Günstige Arbeitstiere, unterschätzte Underdogs, übersehene Youngtimer und vergessene Exoten: In den „Kleinanzeigen Heroes“ stellen wir euch die Geheimtipps des Gebrauchtmarkts vor, die einen maximalen „Bang for the buck“ liefern.
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Nicht größer als eine Les Paul: Dean Baby Z, Baujahr 1982, made in USA in ‚Fire Engine Red‘ (Bild: Heinz Rebellius)
Die 1970er-Jahre – eine goldene Ära für den E-Gitarrenbau? Von wegen! Vielmehr gilt diese Periode eher als Dekade des Niedergangs: Konzerne wie CBS (Fender) und Norlin (Gibson) setzten auf Profit statt Perfektion. Das Ergebnis? Gitarren aus bleischweren Hölzern, mit dicken Plastik-Lacken, schlampiger Verarbeitung und Endkontrollen, die ihren Namen nicht verdienten.
Doch dieser Qualitätsabsturz der Marktführer wirkte wie ein Startschuss für Neues. Plötzlich entstanden kleine Firmen, die die Lücken füllten: Anfangs reine Parts-Spezialisten, deren Produkte aus den mit Mängeln behafteten Seriengitarren der Großen ernsthafte Instrumente machten – und kleine Boutique-Hersteller, die sich an den goldenen Standards orientierten, die Fender und Gibson längst verraten hatten. Der Verfall der Großen wurde so zum Motor für die Kreativität der Kleinen.
Welche Firmen haben sich damals in dem Zeitraum zwischen 1970 und 1980 aufgemacht, das heruntergewirtschaftete Erbe der Platzhirsche aufzugreifen, weiter zu führen und zu verbessern – und damit die 1970er-Jahre zu einer der spannendsten Epochen der E-Gitarren-Geschichte zu machen? Der Startschuss war vermutlich 1972 mit der Vorstellung des ersten Replacement-Pickups gefallen, dem DiMarzio Super Distortion Humbucker.
Bartolini, ebenfalls mit Pickups, und Mighty Mite mit Replacement-Hälsen und -Pickups im Fender-Stil sowie Hamer Guitars mit hochwertigen, von Gibson inspirierten Gitarren, folgten. Neben weiteren Herstellern wie Charvel, Schecter, Dean, G&L und Valley Arts, die sich mehr oder weniger in bekannten Fender- bzw. Gibson-Terrains bewegten, gab es andere, die sich mit neuen Konzepten und mutigen Designs bewusst gegen die Massenware der Marktführer positionierten.
Die wichtigsten Vertreter dieser Szene waren Alembic (ab 1969) und B.C. Rich (ab ca. 1972), die hochpreisige Instrumente mit seltenen, naturbelassenen Hölzern und aufwendigen Elektroniken bauten und damit als die eigentlichen Begründer der Custom-Shop- und Boutique-Szene gelten dürfen.
DEAN BABY SERIES
Die neuen Firmen ruhten sich in der Regel nicht auf ihren ersten Erfolgen aus. Dean zum Beispiel sorgte nach den ersten Erfolgen ihrer an Gibson Flying V und Explorer angelehnten Modelle gleich weiter für Furore – und zwar mit der so genannten Baby Series, kleinere Versionen ihrer Erfolgsmodelle V, Z und ML.
Sammy Hagars Album VOA rückte die Dean Baby Series in die Öffentlichkeit
Dean Guitars war nicht nur wegen ihrer Gitarren, sondern auch der oft polarisierenden Werbung im Gespräch
Wie gut, dass mir da neulich eine Baby Z aus den 1980er-Jahren über den Weg lief und ich feststellen konnte, dass sie die gleiche Material- und Verarbeitungsqualität und den gleichen, guten Sound wie meine längst verflossene, alte und sehr, sehr gute Dean Elite hatte. Und noch besser, dass Dean Zelinsky, der Firmengründer, mir persönlich für einige Fragen rund um die Baby Series zur Verfügung stand.
Dean, wie kam es zur Dean Baby Series? Gab es da bestimmte Anfragen von Musiker:innen?
Nach der Einführung von Dean Guitars im Januar 1977 erzielte die Marke schnell beachtlichen Erfolg. Es war daher nur logisch, dass bald neue Modelle auf den Markt kommen mussten. Ich wusste, dass unsere Gitarren mit ihren auffälligen Designs zwar immer beliebter wurden, doch viele Spieler fühlten sich mit den übergroßen Bodys der V-, Z- und ML-Modelle nicht wohl.
Anfang der 1980er-Jahre hatte ich die Idee, diese Designs in ihren Formen zwar unverändert zu lassen, sie aber insgesamt mit all ihren Zacken und Kanten nicht größer als eine Les Paul oder eine Strat werden zu lassen. Allerdings sollten sie die gewöhnliche Mensur von 628 mm behalten und nicht als Kinder- oder Reisegitarren missverstanden werden.
Waren diese kleineren Gitarren in der Herstellung günstiger als eure großen?
Nein, eigentlich nicht, denn die Arbeitskosten sind ja im Prinzip gleich, egal ob die Gitarre groß oder klein ist. Dennoch war ein Teil des Plans, die Baby-Serie günstiger anzubieten. So verwendeten wir anfangs Pappelholz statt des Mahagonis, boten nur eine begrenzte Auswahl an Hardware an, verzichteten auf ein Binding des Griffbrettes und bauten auch Modelle mit nur einem Tonabnehmer. Doch schon bald wuchs die Produktpalette und Ausstattung der Baby Series, vor allem dank der zahlreichen Anfragen von Musikern.
Welche Rolle spielte beim Erfolg der Baby Series die Zusammenarbeit mit bekannten MusikerInnen?
Natürlich eine große Rolle! Nancy Wilson von Heart passte mit ihrer eher kleinen Statur perfekt zu den Babys und besaß gleich drei Modelle. Selbst Rich Williams von Kansas, ein ziemlich großer und korpulenter Typ, spielte zeitweise eine Baby, die an ihm laut Kerry Livgren (Mitmusiker bei Kansas, d. Autor) wie eine Krawattenklammer aussah … Und dann natürlich Sammy Hagar!
Wie hast du Sammy Hagar kennengelernt?
Das war schon speziell! Sammy habe ich kennengelernt, als ich mit Billy Gibbons in Florida unterwegs war. Billy hatte mich zu einer ZZ-Top-Show eingeladen, bei der Sammy mit seiner Band als Support Act mit dabei war. Wir waren damals alle im Fountain Blue Hotel in Miami untergebracht und saßen eines Tages zusammen an der Poolbar, als Billy Sammy fragte: „Warum spielst du eigentlich keine Dean?” Sammy antwortete: „Weil Dean mir nie eine gebaut hat!”
Billy sprang auf, ging auf sein Zimmer und kam mit einem Dean-Katalog zurück, den er damals tatsächlich immer dabei hatte. Sammy und ich haben dann die Details einer Gitarre für ihn direkt dort an der Bar ausgearbeitet – es wurde eine Baby ML in Fire Engine Red. Der Plan war, ihm diese Gitarre zu liefern, wenn er in meiner Heimatstadt Chicago im White Sox Baseballpark spielen würde. Und genauso kam es.
Dann erschien Sammys Album ‚VOA’, und auf dem Cover landete Sammy mit einem Fallschirm auf dem Rasen des Weißen Hauses, in den Händen seine rote Baby ML. Die Gitarre wurde nicht nur auf den Konzerten von Van Halen gespielt, in denen Sammy Hagar als Sänger/Gitarrist aktiv war, sondern in einigen seiner eigenen Videos, die damals auf MTV rauf und runter gespielt wurden.
Und wenig später kam schon die Fernost-Produktion ins Spiel …
Ja. Zuerst, also 1984, wurden die Babys noch in Japan gebaut, kurze Zeit später verlegte ich die Produktion nach Südkorea zu Cor-Tek. Dean war die erste westliche Marke dort, unsere Baby Series markierte den Start von OEM-Gitarrenproduktionen in Fernost; das hatte damals also durchaus auch eine historische Bedeutung.
Anfangs schulte ich selbst noch die Arbeiter von Cor-Tek, um die Qualität sicherzustellen. Später war ständig einer unserer Experten dort, um die Produktion zu beaufsichtigen. Bald folgten auch andere US-Marken – u. a. Fender und Kramer – unserem Beispiel, was zu einer harten Konkurrenz um ausreichend Produktionskapazitäten führte.
Irgendwann hast du deine Firma hinter dir gelassen, richtig?
Ja, genau genommen sogar zweimal. 1991 verkaufte ich Dean Guitars, um neue Projekte anzugehen und in Ruhe eine Familie zu gründen. Von 2000 bis 2008 kehrte ich als Berater wieder zurück und leitete den Wiederaufstieg der Marke Dean, verließ sie dann 2008 aber endgültig – eine Entscheidung, die ich bisher nie bereut habe.
Vielen Dank, Dean, für die Einblicke in diese aufregende Zeit!
Dean Zelinsky bat uns, klar darzulegen, dass er mit der Firma, die seinen Namen trägt, seit 2008 nichts mehr zu tun hat. Soweit ich weiß, scheint es damals unterschiedliche Vorstellungen wegen der Ausrichtung der Firma gegeben zu haben, mit denen er sich nicht mehr identifizieren konnte. Er gründete daraufhin DBZ Guitars, und seine aktuelle Firma ist Dean Zelinsky Guitars.
INFOS & PREISE
Was aus den Hintergrundinfos, die uns Dean Zelinsky lieferte, klar ersichtlich wird: Es gab nicht „die eine” Baby Series! Vielmehr gab es schon innerhalb der USA-Serie unterschiedliche Ausführungen, und die verschiedenen Serien aus Fernost mit Gitarren aus Japan, Korea und – als Zelinsky die Firma schon verlassen hatte – Indonesien und China machen das Gesamtbild schwer durchschaubar.
Ich konnte meine Hände an eine Made-In-USA Dean Baby Z aus den frühen Jahren der Baby-Serie legen, die aus den „guten” Materialien wie z. B. leichtem Mahagoni gebaut und zeitgemäß mit zwei DiMarzio Super Distortion bestückt war – und das war einfach eine rundum großartige Gitarre, bei der alles stimmte: Verarbeitung, Spielgefühl, Sound.
Bild: Heinz Rebellius
Zweimal DiMarzio Super Distortion
Bild: Heinz Rebellius
Und ja, auch die Größe stimmte, denn wie eine Kindergitarre hat sich diese zierliche Z, die gerade mal 2,9 kg wiegt, nie angefühlt. Eine solche Baby V, Z oder ML aus der ersten USA-Serie wird heute mit ab ca. € 1000 bis hinauf zu € 1500 gehandelt. Die fernöstlichen Babys sind natürlich günstiger zu haben; hier geht es je nach Modell bereits ab € 200 los. Allerdings stellen diese Instrumente bei weitem nicht das dar, was die klassischen USA-Baby-Deans aus den 1980er-Jahren ausmachten.