Produkt: Gitarre & Bass Digital 07/2018
Gitarre & Bass Digital 07/2018
Guitar Summit: Alle Infos zur Gitarren-Show des Jahres! +++ Im Test: Fender Player Telecaster & Precision Bass +++ Analog-Delay-Dreifaltigkeit: MXR Carbon Copy
Im Interview

Perry Ormsby: Gitarrenbaumeister

Perry Ormsby(Bild: Mineur)

Auf dem Guitar Summit 2018 in Mannheim war Perry Ormsby für viele Besucher eine der spannendsten Neuentdeckungen. Der 42-jährige Gitarrenbauer aus Perth in Australien entwickelt seit 15 Jahren eigene Modelle von technisch nahezu perfekter Qualität, mit einem ganz eigenen Design, der zunehmend immer beliebter werdenden Multiscale-Technik und vielen weiteren innovativen Ideen.

Natürlich haben wir uns vom Meister persönlich seine wichtigsten Modelle zeigen lassen und Ormsby gleichzeitig zu seinem beruflichen Werdegang und seiner Firmenphilosophie befragt.

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interview

Perry, wie fing alles an? Wie bist du zuerst zur Musik und später dann zum Instrumentenbau gekommen?

Im Alter von 14 sah ich zum ersten Mal Bon Jovi. Ich dachte: „Oh Mann, sieht das cool aus mit der Gitarre, das macht bei Mädchen sicherlich mächtig Eindruck. So etwas brauche ich auch.“ Meine Mutter, die heute 70 ist, spielte in drei Bands Klavier und Keyboards. Allerdings zögerten meine Eltern einige Jahre, bis sie mir endlich eine Gitarre schenkten. Doch anstatt sofort mit ihr zu spielen, baute ich sie als erstes auseinander und schaute mir an, wie sie funktioniert. Das machte ich damals mit fast allen meinen Spielsachen.

Mit 20 fing ich an, Gitarren zu modifizieren. Die erste war eine Epiphone Flying V, die ich auseinandernahm, neu lackierte und mit chromfarbenen Streifen ausstattete. Bei einer anderen Gitarre modifizierte ich das Floyd-Rose-System, sodass man es noch intensiver einsetzen konnte. Zehn Jahre lang erzählte ich jedem, der es hören oder auch nicht hören wollte, dass ich eines Tages eigene Gitarren bauen werde. Mit 30 fing ich dann tatsächlich damit an. Und weil ich so lange darüber schwadroniert hatte, durfte es natürlich kein Standard-Modell sein, sondern musste einen außergewöhnlichen Look und besondere Features haben.

Wann war das genau?

Mein allererstes Modell im Jahre 2003 kostete mich drei Monate Arbeit. Facebook und all diese Dinge gab es damals noch nicht, aber ich präsentierte die Gitarre über das Internet, und bereits einen Monat später meldete sich ein Typ, der ein eigenes Modell von mir gebaut haben wollte. Er schickte mir auch sofort Geld, meinte es also ernst. Da ich aber noch wenig Erfahrung hatte und erst ein paar Prototypen bauen wollte, sagte ich ihm, dass er zwei Jahre warten müsse. Das schien für ihn aber kein Problem zu sein.

Wenig später meldete sich ein weiterer Interessent, ihm sagte ich, dass er drei Jahre warten müsse. Was ich nicht wusste: Beide dachten, dass ich so viele Vorbestellungen hätte und deshalb die Wartezeit so lang sei. Den wahren Grund kannten sie nicht. Neun Monate nach Fertigstellung der ersten Gitarre traf ich eine Entscheidung: Ich war jahrelang Möbelbauer, hatte tausende Küchen lackiert und war der Sache total überdrüssig. Ich wollte Gitarren bauen, auch wenn es mich an den Rand meiner wirtschaftlichen Existenz bringt.

Ich kündigte meinen Job, mietete eine freie Ecke in einer Fabrikhalle, zog mit meinen Werkzeugen dort ein und baue seitdem Gitarren. Einer meiner ersten Kunden bat darum, ihm eine Gitarre in wenigen Wochen zu bauen. Ich schuftete Tag und Nacht und konnte sie ihm sieben Tage später aushändigen. Er war total begeistert, sagte, dass er noch nie ein besseres Instrument in den Händen gehalten hätte, und bestellte anschließend sechs weitere Gitarren.

In Perth, wo ich ansässig bin, gibt es zwar ein paar ältere Anbieter, aber die bedienen eher den traditionellen Markt mit Kopien von Strats oder Les Pauls. Außerdem sind sie mit dem Internet nicht so vertraut, was für mich natürlich ein Vorteil ist. 2004 hatte ich die Idee des Multiscale-Modells, vier Jahre später war das System produktionsreif. Es dauerte ein Weile, bis meine Kunden den Vorteil dieses Systems verstanden hatten, aber seither hagelt es nur so Aufträge. Heute sind die Multiscale-Modelle meine absoluten Topseller. Ich schätze, dass wir in den zurückliegenden zwei Jahren nur zwei Standardgitarren gebaut haben, alle übrigen waren Multiscale-Modelle.

Perry Ormsby
Ormsby TXGTR Carbon Multiscale High Alert (Bild: Mineur)

Warst du dir sicher, dass das System funktioniert?

Ja, war ich, auch wenn viele Kunden zunächst daran zweifelten. Es hieß: „Du bist verrückt! Keiner wird so etwas haben wollen!“ Aber ich war mir meiner Sache absolut sicher, denn die Multiscale-Gitarre half auch mir bei meinem Spiel. Deshalb wusste ich, dass sie anderen Gitarristen ebenso helfen würde. Meine Kunden spielen teilweise Bariton-Gitarren, um diese zusätzliche Tiefe zu bekommen. Gleichzeitig wollen sie aber auch solieren, und das ist dann auf den höheren Saiten entsprechend schwierig.

Seit etwa vier Jahren existiert unsere GTR-Serie, die noch erfolgreicher ist, als wir es uns erträumt hatten. Mit uns meinst du wen? In den ersten neun Jahren habe ich ganz alleine gearbeitet. Mittlerweile besteht die Firma aus sechs Angestellten, inklusive meiner Frau und mir.

Ist deine Idee so außergewöhnlich gut oder brauchst du die zusätzlichen Mitarbeiter vor allem deshalb, um dein Angebot breiter aufzustellen?

Zunächst war die Aufstockung notwendig, da ich früher, als ich noch alleine gearbeitet habe, nicht genug Geld verdiente, um davon leben zu können. Das geht vielen anderen Gitarrenbauern ganz ähnlich. Die Lösung lautete, entweder die Preise anzuheben oder aber Gitarren zu reparieren. Ich habe Letzteres gemacht. In den vergangenen zehn Jahren habe ich an die 10.000 Gitarren repariert. Das brachte nicht nur Geld, sondern auch unglaublich viel Erfahrung. Und die wiederum führten letztendlich zu meiner GTR-Serie.

Ich habe 56er-Les-Paul-Gold-Tops, 63er-Strats mit defekten Pickups oder gebrochenen Muttern repariert. Sündhaft teure Telecasters, bei denen der Korpus gelitten hatte, oder Epiphones, bei denen das Tone-Poti gebrochen war. Ich lernte so ziemlich jede klassische E-Gitarre kennen, die es am Markt gibt. Ich bemerkte beispielsweise, dass Epiphone-Gitarren mit einem „U“ am Anfang der Seriennummer ganz bestimmte Fehler haben. Seriennummern mit einem „E“ am Anfang haben wiederum andere und für diese Reihe ebenfalls typische Fehler, da sie in einer anderen Fabrik hergestellt wurden.

Andererseits gab es auch bestimmte Gitarren, die nie einen richtigen Schaden hatten, abgesehen von einer defekten Buchse oder so. Ich fand heraus, dass fast alle Gitarren, die perfekt gefertigt wurden, das gleiche Kürzel in der Seriennummer hatten und aus der gleichen Fabrik stammten. Sie wurden halt nur für unterschiedliche Firmen gebaut und dann re-branded. Ich recherchierte mehr als ein Jahr lang und stellte fest: Diese Gitarren stammen alle aus der gleichen Fabrik in Südkorea.

Perry Ormsby
Ormsby Goliath GTR Flame Maple Green Burst (Bild: Mineur)

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis ich einen Kontakt zu der Company hergestellt hatte. Ich verabredete mit der Firma, dass wir 40 bis 50 Gitarren-Rohlinge bei ihnen in Auftrag geben, um daraus Custom-Modelle für unsere Kunden zu fertigen und gleichzeitig zu lernen, wie die perfekte Gitarre beschaffen sein muss. Mit unseren Kunden verabredeten wir, dass sie zwei Jahre die Gitarre spielen, sie dann zurückschicken und ihr Geld zurückbekommen können, wenn sie nicht zufrieden sind. Doch das Ergebnis war: Keiner wollte nach zwei Jahren sein Geld zurück, alle wollten ihre Gitarre behalten.

Die Lektion, die ich daraus lernte, war: Wenn du wissen willst, was am Markt gut ankommt, frag deine Kunden! Finde heraus, welche Specs sie wollen, welches Holz, welche Farbe, alles. Ich sagte den Interessenten: „Ich möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken, der Gitarrenrohling stammt nicht von mir, aber alles andere, die Specs, die Endkontrolle, der Custom-Anteil, das alles geht direkt über meinen Tisch und durch meine Hände. Was hältst du von diesem Angebot?“ Unsere Kunden waren damit hochzufrieden.

Wir bauten die Facebook-Seite auf, kümmerten uns um die Specs, fragten unsere Kunden nach ihren Wünschen und gaben ihnen zu verstehen, dass sie wichtiger Bestandteil dieses Projekts sind, was ja auch wirklich stimmt. Wir entschieden: Wenn wir in zwei Jahren 200 Exemplare davon verkaufen – 85 im ersten, 120 im zweiten Jahr –, wäre das ein guter Start. Wir verkauften 109 Gitarren in der ersten Stunde! Am Ende des ersten Tages waren es knapp 200! Da wusste ich: Mein Konzept funktioniert.

Was ich anfangs nicht wusste: Muss ich für die Rohlinge vorab zahlen? Ich hatte drei Jahre lang jeden Penny gespart, weil ich unbedingt 100 Rohlinge kaufen wollte. Ich hatte also das Geld, als ich nach Korea flog, aber dort hieß es: „Du musst die Ware doch nicht im Voraus zahlen!“ Ich dachte: Und warum habe ich dann so lange gespart und nicht schon vor drei Jahren die 100 Rohlinge bestellt?

Viele dieser Geschäftsgebaren kannte ich anfangs natürlich noch nicht. Andererseits war ich nicht so selbstsicher, dass ich ohne eigenes Kapital Rohlinge ankaufe und auf das Geld meiner Kunden angewiesen bin, zumal ich mir natürlich nicht 100%ig sicher sein konnte, dass die Qualität der Rohlinge hoch genug ist, um daraus meine Custom-Gitarren herzustellen. Aber alles lief gut, sodass ich wenig später bereits weitere 200 Rohlinge ordern konnte.

In den erwähnten zwei Jahren bestellten wir insgesamt 950 Rohlinge, also fast fünfmal so viele, wie ursprünglich geplant. Anfangs war mein Traum, an drei Tagen pro Woche eigene Gitarren herzustellen und an den anderen drei Tagen Instrumente zu reparieren. Heute ist die Nachfrage so groß, dass mein einziges Problem ist, mal einen Tag frei zu machen.

Perry Ormsby
Ormsby Hypemachine Custom Shop mit Flame-Maple-Top, Mahagoni-Korpus, Flame-Maple-Hals und Ziricote-Griffbrett (Bild: Mineur)

Wer sind deine Kunden? In erster Linie Rockgitarristen?

Ja, eindeutig. Trotzdem gibt es neben Rock- und Metal-Gitarristen auch eine Reihe Jazzmusiker, die sich bei mir eine Gitarre bestellen. Form und Image meiner Gitarren mögen Metal sein, aber der Ton und die Specs meiner Instrumente passen auch zum Jazz. Das liegt vor allem daran, dass ich Pickups bevorzuge, die dem Verstärker die eigentliche Arbeit überlassen. Unsere Tonabnehmer haben nicht viel Gain, sondern überlassen das dem Amp. Deswegen sind auch Jazz-Musiker vom Sound unserer Gitarren schwer beeindruckt.

Das Spektrum deiner Modelle umfasst Sechs-, Sieben- und Achtsaiter, richtig?

Ja, das stimmt. 30% unserer Kunden spielen Achtsaiter, also deutlich mehr als bei anderen Firmen. Fender bietet überhaupt keine Achtsaiter an. Sie brauchen diese Kunden offensichtlich nicht, aber für uns sind sie sehr wichtig, weshalb wir sie so ernst nehmen. Bei den Sechs- und Siebensaitern verteilen sich die Aufträge nahezu gleichmäßig.

Danke Perry. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

Perry Ormsby
Ormsby GTR Bass (Bild: Mineur)

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2019)

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