Underground Nomaden:

Alexander Hacke & Danielle De Picciotto im Interview

Die Liste der Tätigkeiten von Alexander Hacke ist lang: Bassist der Einstürzenden Neubauten, Solokünstler, Filmkomponist, Buchautor und Workshop-Dozent. Seit über fünf Jahren wird das hektische Musikerleben noch durch die Tatsache kompliziert, dass der Berliner mit seiner ebenso aktiven Lebenspartnerin Danielle De Picciotto ein modernes Nomaden-Dasein führt und ohne festen Wohnsitz den gemeinsamen Musik- und Kunstprojekten hinterherreist.

Alexander Hacke & Danielle De Picciotto
(Bild: SCHMIDT, MICHAEL KRISANG)

Neustes Ergebnis der gemeinsamen Arbeit ist das Album ,Perseverantia‘, eine soundtrackartige Klangcollage aus Gitarren, Loops, seltsamen Saiteninstrumenten und ethnischen Elementen. Ständig unterwegs zu sein scheint sich auf jeden Fall positiv auf die Stimmung auszuwirken: Das Künstlerpaar ist bei unserem Interview und dem anschließenden Konzert in Frankfurt bestens gelaunt und verrät, wie sich das Reisen organisieren lässt und wie es sich in der Musik niederschlägt.

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MUSIKMACHEN

Eure neue Platte ist in der Mojave-Wüste entstanden …

Danielle De Picciotto: Ja, wir waren bei einem Bekannten in einem Studio namens Gatos Trail.

Alexander Hacke: Das Studio wird von Dan Joeright betrieben, in Yucca Valley, einem von drei Orten in der Nähe des Coachella Valley, wo auch das große Festival stattfindet. Er hat eine Scheune ausgebaut zu einem richtigen Recording-Studio

Inwiefern hat die Umgebung die Songs beeinflusst?

Danielle De Picciotto: Die Songs sind alle da entstanden. Wir sind mit unseren ganzen Instrumenten hingereist und haben von Null angefangen. Die Wüste beeinflusst einen sehr, die Atmosphäre ist unvergleichbar und die Musik, die wir da gemacht haben, hätten wir woanders so nicht hinbekommen.

 

Ich mag Sachen, die roh sind, keine glatten oder konventionellen Sachen.

 

Wie sind die Kompositionen entstanden?

Alexander Hacke: Es gibt tatsächlich keinen einzigen Edit auf dem Album, alles ist in „Real Time“ aus Improvisationen entstanden, es gibt keine Parts, die wir später zusammengeschnitten hätten. Die Stücke haben alle so angefangen und aufgehört, wie man sie auf der Platte hört.

Das heißt, ihr habt erst einen Part eingespielt und dann weitere Sachen dazu improvisiert?

Alexander Hacke: Ja, genau. Und auch die Drums habe ich gespielt, alles in einem Take (lacht)

,Awake‘ basiert auf einem sich ständig wiederholenden Gitarren-Riff.

Alexander Hacke: Das ist mit einer Loopstation gemacht, die ersten zwei Runden sind gespielt, dann wird es geloopt.

Welche Stimmung verwendest du für den Part?

Alexander Hacke: Ich stimme meine Gitarre immer auf D A D A D D und den Bass auf D A D A.

Gerade dieser Song hat ein sehr ethnisches Feeling. Beschäftigt ihr euch mit der Musik anderer Kontinente?

Danielle De Picciotto: Eigentlich eher unbewusst. Ich mag Sachen, die roh sind, keine glatten oder konventionellen Sachen. Ich mag es, wenn es Brüche gibt, z.B. Sounds von eigenartigen Instrumenten. Woher die Instrumente kommen oder was ihre traditionelle Rolle ist, ist mir eigentlich egal.

Alexander Hacke: Bei mir ist es ein bisschen anders. Ich forsche schon und höre mir unterschiedliche Instrumentierungen und ethnische Musiken an und stochere darin herum, um zu gucken was das ist.

„Perseverantia“ bedeutet Beharrlichkeit, Ausdauer. Wie wichtig ist Beharrlichkeit als Künstler?

Danielle De Picciotto: (lacht) Das ist mit das Wichtigste in der heutigen Musikindustrie.

Alexander Hacke: Ja, eine der wichtigsten Voraussetzungen im Musikgeschäft und auch für unseren Lebensstil, da wir unsere materiellen Sicherheiten mehr oder weniger aufgegeben haben und darauf angewiesen sind, dass wir unseren Weg durchhalten. Es geht bei dem Album auch um die Dinge, die wir durch dieses Leben gelernt haben. Die Titel der Stücke sind Maxime, die wir uns gesetzt haben, um dieses Leben leben zu können.

Gibt es trotz der unterschiedlichen Alben Konstanten in eurer Musik?

Alexander Hacke: Seit 2006 ist eine Konstante, dass Danielle diese seltsamen Instrumente spielt, die Autoharp, ein Cello aus Istanbul und die Hurdy-Gurdy-Drehleier .

Danielle De Picciotto: Und, dass es größtenteils Multimedia ist. Da wir viele unterschiedliche Talente haben, haben wir immer das Bedürfnis, das zusammen zu bündeln, um ein Gesamtkunstwerk vorzustellen. Das ist live am sichtbarsten.

 

 

ÜBERLEBEN

Wenn man nicht komplett davon überzeugt ist, dass das, was man macht, lebensnotwendig ist für einen selber, hält man es nicht durch.

Danielle, in deiner Graphic-Novel „We Are Gypsies Now“ hast du beschrieben, wie schwer es ist, als Künstler mit ambitionierten Projekten zu überleben. Habt ihr eine Vision für ein gerechteres System, in dem Künstler arbeiten und leben können?

Danielle De Picciotto: Ein Grundeinkommen für alle fände ich ganz gut. Berlin hat in den Achtzigern so viel Kreativität hervorgebracht hat, weil es nicht diesen Überlebenskampf gab und sich Künstler um das kümmern konnten, was ihnen wirklich am Herzen liegt. Außerdem gibt es gerade international eine Tendenz, dass sich Künstler gegenseitig unterstützen…

Alexander Hacke: … dass man sich zusammentut, dass sich statt Konkurrenz wieder Solidarität etablieren kann. Das Zauberwort ist eigentlich Nachhaltigkeit, Dieses Konzept einer Talentshow, bei der jemand diese 15 Minuten Ruhm bekommt, um dann kurz ausgebeutet und in den Dreck zurückgeworfen zu werden, ist ziemlich übel. Das wird im Moment noch propagiert und da müssen wir dagegen arbeiten.

Danielle De Picciotto: Also Perseverantia!

Ihr seid beide schon Jahrzehnte aktiv und habt auch erfolgreiche Bands und Projekte durchgeführt. Ist es frustrierend, dass sich trotzdem keine finanzielle Sicherheit einstellt?

Danielle De Picciotto: Es ist schon sehr hart und es wird auch härter. Wir sind herumgereist, weil wir dachten, dass es in Berlin ein Problem ist, dass alle alles umsonst wollen, es schlecht bezahlt und gentrifiziert wird und es nur um Geld geht. Aber wir haben gemerkt, dass es ein Zeit-Phänomen ist, in New York, Paris, L.A. ist es noch viel schlimmer. Alle haben dermaßen zu kämpfen. Dieses eine Prozent, das im Pop-Business Geld verdient, ist wirklich die Ausnahme. Wenn man nicht komplett davon überzeugt ist, dass das, was man macht, lebensnotwendig ist für einen selber, hält man es nicht durch.

Und der Back-Katalog oder GEMA-Einnahmen der Einstürzenden Neubauten helfen da auch nicht weiter?

Alexander Hacke: Nö. Das ist eher marginal. Die Neubauten sind über Jahre von ihrem englischen Label Some Bizarre abgezogen worden, wir haben an den alten Platten nicht so viel verdient.

Danielle De Picciotto: Dadurch, dass wir das schon 30 Jahre machen und beide das Glück hatten, Sachen zu machen, die international bekannt wurden, haben wir es schon einfacher als andere Leute, die nebenher noch fünf Jobs machen müssen, um zu überleben. Wir schaffen es, uns ausschließlich über unsere Kunst zu finanzieren und das ist ein Geschenk, denn ich glaube, dass Kunst oder Musik dementsprechend gut ist, wie viel Energie man reintun kann.

Inspiriert diese Unsicherheit oder ist sie oft eher hinderlich?

Danielle De Picciotto: Das ist auch inspirierend, weil man die ganze Zeit dermaßen in Frage gestellt wird und sich fragt, worum es denn im Moment geht.

Alexander Hacke: Das nennt man Existenzialismus! (lacht)

Danielle De Picciotto: Genau, das ist sehr inspirierend. (beide lachen und freuen sich sehr)

Stand jemals zur Debatte neben der eigenen Musik eine eher praktische musikalische Tätigkeit auszuüben, wie Unterricht, oder Session-Musiker?

Alexander Hacke: Ich mache schon solche Jobs, arbeite hin und wieder als Session-Musiker und wir machen Workshops, aktuell z. B. in der Akademie für Gestaltung in Karlsruhe für Video- und Sound-Bearbeitung. Wissen weiterzugeben und mit jungen, interessierten Menschen zu arbeiten ist eine tolle Sache.

Danielle De Picciotto: Ich mache auch Auftragsarbeiten, Album-Cover oder Videos z.B. für Saki oder Die Sterne. Zur Zeit singe ich auch für zwei Platten anderer Musiker im Studio.

Wie lange hält so ein Soundtrack für einen kommerziell erfolgreichen Film wie „Gegen die Wand“ vor?

Alexander Hacke: Diese Jobs sind teilweise gut bezahlt, aber natürlich auch eine ziemliche Arbeit. In Deutschland und Europa wird anders gearbeitet als in Amerika. Ein amerikanischer Filmkomponist schreibt die Musik und dann gibt es andere Leute, die die Musik an die Bilder anlegen. In Europa wird das von einer Person verlangt. Ich mache dann Maßarbeit, Frame-genau auf die Bilder und das ist eine sehr aufwendige Arbeit. Ich bin mein eigener Ingenieur und Studiomusiker.

Das Rowland S. Howard Pedal Reuss RSH 03
Das Rowland S. Howard Pedal Reuss RSH 03 (Bild: SCHMIDT, MICHAEL KRISANG)

 

GITARREN

(…)  ich versuche nach wie vor, das ganze unkonventionelle, merkwürdige Zeug auf einem hohen Niveau kultiviert zu halten.

Alex, in deinem Buch „Krach“ beschreibst du, dass du früher wenig traditionelle Kenntnisse auf dem Instrument hattest und den Wunsch eines Obdachlosen an der Spree, einen Country-Song zu spielen, ablehnen musstest. Wie sieht das heute aus?

Alexander Hacke: Die Kenntnisse hatte ich damals auch, aber ich hatte sie bewusst verlernt. Ich hatte eine Aversion entwickelt gegen eine normal gestimmte Gitarre. Der Klang, der entsteht, wenn man ohne Griff in die offenen Saiten haut und dann mit offenen Stimmungen experimentiert, hat mich da sehr weit von entfernt. Heute mit 50 bin ich da viel versatiler, ich muss viel mehr Sachen abrufen können, um innerhalb von Auftragsproduktionen funktionieren zu können. Aber ich versuche nach wie vor, das ganze unkonventionelle, merkwürdige Zeug auf einem hohen Niveau kultiviert zu halten.

Wie interessant findest du Virtuosität?

Alexander Hacke: Virtuosität wird oft als möglichst viele Noten in kurzer Zeit verstanden und davon halte ich gar nichts. Ich habe früher gesagt, ich liebe die Gitarristen, die klingen, als hätte man ihnen mit dem Hammer auf die Finger gehauen, wie John Lee Hooker. Und den anderen, die nicht so spielen, sollte man mit dem Hammer auf die Finger hauen … so extrem würde ich das heute nicht mehr sehen (lacht). Virtuosität ist für mich in erster Linie in einem Ton, einem Timbre vorhanden, Ich glaube an Sachen wie Charisma und dass sich das auch auf den hörbaren Bereich überträgt. Es gibt Leute, die müssen nur die Gitarre in die Hand nehmen und der Spirit ist da!

Übst du noch richtig?

Alexander Hacke: Ja, weniger auf der Gitarre, aber ich habe mir vor ein paar Jahren ein 5-String-Banjo zugelegt und übe Bluegrass-Picking. Im Studio habe ich auch einen Upright-Bass und spiele den oft, um die Intonation hinzukriegen, und auch als eine Art regelmäßiges Krafttraining.

Welche Gitarren und Bässe hast du auf dem Album eingesetzt?

Alexander Hacke: In erster Linie habe ich eine 1999er James Trussart Steelcaster gespielt, eine Fender-Telecaster-Kopie mit einem Metallkorpus. Das ist meine Reisegitarre, die ist für mich wie ein Schweizer Messer, aus Surgical Steel und die geht nicht so schnell kaputt. Ansonsten bekomme ich von Gibson die Thunderbird-Bässe, das ist meine Lieblings-Bassgitarre, vom Klang her, der Gewichtung und dem Hals. Ich kann auf keinem Bass so schön spielen wie auf einem Thunderbird. Ein anderes Teil, in das ich mich verliebt habe, ist ein Eastwood-Sidejack, ein Sechssaiter-Bass.

Wie ein Fender Bass VI?

Alexander Hacke: Ja, aber der Korpus-Shape ist wie der einer Mosrite-Gitarre und das Instrument hat einen breiteren Hals als die Fender Sechssaiter, die mir immer zu eng waren. Die Bässe, die man auf ,Perseverantia‘ hört, hab ich damit erzeugt; ich kann dann auch ganze Akkorde spielen, das ist super das Teil.

Benutzt du Verstärker und Mikrofone oder machst du die Sounds mit Software/Amp-Simulationen?

Alexander Hacke: In der Mojave-Wüste hatten wir einen Marshall JCM 900 und einen Vox AC30, aber ich mache viel mit Software. Ich liebe meine Native-Instrument-Sachen und mache auch viel mit Guitar Rig. Hier im Berliner Studio haben wir auch einen Orange-Amp und zwei Fender-Twin-Combos. Ein spezieller Amp ist auch der Lab Series L5, ein Transistor-Amp, gebaut von Robert Moog für Gibson. Der hat einen eingebauten Kompressor hinter der Hallspirale. Du tippst die Gitarre nur an und im Ausklang reißt dir der Kompressor den Sound inklusive des Halls hoch und es entstehen so seltsame twangy Sounds.

Wie wichtig ist ein spezielles Instrument für dich?

Alexander Hacke: Wenn ich einen Bass-Part nicht auf dem Thunderbird spielen kann, bin ich nicht glücklich, dann ist das für mich eher ein Pilot-Track. Der Sidejack ist auch ein Freak, mit dem ich Sachen mache, die ich sonst nicht machen könnte. Ich habe auch eine alte 1966er Gretsch und den Ton vermisse ich für Slide-Gitarren-Sachen schon, wenn ich nur die James-Trussart-Steelcaster dabei habe.

Wie organisierst du den Transport deines Equipments?

Alexander Hacke: In den USA ist es etabliert, dass du dein Saiteninstrument in einem Softcase an Bord nehmen kannst und da gibt es auch keine Diskussionen. Das hat sich leider in Europa nicht durchgesetzt. Bei Ryan Air musst du für eine Geige einen Sitzplatz buchen.

Wieviel kann man als Nomaden-Musiker besitzen bzw. mitnehmen?

Alexander Hacke: Verstärker auf keinen Fall. Bei den Neubauten haben wir Amps im Sattelschlepper, aber wenn ich mit Danielle oder alleine reise, habe ich meine Gitarre unter dem Arm und ein paar Tretminen im Koffer oder Handgepäck. Das war’s.

Danke für das Gespräch!

 

Alexander Hacke & Danielle De Picciotto on Stage
Künstler bei der Arbeit (Bild: SCHMIDT, MICHAEL KRISANG)

 

 

MEHR …

… über das spannende Leben von Alexander Hacke und Danielle De Picciotto erfährt man in folgenden Büchern:

  • Alexander Hacke: Krach – Verzerrte Erinnerungen (Metrolit, 2015)
  • Danielle De Picciotto: We Are Gypsies Now: Der Weg ins Ungewisse (Walde + GRAF bei Metrolit, 2013)
  • Danielle De Picciotto: The Beauty Of Transgression – A Berlin Memoir (2011)
  • Max Dax / Robert Defcon: Nur was nicht ist ist möglich – Die Geschichte der Einstürzenden Neubauten (Bosworth 2006)

 

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