher einfache Entscheidung?

Nein, überhaupt nicht, es war sogar eine extrem schwere Entscheidung. Wenn ich die freie Wahl hätte, weiterhin Gitarre zu spielen oder nicht zu spielen, würde ich mich natürlich sofort fürs Weiterspielen entscheiden. Aber ich habe große Probleme mit meinen Händen, obwohl ich sie wirklich sehr pfleglich behandele.

Aber wie du ja weißt, hatte ich einige Verletzungen, mein Arm, mein Nacken, dazu der verdammte Krebs. Mein Wille ist nach wie vor stark, aber mein Körper ist ziemlich in Mitleidenschaft gezogen und musste schon so einiges durchmachen.

Gibt es deshalb auf dem neuen Megadeth-Album, dem nach deiner Ankündigung definitiven Abschiedswerk, diese für dich eher ungewohnte Arbeitsteilung? Die Scheibe ist eine echte Teamleistung, und nicht wie früher Dave Mustaine plus Begleitung.

Und weißt du, woran das liegt?

Du erklärst es mir bestimmt!

An den großartigen Musikern der Band. Für mich war dies von Anfang an offensichtlich, deshalb lag die Entscheidung auf der Hand. Dirk Verbeuren ist bereits seit zehn Jahren bei mir, er ist einfach ein großartiger Schlagzeuger, wie man zweifelsfrei hören kann. Dirk wäre bei Megadeth derzeit nicht zu ersetzen.

Wir hatten immer schon überragende Musiker, und jeder hat seine Lieblingslieder. Einige ihrer Songs gefallen mir, andere nicht, das bedeutet dann aber nicht, dass ich diese Künstler nicht mag. Weißt du, was ich meine?

Ich versuche zu übersetzen: Früher hatten Megadeth zwar tolle Instrumentalisten, aber nicht die geeigneten Songwriter.

Songwriting ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Ich weiß nicht, was andere Musiker dazu animiert, Songs zu schreiben oder eben keine Songs zu schreiben. Weshalb ich Songs schreibe ist ja ganz offensichtlich, nämlich weil sie zu Megadeth passen.

Einige der Stücke, die von Co-Autoren angeboten wurden, trafen nicht den Kern der Band. Das lag nicht unbedingt an mangelnder Qualität, sondern nur daran, dass sie nicht meinen Geschmack trafen.

Könntest du erklären, was ein Mustaine- oder Megadeth-Song braucht, damit er deinem Geschmack entspricht? Ist es das Riffing? Die Gesangsmelodie? Liegt es an den Drums?

Na ja, es klingt vielleicht albern, aber es ist das Feeling eines Songs. Ein wirklich guter Song hat ein authentisches Feeling. Für mich sind Songs wie lebendige Wesen. Es sind Frequenzen, die sich in Bewegung gesetzt haben, Moleküle, die sich frei im Raum drehen.

So wie eine Schallplatte sich dreht, so bewegen sich auch diese Moleküle. Deshalb sagt man, dass ein Song gute Vibes hat, oder eben nicht. Ich glaube, die Stücke, die ich im Laufe der Jahre geschrieben habe, haben mir immer von ganz allein gesagt, was sie brauchen. Ob sie länger oder kürzer oder heavier sein sollten, ob ein Gitarren- oder Bass-Lick die Führungsrolle übernehmen sollte.

(Bild: Gibson)

Darin besteht ja gerade die Kunst, nämlich herauszufinden, wonach der Song verlangt. Denn wenn man das Lied später hört, soll es doch verdammt nochmal etwas Wichtiges aussagen, oder? Wenn eine Idee also von Beginn an schrecklich klingt, sagt sie dir von ganz allein, dass es so nicht funktioniert.

Also orientiere ich mich an dem Feeling des Riffs und wie sich der Song anfühlt, wenn wir ihn spielen. Das bedeutet zwar nicht, dass man im Rückblick auf meine gesamte Karriere die Stimmung und die Situation automatisch heraushören kann, in der ich war, als dieses oder jenes Album geschrieben wurde. Aber man erkennt die verschiedenen Episoden meines Lebens und versteht daher, weshalb ich meine Musik damals so geschrieben habe.

Du kannst also anhand der Alben erkennen, in welcher persönlichen Situation deines Lebens du während der jeweiligen Produktionsphase gesteckt hast?

Ich kann das zumindest vage nachvollziehen. Nur mal ein Beispiel, um es zu verdeutlichen: Als ich mir kürzlich einige derjenigen Platten angehört habe, die nach ‚Risk’ kamen, erkennt man, dass ich für ein paar Jahre in einer sehr dunklen Phase meines Lebens feststeckte. Diese Phase hielt etwa vier oder fünf Alben an.

Ich hatte erst das Gefühl, dass ich da endlich wieder herauskomme, nachdem wir ‚Super Collider’ veröffentlicht hatten. Ab dann wurden die Songs wieder richtig thrashig, etwa auf ‚Dystopia’, ‚The Sick, The Dying And The Dead’ und auch auf dem neuen, unserem letzten Album. Die aktuelle Scheibe ist ein Mix aus dem, was ich in all den Jahren aufgenommen haben. Es ist unser 17. Studioalbum und beinhaltet einen Querschnitt der gesamten Megadeth-Karriere.

So gesehen muss die Phase Mitte der Neunziger zu den glücklichsten deiner Karriere gehört haben, oder? ‚Youthanasia’ ist für viele Fans ihr Lieblingsalbum, auch weil du weder vorher noch nachher jemals so melodisch geklungen hast.

Es war tatsächlich eine sehr glückliche Phase meines Lebens. Die 92er Scheibe ‚Countdown To Extinction’ lief großartig, und wir bereiteten uns darauf vor, mit ‚Youthanasia’ möglichst noch eine Schippe draufzulegen. Wir dachten: „Die nächste Scheibe muss ein richtig großes Album werden” und fragten Max Norman, der ‚Rust In Peace’ gemischt hatte, ob er ‚Youthansia’ produziert.

Auf ‚Countdown To Extinction’ war er mein Co-Produzent gewesen und die Scheibe war auf Platz 2 der Billboard-Charts gelandet. Ich war natürlich begeistert und liebte die Arbeit von Max sehr. Also gingen wir noch einen Schritt weiter und ließen Max ‚Youthanasia’ hauptverantwortlich produzieren, mit mir als Co-Produzenten. Weißt du, was ich meine?

Ja, natürlich: Ihr habt die Verantwortlichkeiten getauscht!

Exakt. Das führte dazu, dass das Album ein bisschen kommerzieller als die übrigen Megadeth-Scheiben klingt, ein bisschen rockiger, eher etwas Power-Metal-ähnlich. Ich fand es damals großartig und wollte auf eine ähnliche Weise weitermachen.

Dann kam ‚Risk’, ein aus meiner Sicht weiteres starkes Album mit großartigen Songs. Es war die letzte Scheibe, an der Marty Friedman mitgewirkt hat. Marty aber war unzufrieden mit den Songs, also haben wir ständig Dinge geändert, um ihn glücklich zu machen.

Trotzdem konnte er sich mit dem Material nicht identifizieren, insofern war es besser so, wie es dann gelaufen ist: Marty verließ die Band, er lebt jetzt in Japan, und ich bin sehr glücklich, dass wir wieder Freunde sind und uns gut verstehen. Alles ist cool!

(Bild: Ryan Chang)

Kommen wir noch einmal auf das neue Album zu sprechen, aus dem eine neue Version deines Metallica-Songs ‚Ride The Lightning’ für viel Aufmerksamkeit sorgt. Soll es ein Zeichen an alle Fans und Medien sein, dass ‚Ride The Lightning’ ab sofort kein Metallica-Song mehr ist, sondern ein Megadeth- bzw. Mustaine-Song?

Nun, es war sowieso immer ein Mustaine-Song.

Ja, das weiß ich, aber die Öffentlichkeit kannte ihn bislang als Metallica-Song. Das könnte sich jetzt ändern.

Yes, Sir, das war die Idee dahinter: Es ist ein Mustaine-Song und ab jetzt auch ein Megadeth-Song. Aber um allen möglichen Irritationen vorzubeugen: Ich habe das nicht gemacht, um gegenüber Metallica respektlos zu sein. Ich wollte einfach den Kreis schließen und James und Lars meinen Respekt zollen. Ich wollte meine Version des Songs aufnehmen, und damit, wie gesagt, den großen Kreis vollenden.

Wirst du das Lied auch auf der kommenden Farewell-Tour spielen?

Das zumindest ist mein Plan!

Und mit welchen deiner diversen Signature-Gitarren wirst du die Tour bestreiten? Mit deinen Signature-V-Modellen von Dean, von Epiphone, von Gibson, von Kramer oder von ESP? Wobei Gibson, Kramer und Epiphone ja letztlich der gleiche Konzern sind. Oder gibt es vom Gibson-CEO Cesar Gueikian klare vertragliche Vorgaben?

Nein, natürlich nicht, wer sollte mir da etwas vorschreiben können? Ich bin derzeit Gibson-Botschafter und spiele daher überwiegend Gibson-Modelle. Aber ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, auch für Kramer- und Epiphone-Produkte Pate zu stehen.

Also haben wir uns die Sache mal etwas genauer angeschaut und gleich drei großartige Instrumente erschaffen. Alle drei, also sowohl die Modelle von Epiphone, Kramer und Gibson, haben die für mich typischen Halsspezifikationen, meine eigene elektronische Konfiguration und die gleiche Position der Brücke. Alle drei Modelle sind so gut, dass ich sie natürlich auch selbst spielen würde.

Ich denke, wenn man eine modernere Gitarre haben möchte, ist die Flying V von Kramer mit dem charakteristischen „Bananen”-Headstock die richtige Wahl. Und wenn man eher auf den klassischeren Flying-V-Look steht, also ohne die spitzen Korpus-Enden, dann kann man Gibson oder Epiphone wählen.

Welche Form gefällt dir persönlich am besten? Und hat sich diesbezüglich dein Geschmack im Laufe der Jahre verändert?

Ja und nein. Als ich anfing Gitarre zu spielen, hatte ich zuerst eine SG und dann eine Les Paul, beides allerdings irgendwelche Nachbauten, also nichts Besonderes. Anschließend habe ich ausreichend Geld zusammengespart und mir eine Rich Bich von B.C. Rich gekauft, was für mich ein riesengroßer Fortschritt war.

Die Rich Bich hatte allerdings leider irgendeinen unerfindlichen Defekt, so dass ständig die Saiten rissen. Das hat mich natürlich frustriert, so dass ich sie wieder abgestoßen und mir eine Jackson gekauft habe, ich bin also vom Rich-Bich-Korpus auf den King-V-Korpus umgestiegen.

Dave, zum Schluss noch: Was wirst du nach dem allerletzten Megadeth-Gig tun? Was wird aus all deinen musikalischen Ideen, die noch in deinem Kopf sind?

Nun, vermutlich werde ich nach der letzten Show einige Tränen vergießen. Vielleicht werde ich mich aber auch hemmungslos besaufen. Deshalb habe ich mein Management gebeten, mir nicht vorher zu verraten, wann die allerletzte Show stattfinden wird.

Außerdem gibt es anschließend vielleicht noch ein paar weitere Single-Shows, die dann später gebucht werden, aber nicht mehr zur offiziellen Farewell-Tour zählen. Ich werde also jeden bitten: „Sag mir einfach nicht, wann es endgültig vorbei ist!” Ich bin mal gespannt, ob sich alle daran halten. Ich könnte das im umgekehrten Fall vermutlich nicht.

Und was werde ich dann mit all den Songs machen, die noch in meinem Kopf sind? Werde ich weiterhin Songwriter sein? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht! Denn ich habe hier oben zwar noch genug Ideen, aber ich weiß ja gar nicht, ob sie gut genug sind, um veröffentlicht zu werden. Und ich habe immer gesagt: Ich möchte auf dem Höhepunkt abtreten!


(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)

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