The Roots: die Produzenten

Die Wurzeln von Jimi Hendrix

Nachdem in den zurückliegenden Ausgaben 03 und 05/2016 Hendrix’ frühe Blues- und R&B-Einflüsse und seine UK- und US-Rock-Connections untersucht wurden, geht es diesmal um Produzenten und Studio-Konzepte, die diesen Musiker als Sound-Komponisten entscheidend geprägt haben.

Jimi Hendrix_The Roots (1)
(Bild: UNIVERSAL, ARCHIV)

Multitracking

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Weitere Impulse, deren Bedeutung bislang unterschätzt worden ist, erhielt Hendrix von einer anderen Seite, nämlich von den Produzenten Phil Spector, George Martin und dem legendären Les Paul. Pauls Bedeutung für den Jazz- und Pop-Sound des vergangenen Jahrhunderts ist nicht zuletzt auf seine vielseitige Tätigkeit als Instrumentalist, Produzent und Gitarrenkonstrukteur zurückzuführen.

Nachdem er 1941 mit dem Modell The Log die erste Solidbody-E-Gitarre entwickelt hatte (also noch sieben Jahre, bevor Leo Fender den offiziellen Solidbody-Prototyp Broadcaster auf den Markt brachte), experimentierte er ab 1946 auch mit verschiedenen Aufnahmetechniken. Er verwendete auch Delay-Effekte (Bandecho), nahm verschiedene Instrumente aus allernächster Nähe auf (close miking) und war der Pionier der Mehrspuraufnahmetechnik (Multi-Tracking). Seine mit hochgradig virtuoser Jazz-Technik eingespielten Aufnahmen, bei denen er drei, vier und mehr Gitarren übereinanderlegte, haben Maßstäbe gesetzt – und waren kommerziell erfolgreich.

Wichtig ist in unserer Betrachtung, dass es vor allem Les Paul war, der schon in den frühen 60er-Jahren durch Mundpropaganda in Musikerkreisen auf den damals noch unbekannten Jimi Hendrix aufmerksam wurde und sich für dessen aufsehenerregendes Gitarrenspiel zu interessieren begann. Obwohl er Hendrix und seine verschiedenen Bands eine Zeitlang intensiv verfolgte, kam es zu keiner Begegnung zwischen den beiden Pionieren; erst nach Hendrix’ kommerziellem Durchbruch in den USA hatten sie regelmäßigen Kontakt. Ab dieser Zeit war Les Paul, wenn es um technische und musikalische Fragen ging, einer von Jimi Hendrix’ kompetentesten Beratern.

Wall Of Sound

Erst mit George Martins wegweisenden Beatles-Produktionen (insbesondere auf dem ,Sergeant Pepper’s‘ -Album von 1967) und mit Phil Spectors Wall-of-Sound- Konzept, das er unter anderem auf der für eine Popmusik-Nummer geradezu erschlagend orchestral wirkenden Aufnahme ,River Deep Mountain High‘ von Ike & Tina Turner (1966) verwirklichte, wurden die technischen Möglichkeiten, die das LesPaul-Konzept aus den 40er-Jahren im Hinblick auf Produktion und Klanggestaltung eröffnet hatte, wieder aufgegriffen. Ziel war die Schaffung eines orchestralen Pop-Sounds, der die gleichen emotionalen Qualitäten aufweisen sollte wie der Klang eines großen Orchesters der klassischen Musik, im Unterschied zu diesem jedoch mit Hilfe der zeitgenössischen (elektrischen) Sounds erzeugt wurde.

Phil Spectors Idee, Soul- und Blues-Gesang mit bis zu 75 Streichern, Chorsängern und Band-Musikern zu kombinieren, die er auf verschiedenen Produktionen der legendären Righteous Brothers mit großem kommerziellen Erfolg realisierte und auf deren Grundlage er 1966 Tina Turner erstmals auch außerhalb der Ike-Turner-Revue präsentierte, war vom Ansatz her natürlich ein orchestrales Konzept: Reale Orchester-Sounds wurden mit Hallanteilen, die der Aufnahme beim Abmischen hinzugefügt wurden, gewissermaßen ver schmolzen, wirkten im Ergebnis fast synthetisch und damit aus dem Zusammenhang, in dem man sie bislang gehört hatte, herausgerissen.

Diese Qualität erinnert entfernt an die frühen Mellotron-Aufnahmen der englischen Bands Moody Blues und King Crimson. Somit lässt sich Spectors Wall-of-Sound-Konzept als (aufnahmetechnische) Neuinterpretation bestehender – eher konventioneller – musikalischer Möglichkeiten bezeichnen.

Der legendäre Beatles-Produzent Sir George Martin konnte sogar Schlagzeuger zu Musikern machen.
Der legendäre Beatles-Produzent Sir George Martin konnte sogar Schlagzeuger zu Musikern machen. (Bild: UNIVERSAL, ARCHIV)

Collagen

Während Phil Spector das musikalische Material, das er produzierte, selber schrieb oder auswählte, bestand die Arbeitsgrundlage von George Martin, dem langjährigen Produzenten der Beatles, im Umgang mit vorgegebenem Material und einer festen Band. Der studierte Musiker und Oboist war mit den Studiotechniken und Aufnahmetricks der elektronischen E-Musik ebenso vertraut wie mit der Arbeit in Sinfonieorchestern oder der Produktion von Barockmusik- Schallplatten. Musikwissenschaftler Siegfried Schmidt-Joos spricht im Zusammenhang mit Martins Arbeit von einer Veredelung der Einfälle des Komponistengespanns Lennon/McCartney „zu einer richtungsweisenden Pop-Art“.

Beschränkte sich Martins Einfluss anfangs darauf, die live eingespielte Musik der Beatles so getreu wie möglich auf Tonband zu fixieren, so wurde seine Art der Realisierung ihrer Musik mit der Zeit vollständig zu einem tragenden Bestandteil der Kompositionen. Entstand der frühe Beatles-Sound noch in erster Linie durch die Art und Weise der instrumentalen Interpretation durch die vier Musiker, so stand in den späteren Beatles-Aufnahmen die Produktion eindeutig im Vordergrund. Im Gegensatz zu Spector, der einen existierenden Klangkörper im weitesten Sinne „arrangierte“, entwickelte Martin das Klangergebnis häufig selbst – entweder aus primär nichtmusikalischen Zutaten („Samples“) oder indem er musikalische Klänge auf eine abstrakte Ebene führte, in einen neuartigen Kontext stellte, etc.

Für den Titel ,A Day In The Life‘ kombinierte er zum Beispiel zwei verschiedene Lennon/McCartney-Songs, ließ sie von 41 Symphonikern begleiten und überblendete für den berühmten Schlussakkord den Klang einer indischen Tambura mit Saitengeräuschen, die er im Innern eines Flügels erzeugte. Stand hier die Erzeugung eines neuen gewünschten Klangs (durch Überlagerung verschiedener anderer Klänge) im Vordergrund, so wies das Einfügen alltäglicher Geräusche wie Weckerklingeln (in ,A Day In The Life‘ ) und Flugzeugtriebwerke (,Back In The U.S.S.R!’) und die Einarbeitung situationsfremder Elemente wie einer Barocktrompete (in ,Penny Lane‘) oder eines Swing-Arrangements (in ,All You Need Is Love‘) eindeutig in Richtung Collagetechnik – eine Tendenz, die mit der an der Musique Concrete orientierten Komposition ,Revolution No. 9‘ (auf dem sogenannten ,White Album‘ ) ihren Höhepunkt erreichte. Es leuchtet ein, dass die Beatles aus technischen Gründen nicht in der Lage waren, diese Musik live zu reproduzieren.

Einflüsse

Die charakteristischen Produktionen von Les Paul, Phil Spector und George Martin haben einen gemeinsamen Nenner: das angestrebte Ideal eines orchestralen Klangs. Der Begriff „orchestral“ ist hier jedoch nicht im Sinne der europäischen Klassik, etwa in Bezug auf das verwendete Instrumentarium, zu verstehen, sondern bezieht sich auf die Aufnahmetechnik. Das Konzept von Les Paul ist von allen hier vorgestellten das am konsequentesten (Studio-) technische: Paul arbeitete mit Hilfe des mehrspurigen Aufnahmeverfahrens mit einem Orchester aus Gitarrentönen und -Sounds.

Er zeigte dabei am konkretesten neue Perspektiven für die elektrische Gitarre auf. Daher ist Les Paul derjenige, der am deutlichsten die „Zweite Elektrifizierung“ des Instruments E-Gitarre, die später Jimi Hendrix durchsetzte, im Hinblick auf seinen Einsatz der Studiotechnik angebahnt und vorbereitet hat. Von grundlegender Bedeutung war für ihn damals in erster Linie die Emanzipation der Gitarre zu einem dem Saxogitarre & bass 08.16 63 phon und der Trompete ähnlichen Soloinstrument; und dann, im zweiten Schritt, dank aufnahmetechnischer Hilfsmittel, war er dann auch noch in der Lage, mit sich selbst „im Satz“ zu spielen und verschiedene rhythmische, melodische und klangliche Funktionen zu übernehmen.

Schwerenöter Les Paul hatte alle möglichen Tricks mit seinem massiven Instrument drauf.
Schwerenöter Les Paul hatte alle möglichen Tricks mit seinem massiven Instrument drauf. (Bild: UNIVERSAL, ARCHIV)

Jiminspiration

Machen wir es kurz: Jimi Hendrix war ganz offensichtlich ein Freak, ein Nerd, ein kommunikativer Mensch und ein Checker. Wenn diese Charaktereigenschaften auch immer noch primär zu Jahrestagen herangezogen werden, und dann auch nur, um zu belegen, wie viele Drogen er sich wann und wie reingepfiffen hat und wie vielen weiblichen Fans er seinen Jimi gezeigt hat – sie sind der Schlüssel zu seinem künstlerischen, musikalischen, gitarristischen Genie. Hendrix war neugierig, interessiert, offen, hat die unterschiedlichsten Jobs als Sideman gespielt und sich auch immer wieder von Musik-Tipps seiner Freunde inspirieren lassen.

Nur so lernte er Bob Dylan, Karlheinz Stockhausen, Link Wray, die Beatles und Beethoven kennen. Und was man insbesondere auf seinen Alben ,Axis: Bold As Love‘ und ,Electric Ladyland‘ an Vielfalt erlebt, ist das Ergebnis dieser Offenheit. Er war ein großartiger Gitarrist mit Wurzeln im R&B, Blues und Rock & Roll. Im Studio mutierte er zu einem Komponisten, Klangmaler, Experimentator – der die Rock-Musik in vier Jahren zehn Schritte weiter brachte. Dagegen sind seine rein gitarristischen Innovationen fast schon unspektakulär. Immer noch ein überragender Künstler, den man gehört haben muss!

 

Aus: Elektrisch. Jimi Hendrix: Der Musiker hinter dem Mythos, Sonnentanz-Verlag 1991

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