(Bild: Matthias Mineur)
Vier Jahre ist es her, dass wir den britischen Bluesrock-Gitarristen/Sänger Danny Bryant zum letzten Mal persönlich getroffen haben. Damals war der 45-Jährige körperlich in keiner allzu guten Verfassung: Er hatte ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, sah müde und gestresst aus und war im Interview vergleichsweise unsicher und fahrig.
Den Grund für seinen Zustand erfuhren wir erst im vergangenen Dezember: Bryant war alkoholabhängig und dementsprechend gesundheitlich schwer angeschlagen. Doch diese Zeiten sind gottlob vorbei, wie man Mitte Januar 2026 bei seinem Comeback-Konzert im Bremer Meisenfrei unschwer erkennen kann: Der Mann wirkte deutlich jünger, entspannter und zufriedener.
Zudem zeigt sich auf dem neuesten Studioalbum ‚Nothing Left Behind’, dass er seine Lebens- und Spielfreude zurückgewonnen hat und – technisch wie emotional – besser denn je performt.
Bevor wir uns mit ihm über seine neu entdeckte Lust am kernigen, mit positiven Geschichten ausgestatteten Bluesrock unterhielten, gab Bryant freimütig Auskunft über die phasenweise sehr düstere Vergangenheit, die den freundlichen Musiker um ein Haar das Leben gekostet hätte. Aber lest selbst!
Danny, hast du eigentlich eine Idee davon, wie du seinerzeit sukzessive in den Alkoholismus hineingeschlittert bist?
Nun, so etwas geschieht ja nicht über Nacht, sondern vollzieht sich über viele Jahre. Alkoholiker können sich ihre Sucht ja meistens selbst nicht eingestehen. Und ausgerechnet im Musikbusiness ist es ganz einfach, immer weiterzumachen und es vor den anderen zu kaschieren.
Überall stehen Alkoholika herum, in der Garderobe, im Proberaum, und keiner fragt danach, weshalb man schon wieder etwas trinkt. Und als meine Ehe scheiterte und mein gesamtes Leben in Unordnung geriet, wies mich keiner darauf hin, dass ich zu viel saufe.
Am Anfang ist es nur das Bier oder der eine Whisky vor der Show, um seine Nervosität loszuwerden. Dann werden es die ersten Drinks nach dem Gig, um von der Aufregung des Konzerts runterzukommen. Später ist es der Wein zum Abendessen, der kleine Shot mal so zwischendurch, und am Ende fängt man schon morgens mit dem ersten Bier an, alles so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. So etwas verläuft ja meist zunächst sehr schleichend, richtig dramatisch wird es erst am Ende.
Bei dir sogar so dramatisch, dass es dich fast das Leben gekostet hätte, nicht wahr?
Und ob! Es war kurz vor knapp! Es gab die eine Nacht im Krankenhaus, die ich um ein Haar nicht überlebt hätte und in der mein Leben am seidenen Faden hing. Ich hatte mir eine schwere Leberzirrhose eingefangen und wurde ganz gelb, natürlich ausgelöst durch den vielen Alkohol.
Gegen diese Krankheit bekam ich schwere Medikamente, und auf die hat mein gesamter Körper allergisch reagiert. Ab da war es dann wirklich furchtbar und hätte mich beinahe mein Leben gekostet. Insgesamt war ich drei Monate im Krankenhaus, bis ich einigermaßen wiederhergestellt war.
Was hat dieser Vorfall mit dir gemacht, als Mensch, als Musiker, und vor allem als Gitarrist und Komponist?
Nun, ich denke, dass ich heute viel bewusster lebe und auch viel bewusster Gitarre spiele. Früher, unter Alkohol, nahm ich es mit dem Timing nicht so genau, weil ich in einer Art Nebelzustand war und vieles sowieso nur verschwommen wahrgenommen habe. Seitdem ich trocken bin, sind meine Lieder und Texte tiefgründiger, ehrlicher und auf eine bestimmte Weise auch positiver.
Weil du wieder mehr Spaß am Leben hast?
Das auf alle Fälle! Man verliert ja seinen Selbstrespekt, wenn man sich eingestehen muss, ein Säufer zu sein. Jetzt zu sehen, dass ich darüber hinweggekommen bin, löst auch einen gewissen Stolz in mir aus. Meine früheren Texte waren oft negativ, ich habe mich über Dinge beschwert, über andere Menschen gelästert, und so weiter. Heute sehe ich viele Dinge positiver und klarer, ich bin einfach viel optimistischer.
Was man dir Übrigen auch äußerlich ansieht. Im Vergleich zu unserem letzten Treffen wirkst du um Jahre jünger.
Oh danke, das höre ich natürlich sehr gerne. Ich erinnere mich daran, dass ich nach dieser katastrophalen Nacht, in der dem ich beinahe gestorben wäre, dem behandelnden Arzt sagte: „Wenn ich das hier einigermaßen heil überstehe, werde ich mein Leben mit anderen Augen betrachten und dankbar sein, für die vielen schönen Dinge, die mir passieren.”
Hattest du da schon neue Songs und vielleicht sogar ein neues Album im Blick?
Ja und nein. Natürlich habe ich relativ schnell nach meiner Genesung angefangen, wieder neue Songs zu schreiben. Allerdings zunächst noch ohne konkretes Ziel. Ich habe einfach Ideen gesammelt und dazu Texte geschrieben. Aber dann war relativ schnell klar, dass ich ein neues Album machen möchte und werde. Dank meines Produzenten und Rhythmusgitarristen Marc Raner und meiner Band hatte ich ja dann auch wirklich großartige Unterstützung.
Das bedeutet: Du hast neue Songs geschrieben und anschließend deiner Band erklärt, wie sie klingen sollen?
Na ja, es war eher so, dass ich zu den anderen gesagt habe: „Dies sind die Akkorde, dies ist die Melodie und dies ist der Text, schau doch mal, was du auf deinem Instrument dazu beisteuern kannst.” Insofern ist ‚Nothing Left Behind’ ein echtes Team-Album, mit Ideen und Beiträgen aller Beteiligten. Deshalb ist es auch nicht „mein”, sondern „unser” Album geworden!
Das Schöne daran: Die Songs, die wir im Studio aufgenommen haben, lassen sich problemlos auch auf die Bühne übertragen. Das war das Ziel und darauf haben wir während der Aufnahmen auch immer sehr fokussiert hingearbeitet. Es ist halt ein durch und durch ehrliches Album.
Hast du die Songs mit der Akustikgitarre geschrieben? Alles in Standard-Tuning? Oder gibt es auch Drop- oder Open-Tunings?
Alle Songs wurden auf Akustik- und E-Gitarren komponiert, immer abhängig davon, wie gerade meine Stimmung war und was am besten zum jeweiligen Song passte. Und alles ausschließlich in Standard-Tuning. Es gibt mit ‚Not Like The Others’ und ‚Redemption’ übrigens auch zwei Songs, zu denen Marc Raner die Musik geschrieben hat, und ich dann den Text beigesteuert habe.
Und es gibt auf ‚Nothing Left Behind’ einen Coversong von Bruce Springsteen!
Ja, allerdings keinen seiner offensichtlichen Hits, sondern ein Stück, das in der Öffentlichkeit weniger bekannt ist als seine großen Klassiker. Der Song heißt ‚Nothing Man’, und ich finde, er passt zu uns. Ich denke, dass wir ihm unseren eigenen typischen Stempel aufdrücken konnten.
Hast du im Studio alles mit deiner goldenen Fender Custom Shop Stratocaster und deinem Fender Hot Rod Deluxe eingespielt?
Die Stratocaster war natürlich immer dabei – ich habe übrigens noch zwei weitere aus der gleichen Serie zuhause –, aber als Amps hatte ich einen Marshall JTM45 und einen Jennings AC-40, den Mark organisiert hatte, das alles über eine Marshall-MR-1960-AHW-Box. Ach ja, und bei einem Solo kam auch eine Gibson Les Paul 59 Reissue zum Einsatz.
Was ja eigentlich ungewöhnlich für einen Single-Coil-Fanatiker wie dich ist, oder?
Ja, mag sein, aber ich habe zuhause selbst eine Les Paul, auch wenn der Großteil meiner Sammlung aus Stratocaster und Telecaster besteht. Die Les Paul kam zum Einsatz, als uns kurz vor unserer Rückreise im Studio noch ein Solo fehlte und im Aufnahmeraum diese Gitarre herumstand. Also habe ich sie kurzerhand in die Hand genommen und das Solo gespielt. Ist mir irgendwie recht gut gelungen, wie ich finde.
Ist ‚Nothing Left Behind’ eigentlich ein Konzeptalbum? Immerhin zieht sich deine jüngere Geschichte wie ein roter Faden durch die Scheibe.
Nein, als Konzeptalbum im traditionellen Sinn würde ich es nicht bezeichnen, aber es ist durchgehend autobiografisch. Es sind Songs, die meine Sucht, aber auch meine Rückkehr als geheilter Alkoholiker thematisieren. Insofern gibt es zwar einen thematisch roten Faden, aber kein durchgehendes Konzept im eigentlichen Sinne.
Könntest du beschreiben, was die neue Situation mit deinem Spiel gemacht hat?
Ich denke, ich spiele heute fokussierter, bewusster, aber auch tighter. Denn natürlich hat man ein besseres Timing, wenn man nüchtern ist. Von dieser neuen Qualität hat das aktuelle Album zweifelsfrei profitiert. Zumal ich beim Songschreiben und Produzieren einen Riesenspaß hatte.
Vermutlich klingt die Scheibe deshalb etwas weniger bluesig, sondern stattdessen rockiger, etwas geradliniger.
Ja, das könnte so sein, aber dennoch ist Blues immer noch ein absoluter Schwerpunkt in meinem Songwriting und meinem Spiel. Aber es stimmt schon, dass mein Spiel und mein Ton auf ‚Nothing Left Behind’ diesmal vielleicht mehr als früher auf einige andere meiner Helden verweist. Ich habe den Eindruck, dass ich vor allem bei den Soli etwas stärker laid back, also hinter dem Beat spiele.
Sprich: kein typisches Shredding!
Nein, ich bin generell überhaupt kein Shredder! (lacht)
Wer gehört zu deinen größten Helden?
Na ja, vor allem Otis Rush und natürlich Walter Trout, aber auch „die üblichen Verdächtigen” David Gilmour oder Eric Clapton.
Es heißt, dass du vor ein paar Jahren die Saitenstärke auf deinen Gitarren reduziert hast.
Das stimmt, ich habe viele Jahre mit 11er Sätzen gespielt. Auf meiner Ersatzgitarre waren allerdings immer 10er Sätze, und – wenn man ehrlich ist – war der Sound mit dem 10er Saitensatz kaum von dem mit 11er Sätzen zu unterscheiden.
Klar, im Studio würde ich aufgrund dieser letzten 5 Prozent mehr Sound weiterhin 11er Saitensätze aufziehen, aber auf der Bühne sparen 10er Sätze etwas Kraft, was auf einer langen Tour ja kein unwichtiger Aspekt ist.
Apropos: Du hast dir für 2026 in der Tat einiges vorgenommen, wenn man sich deinen Terminkalender anschaut.
Diese Tournee, die hier heute Abend in Bremen startet, ist tatsächlich nur der Anfang. Wir touren jetzt erst einmal durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, dann geht es für etwa einen Monat zurück nach Hause – ich lebe bekanntlich auf etwa halber Strecke zwischen London und Cambridge –, anschließend folgen von Mitte März bis Ende April unter anderem England und Niederlande, und im Mai und Juni weitere Shows in Deutschland und England. Wir freuen uns riesig auf die vielen bevorstehenden Konzerte!
(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)