Christone ‘Kingfish’ Ingram: Barry White meets Jimi Hendrix
von Matthias Mineur, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: Ryan Porkowski / Fender)
Man muss sich diese eindrucksvolle Bilanz unbedingt vor Augen führen: Mit noch nicht einmal 27 Jahren hat der amerikanische Bluesgitarrist und -sänger Christone Ingram, genannt Kingfish, bereits einen Grammy gewonnen, er wurde mehrfach von Fachorganen zum Bluesmusiker des Jahres gewählt, gehört seit kurzem zu den handverlesenen Signature-Endorsern von Fender und hat 2014, gerade mal 15-jährig (!) im Weißen Haus für die US-Präsidentengattin Michelle Obama gespielt.
Was also soll da noch kommen, um eine solche Erfolgsgeschichte zu toppen? Vielleicht ein weiteres neues Album als potenzielles Meisterwerk? Vielleicht sogar mit einem leicht veränderten künstlerischen Ansatz? Nun, genau das hat Kingfish getan! Seine neueste Scheibe nennt sich ‚Hard Road’ und zeigt einen in Nuancen veränderten Musiker, der anno 2025 mehr denn je seine soulige Stimme in den Fokus der neuen Songs stellt und gleichzeitig seine bemerkenswerten Fähigkeiten als Gitarrenvirtuose in ausgewählten Nummern aufblitzen lässt.
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Es ist also vollbracht, das kleine Kunststück, neue musikalische Herausforderungen zu wagen und dennoch seinem kreativen Fingerabdruck treu zu bleiben. Vorhang auf für Christone ‘Kingfish’ Ingram, der sich mit ‚Hard Road’ offensichtlich bewusst auf die Fährte großer Soul-Legenden macht.
Christone, wer – so wie du – bereits im Alter von 15 Jahren im Weißen Haus für Michelle Obama gespielt hat, kann vermutlich schnell die Bodenhaftung verlieren, oder?
Nein, ich jedenfalls nicht. Ich stamme aus Clarksdale, Mississippi, eine Gegend, die auf eine jahrhundertelange Blues-Historie zurückblicken kann. Das betrifft in meiner Familie vor allem den Verwandtschaftszweig meiner (vor sechs Jahren verstorbenen, Anm. d. Verf.) Mutter.
Der bekannte Country-Musiker Charley Pride war ihr Cousin, aber auch alle anderen Verwandten mütterlicherseits singen und spielen Instrumente. Ich war also alldem bereits in frühester Kindheit ausgesetzt, nur das hat meinen musikalischen Werdegang bestimmt und mich irgendwann durch einen bloßen Zufall auch ins Weiße Haus geführt. Für mich war das damals nichts Besonderes und ist es bis heute nicht.
Das alles liegt gerade mal elf Jahre zurück, mittlerweile hast du bereits unzählige Awards gewonnen, unter anderem sogar einen Grammy für dein 2021er Album ‚662′. Sind solche Ereignisse und hohen Auszeichnungen nicht auch eine Bürde?
Sie können zumindest zu einer schweren Bürde werden. Aber ich sage mir sowieso, dass ich immer das Optimum abliefern und mich weiterentwickeln muss, wenn ich zu den Besten gehören möchte. Natürlich empfinde ich diesen Ehrgeiz mitunter als Last, auf der anderen Seite versuche ich, all die Preise und Auszeichnungen zu ignorieren und ein entspannter Mensch zu bleiben, der komplett locker ist, wenn es um Musik geht.
Interessanterweise hast du nicht als Gitarrist und Sänger begonnen, sondern als Schlagzeuger und Bassist. Die Gitarre war so gesehen erst deine dritte Liebe.
Das stimmt, aber meine Zeit mit Bass und Drums hat mir sicherlich nicht geschadet. Ich habe gelernt, dass Schlagzeug und Bass eine in sich geschlossene Einheit bilden müssen. Und dass sie eine wichtige Grundlage für Musik jedweder Art sind.
Außerdem haben mir beide Instrumente auch als junger Gitarrist geholfen, denn dadurch ist mein Gitarrenspiel vermutlich perkussiver geworden, nicht nur unterschwellig. Als Bassist muss man im Hintergrund bleiben, aber dennoch den Song in den tiefen Frequenzen abrunden. Solche Dinge lernt man nur, wenn man mehrere Instrumente spielen kann.
War es damals schwierig für dich, von Drums und Bass zur Gitarre zu wechseln?
Im Grunde genommen war es ein natürliches Gefühl, allerdings musste ich mich erst ein wenig an die dünneren Saiten und an die zwei zusätzlichen Saiten gewöhnen. Auf einem Bass spielt man bekanntlich nur selten Akkorde, auf der Gitarre dagegen gehört dies zur Grundausstattung. Mit dem Bass hatte ich überwiegend gelernt, einzelne Töne richtig zu spielen, auf der Gitarre musste ich mich daran gewöhnen, wie man mit sechs Saiten umgeht, wie man Akkorde spielt und gleichzeitig kleine Licks einbaut.
Kannst du dich noch an deine allererste Gitarre erinnern?
Ehrlich gesagt nur sehr vage. Die erste E-Gitarre, an die ich mich erinnern kann, hat mir mein Vater geschenkt. Es war irgendein altes, billiges No-Name-Modell. Einige Jahre später bekam ich von meiner Mutter eine Epiphone 335 Dot. Das war die Gitarre, mit der nicht nur meine Sammlung startete, sondern auch alles andere begann.
Du sammelst Gitarren?
Na ja, als Sammler im eigentlichen Sinne würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber ich besitze auf jeden Fall ein paar sehr schöne Exemplare.
Welche davon sind deine Lieblingsgitarren?
Ich mag alles, was Humbucker-Pickups besitzt. Im Moment spiele ich besonders gerne meine beiden neuen Fender-Signature-Telecaster, die es seit kurzem in zwei aufregenden Farben gibt. Fender bietet sie in den Farben Mississippi Night und Delta Day an, das bedeutet: in einer Art dunkel-lilafarbenem beziehungsweise hellblauem Finish.
Aus irgendeinem Grund bevorzuge ich Humbucker-Gitarren, es ist allerdings nicht nur der Sound, zu dem ich mich hingezogen fühle, sondern auch die Tatsache, dass viele Legenden und Helden, die ich bewundere, Humbucker gespielt haben. Es ist der Sound der drei Kings of Blues und weiterer bekannter Blues-Musiker, aber auch der einiger Rock-Jungs wie Gary Moore. Sie alle sind der Grund, weshalb ich mich zu Humbucker-Modellen besonders hingezogen fühle.
Aktuell kommen meistens die Fender Signature Telecaster zum Einsatz. (Bild: Ric Whitney)
Wie würdest du einem Außenstehenden deinen Stil und deinen Sound erklären?
Einer meiner Freunde beschrieb meine Musik mal als Delta-Blues-Rock. Andere haben meine Songs als eine Art „Freight Train”, also als einen stoisch dahinrollenden Güterzug beschrieben, der sich langsam und schnaufend durchs Land bewegt. Ehrlich gesagt finde ich beide Umschreibungen ziemlich zutreffend.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der passende Amp?
Natürlich haben auch Amps in der Musik eine wichtige Funktion. Mein erster Verstärker war ein alter Peavey, diese Combos waren am Mississippi früher eine große Sache. Der Peavey war auch für mich ein Riesending und hat mich damals sehr inspiriert. Heutzutage spiele ich allerdings überwiegend mit zwei Fender Twins.
Kingfish spielt überwiegend mit zwei Fender Twin Reverbs. (Bild: Ric Whitney)
Wenn ich es richtig beobachtet habe, besteht dein derzeitiges Pedalboard lediglich aus zwei Effektgeräten.
Ich benutze halt nur das, was ich aktuell wirklich brauche, und das sind auf der Bühne momentan ein Stimmgerät, ein WahWah und ein Overdrive-Pedal. Einen wirklichen Favoriten habe ich nicht. Es gibt ein paar weitere Effekte, die ich nur im Studio verwende, auf meinem neuen Album ‚Hard Road’ waren es zum Beispiel Phaser, Delay, Flanger oder auch Chorus. Ich mag so ziemlich alles, was zu einem Song passt, ohne dabei einen bestimmten Effektsound zu präferieren.
Übersichtliches Pedalboard: Marshall Shredmaster, Dunlop CryBaby Mini & Boss Chromatic Tuner (Bild: Ric Whitney)
Ist ‚Hard Road’ das bislang vielseitigste Kingfish-Album deiner noch sehr jungen Karriere?
Zumindest gibt es darauf viele unterschiedliche Ansätze. Wir haben natürlich auch weiterhin einige dieser bluesigen, rockigen Nummern, ebenso wie ein paar Shredder-Stücke für Menschen, die sich für diesen wilden Gitarrenkram interessieren. Aber für diejenigen, die sich eher für Songs und Texte und emotionale Gesänge erwärmen, gibt es diesmal eine Reihe R&B- und Soul-Nummern.
Auf jeden Fall ist für jeden etwas dabei. Ich habe das Gefühl, dass alle Songs großartig sind, aber die meisten neuen Nummern sind stärker als die meiner früheren Scheiben auf den textlichen Inhalt und auf meinen Gesang fokussiert. Du weißt schon: Storys vom rollenden Freight Train! (schmunzelt) Ich sage manchmal: ‚Hard Road’ ist für mich eine Art „Barry White meets Hendrix”! (lacht)
Kannst du bitte mal beschreiben, wie du Songs schreibst? Erarbeitest du sie gemeinsam mit der gesamten Band oder komponierst du allein bei dir zuhause?
Normalerweise komponiere ich allein oder mit einem anderen Autor beziehungsweise einem anderen Musiker, nicht aber mit meiner Band, sie ist für den kreativen Prozess nicht zwingend notwendig. Ich habe sowieso den Eindruck, dass die besten Songs diejenigen sind, die von ganz allein entstehen, im Sinne von: spontan und wie aus heiterem Himmel kommend.
Mit welchen Gitarren hast du ‚Hard Road’ eingespielt?
Wie ich schon erwähnte, spiele ich derzeit vor allem meine beiden Fender-Signature-Teles, darüber hinaus ist auf ‚Hard Road’ in einigen Songs auch eine Gibson ES-335 zum Einsatz gekommen, ebenso wie meine Gibson Les Paul und für bestimmte Akkordfolgen eine Fender Stratocaster.
Wie hat dir das Designen deines eigenen Signature-Instruments gefallen? Werden neben der Fender-Kooperation in Zukunft weitere Projekte folgen?
Das steht zwar noch in den Sternen, aber sicherlich wird es in ein paar Jahren weitere Modelle meiner Fender-Signature-Telecaster geben. Ich mag diese Zusammenarbeit, ich liebe es, wenn Instrumente gezielt auf meine Bedürfnisse zugeschnitten sind. Weißt du, eine Gitarre muss sich auf Anhieb gut anfühlen, nur dann passt sie zu einem. Sie muss natürlich auch optisch etwas hergeben und von der Größe zu mir passen. Aber in erster Linie muss sie sich gut anfühlen und sich leicht spielen lassen.
Der Hals ist also das wichtigste Element?
Ich würde nicht sagen, dass er das wichtigste Element ist, aber der Hals gehört definitiv zu den entscheidenden Bestandteilen einer Gitarre. Wenn der Neck sich gut anfühlt, kann man kaum noch etwas falsch machen.
Zumal sich Pickups oder Mechaniken problemloser austauschen lassen als ein Hals.
Es ist mehr der Gesamteindruck, der für mich zählt. Der Hals, das Gewicht, die Form, die Balance, das alles zusammen macht die Qualität einer Gitarre aus.
Meine letzte Frage: Du bist gerade erst 26 Jahre alt und für den traditionellen Blues noch ungewöhnlich jung. Spielst du in deinen Konzerten eigentlich überwiegend vor Menschen, die deutlich älter sind als du selbst?
Nein, das Publikum ist durchaus gemischt. Ich entdecke unter den Zuhörern oft Menschen in meiner eigenen Altersgruppe, aber natürlich auch viele ältere Leute. In letzter Zeit konnte ich sogar einen Zuwachs an sehr jungen Zuschauern registrieren, darüber freue ich mich natürlich ganz besonders!