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In einer Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind, ist Wissen an sich kein Vorteil mehr. Entscheidend ist die Fähigkeit, dieses Wissen anzuwenden. Ein Beispiel hierfür ist das Sprachenlernen: Vokabeln und Grammatik zu kennen, bedeutet noch lange nicht, eine Sprache sprechen zu können.
Erst durch aktives Üben – Sprechen, Fehler machen, korrigieren – entsteht echte Kompetenz. Dies ist sehr gut mit dem Erlernen eines Instruments vergleichbar.
Gerade für Anfänger ist es schwierig, eigenständig einen strukturierten Übungsplan für diese Kompetenzen zu entwickeln, da ihnen die „Landkarte” des jeweiligen Fachgebiets fehlt. Aus diesem Grund ist die regelmäßige Zusammenarbeit mit einer Lehrperson besonders hilfreich.
Würde man eine thematische Landkarte für das Bassspiel entwerfen, könnte man sie in mehrere Bereiche gliedern und einzelne Inhalte ließen sich in mehrere Kategorien einordnen. Wichtig ist, dass es zwei Hälften gibt: das analytische Üben und das musikalische Üben.
| Musikalisches kreatives Üben |
Analytisches Üben |
| Groove (Schwere und leichte Zählzeiten, Stilistik, Sound, Tonlängen, Feel, etc.) |
Rechte Hand (Fingerpicking, Plektrum, Slap, Palm Mute, 4 Anschlagspositionen, künstliche Flageoletts, Artikulation, div. Spieltechniken, Muting, etc.) |
| Phrasierung (Hin- und Abphrasieren, Klimax, Artikulationen, etc.) |
Linke Hand (Fingersätze, Akkorde, Double Stops, Lagenwechsel, Flageoletts, Griffbrettkunde, Left Hand Mutig, etc.) |
| Improvisation (Improvisationen über bestimmte Akkordfolgen aber auch das freie Improvisieren) |
Harmonielehre (Akkorde, Stufen, Kirchentonleiter, Blues-Skala, Pentatonik, Symmetrische Skalen, Alterierte Skala, Modal Interchange, Substitute, etc.) |
| Tonlängen (Wie lang klingt ein Ton wirklich? Minimale Unterschiede haben eine große Wirkung) |
Noten lesen (Rhythmus, Bassschlüssel, Violinschlüssel, Akkorde, Bindebögen, Artikulation, Dynamik, Wiederholungszeichen, Leadsheet lesen, etc.) |
| Time & Feel (In the Pocket, Laid Back, unterschiedliche Stilistiken etc.) |
Artikulation (Staccato, Legato, Slides, Triller, Hammer On, Pull Off, Shake, etc.) |
| Transkription (Melodie, Akkorde und Basslinien von den verschiedensten Instrumenten transkribieren – Stücke die dich fesseln) |
Stile (Pop, Rock, Punk, Heavy Metal, Soul, R&B, Disco, Funk, House, HipHop, Grunge, Rock’n’Roll, Country, Gospel, Blues, Reggae, Salsa, Samba, Shuffle, Bossa, Nova, Afro Cuban, etc.) |
| Komposition (Eigene Stücke entwickeln: Akkorde, Melodie, Groove, Basslinie, Text, etc.) |
Hören und Nachsingen |
| Sound (Sound aus den Fingern, Effektpedals, etc) |
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Mithilfe dieser „Karte’ erhältst du einen Überblick über die Themen, aus denen du beim Üben wählen kannst. So bleibt dein Üben abwechslungsreich und interessant. Unabhängig davon, wie viel Zeit dir zur Verfügung steht, empfehle ich, deine Übungseinheiten in zwei gleich große Bereiche zu unterteilen.
Eine Hälfte sollte dem analytischen Üben gewidmet werden, die andere der musikalischen und kreativen Auseinandersetzung. Ein möglicher Übeplan für 50 oder 30 Minuten könnte zum Beispiel so aussehen:
| 50 Minuten |
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| Analytisches Üben (25 min.) |
Kreatives Üben (25 min.) |
| Warm Up (5 min.) |
Transkribieren (10 min.) |
| Rhythmus- und Skalentraining (10 min.) |
Improvisation (15 min.) |
| Techniktraining (10 min.) |
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| 30 Minuten |
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| Analytisches Üben (15 min.) |
Kreatives Üben (15 min.) |
| Warm Up (5 min.) |
Basslinie komponieren (15 min.) |
| Rhythmus-, Skalen- oder Techniktraining (10 min.) |
|
Feedback ist ein entscheidender Faktor. Ohne Rückmeldung ist es schwer, eigene Fehler zu erkennen. Idealerweise kommt Feedback von erfahrenen Lehrenden. Wenn das nicht möglich ist, empfiehlt es sich, Vorbilder zu analysieren und die eigenen Leistungen zu dokumentieren, zum Beispiel durch Video- oder Audioaufnahmen.
Ein Übetagebuch kann diesen Prozess sinnvoll unterstützen. Zu Beginn empfiehlt es sich außerdem, eine Bestandsaufnahme zu machen: Wo stehe ich aktuell? Welche Fähigkeiten beherrsche ich bereits und welche Kompetenzen möchte ich entwickeln?
Diese Selbstanalyse bildet die Grundlage für ein zielgerichtetes und effizientes Üben. Viele Menschen sabotieren ihren Lernprozess, weil sie nur das spielen, was sie bereits können, oder weil sie gedanklich ständig beim Ergebnis sind („Wann bin ich endlich fertig?’), statt den Prozess wertzuschätzen.
Wer das schafft, arbeitet konzentrierter und mit mehr Freude. In diesem Zustand, der oft als „Flow’ beschrieben wird, entstehen nachhaltige Fortschritte.
DELIBERATE PRACTICE
Deliberate Practice ist eine wissenschaftlich fundierte Methode zur systematischen Entwicklung von Fähigkeiten. Dieser Ansatz basiert auf fünf zentralen Merkmalen.
Volle Aufmerksamkeit
Lernen erfordert hohe Konzentration. Wer sich ablenken lässt, multitaskt oder nur halbherzig übt, wird kaum Fortschritte erzielen.
Üben außerhalb der Komfortzone
Wachstum entsteht dort, wo es anstrengend wird: durch das gezielte Wählen herausfordernder, aber nicht überfordernder Aufgaben, die Akzeptanz von Fehlern als notwendiger Teil des Lernprozesses und die regelmäßige Reflexion darüber, was aktuell schwerfällt und warum.
Fokus auf die Grundlagen
Komplexe Fähigkeiten müssen in kleine, beherrschbare Einheiten zerlegt werden. Erst wenn die Grundlagen sitzen, sollte man zum nächsten Schritt übergehen. In vielen Disziplinen wollen Lernende zu schnell zu komplexen Anwendungen übergehen, ohne die Grundlagen ausreichend zu beherrschen.
Unmittelbares Feedback
Rückmeldungen sind entscheidend, um Fehler wahrzunehmen und gezielt zu korrigieren. Idealerweise stammen sie von Lehrenden. Sie können aber auch durch ein Übetagebuch sowie Audio- und Videoaufnahmen ergänzt werden.
Ausdauer über lange Zeit
Entscheidend ist konsequentes Training über Jahre hinweg.
Viel Spaß beim Üben!
(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)