Jazz - Nur eben laut

Peter Wolbrandt & Kraan

(Bild: Marian Menge)

Wer Gitarre & Bass regelmäßig liest, der weiß, dass Bassist Hellmut Hattler ein gern und häufig gesehener Gast in diesem Magazin ist. Seine Jazzrock-Combo Kraan gibt es nun – mit Pausen – seit sage und schreibe 50 Jahren. Und obwohl Kraan-Gitarrist Peter Wolbrandt die Geschichte der Band in Großteilen mitgeprägt hat, haben wir ihn bis dato sträflich vernachlässigt. Höchste Zeit also, dass sich das ändert.

Eine kleine Anekdote vorweg. Wir trafen den inzwischen 70-jährigen Gitarristen vor einem Konzert in der Harmonie in Bonn. Im Interview erzählt er: „Ich erinnere mich, dass ich genau hier bei einem Kraan-Konzert mal mein ganzes Effekt-Rack vergessen hatte. Da musste ich dann ohne meine Pedale direkt in den Amp gehen. Aber dann drehst du den Verstärker halt lauter, nimmst für die Rhythmus-Sachen den Volume-Poti deiner Gitarre ein bisschen zurück und für die Soli drehst du wieder auf. Das funktioniert einwandfrei.“

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Als er dann für den Auftritt im Januar auf die Bühne kommt und seine Gitarre einstöpselt, kommt da nichts außer einem unangenehmen Britzeln. Kurzerhand lässt Wolbrandt sein Effektboard links liegen und greift zur altbewährten Kombination aus Gitarre und Amp. Und siehe da, es fehlt nichts, es funktioniert tatsächlich einwandfrei und so wird das Bonner Publikum Zeuge des direkten, wahren Tons des Peter Wolbrandt, der es mühelos schafft, das Fehlen der zusätzlichen Geräte durch Gefühl, Sound und Spielwitz zu kompensieren.

DAMALS & HEUTE

Peter, du hast schon sehr früh mit deinem Bruder angefangen Musik zu machen, richtig?

Ja, schon im Kinderzimmer. Ich hatte eine Ukulele, auf der ich mir selber ein paar Sachen beigebracht habe. Und mein Bruder hat dazu auf Kartons geklopft. So ging das los. Dann kam ein Gitarrist aus der Nachbarschaft dazu, mit dem wir versucht haben, die ersten Hits aus dem Radio nachzuspielen. Und 1964, da war ich 14, hatten wir dann die erste Band mit ersten Auftritten.

Jetzt spiele ich bei Kraan immer noch mit meinem Bruder zusammen. Und das macht einfach Spaß, weil wir es auch immer wieder wagen zu improvisieren. Das ist ein Hauptgrund dafür, warum ich überhaupt dabei bin. Ich spiele auch die alten Stücke immer noch gern, sonst würde ich heute nicht hier sein. Ich finde einfach, dass wir das schon damals ganz gut hinbekommen haben. Manche Leute sagen, unsere Musik sei zeitlos. Vielleicht ist da was dran.

Dass ihr nach so langen Jahren noch immer zusammen Musik machen könnt, liegt das auch daran, dass es zwischenzeitig Unterbrechungen gab?

Ja, sicher. Jeder wollte auch mal andere Wege gehen. Ende der 70er-Jahre wollte ich mich mehr mit Jazz beschäftigen und weg von Rock und Funk. Und Hellmut wollte auch mal etwas anderes machen. Also haben wir uns getrennt. Ein paar Jahre später trafen wir uns wieder und haben nochmal eine Runde eingelegt. So ging das immer.

Und zwischendurch bist du Programmierer geworden, richtig?

Ja, das mache ich schon ewig. Ein paar Jahre lang habe ich sogar für die Industrie gearbeitet, große Firmen. Für die habe ich Videoplayer programmiert und damit mehr verdient als mit der Musik.

Hattest du denn jemals Ambitionen, deinen Lebensunterhalt nur mit Musikmachen zu bestreiten?

In den 70ern und 80ern hatte ich das Glück, dass ich davon leben konnte. Danach hatte ich verschiedene Jobs und habe z.B. als Dachdecker gearbeitet. Dann haben wir Kraan reaktiviert. Also ging’s dann damit weiter.

(Bild: Marian Menge)

MUSIK

Eure Musik lebt von den langen Improvisations-Parts, die für euch als Musiker, aber auch fürs Publikum ein großer Spaß zu sein scheinen, was nicht selbstverständlich ist. Was macht ihr da richtig?

Wir machen einfach die Augen zu und lassen die Musik kommen. Man darf auf keinen Fall denken: „Ich stehe auf der Bühne, ich muss was bringen.“ Einfach mal laufen lassen und dafür sorgen, dass man entspannt bleibt. Ich hatte nie Ambitionen ein Star zu werden und mich nach oben zu spielen. Ich habe einfach immer viel Spaß an Tönen gehabt. Das ist schon immer meine Meditation gewesen. Ich habe nie meditiert, aber immer gespielt.

Es gehört natürlich auch Mut dazu, sich vor den Leuten so gehen zu lassen. Man kehrt sein Innerstes nach Außen und wenn man das macht, kriegen die Leute mit, dass man es ehrlich meint. Das hat vielleicht etwas mit Trance zu tun, dass man sich in einen bestimmten Zustand spielt. Ich versuche immer, wenn ich ein Solo spiele, Motive zu wiederholen und dann weiterzuführen. Ob ich dabei denke, weiß ich nicht. Das kommt vielleicht durch die lange Erfahrung und dadurch, dass man so oft rumgedudelt hat. Da muss man dann gar nicht mehr groß nachdenken.

Apropos Gedudel: Das gibt es bei euch nicht. Manchmal erinnert ihr mich an aktuelle Prog-Rock-Bands, nur dass nicht in jedem Stück gezeigt werden muss, wie schnell man spielen kann.

Ja, klar. Natürlich soll Hellmut seine Bass-Soli spielen, weil er da einfach klasse Sachen macht. Aber bei uns ging es nie darum, zu zeigen, was wir können. Es geht um die Gemeinsamkeit als Basis. Denn ein einzelner Mensch kann nie das erreichen, was eine Gruppe erreichen kann. Als die damals zum Mond geflogen sind, war das nicht einer, sondern ganz viele. Will man etwas wirklich Großes schaffen, ist es mit einem Team viel eher zu erreichen.

Wie sehr könnt ihr euch eigentlich mit der Schublade Jazzrock identifizieren?

Darin sehe ich uns durchaus. So fing es an. Jazzrock war ja, dass man mit Synkopen spielt und Improvisationen macht, in denen dann wieder ein Thema auftaucht. Jazz – nur eben laut. Das ist für mich Jazzrock und das machen wir heute immer noch.

Welche Facette eurer Musik liegt dir denn am meisten? Das Psychedelische, die vertrackten Themen, die Improvisationen?

Was mir bei der Band am besten gefällt, ist, dass, wenn ich ein Solo spiele, Hellmut auch mal spontan die Harmonie wechselt. Dass nie immer alles auf einem Ton passiert und sich die Dinge während der Improvisationen ändern. Und ich mag es, Rhythmusgitarre zu Jans Schlagzeug zu spielen. Da kann ich auch mal ungerade gegen den Takt spielen, als würde ich ihn aus dem Groove bringen wollen. Aber er kommt natürlich nicht aus dem Groove.

Hast du dich eigentlich mal intensiver mit Jazz beschäftigt?

Mit Jazz-Theorie nicht. Aber ich bin BeBop-Fan. Früher habe ich viel von diesem schnellen Zeug gehört. Selbst spielen wollte ich das nie. Aber BeBop zu hören hat etwas Meditatives. Das ist wie ein Sturm, der die Blätter durch den Park fegt. Das hat mich immer interessiert. Und Ende der 60er-Jahre haben wir ja auch Free Jazz gemacht. Wir haben alles ausprobiert, was so aufkam – Soul, Blues und eben auch Free Jazz. Und dann habe ich 1968 Black Sabbath in Berlin gesehen, in der Mensa von der TU. Das fand ich richtig gut. Der Sound war Wahnsinn. Daraufhin habe ich, zum Schrecken meiner Mitmusiker, angefangen mit einem Verzerrer zu spielen.

In einem Interview hast du mal gesagt: „Musiker zu sein bedeutet für mich Erwartungen zu erfüllen, wenn man auf die Bühne geht.“ Erwartungen im Publikum oder deine eigenen?

Meine eigenen. Das fängt ja schon damit an, dass man nicht total zu auf die Bühne geht. Wir haben zwar Drogen genommen, aber es gab da ein eisernes Gesetz: Nüchtern auf die Bühne gehen. Weil nur so kann der Wahnsinn in der Musik rauskommen. Wenn man vorher schon Drogen nimmt, dann ist dir alles scheißegal.

Können Drogen nicht auch dabei helfen, sich in eine Trance zu spielen?

Das glaube ich nicht. Wenn ich zum Beispiel vorher einen durchgezogen hatte, also bekifft war, dann habe ich mich da ewig in Trance gespielt und alle warteten auf mein Zeichen, dass es zurück zum Thema geht. Das ist die Erwartung, die wir an uns selbst haben und die auch das Publikum an uns hat. Die Leute wollen ja keine besoffenen Musiker auf der Bühne sehen, die sich dauernd verspielen.

Diese Effekte kamen diesmal nicht zum Einsatz: Ibanez DE7, Nobels DD-800, Boss OS-2, Vox WahWah, Roland GR-20 Guitar Synthesizer (v.l.n.r.) (Bild: Marian Menge)

GEAR

Wie hat sich denn in Sachen Equipment dein Geschmack über die Jahre entwickelt?

Im Moment bin ich einfach begeistert vom Fender Bassman, weil der durch seine vier kleinen Lautsprecher ein großes Spektrum hat. Früher haben wir Orange gespielt, dann eine Zeit lang Marshall – das war auch beides ganz gut. Ich kann ohnehin nicht sagen, dass es Verstärker gibt, die scheiße klingen. Alle Amps, die ich über die Jahre gespielt habe, waren in Ordnung – außer es waren alte Lautsprecher drin, die schon dumpf klangen. Maßgeblich für den Sound ist immer der Raum im Club. Es gibt Räume, in denen alles schrill klingt, obwohl man einen geilen Amp hat.

Was für eine Gitarre spielst du?

Eine Mexiko-Strat, die ich mir vor 20 Jahren neu gekauft habe. Für die habe ich mir irgendwann handgewickelte Pickups in Amerika bestellt, den Firmennamen habe ich vergessen. Da habe ich aber kaum einen Unterschied gemerkt, außer dass der Steg-Pickup mehr Höhen hat und dadurch mehr wie eine alte Strat klingt. Irgendwann waren die Bünde runtergespielt und ein Konzert stand an. Also ließ ich mir einen Telehals draufmontieren. Der passte perfekt in die Gitarre, und auch die Bundreinheit stimmte auf Anhieb.

Die ganzen 70er-Jahre über habe ich noch Tele gespielt, später eine Ibanez, die auch ganz gut war. Die Strat habe ich einfach nur, weil sie so gut am Körper liegt. Bei der Tele hatte ich immer blaue Flecken, weil ich mir das Ding beim Spielen gegen den Knochen gehauen habe. Bei einer Strat kann das nicht passieren, weil sie hinten diese Mulde hat.

Was für Effekte verwendest du?

Ich habe einen Gitarren-Synthie, der über den MIDI-Pickup an meiner Strat angesteuert wird. Mit dem kann ich zu ein paar Stücken ungewöhnliche Sounds beisteuern. Vor allem wenn wir im Trio spielen, spiele ich manche Themen damit. Ansonsten habe ich zwei Delays, einen Verzerrer und ein WahWah.

Also keine Modulationseffekte und keinen Hall?

Nein. Einen Hall hätte ich gern. Andererseits reicht mir ein Echo, um ein bisschen Raum zu haben. Und Chorus verwende ich schon länger nicht mehr, denn das bringt überhaupt nichts. Das ist mir auch bei anderen Bands aufgefallen: Der Gitarrist schaltet einen Chorus dazu und man hört überhaupt keinen Unterschied. Ein Chorus ist nur schön im Proberaum.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2020)

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