(Bild: ProTon Musikagentur)
Greetings and salutations, my dearest Blues Friends! Na, was geht ab bei euch? Nachdem wir in der letzten Ausgabe unser reguläres Blues Bootcamp kurz unterbrochen haben, um von Steve Cropper Abschied zu nehmen, geht es jetzt weiter mit einem amerikanischen Gitarristen, der quer durch die Gitarristenfraktion ein enorm hohes Renommee besitzt, und der auch zu den Künstlern gehört, die nach dem plötzlichen Tod von Stevie Ray Vaughan mit Blues-Alben überraschte. Die Rede ist von Scott Henderson.
WER IST DIESER SCOTT HENDERSON?
Scott Henderson wird am 26. April 1954 in West Palm Beach, Florida, geboren. Er fängt in seinen frühen Teenagerjahren an, Gitarre zu spielen, und spielt in jungen Jahren in verschiedenen Rock- und Funk-Coverbands. Nach einem kurzen Aufenthalt an der Florida Atlantic Universität, wo er Arrangement und Komposition studiert, zieht er 1980 nach Los Angeles, um dort am noch recht jungen Guitar Institute of Technology zu studieren. Nach seinem Abschluss bleibt er der Schule als Lehrer verbunden (mit kurzen Unterbrechungen übrigens noch bis heute) und trifft dort u. a. auf den Bassisten Jeff Berlin. In der September-Ausgabe des Guitar-Player-Magazins wird er dort in der Spotlight-Kolumne von Shred-Papst Mike Varney vorgestellt. Rückblickend gibt dieses frühe Feature schon eine ziemlich präzise Einschätzung von Hendersons Stil: stark bluesbasiertes Phrasing und Feeling, kombiniert mit moderner Jazz-Harmonik.
Eines meiner absoluten Lieblingsalben aus dieser Zeit ist das 1986 aufgenommene und 1987 veröffentlichte Album ‚Players‘ mit Jeff Berlin, T. Lavitz (Keys) und Steve Smith (Drums). Darauf befindet sich ein Track mit dem Titel ‚The Creeping Terror‘. Das ist eine recht eigentümliche, typisch kantige Komposition von Henderson, die als Soloteil einen Jazz-Blues in Bb enthält, über den Scott Henderson ein hervorragendes Solo spielt, das seinen frühen Stil perfekt darstellt: Blues-Elemente, kombiniert mit modernen Fusion Lines, vorgetragen mit einem eher noch Fusion-artigen Sound. Der geschätzte Kollege Wolfgang Kehle hat dieses Solo übrigens größtenteils 1988 in der Juni-Ausgabe des Musiker-Magazins transkribiert. Absolut lesenswert!
Mitte/Ende der 1980er Jahre kommt Hendersons Karriere durch Engagements und Aufnahmen bei Jean Luc Ponty, Chick Corea und Joe Zawinul richtig in Gang. Parallel dazu gründet er 1984 zusammen mit dem Ausnahmebassisten Gary Willis die Band Tribal Tech, mit der er zwischen 1985 und 2012 insgesamt zwölf Studioalben produziert, und die vor allem auf den frühen Alben durchaus viele durchkomponierte, progressive Elemente enthält. Man sollte jedoch dazu sagen, dass es zwischen 2000 und 2012 eine ausgedehnte Bandpause gab, in denen Henderson seine Solokarriere vorantreibt und an unterschiedlichen Projekten teilhat.
Diese Solokarriere startet 1994 mit seinem ersten Solo-Album ‚Dog Party‘, was für eine echte Überraschung unter Hendersons Fans sorgt, für Henderson aber eher eine Rückkehr zu seinen Blues-Wurzeln darstellt. Klingt ein bisschen so, als hätte Stevie Ray Vaughan ein paar Jahre lang Jazz studiert, ohne jedoch seinen Touch und seinen Drive zu verlieren. Das nächste Soloalbum ‚Tore Down House‘ (1997) ist mein persönliches Lieblingsalbum von Scott Henderson, welches dieses Konzept noch weiterentwickelt. Seitdem veröffentlicht er regelmäßig, wenn auch in größeren Abständen, Alben, die zwar wieder weniger reine Blues-Elemente enthalten, aber natürlich trotzdem sehr, sehr hörenswert sind.
PERSÖNLICHE EINFLÜSSE
In seinem Guitar-Player-Feature 1982 zählt Henderson Jeff Beck und Jimi Hendrix als Haupteinflüsse auf und nennt gar keine Fusion- oder Jazzgitarristen. Während seiner GIT-Zeit beschäftigt er sich jedoch intensiv mit den Saxophonisten Charlie Parker und Wayne Shorter. Außerdem kann man eindeutig Elemente von Allan Holdsworth und John Scofield in seinem Spiel finden, vor allen Dingen während der ersten Jahre seiner Laufbahn. In persönlichen Gesprächen wird, vor allem im Zusammenhang mit Tribal Tech, auch regelmäßig die britische Prog-Rock-Band Gentle Giant erwähnt.
EQUIPMENT UND SOUND
Scott Henderson kann man sicherlich als einen Stratocaster-Spieler bezeichnen. In den ersten Jahren waren dies Instrumente von Charvel und Ibanez. Seit mehr als 20 Jahren sind es nun jedoch Gitarren der Firma Suhr, von der es − wie zu erwarten − auch ein Scott-Henderson-Signature-Modell gibt. Seit dieser Zeit hat sich Scott wieder auf Röhrenamps verschiedener Hersteller besonnen − früher Fender- oder Matchless-Topteile, getunte Marshalls und heute in der Regel Suhr-Amps.
Aktuell spielt er ein Wet/Dry Setup, bei dem er mittels eines Fußdrehreglers, quasi permanent wechselnd, die Effektanteile zum trockenen Hauptsignal hinzu mixt. Apropos Effekte: Seit vielen Jahren haben sich einige Geräte doch recht stark bei ihm etabliert: Ibanez SD 9 Distortion, der Xotic RC Booster sowie der Arion Stereo Chorus. Ein weiteres wichtiges Element ist das schon viele Jahre nicht mehr hergestellte Boss SE-70, ein wirklich prima Gerät der 1990er Jahre. Wer sich für die genauen Settings von Hendersons Basis-Wet-Sounds interessiert: peter@peterfischer.info
CHARAKTERISTISCHE STILELEMENTE
Blues- und Rock-Phrasierung trifft auf umfassendes Wissen über Jazzharmonik. So könnte man es vielleicht auf eine Formel bringen, wollte man Hendersons Stil beschreiben. Vergleicht man dabei seine Tonauswahl beim Solieren z.B. mit seinem Zeitgenossen Frank Gambale, fällt eindeutig auf, dass Scott Henderson sich im Zweifel eigentlich immer für die kantigere und vielleicht auch etwas spröder und moderner klingende Variante entscheiden würde, im Gegensatz zu Gambale, der eher klanglich glattere Option favorisiert.
RHYTHMUSGITARRE
Für Scott Hendersons profundes Akkordwissen und seine Herangehensweise an das Thema Akkorde, die sehr stark mit seinem individuellen Kompositionsstil verknüpft ist, ist im Rahmen dieser Episode leider nicht genügend Platz. Sorry. Vielleicht ein andermal. Für alle Interessierten: Es gibt ein Unterrichtslehrwerk mit dem Titel ‚Jazz Guitar Chord System‘, das einen guten Einstieg in seine Denkweise zu diesem Thema vermittelt.
SOLOGITARRE
„Man, you play good blues… but you HAVE TO learn the melodic minor scale, Pete! Don’t come back before you have that DOWN!“ Das waren so ziemlich die Worte, die mir Henderson in unserer letzten Open-Counseling-Unterrichts-Session 1990 mit auf den Weg gegeben hat. Mini-Me hat zwar noch eine ganze Weile dafür gebraucht, aber will man in den Henderson-Style einsteigen, ist das eigentlich DAS Thema.
Um noch besser zu schnallen, worum es bei diesem Thema geht, möchte ich dir an dieser Stelle zwei Folgen dieser Kolumne empfehlen: 3/2025 und 4/2025, in denen ich auf das Thema leicht verständlich eingehe. Check it out. Ein paar andere Zitate, die ich seit damals mit mir herumtrage: „It’s not what you play, it’s how you play it!“ Und: „Learn not only the solo, but from the solo.“ Vielleicht bringen sie euch auch was.
Darüber hinaus ist es sehr empfehlenswert, sich mit den üblichen Verdächtigen zu befassen, deren Spuren man in Scotts Stil wiederfindet: Albert King, Stevie Ray, Jimi Hendrix, im Falle Hendersons auch noch mit Jimmy Page … Spuren von B.B. King oder Eric Clapton habe ich übrigens eher nicht entdeckt.
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Eines von Hendersons Lieblingstools befasst sich mit dem dritten Stufenakkord der melodischen Molltonleiter, dem Major7#5-Akkord. In Beispiel 1 findest du einige Akkordvoicings für Cmaj7#5 (als dritter Stufenakkord von A-Melodisch Moll), inklusive der zugehörigen Arpeggien. Für sich betrachtet klingen sowohl die Akkorde wie auch die Arpeggien recht … äh, gewöhnungsbedürftig, nicht wahr? Spiele sie mal testweise über diese Akkorde:
- A-Moll oder Ammaj7
- Cmaj7#5
- D7
- E7#5
Eine Eigenart Scott Hendersons ist, diesem Arpeggio noch die reguläre Quinte hinzuzufügen. In Beispiel 2 findest du die Fingersätze des so modifizierten Arpeggios. Klingt gut, und direkt recht Hendrix-like, oder? Dieses Tool klingt besonders gut über D7 oder über unseren geliebten Hendrix-E7#9-Akkord.
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In Beispiel 3 findest du zwei Chorusse eines Blues in A im Stil von Scott Henderson, angelehnt an meinen Lieblingssong von ihm, ‚Dolemite‘, vom Tore Down House-Album. Chorus 1 ist ein Durchgang Rhythmusgitarre, Chorus 2 ist ein Solo, angelehnt an den SH-Stil.
Hier ist eine kurze Analyse, was im Solo so passiert:
Takt 1 bis 4: Luftiges Spiel mit der A-Blues-Skala
Takt 5 und 6: das modifizierte Cmaj7#5-Arpeggio über D7 (D-Mixo#11-Sound)
Takt 7 und 8: Blues-Bending à la Henderson/Albert King/SRV
Takt 9: eigentlich eine BeBop-Linie im Stil von Charlie Parker
Takt 10: ein typisches Henderson-/John-Scofield-Klischee
Takt 11: ein modifiziertes Gmaj7#5-Arpeggio über A7 (A-Mixo#11-Sound)
Takt 12: ein Lick mit der alterierten Pentatonik über E7, etwas Chromatik und einem Dm7b5-Arpeggio über E7, was man bei Henderson auch oft findet.
WAS KANN MAN VON SCOTT HENDERSON LERNEN?
Play Blues – und lerne die melodische Molltonleiter! Und vielleicht noch, dass Wissen über Harmonielehre und Blues-Attitude sich nicht ausschließen müssen. So viel für diesen Monat vom Blues Bootcamp. Viel Erfolg beim Üben, und auch sonst so. Haltet durch und bleibt echt. Immer.
(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)