Produkt: Gitarre & Bass 7/2019 Digital
Gitarre & Bass 7/2019 Digital
INTERVIEWS: Generation Axe – Vai, Bettencourt, Abasi +++ Phil X, Baroness, Lynyrd Skynyrd, Philipp van Endert, Scott Henderson, Aynsley Lister, DeWolff, Carl Carlton +++ TEST: Gibson Les Paul Tribute & Standard 50s, Fulltone Full-Drive 1, 2 & 3, Fame Baphomet II 4 & 5 Black Limba, Orange Pedal Baby 100, G&L Tribute JB
Electric Funk Jazz Bass Genius

Remembering Paul Jackson

(Bild: Whirlwind Recordings)

Paul Jackson wurde am 28. März 1947 in Oakland geboren. Mit neun Jahren begann er mit dem Bass-Spiel und stand bereits im Alter von 14 Jahren mit der Oakland Symphony auf der Bühne. Er studierte am San Francisco Conservatory of Music und lernte auch Fagott und Piano. Seine wahre Berufung aber fand er bei Herbie Hancocks Headhunters, einer epochalen Band, deren selbstbetiteltes Debüt am 13. Oktober 1973 die Welt der Musik aus den Angeln hob und lange Zeit das bestverkaufte Jazz-Album aller Zeiten blieb.

Das Quintett, bestehend aus Herbie Hancock (Keys), Bennie Maupin (Saxophon, Bass-Klarinette), Bill Summers (Percussion), Harvey Mason (Schlagzeug) und Paul Jackson (Fender Preci), spielte eine unerhört spannende Mischung aus höllisch groovendem Funk in der Tradition von James Brown und Sly Stone und modalem Jazz, bei dem spontane Improvisation eine viel größere Rolle spielte als z. B. bei Chick Coreas elektrischer Version seiner Band Return To Forever, bei der die Kompositionen zu einem großen Teil die Musik der Band definierten.

Anzeige

Welche Rolle Paul Jackson bei den Headhunters spielte, würdigte Herbie Hancock in seinem Nachruf auf Twitter: „Paul Jackson spielte E-Bass wie niemand sonst. Er konnte für jedes Stück jeden Abend eine neue Bass-Linie kreieren. Niemand sonst war dazu in der Lage. Das kam von seinem Jazz-Background und war ein Teil seines Genies.“ Die beiden absolvierten unzähligen Tourneen, und Paul spielte auf Herbies legendären Alben wie ‚Headhunters‘ (1973), ‚Thrust‘ (1974), ‚Man-Child‘ (1975), ‚Secrets‘ (1976) oder ‚Mr. Hands‘ (1980).

Ein bemerkenswertes Dokument von Pauls unglaublicher Erfindungsgabe, seiner Fähigkeit zuzuhören und spontan zu kreieren, und von seinem unfassbar packenden Groove liefert das nur in Japan erschienene Live-Album ‚Flood‘ (1975). Den auf ‚Thrust‘ veröffentlichten Klassiker ‚Actual Proof‘ spielten später u.a. Tribal Tech mit dem Fretless-Genie Gary Willis, und auch andere Großmeister der tiefen Saiten wie Nathan East, James Genus oder Tal Wilkenfeld in späteren Live-Versionen von Herbie Hancocks Bands, Paul Jacksons Pocket und Groove jedoch bleiben meiner Meinung nach unerreicht.

Paul ist bekannt als Fender-Precision-Spieler und ist zum Beispiel bei einem TV-Gig für den Musikladen in Bremen im November mit einem Precision mit Maple Neck zu sehen. Auf seiner Website offenbarte er aber das Geheimnis, dass das erste Headhunters-Album mit „Geraldine“ aufgenommen wurde, einem Fender Telecaster Bass, der jedoch heftig modifiziert worden war. So befinden sich auf dem Bass zwei Pickups, von denen einer vier Signale ausgibt, eines für jede Saite. Fred Catero, Toningenieur des Albums, nahm die Signale getrennt auf und mischte die vier Tracks dann in die Mitte des Stereopanoramas.

SONGS

‚Sly‘, wohl dem Funk-Pionier Sly Stone gewidmet, stammt von ebendiesem Album. Der Song ist weniger bekannt als die Gassenhauer ‚Chameleon‘ und ‚Watermelon Man‘ und wurde von Herbie Hancock nur selten live gespielt. Neben dem Time-Feel sind auch Pauls Artikulation und Dynamik bemerkenswert. Typisch für sein Spiel ist der häufige Einsatz von lange ausklingenden Leersaiten, gespielt mit wuchtigem Akzent an rhythmisch unerwarteten Stellen. Dieser Effekt war Herbie Hancock wohl so wichtig, dass er seine Stücke für Paul oft in den Tonarten E und A komponierte. In Takt 18 integriert Paul in seinem kurzen Fill auf Zählzeit 3 ein Flageolett, und das zu einer Zeit, als die Welt Jaco Pastorius noch gar nicht kannte.

In ‚Spider‘ vom 1976er-Album ‚Secrets‘ sehen wir einige wichtige Stilmittel in der Gestaltung von Pauls Basslines. Die fast gebetsmühlenartige Wiederholung immer gleicher Motive ist ein zentrales Tool, das von Soul Brother No. 1 James Brown, dem Erfinder des Funk definiert wurde. Paul Jackson variiert wie James-Brown-Bassist Bootsy Collins die repetitiven Phrasen manchmal durch die improvisierte Änderung kleiner Details. Und das berühmte Diktum vom James-Brown-Drummer Melvin Parkers, „Funk is what you don’t play“, hat Paul Jackson verinnerlicht, wie an der hier transkribierten Linie deutlich zu sehen ist. In den Takten 1, 5, 9 und 17 tauchen wieder die von Paul geliebten Flageoletts auf. Apropos Spieltechnik: Paul spielt mit der linken Hand fast immer mit Kontrabass-Fingersätzen. Die Fingerspitzen seiner rechten Hand liegen vor dem eigentlichen Anschlag an der zu spielenden Saite an, was die Bewegung minimiert und optimiert.

So kann er auch rasante Tempi wie bei ‚Sansho Shima‘ (ebenfalls vom Album ‚Secrets‘) über längere Zeit mit bemerkenswerter Konstanz spielen. Der Song ist ein Highlight, leider gibt es wohl keine Live-Aufnahme. Er ging aber in die Geschichte ein, weil das Yamaha-CP-70-Piano zum ersten Mal bei einer Plattenproduktion eingesetzt wurde. Der portable Flügel eroberte kurze Zeit später die Bühnen der Welt.

Paul Jackson ist am 23. März im Alter von 73 Jahren an einer Sepsis, die er sich als Folge seiner Diabetes-Erkrankung zugezogen hat, gestorben. Save travels, Maestro!

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2021)

Produkt: Gitarre & Bass 12/2019 Digital
Gitarre & Bass 12/2019 Digital
INTERVIEWS: Steve Morse, Mando Diao, Whitesnake, Guido Donot +++ TEST: Fender American Ultra Stratocaster & Telecaster, Schecter Keith Merrow KM-7 MKIII Artist & Standard, BluGuitar Amp1 Iridium Pedalboard-Amp, Sandberg California SL TT4 Superlight, Warwick RockBass Idolmaker 5string

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren