Extrem

Rivera Venus Recording Amp, Tube-Head im Test

Sieht auf den ersten Blick aus wie ein reiner Preamp, ist aber ein kompletter Verstärker. Ausgestattet mit allem, was das Herz begehrt, eine Rundumlösung für jedweden Einsatzbereich. Analog und voll mit ausgefuchster Röhrentechnik. Ein Werkzeug für Kollegen, die im „artifiziellen“ Digital-Kosmos nicht ihre Heimat sehen. Das Konzept macht große Versprechen. Wir prüfen ob und wie Venus diese einlösen kann.

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Die jüngeren Leser wissen unter Umständen gar nicht, was für eine bedeutende Persönlichkeit hinter dem Namen Rivera steht. Paul Rivera war im Grunde einer der ersten Amp-Gurus und Wegbereiter der Boutique Bewegung (neben z. B. Randall Smith, der Mesa/Boogie gründete). Er wurde 1981 bei Fender Chef der Abteilung „Marketing for Amps“ und krempelte auf der Stelle das gesamte Programm um. Mehr Gain, Sound-Schalter, zwei Kanäle – die „Series II“ machte 1982 technisch einen riesigen Schritt nach vorne (Marshall baute damals noch Einkanaler). Als Paul später sein eigenes Unternehmen führte, war ein innovatives Erkennungsmerkmal seiner Röhren-Amps die Klangregelung mit umschaltbaren Ansatzfrequenzen. Realisiert darüber, dass in den (passiven) Schaltkreisen wechselweise Kondensatoren mit unterschiedlichen Kapazitätswerten in Aktion traten. Die legendären 19″-Rack-Amps TBR-1/-M „lebten“ davon. Später war Paul Rivera lange Zeit eng mit Steve Lukather verbandelt, woraus ein spezielles Amp-Stack hervorging, bestehend aus dem Knucklehead 100-Topteil und einem Zweiwege-Boxensystem mit aktivem Sub-Bass/-Woofer das „Rivera Lukather Signature Bonehead Guitar Stack“. Ein weiterer Meilenstein in Paul Riveras Historie.

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Features satt

Also nicht nur ein Preamp, viel mehr? Allerdings! Paul Rivera hat die Aufgabenstellung in aller Konsequenz abgearbeitet. Da es um D.I.-Recording geht, ist der Venus natürlich mit einer Schaltung ausgerüstet, die frequenzkorrigierte Signale imSinne einer Speaker-Simulation bereitstellt. Und weil bekanntlich eine Röhrenendstufe entscheidenden Anteil an und Einfluss auf einen kultivierten Gitarrensound hat, gönnte Paul seinem Recording- Amp eine solche. Bestückt mit zwei 6V6-Röhren erzeugt die Power-Sektion im Class-AB-Gegentaktbetrieb nominal 25 Watt. Das entspricht in etwa dem Leistungsniveau eines Fender Deluxe. Das heißt, man kann sich mit dem Venus Recording Amp auch locker auf die Bühne trauen.

FOTO: Dieter Stork

Für das Recording ist natürlich von Vorteil, dass über Lastwiderstände (Stich wort Loadbox) die Endstufe stumm betrieben werden kann und trotzdem für den Feinschliff der D.I.-Sound-Formung zur Verfügung steht. Unterstützt wird das Unterfangen von einem 11-Band- Graphic-Equalizer, der in feinen Abstufungen speziell das Frequenzspektrum der E-Gitarre abdeckt. In die Fader integrierte LEDs verbessern die optische Kontrolle der Einstellungen. Der EQ kann wahlweise vor oder hinter der Endstufe im Signalweg liegen.

Die weitere Ausstattung entspricht dem aktuellen Layoutmoderner High-Tech-Gitarrenverstärker. So stehen gleich zwei FX-Wege zur Verfügung. Der eine ist konventionell zwischen Pre- und Poweramp angeordnet, hat einen fußschaltbaren Bypass, kann den Kanälen einzeln oder kombiniert zugeordnet werden, und ist dank Level-Potis im Send und Return maximal variabel in der Anpassung und Abstimmung zu externen Geräten. Der zweite FX-Weg liegt zwischen dem Ausgang der Endstufe und dem Recording- Out (zwei Anschlüsse: XLR symmetrisch und Klinke unsymmetrisch). Der Aux-In mit Level-Poti bietet die Möglichkeit, andere Preamps u. ä. anzuschließen oder z. B. auch Reamping zu betreiben. Wieder ist wählbar, ob der Anschluss vor der Endstufe liegt oder vor dem Recording- Out. Logisch, dass auch ein Kopfhörerausgang zur Verfügung steht.

Womit wir zu den Sound-Kanälen kommen. Klassische Anordnung, Kanal 1 ist für cleane bis angezerrte Einstellungen zuständig, Kanal 2 deckt das weite Feld der intensiveren Distortion ab, nach offizieller Darstellung entworfen und geeignet für „Classic Rock, Hard Rock, Metal oder Progressive Shred“. Der kann alles, oder was? Aber keinen Blues?! Scusi, kleine Spitze am Rande. Wir checken gleich was wirklich geht. Die Ausstattung der Kanäle wirft keine Fragen auf. Gain, Treble, Middle, Bass im Channel 1, dito im Channel 2 plus Master, Presence, und … Voicing. Da haben wir es wieder, wie oben erwähnt, einen Drehschalter, der sechs verschiedene Klangmuster in den Mitten abruft. Außerdem ist über die Pull-/Push-Schaltfunktion am Master-Volume ein Signal-Boost zuschaltbar. Auch im Kanal 1 sind, an den Potis Treble (Bright) und Middle (Notch, Ansatzfrequenz 550 oder 250 Hz) schaltbar, Sound- Korrekturen möglich.

FOTO: Dieter Stork
Viele Funktionen, übersichtlich gegliedert, in der Summe hocheffizient

Damit man die Signalpegel optimal überwachen kann, wurde dem Venus eine LED-Bar-Anzeige mit auf den Weg gegeben. Wahlweise zeigt diese die Leistung der Endstufe in Watt, oder die Signalstärke des Recording-Out in dB an. Letztere wird über den Line-Out-Fader abgestimmt. Damit haben wir erfasst, was an der Frontplatte vor sich geht. Schon viel, aber noch längst nicht alles. An der Rückseite erlauben neben diversen Anschlüssen für die FX-Wege und Lautsprecherboxen (2) drei von einem Metallbügel geschützte Mini-Switches die Ausgangsleistung zu halbieren, die Speaker-Impedanz zu ändern (4/8 oder 16 Ohm) und den Amp auf denMute-Betrieb umzustellen (wobei logischerweise die integrierte Loadbox aktiviert wird). Die 7-polige DIN-Buchse ist für das mitgelieferte Fußschaltpedal vorgesehen, das drei Funktionen fernsteuern kann, den Kanalwechsel, den Gain- Boost des Channel 2 und FX-Loop-On/Off (Kabellänge ca. 4,7 m).

In Sachen Verarbeitung und Konstruktion lässt Paul Rivera nichts anbrennen, dafür ist er schon zu lange im Geschäft. Nein, der Venus Recording Amp ist absolut solide gefertigt. Und an keiner Stelle ein Sparpaket. Hochwertigste Bauteile, Schutzschaltungen, eine Spule in der Speakersimulation- Sektion, die Drossel im Netzteil (statt der viel billigeren Widerstand- Lösung zum Filtern an dieser Stelle), eine verwindungssteifes Gehäuse aus Stahlblech mit Hammerschlaglackierung und eine Frontblende aus gebürstetem Aluminium, der Auftritt ist elegant und strahlt gediegene Qualität aus. Also alles im grünen Bereich soweit. Allerdings:Wie transportiertman das Schmuckstück? Eine Gigbag-Tasche ist nicht dabei, Rackwinkel werden von Rivera (noch?) nicht angeboten.

Tonnen von Ton

Wie man sich denken kann, bildet die ausgesprochen homogen abgestimmte Speakersimulation des Venus Recording lediglich das Fundament der D.I.- Funktion. Der Equalizer ist das eigentlich entscheidende Element. Satte 18 dB Anhebung und Absenkung schafft jeder Regelbereich – das ist um die Hälfte mehr, als mit +/-12dB gemeinhin bei Equalizern üblich ist. Entsprechend sind die Ergebnisse. Drastische Veränderungen der Klang- /Wiedergabekurve lassen sich hier realisieren. Um das praxisgerecht umzusetzen, musste Rivera natürlich die bei der Boost-Verstärkung mehr oder minder immer auftretenden Rauschanteile im Blick behalten. Kann man nur mit hochwertigsten Bauteilen minimieren. Wie hier offensichtlich geschehen, die Nebengeräusche sind im Verhältnis zum Umfang der Funktionen sehr gering. Trotzdem am Rande ein Tipp: Anstatt an mehreren Frequenzbändern mit heftigeren Anhebungen zu arbeiten (und mit der Verstärkung Rauschen zu provozieren) ist es besser, nach Möglichkeit andere abzusenken und so zu der gewünschten Frequenzkurve zu kommen.

Die Tatsache, dass der Equalizer die Signale so extrem „verbiegen“ kann, zeitigt schon aus einer einzigen Preamp- Einstellung (CH1/CH2) eine Vielzahl unterschiedlichster Klangfarben. Beeindruckend, wahrscheinlich kommt manch einer darüber zunächst kaum aus dem Staunen heraus. Insofern trifft auch zu, was Rivera verspricht, nämlich dass sich die Charaktere unterschiedlichster Verstärker nachbilden lassen, wobei man auch gerne an prominente Klassiker von Vox, Marshall usw. denken darf. Die aufschlussreiche, allerdings nur in Englisch vorliegende Bedienungsanleitung bietet auch einige Einstellvorschläge an, die die Variabilität des Venus Recording verdeutlichen. Letztlich ist die Bandbreite an charakterstarken Einstellungen, respektive Sounds, so groß, dass man sich alsbald eine Programmierbarkeit wünscht. Da es die nicht gibt, bleibt dem Anwender nichts anderes übrig, als das Bedienpanel zu fotografieren und so ein Archiv anzulegen. Die extreme Vielfältigkeit der Möglichkeiten ist auch der Grund, warum wir sie hier an dieser Stelle leider nicht annähernd erschöpfend erörtern können. Abgesehen von dem ohnehin schon sehr leistungsfähigen Equalizer, halten nämlich auch die Kanäle – insbesondere der Channel 2 – ein sehr hohes Leistungspotenzial bereit.

In der Tonformung des Channel 1 dominiert eine weiche singende Vokalität der oberen Mitten (schmeichelt Singlecoil- Pickups), markant und positiv für das Durchsetzungsvermögen. Ein Plus ist die effiziente Klangregelung. Die Notch-Umschaltung (pull) öffnet dieWiedergabe in den unteren Frequenzen,macht sie transparenter während sich eine Mittenspitze weit oben bemerkbar macht. Bei hohen Gain-Einstellungen ergibt sich harmonischer Overdrive. Mehr Variabilität und Kultur kann man von einem Clean-Kanal eigentlich nicht verlangen.

Es kommt noch besser, viel besser. Denn der Channel 2 geht weit über das hinaus, was ein Distortion-Kanal normalerweise zu leisten vermag. Einerseits spreizt sich das Gain-Spektrum sehr weit, zum anderen lockt ermit überlegenen Klangregelmöglichkeiten, der Voicing-Schalter macht es möglich. Channel 2 tritt als Sound-Chamäleon auf, das die unterschiedlichsten Farben annehmen kann. Die Mitten werden quasi durchgestimmt, bekommen Peaks und Senken in unterschiedlichen Frequenzregionen. Beim Zuschalten des Boost ändert sich ebenfalls die Klangfarbe in Richtung mehr Oberwellen und Biss in den höheren Frequenzen, gleichzeitig startet der Gain-Turbo. In diesem Kanal ist wirklich fast alles möglich, auch dezentere Klänge mit nur leichten Anzerrungen z. B. für Traditional Blues (also doch ;-). Wahre Freude kommt letztlich auf, weil sich die Distortion, egal ob fein oder Metal-mäßig ausgereizt, immer betont harmonisch ausformt. Zudem ist die Ansprache angenehm. Der Venus Recording antwortet spontan auf den Attack, feinfühlig, präzise, aber auch nachgiebig, komfortabel. Das begünstigt modernes High-Tech-Spiel mit hohem Anteil von Hammer-Ons, Pull-Offs provozierten Obertönen usw.

FOTO: Dieter Stork

Jubel, Trubel, Heiterkeit, ja, toll alles, wirklich. Ich möchte und muss aber ausdrücklich auf eines hinweisen. Der Charakter der Verzerrungen variiert nicht erheblich. Die Bandbreite an Sounds rekrutiert sich primär aus dem Manipulieren der Frequenzkurve. Die genannten Qualitäten macht der Venus Recording auch über eine gute Box gespielt frei. Als typischer Wesenszug zeigt sich, dass, so hart er mit seinen Verzerrungen zuschlagen kann, ihm doch etwas Schöngeistiges anhaftet, weil er in der Dynamik nicht betont entschlossen zulangt. Mit 25 Watt sind die Macht des Tons und die Lautstärke natürlich begrenzt. Man beachte auch, dass der Channel 1, da er kein Master-Volume besitzt, live nicht so variabel eingesetzt werden kann wie oben beschrieben (Overdrive heißt laut!). Bleibt zum ach so guten Schluss nur noch zu konstatieren, dass die peripheren Funktionen, also die FX-Wege etc. sämtlich bestimmungsgemäß arbeiten.

Resümee

Frohlocken, der Venus Recording ist eine der erfreulichsten Erscheinungen auf dem Verstärkersektor seit Langem. Ein ambitioniertes Konzept, konsequent umgesetzt, ergibt ein in seinem Leistungsumfang derzeit unschlagbar potentes Soundtool. D.I.-Recording leicht gemacht, in der Klangqualität so lebendig wie analog, extrem variabel, charakterund ausdrucksstark. Dank der umfangreichen Ausstattung überzeugt der Venus Recording auch als Live-Amp und in weiteren Anwendungssituationen. Solche Qualität, „Made in USA“ -wenn man fair abwägt, stehen Preis und Leistung in einem gesunden Verhältnis. Prädikat empfehlenswert.

Plus

  • Sound, extreme Variabilität
  • Zerrverhalten, intensiv Sustain-fördernd, harmonisch
  • exzellentes Tool im D.I.- Recording
  • maximal umfängliche Ausstattung
  • All-in-One-Lösung für unterschiedlichste Einsatzbereiche
  • geringe Nebengeräusche
  • sehr gute Verarbeitung, Qualität d. Bauteile

Minus

  • Bedienungsanleitung nur in Englisch verfügbar

Soundfiles

Hinweise zu den Soundfiles

Bei den Aufnahmen kamen für einen Vergleichs-Clip (Clip 9) ein AKG/C414 vor Celestion-Creamback in einer hinten offenen

Box zum Einsatz. Alles anderen Clips entstammen dem Recording-Ausgang des Amps.

Die Clips wurden über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und gemastert. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuerte die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine 1957-Signature-Les-Paul „Lee Roy Parnell“ aus dem Gibson-Custom-Shop.

Zwei Anmerkungen: Clip 9 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann. Hier in zwei unterschiedlichen Amp-Einstellungen, erst weniger, dann mehr Mitten.

Clip 10 demonstriert die Effizienz des Graphic-EQs (fleißiges Fader-Geschiebe), hat also keinen musikalischen Nährwert.

 

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören. Über Boxen, nicht Kopfhörer!

Fragen, Anregungen und ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.


Aus Gitarre & Bass 04/2017

 

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