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Frank Zappa Special
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Im Interview

Extended Range Guitars: Keith Merrow

(Bild: Clemente Ruiz)

Keith Merrow gilt als vielbeschäftigte und äußerst umtriebige Persönlichkeit in der modernen Gitarrenszene. Nicht nur durch seinen YouTube-Channel hat der gute Mann in der Gitarrenindustrie in den letzten Jahren ordentlich für Wirbel sorgen können. Vor allem mit der Schecter-KM-Signature-Serie ist ihm ein ganz großer Wurf gelungen.

Doch auch als Musiker braucht sich Keith nicht zu verstecken. Ganz im Gegenteil: neben Kollaborationen mit Jeff Loomis (Nevermore, Arch Enemy) und Alex Webster (Cannibal Corpse) ist er auch als Solokünstler aktiv.

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Interview

Keith, du bist vor über 10 Jahren mit deinem YouTube-Channel online gegangen. Was war deine ursprüngliche Intention?

Zunächst einmal ist es unglaublich, dass das schon über eine Dekade her ist. Als ich mit YouTube angefangen habe, hatte ich definitiv überhaupt keinen Plan. Und ich glaube auch nicht, dass damals sonst irgendwer in der Gitarrenindustrie einen Plan hatte, was man mit YouTube alles anstellen könnte. Ein guter Freund hat mich ursprünglich dazu angestiftet, nachdem er einen alten DV-Camcorder bei mir rumliegen gesehen hatte. Er meinte, ich solle Videos von meinen Songs auf dieser Website namens „YouTube“ hochladen. Er war davon überzeugt, dass ich mit meinen Songs den Nerv vieler Leute treffen würde. Ich war von der Idee anfangs überhaupt nicht begeistert. Die Vorstellung, Videos von mir zu posten, in denen ich Gitarre spielend auf der Bettkante sitze, gefiel mir schlichtweg nicht. Bis dahin hatte ich überwiegend Musik für mich selbst geschrieben und diese, wenn überhaupt, nur mit Freunden und Familie geteilt.

Aber schlussendlich dachte ich: „Warum eigentlich nicht?“. Von da an verstand ich You-Tube als Medium, auf dem ich meine Musik mit der Welt teilen konnte. Und es stellte sich als die beste Entscheidung meiner Karriere heraus. Fast unmittelbar fragten mich Leute, wo sie meine Musik kaufen könnten und die Zahl meiner Follower wuchs stetig … und ich wuchs mit ihnen. Ich hatte niemals einen Plan, sondern ließ es einfach passieren. Nach einer Weile traten verschiedene Hersteller von Gitarren, Pickups und Amps an mich heran und fragten mich, ob ich Demo-Videos ihrer Produkte machen könnte. Langfristig hat mir das aber nicht wahnsinnig viel Vergnügen bereitet, also fokussiere ich mich heutzutage auf meinem YouTube-Channel wieder mehr auf meine Musik, wie in den Anfangstagen. Ich verstehe mich bis heute nicht als „YouTube-Gitarrist“: Wenn Leute mir folgen, ist es, weil sie meine Musik mögen, nicht weil ich sie darum bitte. Nichtsdestotrotz baut meine Karriere auf den YouTube-Erfolgen auf.

Neben YouTube konntest du dir ja auch in der Metal-Gitarrenindustrie einen Namen machen. Würdest du sagen, dass YouTube diese Türen für dich geöffnet hat, oder hast du bereits vorher in dieser Industrie gearbeitet?

Ohne Zweifel hat YouTube mir etliche Türen geöffnet. Aber ich denke, mein Erfolg hat auch viel mit den Entscheidungen zu tun, die ich hinter den Kulissen getroffen habe. Am Ende des Tages ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und ich habe glücklicherweise in der Vergangenheit einige richtige Entscheidungen getroffen. Manche Kollegen in der Industrie empfinden mich als zu kalkuliert, aber ich glaube ich habe einfach ein Händchen dafür, die trügerischen Gewässer der Musikindustrie zu umschiffen und das Bestmögliche für mich rauszuschlagen.

Um ehrlich zu sein, finde ich die Arbeit mit und in der Musikindustrie relativ einfach, zumindest im Vergleich zu den Jobs, die ich vorher machen musste, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man hat mein ganzes Leben lang mit Füßen auf mir herumgetrampelt – heutzutage verfüge ich über einen extrem guten Kompass, wenn es darum geht, mich durch die Intentionen verschiedener Player in der Musikindustrie zu navigieren. Und es ist ja nichts Neues, dass diese Industrie vor zweifelhaften Intentionen nur so strotzt.

Das KM7-MKI-Modell hatte noch starke Ähnlichkeiten mit Schecters SLS C-7. (Bild: Jörg Mayer)

Einer deiner größten bisherigen Erfolge dürfte dein Signature-Modell von Schecter Guitars sein. Wann ist Schecter auf dich zugekommen?

Weder Schecter noch ich selbst haben den großen Erfolg meiner Signature-Gitarre kommen sehen. Ich bin extrem dankbar für diese Partnerschaft, und die Leute bei Schecter sind mittlerweile zu einer Art Familie für mich geworden. Der Kontakt kam zustande, als ich mit Jeff Loomis 2012 am Album unseres Projekts Conquering Dystopia gearbeitet habe. Für Schecter war ich zu dem Zeitpunkt noch kein großer Name, aber Jeff hat ihnen gesteckt, dass sie die Gelegenheit nicht verpassen sollten. Dafür bin ich ihm sehr dankbar! Man muss aber dazu sagen, dass Schecter mir nicht sofort ein Signature-Modell angeboten hat. Zunächst wollten sie sehen, wie ich mit ihren regulären Modellen zurechtkomme.

Mir gefiel die SLS C-7 extrem gut und ich ließ die Jungs bei Schecter das auch wissen, aber der Kontakt war für eine Weile sehr sporadisch und ich dachte, es würde doch nichts aus uns werden. Ein anderer Hersteller kontaktierte mich, ich war drauf und dran einen Vertrag zu unterschreiben und auf einmal kam Schecter wie aus dem Nichts und boten mir ein Signature-Modell an. Anscheinend hatten sie die letzten Monate daran gearbeitet… Und ich hatte gedacht, sie hätten kein Interesse mehr. Also entschied ich mich für Schecter – und es war die beste Entscheidung die ich je getroffen habe.

Die KM7 MKII hat im Vergleich zum MKIII-Modell noch deutlich sanftere Rundungen. (Bild: Randy Edwards)

Die Schecter KM-7 ist bereits in der dritten Generation. Was war dir beim Designen der ersten Version besonders wichtig, was hast du aus den jeweiligen Design-Prozessen gelernt und warum ist die MKIII die beste KM-7 bisher?

Die erste KM basierte noch lose auf der bereits erwähnten SLS C-7. Mir wurden aus gutem Grund zunächst nur recht limitierte Design-Spielräume gelassen. Meine Signature sollte erst einmal ein Ableger eines bereits sehr erfolgreichen Modells sein, also konnte ich nicht einfach aus dem Nichts eine brandneue Gitarre entwerfen. Aber ich wusste, dass ich das Design der SLS C7 noch optimieren und individueller gestalten konnte. Mein Ziel war es, Tonhölzer und Materialien zu verwenden, die ich von meinen teuren Custom-Shop-Instrumenten gewohnt war, aber zu einem Preis, der für nahezu jeden erschwinglich ist. Ich wollte, dass die KM-7 eine Gitarre für Leute wie mich ist – nicht nur eine Gitarre für mich.

Ich habe mich also dazu entschlossen, meine Signature nicht mit auffälligen Grafiken oder Inlays zu gestalten, sondern subtil genug, damit sie auch für Leute, die mich überhaupt nicht kennen, attraktiv sein würde. Und das hat definitiv funktioniert.

Nachdem die ursprüngliche KM-7 so außerordentlich erfolgreich war, wurden mir für die zweite Generation deutlich mehr Design-Freiräume gegeben. Schecter trauten meinen Ideen – sie hatten sich schließlich bewährt. Und nachdem die KM-7 MKII ebenso erfolgreich war wie die erste, haben sie mir absolute Kontrolle und Freiheit für das Design der MKIII gelassen. Was die MKIII für mich am besten macht, ist, dass sie meiner Meinung nach die erste wahre Keith-Merrow-Signature-Gitarre ist. Sie basiert nicht auf bereits existierenden Schecter-Modellen, sondern ist von Grund auf neu entwickelt.

Jedes Feature, jede Spezifikation, schlichtweg jede Ecke und Kante basiert auf meinem Design, bis hin zu meinen Fishman-Signature-Pickups. Ich habe Wochen im Schecter Custom Shop verbracht und aktiv an jedem Schritt der Entwicklung mitgewirkt. Vom Prototyp bis hin zum finalen Produkt ist die Gitarre vor meinen Augen entstanden. Die MKIII ist die ultimative Gitarre für mich.

Ein früher Prototyp des neuen KM7-MKIII-Modells
Ein früher Prototyp des neuen KM7-MKIII-Modells
Ein früher Prototyp des neuen KM7-MKIII-Modells
Ein früher Prototyp des neuen KM7-MKIII-Modells

Nachdem du für eine Weile mit Seymour Duncan zusammengearbeitet hast, bist du mittlerweile auch Artist bei Fishman. Was macht diesen Hersteller für dich so einzigartig?

Das Level an Innovationswut und Experimentierfreude bei Fishman ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Tonabnehmer-Industrie.

Technologisch hat es in dem Bereich seit Jahrzehnten nicht solch bahnbrechende Entwicklungen gegeben wie das, was Fishman momentan abliefert. Am beeindruckendsten ist für mich der „Voicing-Prozess“, der natürlich top secret ist. Bei traditionellen Pickups sitzt du an einer Werkbank und wickelst auf eine bestimmte Art und Weise einen Draht um eine Spule, mehr oder weniger aufs Beste hoffend, bis du irgendwann „nah genug“ an deinen Vorstellungen dran bist. Und dann musst du darauf hoffen, dass das konsistent reproduziert werden kann.

Bei Fishman war ich dazu in der Lage, zu 100% den Sound zu erreichen, den ich im Kopf hatte. Ich wurde an einen Computer angeschlossen und war mit deren System dazu in der Lage, jeden tonalen Aspekt des Tonabnehmers in Echtzeit zu justieren. Sogar, wie perkussiv der Anschlag des Plektrums klingen würde. Das ist wirklich unvergleichlich! Ich war so nicht nur in der Lage, meinen perfekten Sound zu finden – es hat auch statt Wochen nur einen einzigen Tag gedauert. Und da die Fishman-Fluence-Windungen 3D-geprintet sind, ist das Ergebnis auch viel konsistenter als die Kupferdraht-Windungen eines traditionellen Tonabnehmers.

Die MKIII-Version der KM-7 hat sich mit ihrer schnittigen Form und Boutique-Optik emanzipiert.

Du bist außerdem auch als Musiker erfolgreich. Du hast nicht nur mit Jeff Loomis Kollaborationen gestartet, sondern unter dem Namen ‚Alluvial‘ auch mit Wes Hauch (The Faceless, Glass Casket) kürzlich ein Soloalbum unter dem Namen Merrow veröffentlicht. Was macht dir mehr Spaß? Mit anderen Gitarristen zu kollaborieren oder alleine zu arbeiten?

Mit Jeff Loomis am Conquering-Dystopia-Album zu arbeiten war eine meiner besten Erfahrungen als Musiker. Es war sehr entspannt und die Songs sind nur so aus uns herausgeplatzt. Jeff ist ein Freidenker und hat ein unglaubliches Talent. Ich bin sehr froh, dass ich mit ihm zusammenarbeiten konnte. Die Arbeit mit Wes Hauch für Alluvial war etwas methodischer. Wes überdenkt jede Note und hat eine enorm präzise Vision für seine Songs. Wir haben uns gegenseitig gepusht und der Schreibprozess war sehr emotional – definitiv etwas anstrengender als der Prozess mit Jeff Loomis. Aber ich denke, wir beide sind sehr stolz auf das Ergebnis. Solo zu schreiben ist für mich allerdings am vertrautesten. Der Prozess ist ganz anders und hat eine deutlich therapeutischere Wirkung auf mich. Ich setze mir kreativ keine Grenzen und verliere mich gern in meinen Songs.

Es ist, als würde ich einen Soundtrack für mein Leben schreiben. Und das ist nicht nur enorm erfüllend – ich brauche diesen Prozess geradezu, um bei Verstand zu bleiben.

Wie unterscheiden sich deiner Ansicht nach Conquering Dystopia, Alluvial und Merrow?

Conquering Dystopia geht quasi geradewegs in die Fresse. Jeffs Soli und Licks sind ein sehr offensichtliches Highlight, aber das Drumming von Alex Rudinger und das Bassspiel von Alex Webster sind auch Weltklasse. Wir vier haben mit unserem selbstbetitelten Album etwas geschaffen, das sich in Sachen Vibe sehr von unseren üblichen Bands und Projekten unterscheidet. Alluvial ist im Gegensatz dazu etwas schwerer und düsterer ausgefallen. Es ist nicht ganz so technisch wie Conquering Dystopia, aber die Kompositionen sind sehr emotional und intensiv. Und mein Soloalbum ,Reading the Bones‘ geht in der Hinsicht noch einen Schritt weiter. Es ist wahrscheinlich mein am wenigsten technisches Projekt und fühlt sich stattdessen noch etwas Soundtrack-mäßiger und stimmungsvoller an. Ich schreibe mein Solomaterial oft während ich international reise oder wenn ich mich allein zurückziehe. Die Songs werden somit zu einer Art Tagebuch für mich und sind entsprechend abwechslungsreich. Von düsteren bis zu optimistischen Klängen ist da eine große Bandbreite.

Du bist mit Alluvial und Conquering Dystopia getourt. Steht das auch für dein Solomaterial zur Debatte und in welcher Form kann man dich sonst live sehen?

Ich würde liebend gern ein paar Merrow-Solo-Shows spielen… und vielleicht mache ich das auch! Ich spiele meine Songs generell schon live, aber in der Regel eher in Clinics und Workshops in den USA wie Übersee. Diese Solo-Shows spiele ich wirklich gerne, da sie mir Gelegenheit geben, mit meinen Fans sehr persönlich zu interagieren.

Zu guter Letzt noch eine abschließende Frage: Jemand der so beschäftigt ist wie du, hat doch sicherlich noch ein Ass im Ärmel! Was steht für dich als nächstes an?

Es wird ein neues Conquering-Dystopia- Album geben, ich werde noch mehr Solo- Material veröffentlichen und an der nächsten Generation der Schecter KM-7 arbeiten. Außerdem entwickle ich selbst auch Produkte für Gitarristen, kann dazu aber noch nicht allzu viel verraten.

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2019)

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