Workshop
Solo Basics: Black Orpheus 2 – Paul Desmonds Solo Secrets
von Wolfgang Kehle, Artikel aus dem Archiv
(Bild: Shutterstock / Gansstock)
Was macht ein gutes Solo aus? George Bensons Antwort auf diese Frage ist so kurz wie treffend: „If it’s a good solo, people listen. If it’s a bad solo, they don’t.”
Wie aber hält man das Publikum bei der Stange? „Storytelling” heißt der Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Ein gutes Solo erzählt eine kurze Geschichte, die den Zuhörer fesselt, Spannung aufbaut und diese auch überzeugend auflöst. Und statt unzählige Protagonisten in der Geschichte auftauchen zu lassen, stellt man besser einige wenige Charaktere vor, die der Zuhörer im Lauf der Erzählung kennenlernt.
Ein perfektes Beispiel für die musikalische Kunst des Erzählens lieferte vor mehr als 60 Jahren der US-Altsaxophonist Paul Desmond. Den hat eigentlich jeder schon mal gehört, denn er spielte mit bei Dave Brubecks Gassenhauer ‚Take Five’. Die Version von ‚Black Orpheus’, die uns heute interessiert, entstand 1963, eingespielt vom Paul Desmond & Jim Hall Quartet. Für unseren Workshop habe ich das Solo von G-Moll um einen Ganzton nach oben nach A-Moll transponiert und das Tempo auf spielbare 120 bpm reduziert. Alles, was wir heute lernen wollen, funktioniert auch in langsamerem Tempo:
Wer die Akkordsymbole aufmerksam liest, wird feststellen, dass diese von den in der letzten Folge vorgestellten Changes abweichen. Jim Hall spielt harmonische Variationen, die auch im Playalong zu diesem Workshop zu hören sind.
Die oben schon angesprochenen Charaktere, die Paul Desmond in seiner Geschichte vorstellt, sind markant und schnell wiedererkennbar:
RM 1, RM 2 und RM 3 („RM” steht für Rhythmisches Motiv) sind Achtel-Rhythmen, die sich über zwei Viertelnoten erstrecken. RM 1 und RM 2 prägen vor allem die Takt 1-13 im ersten Chorus. Sie sind besonders markant, weil auch die Melodik innerhalb der vorgegebenen Tonart identisch ist. Für RM 3 in Takt 8-10 von Chorus 2 gilt das oben gesagte. Wer mehr über solche rhythmischen Achtel-Motive wissen will, wird fündig im „Achtel-Rhythmik-Crashkurs” aus Gitarre&Bass 8/2022. Dort lernt man, dass es nur 15 verschiedene Achtel-Motive gibt. Diese sind für Soli in allen Stilistiken ein mächtiges Tool. Ausprobieren lohnt sich.
Die hohe Kunst des Solierens zeigt sich auch im Finale in Chorus 2 ab Takt 25. Hier hören wir ein zweitaktiges Motiv mit identischer Rhythmik und Intervall-Struktur, das in Takt 25 mit F, in Takt 27 mit E und in Takt 29 mit D beginnt. Das Motiv ist zunächst in A-Äolisch und wechselt dann ab Takt 28 zu A-Melodisch Moll.
Paul Desmond spielt hier wenig Legato und artikuliert fast jeden Ton einzeln. Das wurde in der Transkription berücksichtigt. Die Linien liegen bemerkenswert gut auf dem Griffbrett. Es lohnt sich, mehr Musik von Paul Desmond auszuprobieren!


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)
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