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Solo Basics: Black Orpheus 3 – Jim-Hall-Style

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(Bild: Shutterstock / Gansstock)

In der letzten Folge ging es um Paul Desmonds perfektes Solo über ‚Black Orpheus‘. Desmond hatte mit Jim Hall einen exzellenten Partner. Der am 10. Dezember 2013 verstorbene Jazz-Gitarrist gilt als Begründer des Legato-Spiels und als Vorbild für John Scofield, Pat Metheny, John Abercrombie und viele andere.

Und weil er schon früh in Besetzungen ohne Rhythmus-Gruppe spielte − so z.B. im Trio des Saxophonisten Jimmy Guiffre − entwickelte er ein legendäres Feel für Groove, Time und Tempo. Im Duo mit dem Pianisten Bill Evans auf dem Album ‚Undercurrent‘ blieb das Tempo von 174 bpm bei ‚My Funny Valentine‘ auf schon fast gespenstische Weise konstant (siehe Transkription in G&B 3/2002). Bei der Interpretation von Duke Ellingtons ‚In A Sentimental Mood‘ im Duo mit Michel Petrucciani hören wir das gleiche phänomenale Time Feel, dieses Mal bei 60 bpm.

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In der Band mit Paul Desmond war Jim Halls Gitarre als einziges Akkord-Instrument für das Comping zuständig, und auch in dieser Disziplin war er ein wahrer Meister. Beispiel 1 zeigt einen Chorus. Die Originalaufnahme ist schneller und mit der Tonart G-Moll einen Ganzton tiefer als das Original. Und Jim Hall spielt das Stück mit leichtem Swing Feel.

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In der Auswahl der Voicings fällt auf, dass er den Grundton oft weglässt. Und in den Takten 7-10 reduziert er die Dominantseptakkorde auf zwei Stimmen, mit Dur-Terz und kleiner Septime wird der Akkordsound eindeutig definiert. Die kleinen Sekunden in Takt 31/32 (B-C) klingen ziemlich dissonant, machen aber harmonisch Sinn: Über Am7 ist das b die None, c die Mollterz. Über E7b13 ist das b die Quint, c die b13. Solche Sekundreibungen waren 1963 ziemlich neu im Vokabular der Jazz-Gitarre.

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Beispiel 2 zeigt Jim Halls ersten Chorus. Im einsteigerfreundlichen Tempo von 120 bpm kann man die Wirkung von Jim Halls oben schon angesprochener Legato-Technik auf die Phrasierung seiner Linien studieren. Tab und Fingersätze zeigen natürlich nur eine von vielen Möglichkeiten, allerdings kommen sie dem Originalsound schon sehr nahe und liegen sehr griffgünstig auf dem Gitarrenhals.

Wie Paul Desmond arbeitet auch Jim Hall mit motivischen Wiederholungen. Man beachte z.B. die Ähnlichkeit des Tonmaterials in Takt 1/2 und Takt 5. Bemerkenswert ist auch die rhythmische Gestaltung der Linien, die auf ganz unterschiedlichen Zählzeiten beginnen. ●


(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)

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