Im Interview

Marcus Miller: Garant für Qualität

Anzeige
(Bild: Matthias Mineur)

Über Marcus Miller könnte man Lobgesänge im Minutentakt anstimmen: Der amerikanische Fusion-Bassist, in dessen Karriere so illustre Namen wie Miles Davis, George Benson, Al Jarreau, Donald Fagen oder Wayne Shorter auftauchen, ist nicht nur ein exzellenter Instrumentalist und erfahrener Komponist, er beteiligt sich auch an der Entwicklung von Instrumenten und Effektgeräten.

Für besonderes Aufsehen sorgt derzeit seine Signature-Bass-Serie mit der ursprünglich aus Südkorea stammenden Firma Sire, die für erstaunlich kleines Geld eine nicht minder erstaunlich hohe Qualität abliefert. Als Miller Mitte Oktober 2025 im Groninger De Oosterport gastiert, nutzen wir die Gelegenheit, uns mit ihm zu treffen und ihn zu seinem aktuellen Equipment und seinem großen Erfahrungsschatz zu befragen.

Anzeige

Marcus, du spielst Bass und schreibst Songs, aber designst auch Instrumente. Was davon macht dir am meisten Spaß?

Den größten Spaß macht mir zweifelsohne das Bass-Spielen. Aber auch Komponieren ist für mich sehr wichtig. Als ich jung war, hatte ich einige etwas ältere Mentoren, die sagten: „Man ist nur dann ein kompletter Musiker, wenn man auch komponiert.” Das stimmt natürlich nicht, aber ich war damals noch unerfahren, habe es geglaubt und schon früh mit dem Komponieren angefangen.

Tatsächlich hat es mir geholfen, denn als Komponist und Arrangeur bekam mein Bassspiel mehr Struktur. Für das Designen von Instrumenten gilt das Gleiche wie für meine Musik: Ich entscheide, was mir gefällt, und bleibe dabei. Schon seit meinem 14. Lebensjahr spiele ich Jazz Bass und weiß aus Erfahrung, was ich am Jazz Bass mag und wo die Herausforderungen liegen. Aber weißt du, was die allergrößte Herausforderung ist?

Nämlich?

Geschäftsmann zu werden, Chef zu sein, große Persönlichkeiten in seiner Band zu haben und alles zu managen. Zum Glück bin ich ein entspannter Mensch und kann mittlerweile mit dieser Aufgabe umgehen. Ich wusste schon sehr früh, dass ich die Selbstvermarktung lernen muss, wenn ich weiterhin hauptberuflich Musik machen möchte.

Apropos Geschäftsmann: Du hast mit der Firma Sire eine erstaunliche Bass-Serie entwickelt. Die Grundidee war offenbar, bezahlbare Instrumente in hoher Qualität herzustellen, oder?

Richtig, genau das ist unser Ziel. Die Sire-Bässe sind aus hochwertigem Holz gefertigt. Andere Hersteller haben auch großartig aussehende Instrumente, aber für mich ist das wichtigste Kriterium, dass sie auch gut klingen. Und zwar vom ersten Moment an, wenn man sie auspackt. Wer einen Sire-Bass bestellt, kann ihn sofort auf der Bühne einsetzen, ohne vorher noch etwas justieren zu müssen. Sire machen keine Werbung, alles basiert auf Mundpropaganda.

Die Musiker erzählen sich untereinander, dass es sich um absolute Qualitätsbässe handelt. Das bedeutet nicht, dass man nicht auch mal ein Problem haben kann. Aber man kann sicher sein, dass ich davon höre und mich dem Problem stelle.

Welches ist die wichtigste Lektion, die man als Bass-Designer gelernt haben sollte?

Alles dreht sich um perfekte Intonation und einen guten Klang. Natürlich hängt es davon ab, welchen Stil man spielt. Wenn man langanhaltende Töne erzeugen möchte und Sustain liebt, wenn man eher sanft anschlägt, braucht man einen anderen Bass, als wenn es dröhnen und ordentlich krachen soll.

Als ich jung war, wusste ich von all diesen Dingen nichts. Ich wusste nur, welchen Sound ich wollte, und kaufte mir einen Fender-Bass. Damals hieß es, Fender habe die höchste Qualität. In all den Jahren, in denen ich mich mit Bässen beschäftigt habe, gab es nur wenige wirklich empfehlenswerte Marken. Daher hat sich mein Stil durch den Fender entwickelt.

Ich habe gelernt, dass ich für meinen Sound einen Bolt-On brauche, dazu eine bestimmte Art von Saiten und eine Saitenlage, die weder zu hoch noch zu niedrig ist. Außerdem mag ich ein leichtes „Fret-Buzz”, dass man also hört, wie man mit dem Instrument arbeitet.

Durch die zwei Pickups bekommt man mit dem Jazz Bass eine große Klangvielfalt. Ich war mehr als 20 Jahre lang Sessionmusiker, mal landete ich bei einer Reggae-Session und mitunter schon drei Stunden später bei einer Fusion-Session, also brauchte ich jedes Mal einen anderen Sound. Für Sessionmusiker ist diese Flexibilität sehr wichtig.

Gleichzeitig versuche ich Anfängern zu verdeutlichen: Der Sound kommt aus euren Händen und ist abhängig davon, wie ihr zupft, wo und wie hart ihr anschlagt. Den Sound macht also nicht nur der Bass.

Bei Sire kooperierst du seit 2019 mit dem großartigen Gitarristen Larry Carlton, nicht wahr?

Bekanntlich hat die Firma ursprünglich als Gitarrenbauer angefangen, hatte anfangs allerdings einen anderen Namen und war in Südkorea bereits sehr bekannt. Eines Tages kam einer ihrer Mitarbeiter auf mich zu und sagte: „Wir möchten mit dir ein paar Bässe entwickeln und haben dazu einige großartige Ideen.”

Drei oder vier Jahren später hieß es dann: „Da wir auch Gitarren herstellen, denken wir darüber nach, Larry Carlton zu fragen.” Ich war begeistert. Larry hat mir erzählt, dass ihm die Zusage deshalb so leichtgefallen sei, weil auch ich bei der Firma bin.

Auf der 2025er NAMM-Convention im Januar haben wir uns erstmals persönlich getroffen. Wir durften eine kleine Jam-Session spielen, die ich sehr genossen habe. Man muss sich immer vor Augen führen, an wie vielen großartigen Alben Larry Carlton beteiligt war.

Besonders liebe ich die Scheiben, die er mit den Crusaders aufgenommen hat. Für mich ist ‚Those Southern Knights’ eine Art wegweisende Platte, natürlich verehre ich auch die Steely-Dan-Werke, an denen er beteiligt war. Larry und ich haben bereits 1982 gemeinsam auf Donald Fagens Soloalbum ‚The Nightfly’ gespielt, ohne uns allerdings im Studio getroffen zu haben.

Ich habe vor wenigen Minuten deine drei Bässe auf der Bühne fotografiert. Was unterscheidet sie spielerisch und klanglich?

Der erste Bass ist mein 1977er Fender Jazz Bass. Ich habe nahezu mein gesamtes Leben einen 1977er Fender Jazz Bass gespielt. Der zweite Bass ist ein passiver Sire-Bass im Jazz-Bass-Stil, genannt V5. Klanglich ähnelt er meinem 77er Fender, nur ein bisschen knurrender, mit etwas weniger Biss. Ich nehme ihn, wenn ich im Fingerstyle spiele.

Bei meinem 1977er Jazz Bass drehe ich die Mitten ein bisschen herunter, denn bei aktiven Pickups springen einen die Töne geradezu an. Mit einem passiven Bass dagegen klingt es etwas knurrender und man muss nicht so hart arbeiten, wenn man im Fingerstyle spielt.

Aber wenn ich den V5 mit dem Daumen spiele, klingt es ebenfalls richtig fies und aggressiv, ich liebe es! Der dritte Sire-Bass ist fretless und kommt nur dann zum Einsatz, wenn genau dieser Sound gefordert ist.

Millers Sire V5
1977er Fender Jazz Bass
Sire V7 Alder-5 FL TS 2nd Gen Fretless

Zum Thema Sound: Bitte erzähle etwas über deine Bassklarinette! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon mal jemanden mit diesem Instrument habe spielen sehen.

Es ist der große Bruder einer regulären Klarinette, meinem allerersten Instrument. Naja, genau genommen war mein erstes Instrument das Klavier, da mein Vater Klavier und Orgel spielte und ich ihm natürlich nachgeeifert habe. Mein erstes Instrument in der Schule war mit etwa zehn Jahren die Klarinette. Ab 13 habe ich dann auch Bass gespielt, anfangs aber nur nebenbei.

Meine musikalische Ausbildung fand an der Klarinette statt und bestand darin, Noten zu lernen und klassische Musik zu spielen, Mozarts Klarinettenkonzert und so weiter. Als ich nach dem College Profimusiker werden wollte, musste ich mich zwischen Klarinette und E-Bass entscheiden. Ich hatte das Gefühl, mit dem E-Bass bessere Chancen zu haben und mehr Jobs zu bekommen.

Also habe ich nur noch Bass gespielt, jedoch nach drei, vier Jahren, während ich bei Miles Davis war, bemerkt, dass jedes Mal, wenn ich einen Violinschlüssel sehe, meine Finger im Unterbewusstsein Klarinette spielen. Ich sagte mir, dass es eine Schande wäre, dieses Talent zu verschwenden. Also fing ich an, Saxophon zu spielen.

Es gab aber bereits zahllose Saxophonisten, zudem konnte ich mir ein Saxophon in der Musik, die ich für mich selbst und mit Miles Davis machte, nicht vorstellen. Also fing ich still und heimlich an, über eine Bassklarinette nachzudenken. Weihnachten 1985 bekam ich von meiner Frau und meiner Mutter völlig überraschend eine Bassklarinette geschenkt, die sie über einen meiner früheren Lehrer organisiert hatten. Offenbar hatte ich doch eher laut über diese Option nachgedacht (lacht).

Es war ziemlich mühsam, die Bassklarinette spielen zu lernen, vermutlich habe ich meiner Familie deshalb den Heiligabend vermiest. Denn natürlich fing ich sofort an zu üben, was aber zunächst von wenig Erfolg gekrönt war. Doch ich habe nie aufgegeben, und auch Miles Davis liebte den einzigartigen Sound der Bassklarinette in seiner Musik, also bin ich dabeigeblieben.

Kaum jemand kennt dieses Instrument, ständig heißt es „mir gefällt das verrückte Saxophon dort!” Bassklarinetten sind Orchesterinstrumente, die meistens in der hintersten Reihe stehen, daher kennt sie kaum jemand.

Selmer Bassklarinette, Baujahr 2007 (Bild: Matthias Mineur)

Lass uns bitte über dein aktuelles Pedalboard sprechen!

Gerne! Fangen wir mit dem Rodenberg MM-OD an: Es hat zwei Arten von Verzerrung und einen Clean-Boost. Wenn ich in einem lauten Song eine Melodie spielen muss, trete ich auf den Clean-Boost. Zudem gibt es einen Knopf für eine temporäre Verzerrung, was bedeutet, dass die Verzerrung einsetzt, wenn man darauf tritt, und sofort wieder verschwindet, sobald man seinen Fuß anhebt. Der dritte Knopf erzeugt eine durchgehende Verzerrung.

Dann gibt es noch ein MXR-Carbon-Copy-Deluxe-Delay. Ich mag subtile Delays, die dem Bass nach hinten heraus etwas Luft verschaffen, vor allem wenn ich fretless spiele. Zusätzlich habe ich ein MXR-Oktavpedal. Wenn ich mit einem Viersaiter spiele, trete ich mitunter nur für eine einzige Note auf den Octaver, um einen tieferen Ton zu erzeugen.

Darüber hinaus gibt es auf meinem Board einen Markbass Pro Bass Mixer mit drei Eingängen für meine drei Bässe, der wie ein Switcher funktioniert. Er hat zwar einen kleinen Equalizer für die Ein- und Ausgangssteuerung, ist im Grunde aber ein reiner Mixer. Hinzu kommt ein Markbass-Tube-Preamp, für den Fall, dass ich einen etwas satteren Sound möchte. Und dann gibt es noch das silberne Darkglass-Multieffekt-Pedal, mit dem ich derzeit noch ein wenig herumexperimentiere.

Das Pedalboard u.a. mit MXR MB301 Bass Synth, Darkglass Anagram, Markbass Pro Bass Mixer, Markbass Mark Vintage Pre, Rodenberg MM-OD, MXR Carbon Copy Deluxe & Bass Octave Deluxe, GoGo Chromatic Pedal Tuner (Bild: Matthias Mineur)

Letzte Frage: Worauf kommt es deiner Meinung nach an, wenn jemand Profimusiker werden möchte?

Man trifft leider immer wieder Musiker, die keine Noten lesen können und behaupten, dass Notenkenntnisse einem Künstler die Seele rauben. Ich entgegne dann: „Du solltest dir lieber eine andere Ausrede einfallen lassen, weshalb du nicht sechs Monate deines Lebens investiert hast, um Noten zu lernen!”

Denn ohne Notenkenntnisse kommt man als Musiker nur selten in die Situation, für etwas angefragt zu werden, was man auf Anhieb spielen können muss. Als ich zum Profi wurde, fing es gerade an, dass Schlagzeuger gebeten wurden, nach Clicktrack zu spielen. Damals war das für viele Drummer sehr schwierig. Heute spielt fast jeder mit Click-Tracks, mit Loops und Samples, aber 1979, 1980, 1981 hat das viele Schlagzeuger fast umgebracht.

Aber anstatt nach Hause zu gehen und zu üben, erklärten sie: „Mann, ich brauche keinen Clicktrack! Es raubt der Musik die Seele!” Mittlerweile gibt es Drummer wie etwa Steve Gadd oder Steve Ferrone, bei denen man nicht einmal merkt, wenn sie nach Click spielen, weil sie wissen, wie man das Spiel mit dem Click zum Positiven manipuliert; wie man, wenn es darauf ankommt, die Band einfach schneller spielen lässt, um sie dann über einen langgezogenen Break zum Click zurückzuführen.

Mit dieser Fähigkeit können sie dann sogar Produzenten bei Werbejingles etc. helfen, denn Jingles müssen auf eine halbe Sekunde genau enden. Versierte Musiker können so etwas, ohne dass man den Clicktrack überhaupt bemerkt.

Markbass Golden Line 1000 als Marcus-Limited-Version
Die beiden Markbass 4x10er Boxen

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.