High 5

Tech 21 Brit & Cali Fly Rig5 im Test

Fünf Effekte auf maximal minimiertem Raum, die Idee ist toll. Denn die Fly Rigs5 bauen so klein, dass sie problemlos im Gitarrenkoffer oder der Gigbag mitgeführt werden können. Und ihr Konzept verspricht, dass sie in unterschiedlichsten Situationen einsetzbar sein. Vor dem Amp, direkt in die P.A., als Recording Tool… Wir prüfen, was sie wirklich zu leisten imstande sind.

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Aus einer kleinen geschickten Idee ist ein großes Unternehmen geworden. B. Andrew Barta gründete Tech 21 Ende der 1980er-Jahre, als er ein kleines Pedal namens SansAmp entwickelt hatte, mit dem man u. a. elegant D.I.-Recording betreiben konnte. Ein paar Schiebeschalter und Potis eröffneten ein breites Sound-Spektrum – was für eine praktische kleine Kiste. Es gibt sie noch immer, und die Grundidee ihres technischen Konzepts prägt viele Produkte der Marke. Bei den Fly-Rig-Pedalen steht sie funktional auch wieder im Mittelpunkt. Was die beiden Multieffektgeräte unterscheidet? Die Zusätze in den Modellbezeichnungen – Brit/Cali – weisen ja schon plakativ darauf hin. Die Ausrichtung im Sound ist unterschiedlich.

FX Konzentrat

Ja, sie sind sehr kompakt gebaut, aber darunter leidet die Ausstattung nicht. Soll sagen, alle Sektionen sind so gestaltet, dass ein Optimum an Abstimmungsbandbreite geboten wird. Gut, der cleane Boost (max. 21 dB) hält lediglich einen Level-Regler bereit – liegt in der Natur der Funktion. Die anderen Sektionen präsentieren sich üppiger. Distortion ist mit Level, Tone (Höhenblende) und Drive ausgestattet. Tube Amplifier Emulation ist die Umschreibung für den Typus von SansAmp, der speziell hier bei den Fly Rig5 zum Einsatz kommt. Wie in dem Kanal eines normalen Gitarrenverstärkers sind Regler für die Einstellung der Verzerrungsintensität und der Lautstärke vorhanden (Drive, Level) und eine aktive (!) Dreiband-Klangregelung (Low, Mid, High).

Der Reverb-Effekt steht in demselben Kontext, imitiert sozusagen den Federhall eines Amps/Combos. Daher gibt es auch nur schlicht einen Intensitätsregler. Das Delay wiederum bietet vier Regelbereiche, zum Einstellen der Echo-Zeit (ca. 28 ms – 1000 ms), der Anzahl der Echowiederholungen (Repeat) sowie der Lautstärke des Effekts. Drift bewirkt, dass die Echos mehr oder weniger „eiern“, in der Tonhöhe schwanken. Warum? Weil die Sektion einem „Vintage Tape Echo“ gleichkommen soll. Drift moduliert also mithilfe eines LFO (Low Frequency Oscillator) die Echozeit, d. h. sie wird kontinuierlich in gewissem Rahmen variiert. Übliche Praxis, wenn man die Gleichlaufschwankungen eines Bandechogeräts nachahmen will. Angenehmer Nebeneffekt: Dank des LFO kann man bei entsprechender Einstellung, also sehr kurzen Delay-Zeiten auch einen Chorus-Effekt erzeugen.

Tech 21 hat einiges für den Bedienungskomfort getan. So sind alle Potis beleuchtet, in unterschiedlichen Farben je Effektsektion. Logisch, dass sie gleichzeitig als Off/On-Statusanzeige fungieren. Vier kleine Gummiringe an den wichtigsten Potis erleichtern die Handhabung. Kann man natürlich wechseln, bei anderen aufstecken. Oder wer mehr davon haben will, bitteschön, sie sind als Zubehör erhältlich. Das Umschalten erfolgt über Fußtaster mit recht festem Druckpunkt.

Tech 21 setzt dabei nicht auf den True-Bypass, sondern bedient sich der Buffer- Technik (1:1-Verstärkung), die ja durchaus Vorteile hat was Kabellängen, Anpassung und (dezentere Schalt-) Nebengeräusche angeht. Die Aluminiumgehäuse sind sehr stabil, u. a. weil sie eine Bodenplatte aus Stahlblech haben. Im Inneren findet sich modernste Platinentechnik, klar, unter Verwendung von miniaturisierten SMD-Bauteilen. Analog soll die Signalbearbeitung sein gibt Tech 21 auf der Website an. Nur ein Teil der Wahrheit: Die zugemischten Raumeffekte Delay und Reverb entstehen digital. Analog arbeitet der primäre Signalweg, der den Sound formt. Die Fußtaster sind im Übrigen lediglich mechanische Bauteile, die innen auf der Platine liegende Micro-Taster betätigen. Die halten in der Regel länger als konventionelle Fußschalter/-taster.

Effizient

Die Fly Rig5 basieren auf schon bekannten Tech-21-Produkten. Neben dem SansAmp-Preamp stammen die Distortion- Sektionen von entsprechenden SansAmp-Pedalen ab, der Reverb vom Boost RVB-Pedal, und die Echo-Sektion entspricht im Grunde dem Boost DLA-Pedal. Es handelt sich insofern also um längst erprobte Sound-Tools. Die der eine oder andere vielleicht sogar schon mit eigenen Ohren kennengelernt hat.

Da kann ja nichts schiefgehen, möchte man meinen. Ja, das können wir gerne vorab festhalten, objektive Schwächen kann man den Fly Rig5 nicht anlasten. Aufmerksame Leser werden allerdings ein kleines Manko entdeckt haben. Na? Ist es aufgefallen? Eine der fünf Funktionen ist nicht fußschaltbar, der Reverb. Das kann man aber so oder so sehen. Der eine wird sich freuen, dass der Hall automatisch mit der SansAmp-Sektion aktiv bzw. deaktiviert wird, andere Anwender wünschen sich vielleicht, dass sie ihn einzeln ausschalten könnten.

Konzipiert ist der SansAmp als Clean-Preamp. In dieser Eigenschaft überzeugt er mit präziser Transparenz, und gleichzeitig tendenziell warmem Klangcharakter. Es schlägt einem gewissermaßen der kraftvolle Ton eines Fender Twin Reverbs entgegen. Vorausgesetzt, der Verstärker, über den man spielt, gibt das her. Dank des Drive-Potis kann man dem SansAmp aber auch angezerrte Overdrive-Klangfarben entlocken, die sich mit dem Guitar-Volume bzw. der Spielweise feinfühlig in der Intensität variieren lassen, das unterstützt die Ausdruckstärke. Der aktive EQ zahlt sich durch viel Effizienz aus, er kann den Sound sehr unterschiedlich prägen und z. B. auch satt Bass nachlegen. So lassen sich u. U. Klangfarben hervorkitzeln, die man von seinem Instrument noch gar nicht kannte (ähnlich einem EQ-Pedal).

(Bild: Marlon Storck)

Wie wir oben erfahren haben, halten die Fly Rig5 für die D.I.-Anwendung keinen Umschalter bereit. Die Anpassung an die geänderte Anwendung ist allein Aufgabe der aktiven Klangregelung, insbesondere des High-Potis, das die hohen Frequenzen im Zaum halten muss. Das gelingt ihm sehr gut, d. h., die Frage des variablen Einsatzes der Pedale hinterlässt einen uneingeschränkt positiven Eindruck. Aber man bedenke, wer sein Fly Rig5 direkt in die P.A. oder seine DAW einstöpseln möchte, muss den SansAmp permanent eingeschaltet lassen. Sein Nutzen als wechselweise aktivierbare Sound-Variante entfällt.

Grundsätzlich kein Problem, denn für die verzerrten Sounds gibt es ja die Distortion- Sektion. Die Gain-Reserven liegen hoch. Wer noch mehr will, kickt halt den Boost an. Das ergibt reichlich Nachschub. Und kann natürlich auch so genutzt werden, dass man quasi Rhythm- und Lead-Distortion abruft. Aha, und das Cali Fly Rig5 klingt sicher weicher als die Brit-Version? Klar, verständlich, könnte man meinen, weil lange Zeit kalifornischer Sound, oder noch pauschaler US-Sound, die dezenteren Charaktere von Vintage-Fender-Amps u. ä. meinte. Aber hier sind mit dem Begriff wohl eher die klassischen Boogies von Mesa Engineering gemeint, und die sind nicht zwangsläufig nur „nett“ im Ton. So legt auch das Cali Fly Rig5 bei Bedarf energisch in den Höhen los. Aber ja, es hat ein viel satteres Mittenspektrum und eine mildere Schärfe im Toncharakter, singt mehr als das Brit Fly Rig5, das wirklich herb zubeißt und etwas druckvoller im Bass ist.

Kompaktes Bedienfeld, gut in der Handhabung, geschmeidige Fußtaster (Bild: Marlon Storck)

Für einen als britisch titulierten Verzerrer ist der Sound aber ungewohnt luftig in den Mitten und wirkt so im Spiel nachgiebiger als man es dem Sound-Klischee nach erwartet. Weil das Tone-Poti ausschließlich den Höhengehalt variiert, und die Distortion-Sektionen insofern rein klanglich, ab von der Verzerrungsintensität, wenig variabel sind, sollte man wirklich sehr genau hinhören, bevor man sich für eines der beiden entscheidet. Davon abgesehen bieten beide dem Spieler ein angenehmes Fundament, in dem das Sustain unterstützt wird und die angenehm harmonischen Verzerrungen im Ausklang homogen abnehmen. Kultiviertes, röhrenähnliches Timbre prägt die Sound-Formung. Keine Luxus-Verzerrer, aber sie formen den Ton doch sehr solide. Im Kontext des Konzepts und des Preises als gelungen zu bewerten, Daumen hoch. Bleibt noch das Delay, das schon mal von daher praktisch ist, weil es erlaubt, die Delay-Zeit per Tap-Eingabe im Bypass- Modus neu zu definieren bzw. bevor man es einschaltet. Ein willkommenes Plus an Flexibilität auf der Bühne. In seiner Funktion und im Klang ist es nicht spektakulär.

Schließlich kann man eine saubere, durchsichtige Signalbearbeitung als selbstverständlich erwarten. Ja, richtig, ein Standardeffekt, wäre da nicht das subtile Charisma der Drift-Modulation, die anheimelnd schwebende Echo-Flächen erzeugt. Akkorde ausklingen lassen, mit längerer Delay-Zeit, das fliegt … Und ist in dieser Ausprägung dann doch irgendwie eigen und speziell. Das Delay wird dem trockenen Signal im Übrigen nur (parallel) zugemischt, wie auch der Reverb. Zur Bedienung ist noch anzumerken, dass sich die kleinen Potis nicht so leicht verstellen. Macht also nichts, wenn man mit dem Fuß versehentlich daran kommt.

Alternativen

Da die Fly Rig5 mit analoger Technik arbeiten, kennen sie in diesem Preissegment keine Konkurrenz.

Resümee

Neu ist die Idee mit den Fly Rigs nicht. Bereits seit dem Sommer 2014 hat Tech 21 ein im Prinzip sehr ähnliches Multifunktionspedal – und danach weitere – auf dem Markt. Mit diese neuen Varianten, Brit Fly Rig5 u. Cali Fly Rig5, die im Sound neu, anders sind und um die Boost-Stufe ergänzt wurden, erreicht das Konzept ein noch interessanteres Format. Überzeugende Sounds, hoher Gebrauchswert, superhandlich verpackt, und das Ganze im Handel für knapp über € 300: Da brauchen wir gar nicht lange drumherum zu reden, der Preis ist mehr als korrekt, um nicht zu sagen regelrecht günstig. Anchecken empfohlen!

Plus

  • Bandbreite an Sounds
  • Signalqualität, Konzeption
  • vielseitig einsetzbar, Handhabung
  • Verarbeitung/Qualität d. Bauteile


Soundfiles

Hinweise zu den Soundfiles.

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, platziert vor einem Celestion-Vintage 30 im klassischen 4×12-Cab. Den Grundsound lieferte der Clean-Kanal des Amp-Modells Artist-Edition 50 von Engl.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und gemastert. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuerte die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine Steinberger GL4-T.

Die SansAmp-Sektion ist bei beiden Pedalen identisch. Zunächst ist sie über den Clean-Kanal des Amps zu hören, Clip 1 bis 3.

Die Distortion-Sektion ist das, was die Fly Rig5 unterscheidet. Hier wieder über den Clean-Kanal des Amps zu hören, Clip 4 bis 6. 

Die folgenden drei Aufnahmen sind mit aktiviertem SansAmp im D.I.-Verfahren,  direkt über das Interface, in Logic aufgenommen, Clip 7 bis 9. In den Clips 8  und 9 ist auch das Delay der Fly Rigs am Start.

Clip 10 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann. Es sind hintereinander drei Takes zu hören, die über den Clean-Kanal des Amps eingespielt wurden, no D.I. zu hören: 1. Brit Distortion, 2. Cali Distortion, 3. SansAmp Overdrive.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…, wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer!

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.


Aus Gitarre & Bass 05/2017

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