Die neue Southern-Rock-Generation: weniger Distortion, mehr Lautstärke

Ben Wells & Black Stone Cherry

Black Stone Cherry
(Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

The Allman Brothers, Lynyrd Skynyrd, Molly Hatchet: Anfangs eiferte das Quartett aus Kentucky seinen Idolen nach. Heute gehören Black Stone Cherry zu den Headlinern der zweiten Generation der Southern Rock Bands. Mit Twin-Leads, Call- And-Response-Parts und klassischen Sounds kommen sie auf ihrem neuen Album ‚Family Tree‘ ihren Idolen noch ein Stück näher. Gitarrist Ben Wells gibt Auskunft.

Kaum zu glauben: Wells sieht noch immer aus wie ein pubertäres Bürschchen: klein, schmal, blass. Dabei ist er schon ganz schön rumgekommen. Mit seiner Band ist er seit stolzen 17 Jahren erfolgreich unterwegs und kann auf Shows mit Bad Company, Black Label Society und ZZ Top, dazu auf stattliche sechs Longplayer zurückschauen. Auf ihrem aktuellen Output serviert der Vierer ein kunstfertiges Konglomerat aus Southern-Vibes, Classic-Rock, Blues-Tunes und Heavy-Balladen. Und mit Allman-Brothers-Gitarrist Warren Haynes als Studiogast ging für Wells auch noch ein Traum in Erfüllung.

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Interview

Ben, wie lief das Songwriting für dieses Album?

Ben Wells: Wie immer! (lacht) Normalerweise beginnt ein neuer Song mit einem Gitarren- Riff von Chris (Robertson, der Sänger und Gitarrist) oder mir. Zuerst heißt es: Check it out! Dann: Do you like it? Wenn alle der gleichen Meinung sind, geht die Arbeit los: Intro und Parts ausarbeiten, Sachen hinzufügen oder weglassen.

Black Stone Cherry
(Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

Es heißt, ihr hättet nur moderat geprobt, weil ihr den Songs eine Portion Spontaneität im Studio verpassen wolltet.

Ben Wells: Genau. Wir wollten die Songs nicht zu Tode proben und wenn du dann ins Studio gehst, ist die Luft raus und sie klingen lasch. Wir wollten diesmal die Lockerheit einer Live- Show rüberbringen. Wir nahmen uns deshalb vor, die Demos vor den Aufnahmen nur kurz abzuhören, um den Ablauf zu kennen, mehr aber nicht. Glaub mir, es gab ein paar Songs, die wir im Studio das erste Mal gemeinsam vollständig durchgespielt haben!

Eure Songs leben von griffigen Riffs. Wie ist deine Herangehensweise?

Ben Wells: Man könnte doch meinen, alle Akkordfolgen und Harmonieverbindungen seien schon mal gespielt worden. Sicher sind wir von früheren Bands beeinflusst und können das Rad nicht neu erfinden. Natürlich zitiert jeder den anderen, bewusst oder unterbewusst. Aber wir wollen etwas Eigenständiges schaffen, etwas, das die Fans mit uns assoziieren. Wir wollen, dass sie unsere Songs mitsingen. Wenn du das erreichst, weißt du, dass du etwas Großes geschafft hast. Die Schwierigkeit daran ist die Simplizität. Hör dir zum Beispiel ‚Sweet Home Alabama‘ oder ‚Walk This Way‘ an: großartige Hymnen mit ganz einfachen Riffs. So schreibt man Ohrwürmer! (lacht)

(Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

Eure Songs haben schöne Call- And-Response-Parts zwischen dir und Chris Robertson. Sind die intuitiv oder geprobt?

Ben Wells: Die Twin-Leads wie auf ‚Burnin‘‘ sind natürlich ausgearbeitet, improvisiert funktioniert das nicht. Doch die Call-And-Response- Parts sind tatsächlich spontan. Chris und ich haben uns per Blickkontakt die Bälle zugeworfen – du bist dran – so ging das hin und her. Natürlich hofft man immer, dass etwas Brauchbares dabei herauskommt.

Ihr habt ‚Family Tree‘ selbst produziert. Das kann ein Vorteil bei der Entscheidungsfindung sein, aber auch ein Nachteil, weil niemand über die Aufnahmen drüberhört. Wie siehst du das?

Ben Wells: Uns macht das Produzieren Spaß. Wir haben wieder in David Barricks Studio aufgenommen. Er ist ein guter Tontechniker, mit dem wir inzwischen eine vertrauensvolle Arbeitsbasis haben. David ist unser zusätzliches Paar Ohren! (lacht) Er ist so etwas wie unser Produzent, der uns sagt, was seiner Meinung nach besser sein könnte. Aber wir sind sehr kritisch und treten uns auch selbst in den Hintern, wenn wir anfangen bequem zu werden.

Ihr habt einen prominenten Gast auf ‚Family Tree‘: Southern-Rock-Ikone Warren Haynes singt und spielt auf ‚Dancing In The Rain‘. Wie kam das?

Ben Wells: Wir trafen Warren erstmals bei einem Showcase, kurz bevor wir unseren Platten- Deal unterschrieben. Dann kreuzten sich unsere Wege mit Gov’t Mule immer mal wieder, zuletzt vergangenen Sommer in Memphis. Da sagten wir Warren, dass wir gerne mal etwas mit ihm aufnehmen würden und er war sofort Feuer und Flamme. Und als wir ‚Dancin‘ In The Rain‘ fertig hatten, fanden wir, der Song wäre perfekt, wenn Warren mitmachen würde. Wir schickten ihm also den Song und er sagte sofort zu. Er sang und spielte dazu und schickte uns seine Version zurück. Absoluter Wahnsinn! Er war sogar so freundlich anzurufen, ob uns gefalle, was er mache oder ob er was anderes probieren solle, stell dir vor! Wir gehen übrigens demnächst mit Gov’t Mule auf Tour. Wir freuen uns total drauf!

Auch Warren Haynes ist mit einem Gastauftritt auf ‚Family Tree‘ vertreten. (Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

Was hast du für dich diesmal im Aufnahmeprozess gelernt?

Ben Wells: Ich denke, wir alle haben gelernt, dass Einfachheit der Schlüssel zum Erfolg ist. Songs simpel halten, um sie live gut präsentieren zu können, darauf kommt’s an. Ich für meinen Teil kann sagen: je mehr Gain ich aus dem Amp rausnahm, desto fetter klang meine Gitarre! Das war eine wichtige Erkenntnis. Früher habe ich deutlich mehr Gain gefahren, das war fast schon etwas übertrieben. Heute ist mein Sound fetter denn je! Ich habe mir Angus Young angehört, Joe Perry, Jimmy Page. Auch ihr Rezept lautete: weniger Distortion, mehr Lautstärke.

Du bist bekanntlich überzeugter Les- Paul-Player. Welche Modelle hast du diesmal eingesetzt?

Ben Wells: Mein Hauptinstrument war eine Les Paul Classic. Ich mag ihren Humbucker-Sound und eine Les Paul macht den Job einfach am besten. Auf ein paar Songs hab ich noch eine 1979er Flying V gespielt. Die hat einen ganz speziellen Sound: fett, tight, sehr mittenbetont. Und für ein paar Overdubs kamen eine Telecaster und eine Gretsch zum Einsatz.

Warum ist die Les Paul so ein Klassiker, was meinst du?

Ben Wells: Weil sie die vielseitigste Gitarre ist, die es gibt. Sie wird von den unterschiedlichsten Musikern aller Genres gespielt. Ob Rock, Metal, Blues, Country, Jazz – sie erfüllt alle Anforderungen des gesamten musikalischen Spektrums. Und: die Les Paul hat einfach einen total klassischen Look, der ist einfach unschlagbar! Sie haben damals einfach alles richtig gemacht!

Wie stehst du zu Vintage Les Pauls?

Ben Wells: Es ist kein Geheimnis, dass die alten Les Pauls sehr gute Hölzer haben und gut gebaut sind. Viele dieser alten Gitarren erzählen eine Geschichte und haben eine Seele. Ich hoffe, ich finde mal eine gute. Es ist schwer, alte, wirklich gute, bezahlbare Les Pauls zu finden.

Hast du schon mal eine 1959er Burst gespielt?

Ben Wells: Ich hatte mal eine 1958er in den Händen. Und eine 1960er. Beide Gitarren waren der Wahnsinn! Die willst du am liebsten sofort mit nach Hause nehmen. Vielleicht klappt‘s ja eines Tages. Ich hätte gerne eine 1959er Burst, wenn sie denn bezahlbar wäre! (lacht)

Aber selbst dann muss nicht jeder „holy grail“ auch gut klingen.

Ben Wells: Genau. Jede dieser Gitarren hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Sie klingen alle verschieden, habe ich gehört. Du musst sie spielen und schauen, ob sie dir gefällt und zu dir passt. Aber eigentlich muss so eine Gitarre zu dir finden und nicht umgekehrt! (lacht)

Welche Amps hattest du im Studio?

Ben Wells: Diesmal nur einen Budda Superdrive 45 Head. Ein klassisch klingender, Marshallähnlicher Amp. Ein echt gutes Teil. Budda gehören zu Peavey, da bleibt das sozusagen in der Familie. Für Clean-Sounds hatte ich noch einen Fender-Bassbreaker- Combo. Ich hab diesmal alles sehr einfach gehalten.

Du hast bislang einen Peavey 3120 oder einen Peavey XXX II Head benutzt. Suchst du noch nach deinem idealen Sound?

Ben Wells: Ich bin ziemlich zufrieden mit dem Budda, denn diesmal suchte ich einen Ton der nicht so Metal-mäßig klingen sollte, sondern eher nach Classic Rock. Und den fand ich mit dem Budda. Doch wer weiß, was in fünf Jahren sein wird?

(Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

Da wir gerade bei Budda sind: du spielst auch deren Wah-Pedal und hast einen schönen Sound auf ‚Carry Me On The Road‘ oder ‚You Got The Blues‘. Erklär doch mal wie du den hinkriegst.

Ben Wells: Es gibt mehrere Fehler, die man auf dem Weg zu einem guten Wah-Sound machen kann. Der erste liegt in der Nutzung, der nächste im Sound. Manche nutzen ein Wah, indem sie das Pedal gleichmäßig hoch- und runter bewegen, das macht den Effekt langweilig. Versucht also einen gleichförmigen Bewegungsablauf zu vermeiden, Kids! Man muss lernen, sich mit dem Wah auszudrücken, eine Noten zu formen, sie stehen zu lassen oder einen ganzen Lauf zu modulieren. Was den Sound angeht, kannst du es in einer bestimmten Stellung stehen lassen, etwa um diesen typischen kehligen Sound zu nutzen. Man kann da wirklich tolle Sounds modulieren. Auf unserem vierten Album habe ich das zum Beispiel bei ‚Me And Mary Jane‘ so eingesetzt. Manche Wahs haben einen hohen Output, die klingen für mein Empfinden zu schrill, das muss man dann an der Gitarre nachregeln. Ich mag eher den klassischen Ton. Das Dunlop Jimi-Hendrix-Wah ist auch sehr gut, das nutze ich auch manchmal. Man kann ein Wah auf wirklich viele Arten kreativ nutzen.

(Bild: niki kamila, harry reese, mascot, Black Stone Cherry)

Du hast auf ‚Southern Fried Friday Night‘ mal wieder die Talk Box eingesetzt. Ein Effekt der Rock-Geschichte geschrieben hat, aber heute eher selten zu hören ist.

Ben Wells: Ich liebe die Talk Box! Ich hab den Effekt auf unserem dritten Album das erste Mal eingesetzt und jetzt wieder. Man darf sie nicht zu häufig bringen, aber sie ist wirklich geil und einfach zu handhaben.

Wirklich?

Ben Wells: Du musst dir anfangs nur klar machen, dass du jede Note die du auf der Gitarre spielst mit der Mundhöhle modulierst. Wenn du dann einmal den Bogen raus hast, ist es ganz einfach. Mit etwas Übung kommt es ganz natürlich, dass du beim Spielen durch die Gitarre sprichst.

Eure Väter und Onkel haben mit The Kentucky Headhunters selbst eine Band, als Jugendliche habt ihr deren Proberaum benutzt. Heute seid ihr berühmt. Sind sie stolz auf euch?

Ben Wells: Wir frotzeln ab und zu, aber das ist nur Spaß. Wir respektieren sie und sie uns. Wir haben viel von ihnen gelernt und lernen immer noch. Ich denke schon, dass sie ein bisschen stolz auf uns sind.

Vielen Dank fürs Gespräch!

Discografie

  • Black Stone Cherry (2006)
  • Folklore And Superstition (2008)
  • Between The Devil & The Deep Blue Sea (2011)
  • Magic Mountain (2014)
  • Thank You: Living Live (2015)
  • Kentucky (2016)
  • Family Tree (2018)

Website

www.blackstonecherry.com

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

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