Genial! Genial?

JHS The Bonsai im Test

JHS Bonsai
(Bild: Dieter Stork)

Tube Screamer. Schon mal gehört den Begriff? Nein?! Komm, hör auf, das ist doch ein Bluff. Jeder Gitarrist kennt den Tube Screamer, die froschgrüne Legende unter den FX-Pedalen. In verschiedensten Versionen bevölkert er den Planeten. Und jetzt dieser Hammer: Neun Modelle in einem Kästchen, doll.

neun auf einen streich

JHS weist in den Infos sehr nachdrücklich darauf hin, dass das Pedal nicht auf Emulation basiert. Verständlich, so wie das Modeling auf dem Markt „grassiert“, könnte der potentielle Anwender leicht auf die Idee kommen, dass dem The Bonsai digitale Nachbildungen zugrunde liegen. Nein, das hier ist analog!

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Entstanden, wie JHS erklärt, indem man eine Vielzahl von Pedalen aus der TS-Familie testete – nicht nur die von Ibanez – und letztlich eben neun davon ausgewählt und präzise, technisch detailliert repliziert wurden. Dementsprechend ist der Aufwand. Mit altherkömmlichen Bauteilen ist dies auf so kleinem Raum nicht möglich. SMD-Komponenten bilden das Rückgrat der Schaltung, die ungewöhnlich für ein Distortion-Pedal „horrende“ 100 mA verspeist – Batteriebetrieb ist daher logischerweise nicht vorgesehen. Der Blick ins Innere verdeutlicht warum. Immerhin elf ICs wollen versorgt sein.

Die Regelmöglichkeiten beschränken sich auf das klassische Layout. Drei Potis, „Drive“ zum Einstellen der Verzerrungsintensität, „Tone“ für die Klangabstimmung und „Volume“/Lautstärke. Über einen Drehschalter werden die neun TS-Typen angewählt, die sich laut JHS wie folgt spezifizieren:

OD1/1977: Invertiert das Signal wie das Original und erzeugt symmetrisches Clipping.

808/1979: Eben das, der 808 in Reinkultur, ohne „Tweaks“.

TS9/1982: Annähernd identisch mit dem 808-Typ, aber mit leicht hervorgehobenen Tiefmitten.

MSL/1985: Metal Screamer. Mehr Gain im Sound, kräftiger in den Bässen.

TS-10/1986: Ist ein Upgrade des TS9, Bassbereich verschlankt, wenig Gain.

XR/1989: Bezieht sich auf das aus Polen stammende Pedal „Exar“. Soll etwas transparenter arbeiten und etwas mehr Gain entwickeln als die klassischen Tube Screamer.

TS7/1999: Im Bonsai der Modus mit den höchsten Gain-Reserven. Starke Bässe, mehr „Schmutz“.

Keeley Mod Plus/2002: Robert Keeley Classic Mode nachempfunden, macht den Ton kompakter, liefert geschmeidigere Mitten und Höhen bei intensivierter Basswiedergabe.

JHS Strong Mod/2008: Seit seinem Erscheinen 2008 unverändert, sauberer, kraftvoller, deutlicher in den Höhen. Aufbau und Verarbeitung des The Bonsai sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Wie heutzutage Usus, ist der Fußschalter Teil einer True-Bypass-Schaltung.

JHS Bonsai
(Bild: Dieter Stork)

klon-screamer

Mein erster Gedanke war „das müssen wir im Test dann natürlich zumindest mit einigen originalen Vorlagen vergleichen“. Fata Morgana, wenn man die JHS-Infos zum Produkt wirklich aufmerksam liest, lösen sich derartige Ansätze in Luft auf. Dort wird ausdrücklich erwähnt, dass die „Werteveränderungen von Bauteilen zu berücksichtigen waren“ denn viele der schlussendlich ausgewählten zu replizierenden Pedale seien ja „Dekaden alt“ (was die Jahreszahlen hinter den Typenangaben verdeutlichen). Vor diesem Hintergrund sind vergleichende Objektivierungsversuche im oben genannten Sinne hinfällig.

Damit man einen Bezugspunkt bekommt, ist es natürlich trotzdem sinnvoll, eine Referenz zu Rate zu ziehen. Dafür habe ich den aktuellen Ibanez/TS808 ausgewählt. Klarer Unterschied, der 808-Modus des The Bonsai wirkt bei höherer Verzerrung dichter und in den unteren Frequenzen deutlich fetter. Was meines Erachtens nach als Vorteil zu werten ist. Im Charakter sind sich beide allerdings im Prinzip sehr ähnlich.

Wer große Unterschiede zwischen den Modi 808, TS9, MSL und TS10 erwartet, wird u. U. enttäuscht sein. Im Klangbild der Verzerrungen gleichen sie sich weitgehend. Unterschiede bilden sich im Bassdruck ab, in den Mitten verlagern sich – subtil – die Peaks an unterschiedliche Frequenzbereiche. Zwei Hinweise dazu: Wer z. B. einen im Bass schlanken Combo-Amp benutzt, wird von den Unterschieden in den tiefe Frequenzen wenig hören. Und die Mittenausprägungen werden auch nur dann deutlich, wenn man am Amp den Mid-Regler weit aufdreht.

Nächster TS-Typ. Das Klangbild des OD1- Modus ist im Vergleich betont offen, höhenreicher, im Charakter etwas härter, weniger singend als die oben genannten vier. Wird XR aktiviert, geht sozusagen ein Ruck durch den The Bonsai. Mehr Druck, der Ton steht präsenter da, wie von einem Exciter aufgefrischt. Bildlich gesprochen, gibt er den energischen Vintage-Marshall während die anderen bisher genannten den feineren BF-Fender-Overdrive generieren.

Der TS7-Modus bleibt im Fahrwasser des XR, geht aber noch einen Schritt darüber hinaus, satt im Gain, vollfett im Ton mit einem breit „wuchernden“ Mittenspektrum – bäriger Tube Screamer das. Ähnliche Attitüde in der nächsten Schalterstellung „Keeley Mod Plus“. Eine weitere Variante eines TS-Kraftmeiers: Low-Mids schlanker, Höhenbiss vorhanden, aber dezenter als beim TS7. Beide, TS7 und Keeley, beinhalten im Sound Nuancen von Fuzz-Distortion.

Der JHS-Modus entfernt sich weit, am weitesten vom Ursprung. Kaum noch Tube Screamer, ist die Sound-Formung breitbandig extrem kraftvoll, in den Mitten zurückhaltend, höhenreich und darin durchaus fordernd offensiv. Geringere aber immer noch so hohe Gain-Reserven, dass bei Akkorden ein fettes Brett entsteht. Erinnert zuweilen an das Zerren alter Ampeg-Amps. Funktioniert eindrucksvoll als nur subtil kolorierender Booster vor einem selbst schon an-/verzerrenden Amp.

Fassen wir zusammen: die neun Modes heben sich nicht alle so markant voneinander ab, dass sie im Mix bzw. dem Band-Geschehen unbedingt deutlich mit eigenem Charakter erkennbar werden. OD1 und JHS stehen für sich, während 808, TS9, MSL und TS10 eine homogene Gruppe bilden. Bleibt noch das sich weniger gleichende Power-Trio mit den muskulösen Sounds: XR, TS7 und Keeley. Aber immerhin, man kann so von mindestens vier, wenn nicht gar sechs unterschiedlichen Sounds reden. Chapeau!

Der einzige Bug am The Bonsai ist, dass die grüne Status-LED doch ziemlich arm leuchtet.

resümee

So etwas wie den The Bonsai gibt es zur Zeit kein zweites Mal auf dem Markt. Entsprechend ist die Resonanz. Den Hype, der mancherorts in Produktvideos um das Pedal gemacht wird, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Tatsache ist aber, dass The Bonsai das Thema effizient, ausgesprochen variabel und klanglich hochklassig interpretiert. Maximaler Gebrauchswert garantiert. Und wenn man das Preisgefüge des Umfelds im Auge hat, ist The Bonsai im Preis-/Leistungsverhältnis mehr als gesund.

www.jhspedals.com

Preis: UVP/Street ca. € 306/259

JHS Bonsai


Hinweise zu den Soundfiles

Für die Aufnahmen kamen zwei Kondensatormikrofone mit Großflächen-membran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, beide nahe platziert vor einer konventionellen 4×12-Box bestückt mit Celestion Vintage 30. Den Grund-Sound liefert der Clean-Kanal des Diezel VH2.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt.

Das Instrument ist eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg).

Die Soundfiles vergleichen TS-Types anhand wiederkehrend gleich gespielten Figuren. (Wichtig! Ein solcher Vergleich macht nur Sinn wenn jede einzelne Passage eines TS-Typs zunächst im Pegel normalisiert wird und erst dann die Folgen zusammengestellt werden. Was hier natürlich genau so geschehen ist.)

Ansonsten: Nicht wundern, wenn man wenig Sound-Differenzen zwischen den Typen  „808 TS9 MSL TS10“ erkennt. Sie sind sich ziemlich ähnlich.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

Text + Musik: Ebo Wagner (GEMA)

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2018)

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