Americana: German Americana?

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(Bild: Ute Sawall)

Um zu einem eigenen Stil zu gelangen, ist es vielleicht am wichtigsten, Einflüsse zu kombinieren und daraus ein schlüssiges Ganzes zu machen. Das ist mir beim Aufnehmen meines neuen Albums „Krach & Wut” wieder aufgefallen. Parallel zu einem Buchprojekt habe ich versucht, Songs deutscher Gitarrenbands aus den 80ern in meinem Stil neu zu interpretieren.

Die Songs stammen aus dem Indie-Bereich und haben krachige, schrammelige Gitarren und schnoddrigen Gesang. Meine Idee war es, die Stücke instrumental zu interpretieren und ihnen gitarristisch einen neuen Anstrich zu verpassen. Dabei wollte ich mir keine stilistischen Beschränkungen auferlegen, sodass letztlich alles zum Tragen kam, was ich in den letzten 30 Jahren musikalisch verarbeitet habe: bluesige Slidegitarren, Chord-Melody, Surf-Licks, Indie-Spirit und mehr. Eines der Ergebnisse möchte ich dir jetzt vorstellen und dabei zeigen, was man so alles zusammenführen kann.

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FERRYBOAT BILL

Als Anschauungsmaterial dient der Song „He’s Gone” der Waltroper Band Ferryboat Bill, die Ende der 1980er-Jahre in der deutschen Indieszene recht erfolgreich war. Ihre Alben verkauften sich zwar an die 15.000 Mal, damit waren sie aber trotzdem noch keine Rockstars.

Musikalisch verband die Band um die Brüder Klaus und Bernd Übelhöde krachige Gitarrenklänge mit Country-Einflüssen und einem rauen, spröde wirkenden Gesang. ‚He’s Gone’ erschien in zwei Versionen auf dem Album ‚Liquors & Telescopes’ aus dem Jahr 1988 und auf dem Sampler ‚The Sound & The Fury’. Letztere bildet die Grundlage für meine Interpretation.

ARRANGEMENT

Um eine Instrumentalversion eines Gesangstitels zu erstellen, schreibe ich in der Regel zunächst ein Leadsheet, in das nur die Gesangsmelodie und die Akkorde enthalten sind. Auf Original-Gitarrenparts verzichte ich oft bewusst, damit die Version nicht wie eine Kopie des Originals wirkt. Beim Anspielen der Akkorde von ‚He’s Gone’ bin ich schnell bei einem swingartigen Groove gelandet, der die Basis für mein Arrangement in Beispiel 1 bildet. Der erste Teil des Songs ist in E-Moll gehalten und basiert auf folgender Akkordfolge:

| Em | D | F | F |

| Em | D | C | C |

| Em | D | F | F |

| Em | D | B7 | B7 |

Ich habe die Gesangsmelodie als Chord Melody mit Dreiklängen gespielt, was sich direkt überzeugend anhörte. Der F-Dur-Akkord stammt aus der phrygischen Tonleiter, was der Moll-Akkordfolge etwas Schärfe verleiht. Nach der Dominante B7 geht es in den in A-Dur gespielten Chorus.

| A | A | D | D |

Die I-IV-Verbindung klang für mich direkt nach Country, weshalb ich die Melodie in Single Notes oder Double Stops gespielt habe. Zwischen die Melodie habe ich ein paar Fills gesetzt, die meist aus der D-Dur-Pentatonik stammen. Die Gitarre übernimmt also erst die Leadvocal-Funktion und antwortet dann mit kurzen Einwürfen wie ein Gitarrist.

Um den krachigen Gitarren des Originals noch etwas Platz einzuräumen, habe ich im Intro Neil-Young-Akkorde mit ein paar Hendrix-Fills verbunden (Beispiel 2). Der crunchige Sound stammt von einem Swart-Atomic-Space-Combo, der über ein tolles Tremolo verfügt. Wie alles zusammen klingt, kannst du in Hörbeispiel 3 hören. Die Feedback-Sounds habe ich mit einem Digitech Freq Out produziert, um den Nachbarn meines Studios nicht zu viel Krach zuzumuten …

Als Gitarre kam eine LSL-Telecaster mit Bigsby zum Einsatz. Ihr Sound hält die verschiedenen Einflüsse zusammen, sodass alles schlüssig und nicht aufgesetzt klingt. Finde ich jedenfalls … Die komplette Version des Songs gibt es bei Bandcamp. Mehr über die Band erfährst du im Buch „Vierspur, Kleber und Gitarrenkrach”, das auf meiner Website oder unter www.vierspurklebergitarrenkrach.de erhältlich ist.

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2025)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. “Die komplette Version des Songs gibt es bei Bandcamp”, die finde ich leider nicht bei Bandcamp. Nicht unter “He’s gone”, auch nicht unter “Martin Schmidt. Bitte einen Link angeben!

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    1. Hallo Gerhard, danke für den Hinweis, hier geht’s zu Bandcamp: https://theincrediblemrsmith.bandcamp.com/album/krach-wut
      Grüße aus der Redaktion!

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