Workshop

Julia’s Bass Lab: Geddy Lee & Rush

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(Bild: Harmony Gerber/Shutterstock)

Wenige andere Rockbands haben den Sound der späten Siebziger- und Achtzigerjahre so nachhaltig geprägt wie das kanadische Trio Rush. Ein entscheidender Faktor dieses Erfolgs ist Mastermind Geddy Lee, der in der Band als Bassist, Sänger und Keyboarder tätig ist. In diesem Workshop stehen sein Bassstil, sein Sound, seine Skalen, Techniken und Artikulation im Mittelpunkt.

Dazu habe ich einige Vorübungen konzipiert, die seine charakteristischen Merkmale beleuchten.

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SOUND UND RECHTE-HAND-TECHNIK

Geddy Lee ist klanglich über die Jahrzehnte hinweg konstant unverwechselbar. Egal, ob er einen Rickenbacker oder Jazz Bass spielt, der Ton bleibt seiner Handschrift treu. Sein Sound kommt also nicht primär von seinem Equipment, sondern von seinen Fingern.

Slap-Techniken oder das Spiel mit Plektrum waren nie sein Stil. Stattdessen entwickelte er schon früh eine ganz eigene Anschlagtechnik. Dabei bevorzugt er eine Anschlagposition über dem Neck-Pickup (Jazz-Bass) oder näher am Griffbrett, da die Saitenspannung dort geringer ist als in der Bridge-Pickup-Position.

In der Kombination aus Anschlagposition, -technik und Energie liegt der Kern seines Sounds: druckvoll, präsent und stets mit dieser leicht „rauen” Obertonstruktur.

Beispiel 1: Starte zuerst sehr langsam, um dich mit dem Sound und der Anschlagtechnik vertraut zu machen. Im ersten Takt spielst du mit deiner gewohnten Anschlagstechnik. Im zweiten Takt versuchst du dann, Ton und Anschlag wie bei Geddy umzusetzen, d. h., du passt Position, Kraft, Attack und Spielweise entsprechend an. Wenn Geddy Lee auf der G- oder D-Saite spielt, legt er den Daumen der rechten Hand oft auf der A-Saite ab.

Beispiel 2: Hier sollst du daher trainieren, den Daumen aktiv auf die A-Saite mitzunehmen und anschließend wieder zurückzuführen. Starte auch hier langsam und versuche, das Tempo jedes Mal um 10 bpm zu steigern. Geddy Lee hat zwar nie mit Plektrum gespielt, er hat sich jedoch das Prinzip dieser Technik zunutze gemacht, indem er seine Fingernägel für Up- und Downstrokes einsetzt. Seine Technik erinnert mehr an die eines Flamenco-Gitarristen.

Beispiel 3: Versuche, die Up- und Downstrokes nur mit dem Zeigefinger zu spielen und dabei deinen Nagel zu verwenden.

MELODISCHES MATERIAL

Geddy Lees Basslinien begleiten nicht nur, sondern sind ein großer Teil der Komposition. Neben Dur- und Moll-Pentatonik nutzt er Kirchentonleitern, zum Beispiel die lydische Skala (‚Freewill’), die dorische (‚Tom Sawyer’) und chromatische Linien (‚La Villa Strangiato’).

Beispiel 4: Lydisch – ‚Freewill’

Beispiel 5: Chromatik – ‚La Villa Strangiato’

Beispiel 6: Dorisch – ‚Tom Sawyer’

Charakteristisch ist auch der doppelte Anschlag einer Note − häufig als rhythmischer Auftakt − sowie der Einsatz von Double Stops, meist Quarten, Terzen oder Quinten.

Beispiel 7: Double Stops, Quarten

Beispiel 8: Double Stops, Quarten im Kontext

In seinen Soloparts und Basslinien fügt er auch öfter Flageoletttöne ein. Ein Beispiel hierfür ist Beispiel 9: Flageoletts. Um längere ausgehaltene Töne fetter klingen zu lassen, verwendet er oft zusätzlich die obere Oktave. Am besten spielt man den unteren Ton mit dem Daumen der rechten Hand und die obere Oktave mit dem Zeigefinger. Achte darauf, dass deine Hand am Bass bleibt und nur die Finger die Bewegung zum Anzupfen der Saiten ausführen.

Beispiel 10: Oktaven

Beispiel 11: Double Stops im Kontext

Beispiel 12: Akkordzerlegungen

Beispiel 13: Quinte + Oktave

Besonders durch seine Artikulation gewinnt sein Spiel an Ausdruck. Vergiss also nicht, deinen Basslinien mit Slides, Hammer-Ons und Pull-Offs Leben einzuhauchen.

Beispiel 14: Artikulation – Slides

Beispiel 15: Hammer-Ons + Slides

Vorübung für ‚YYZ’: Da dieser Lauf sehr schnell und schwer zu spielen ist, üben wir hier den genauen Saitenwechsel. Wir spielen dabei nur Dead Notes und konzentrieren uns speziell auf die rechte Hand. Das Tempo von ‚YYZ’ beträgt 141 bpm.

Beispiel 16: ‚YYZ’-Vorübung für die linke Hand

TIME SIGNATURE

Rush arbeiten seit jeher mit ungeraden Taktarten. ‚Tom Sawyer’, ‚YYZ’ oder ‚Leave That Thing Alone’ sind gute Beispiele dafür. Die Grooves laufen in 7/8-, 5/4- oder 6/4-Takt und hören sich aufgrund der Melodie oft sehr logisch an.

Beispiel 17: Vorübung zu ‚Tom Sawyer’ − Die Übung dient dazu, den 7/8-Takt zu spüren.

Beispiel 18: Vorübung 2 ‚Tom Sawyer’ – Hier wird der 7/8-Takt mit Dead Notes und den richtigen Saitenkombinationen geübt. Neben dem Bass bedient Geddy Lee auch Synthesizer und Moog-Taurus-Pedale und singt gleichzeitig. Das Moog-Taurus-Pedal erlaubt es ihm, die Bassfunktion aufrechtzuerhalten, auch wenn seine Hände auf der Tastatur sind.

Beispiel 19: Tritonus-Pattern in 5/4

Beispiel 20: Aufgang als Tonleiter – ‚YYZ’

Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren!

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2025)

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