Im Interview

George Lynch: Teufelskerl

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(Bild: Frank Lopez)

Eigentlich könnte man sich als Fan des amerikanischen Hardrock-Gitarristen George Lynch über das neue Album ‚Dancing With The Devil’ seiner Band Lynch Mob freuen, denn es zeigt den 71-Jährigen abermals als grandiosen Virtuosen. Doch leider hat Lynch das Ende der Band angekündigt, nimmt dies zum Glück aber schon zu Beginn unseres Interviews zurück. Auf Europatournee will er trotzdem nicht mehr kommen, auch weil er negative Konsequenzen der US-Administration fürchtet.

Zudem hat er seinem überaus talentierten Sohn vom Profimusikertum abgeraten. Dies alles und noch viel mehr erfahrt ihr von einem der bedeutendsten Shredder der Rockgeschichte!

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George, deine Fans sind enttäuscht, dass du das Ende von Lynch Mob verkündet hast. Weshalb soll denn Schluss sein?

Niemand muss enttäuscht sein, da ich meine Meinung schon wieder geändert habe. Weshalb? Weil ich einfach so bin. Ich treffe schnelle Entscheidungen, die nicht immer gut für mich sind. Diesen Fehler habe ich schon mein ganzes Leben lang begangen. Ich kann halt nur Gitarre spielen und Songs schreiben, alles andere sollte ich lieber anderen überlassen.

Weshalb hast du denn überhaupt darüber nachgedacht? Machen dir Konzerte keinen Spaß mehr?

Doch, sie sind sogar zu einem noch größeren Spaß geworden. Früher hatte er viel mit den Annehmlichkeiten des Rockstar-Daseins zu tun, also mit Frauen und Drogen und all diesem albernen Zeugs. Heute dagegen besteht der Spaß darin, mit meinen Freunden abzuhängen und einen musikalischen Dialog mit dem Publikum zu führen. Aber es gibt halt auch die andere Seite der Medaille, denn von den 24 Stunden eines normalen Tourneealltags sind nur anderthalb Stunden Spaß, die restlichen 22,5 Stunden sind anstrengende Reisen, nervige Vorbereitungen und endloses Warten.

Klingt fast so, als wärst du müde vom Musikeralltag!

Ich müsste mich eigentlich ohrfeigen, wenn ich mich beschwere, denn: Come on, George, du musst jedenfalls keinen normalen Job machen! Ich muss nicht in einen Kohlenschacht klettern, bei fahlem Licht und mit Staub und schwarzer Lunge. Ich weiß das zu schätzen. Deshalb arbeite ich hart, denn irgendwie fühle ich mich schuldig, dass ich dieses privilegierte Leben führen darf. Außerdem verdiene ich gutes Geld, jedenfalls im Vergleich zu jemandem, der sich jeden Tag den Arsch aufreißen muss.

Wie sieht deine Arbeit aus? Stundenlanges Üben?

Nein, wenn ich nicht beruflich Gitarre spiele, spiele ich gar nicht und übe auch nicht. Ich beschäftige mich im Haus oder im Garten, ich liebe es Dinge zu bauen und zu reparieren, Neues zu lernen und mich in der Natur aufzuhalten.

Erinnerst du dich noch an den Moment, als dir zum ersten Mal bewusst wurde, dass du mehr als nur ein durchschnittlich talentierter Gitarrist bist?

Die meisten Musiker sind sehr selbstkritisch und müssen es auch sein. Denn jeder kann immer noch besser werden, und niemand kennt unsere Mängel und Fehler besser als wir selbst. Alle großen Gitarristen, von Jeff Beck bis Eddie Van Halen, haben versucht, das Beste aus sich herauszuholen und ihr Talent sinnvoll zu nutzen.

Aber wenn dir jemand sagt, wie außergewöhnlich gut du bist, ist dies auch eine Bürde. Denn ich fühle mich als normaler Mensch, ich ziehe meine Hosen auch mit einem Bein nach dem anderen an, muss Probleme lösen, gehe einkaufen, versorge meine Kinder, bezahle meine Rechnungen. Musikmachen ist einfach meine Arbeit.

Natürlich gefällt es mir, dass die Leute meine Musik mögen. Ich würde es sehr vermissen, wenn sie es nicht täten. Aber ich stehe nicht auf dieses Rockstar-Gehabe, auf all das glamouröse Zeugs. Ich mag keine Partys, ich mag keine Preisverleihungen, ich habe keine goldenen Schallplatten an den Wänden, das alles bereitet mir Unbehagen.

(Bild: Frank Lopez)

Meine Frage zielte nicht auf deine Rockstar-Ära ab, sondern auf deine außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten!

Ich habe schon sehr früh gespürt, dass mein musikalischer Ausdruck einzigartig und cool und bei niemandem abgekupfert ist. Ich habe keinem anderen Musiker nachgeeifert oder dessen typische Eigenarten zu kopieren versucht. Ich hatte immer schon meinen eigenen Stil, da alles von meinem Gehirn gefiltert wird.

Ich bin, wie ich bin, und habe das schon als Teenager gemerkt, denn es gab große Konkurrenz und viele spannende Wettbewerbe. In unserer Gegend lebten viele gute Gitarristen, deshalb fanden häufig Wettbewerbe statt, Cutting-Head-Sessions, Hinterhof-Live-Partys und so weiter. Es hieß dann oft: „Heute wird hier ein echter Crack auftauchen, der unglaublich gut spielen kann.”

Der Typ tauchte dann tatsächlich auf und spielte, und ich gesellte mich dazu und machte mit ihm spontane Sessions, er mit seinen Jungs und ich mit meinen. Von diesen Wettkämpfen habe ich sehr profitiert. Ich blühte auf und merkte anhand der Publikumsreaktion, dass mein Spiel etwas Besonderes hat. Ich behaupte nicht, dass ich technisch der Beste bin, aber ich hatte immer einen eigenen Stil, einen bestimmten Sound im Kopf, dem ich ständig nachgejagt habe. Und, ehrlich gesagt: Genau das tue ich noch heute.

Möchte dein Sohn auch Berufsmusiker werden? Es heißt, er hat dein Talent geerbt.

Es ist verrückt: Mein Ältester spielt tatsächlich genau wie ich. Der gleiche Stil, das gleiche Vibrato, die gleiche Art der Phrasierung. Es ist, als würde ich in einen Spiegel schauen!

Mein Sohn will Musik nicht zum Beruf machen, diese Einstellung habe ich auch bei vielen anderen Jüngeren festgestellt. Wir dagegen wollten Rockstars werden und es ganz nach oben schaffen. Wir wollten den ultimativen Plattenvertrag und unser Leben lang an der Spitze stehen.

Bei jüngeren Musikern ist das offenbar anders, für sie ist Musik eher ein Hobby, das man nur eine Zeitlang macht. Aber ich finde diese Einstellung gesund und sinnvoll, sie passt zu meinem Sohn. Er ist sehr klug, hat einen Master-Abschluss in Chemieingenieurwesen, arbeitet für die Siemens Corporation und beschäftigt sich dort mit wissenschaftlichen Dingen.

Ich freue mich für ihn und bin froh, dass er kein professioneller Musiker geworden ist, denn er hat Frau und Kinder und muss alles unter einen Hut bringen. Er spielt an den Wochenenden mit Freunden in der Kirche und zieht auch daraus eine große Befriedigung.

Ist es heutzutage schwieriger und ein größeres Risiko, Profimusiker zu werden, als zu deinen Zeiten?

Ich weiß nicht, da müsste man jemanden fragen, der sich mit Statistiken auskennt. Ich sitze hier in Taos, New Mexico und bekomme nicht allzu viel mit. Ich denke, ein professioneller Musiker zu sein ist eine Lebensaufgabe, bei der es darum geht, sich selbst und die eigene Familie über die Runden zu bringen, was fast unmöglich ist. Aber man sollte niemanden davon abhalten, es zu versuchen.

Ich meine: Was wäre passiert, wenn mein Vater es versucht hätte? Es muss schwer für ihn gewesen sein, mich vom Gitarrespielen abzuhalten und gleichzeitig zu hoffen, dass ich es beruflich schaffe. Zum Glück ist es mir gelungen, ihn zu überzeugen.

Mein Vater war wahrscheinlich mein zweiter Katalysator, indem ich ihm unbedingt das Gegenteil beweisen und mich als Gitarrist und Musiker durchsetzen wollte. Aber vielleicht hat er es gerade deshalb getan, ich habe ihn nie danach gefragt. Mitunter denke ich, dass es von ihm möglicherweise eine Art umgekehrte Psychologie war.

(Bild: Frank Lopez)

Hatte dein Durchbruch eigentlich mehr mit Dokken oder mit dem 1990er Lynch-Mob-Debüt ‚Wicked Sensation’ zu tun?

‚Wicked Sensation’ war ein harter Kampf. Ich musste die richtigen Bandmitglieder finden, den richtigen Deal an Land ziehen, die richtigen Songs schreiben, die richtige Platte machen, alles. Für mich war es eine mordsmäßige Anstrengung, aber nach all dem aufgestauten Frust war ich bis in die Haarspitzen motiviert.

Man darf nicht vergessen, dass ich anfangs die Platte nur widerwillig gemacht habe, denn ich war bei Dokken rausgeflogen und stand vor der Entscheidung, entweder eine neue Band zu gründen oder meinen Job an den Nagel zu hängen.

Weshalb wurdest du bei Dokken entlassen?

Dokken feuerten damals aus allen Rohren, wir standen unmittelbar vor Gesprächen mit unserer Plattenfirma und hätten vermutlich einen sensationellen Deal ausgehandelt, mit dem jeder von uns für immer ausgesorgt hätte. Doch Don Dokken nutzte die Gelegenheit, um die Band loszuwerden und alles allein einzusacken. Am Ende bekam niemand den Deal, auch er selbst nicht.

Der Streit ist mittlerweile begraben, nicht wahr?

Ich habe erst kürzlich mit Don gespielt und ihn anschließend nach Hause gebracht, da er auch in New Mexico lebt. Don hat eine interessante Sichtweise der damaligen Ereignisse. Er sagte: „Ihr habt seinerzeit einen total ungesunden Rock’n’Roll-Lifestyle geführt. Ich habe die Band nur deshalb aufgelöst, um dich zu retten.” Okay!? Natürlich habe ich mich scherzhaft bei ihm bedankt: „Oh, vielen Dank, Don!” Die Ironie dahinter hat er vermutlich gar nicht verstanden.

Lässt sich dein neues Album ‚Dancing With The Devil’ noch mit Dokken oder mit ‚Wicked Sensation’ vergleichen?

Man kann zwei Werke, die 35 Jahre auseinander liegen, nicht miteinander vergleichen. ‚Wicked Sensation’ steht für sich, es ist ein tolles Zeitdokument innerhalb der Grenzen dieses Genres. Der rote Faden zu ‚Dancing With The Devil’ sind meine Riffs und die Art, wie ich spiele, daran können auch geringere Budgets und wechselnde Besetzungen nichts ändern.

Aber ich jage weder Dokken noch ‚Wicked Sensation’ hinterher. Ich versuche nicht, einen Sänger zu finden und eine Platte zu machen, die genauso klingen wie ‚Wicked’. Das wäre töricht, ich vertrödele meine Zeit nicht damit, über meine Vergangenheit nachzudenken.

Das gilt offenbar ebenso für deinen aktuellen Gitarrensound.

Auch mein Sound hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Vor allem spiele ich jetzt mit deutlich weniger Gain und versuche es mir nicht mehr so einfach wie möglich zu machen oder so schnell wie möglich zu spielen. Gain macht das Schreddern einfacher, so jedenfalls dachte ich in den Achtzigern.

Heute gilt das nicht mehr, ich liebe Vintage-Equipment, also Tonabnehmer im PAF-Stil, meine alten Plexis, meine alten Tweeds, meine alten Boxen und all das Zeug. Es gibt nichts Besseres! Ich bin endlich dem Sound nähergekommen, nach dem ich schon immer gesucht habe.

In den Achtzigern haben Jeff Pilson (Dokken-Bassist, Anm. d. Verf.) und ich jeden Abend im Tourbus unsere Show angehört, sie analysiert und überlegt, was wir besser machen könnten und was falsch läuft. Die Lösung war: Ich hatte zu viel Gain! Wir fragten uns, wie wir diesen AC/DC-Sound bekommen können, diese weit offene Dynamik, so dass man die Finger auf den Saiten hört.

In den Achtzigern war mein Sound hoffnungslos überproduziert. Man denkt, dass es ganz leicht gewesen wäre, dies zu ändern, aber für mich war es nie einfach, keine Ahnung weshalb. Eigentlich brauche ich nur Gitarre und Verstärker, keine Effekte, kein zusätzliches Gain.

Letzte Frage: Werden Lynch Mob noch mal nach Europa kommen?

Wohl kaum, denn in Europa haben wir leider nicht den Stellenwert, der dies finanziell ermöglichen würde. Manche Promoter sagen: „Wenn du für wenig Geld nach Europa kommst, könntest du dir hier eine große Karriere aufbauen und später gut verdienen!” Wie bitte? Ich bin seit kurzem 71! Welche Karriere soll ich mir denn jetzt noch aufbauen?

Zumal die Realität vermutlich so aussehen würde: Ich fahre in einem kleinen Van in Europa herum, bekomme kaum Gage, esse mieses Junkfood, werde davon krank und fahre dann halbtot zurück nach Hause. Abgesehen davon sollte ich die USA derzeit lieber nicht verlassen. So wie die Dinge politisch stehen, weiß ich nicht einmal, ob ich wieder ins Land gelassen würde.

Möglicherweise kontrollieren sie mein Handy und sagen dann: „Tut uns leid, du musst nach Somalia”, oder so. Ich bin ein progressiv denkender Mensch und politisch aktiv, und so wie die Situation in meinem Land aktuell ist, könnte ich arge Schwierigkeiten bekommen. Was für eine verrückte Welt! Sorry, ich entschuldige mich für Amerikas politischen Führer.

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)

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