Im Interview

Al Pitrelli & Savatage: Die US-Metal-Legende ist zurück

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(Bild: Bob Carey)

Zehn Jahre lang hat man nach ihrem großartigen Abschiedsspektakel beim 2015er Wacken Open Air, das auf zwei riesigen Bühnen gleichzeitig stattfand und von den Fans frenetisch gefeiert wurde, nichts mehr von Savatage gehört. Doch nun ist die amerikanische Metal-Legende zurück. Im Juni gastierte sie unter der Leitung von Leadgitarrist Al Pitrelli zweimal in Deutschland, zwar – wie erwartet – ohne ihren erkrankten Sänger und Keyboarder Jon Oliva, ansonsten aber in Originalbesetzung.

Seither kursieren Gerüchte, dass sogar ein neues Studioalbum in Planung sei. Es wäre das erste seit dem Tod ihres Produzenten und Songschreibers Paul O’Neill im April 2017, der die Band seit 1987 betreut und künstlerisch geformt hat. Dass O’Neill und Oliva dennoch auch auf einem kommenden Werk präsent sein werden, erklärt Pitrelli, der trotz der langen Pause nichts an Ehrgeiz eingebüßt hat.

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INTERVIEW

Al, könntest du als musikalischer Leiter von Savatage die größten Unterschiede zwischen 2015 und 2025 beschreiben?

Als wir 2015 zum letzten Mal mit der Band aufgetreten sind, war es eine Kombination aus Savatage und dem Trans-Siberian Orchestra. Die Show, die Proben, die gesamte Performance waren damals für einen Gig vor 80.000 Zuschauern ausgelegt. Diesmal dagegen bringen wir eine reine Savatage-Show auf Tour, man findet also nichts von der TSO-Produktion, es gibt keine Background-Sänger, keine Statisten, nichts.

Wir gehen wie eine ganz normale Rockband aus dem Jahr 1996 auf die Bühne. Aber wie dir Johnny Lee (Middleton, Bassist, Anm. d. Verf.) und Chris (Caffery, Gitarrist) vermutlich schon erzählt haben, sind wir heute individuell bessere Musiker, daher sind Savatage auch als Kollektiv deutlich stärker. Wir haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, dass nicht die individuelle Performance, sondern der Song das Wichtigste ist.

Daher haben wir uns bei den Proben die Arrangements der Stücke besonders genau angeschaut. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber als ich ein paar Monate vor Tourstart anfing, die Songs zu lernen und mich auf die Shows vorzubereiten, habe ich mich tiefer als jemals zuvor in den Backkatalog eingegraben und Dinge entdeckt, die ich vorher noch nie gehört hatte.

Das liegt allerdings auch daran, dass mein Gehör mit zunehmendem Alter feinsinniger geworden ist. Als musikalischer Leiter habe ich das gesamte Savatage-Material genau analysiert, sämtliche Klavierparts, alle Gitarrenparts und -harmonien, die Background-Vocals. Mein Ziel war, alle Details zum Leben zu erwecken und das beste Programm auf die Bühne zu bringen, an dem ich jemals beteiligt war.

Gilt dieser Anspruch auch für den Leadgitarristen Al Pitrelli?

Ich analysiere die Stücke nicht als Leadgitarrist, sondern beurteile das Gesamtkunstwerk. Ich bin jetzt seit 30 Jahren bei Savatage, und wenn ich heutzutage mit der Band probe, höre ich Dinge völlig anders als früher. Ich möchte, dass unser Publikum die Songs exakt so präsentiert bekommt, wie man sie auf den entsprechenden Alben findet, nur halt verdammt viel lauter.

Warst du nach der langen Pause überrascht, wie komplex die Songs sind?

Ja, das war ich tatsächlich, ehrlich gesagt hatte ich es fast vergessen. Wir haben dermaßen lange nicht mit Savatage gespielt, dass es sich wie eine andere Band anfühlt. Denn wenn ich mir Dinge nicht permanent anhöre, verschwinden sie irgendwann aus meinem Gedächtnis.

In der Zwischenzeit musste ich mich auf viele andere Projekte konzentrieren, die bei mir beruflich angesagt waren, und hatte dabei ein wenig das Sav-Gefühl verloren. Aber wenn ich mir jetzt die alten Songs anhöre, zum Beispiel ‚Handful Of Rain’, ‚Taunting Cobras’ oder was auch immer, denke ich: Das ist wirklich verdammt großartige Musik! Fabelhafte Kompositionen, ein grandioser Schreibstil mit tollen Arrangements, und – was noch viel wichtiger ist – ein Riesenspaß, diese Nummern zu spielen.

Bedeutet das im Umkehrschluss: Vor zehn Jahren waren die Live-Versionen der Songs noch unvollkommen, und erst heute spielt ihr sie perfekt?

Ich habe vor langer Zeit ein sehr treffendes Zitat gehört und lebe seither danach. Es lautet: Eine perfekte Kunst ist eine tote Kunst. Weißt du, was ich meine?

Ja, natürlich.

Ganz offensichtlich ist das, was wir machen, eine künstlerische Leistung. Je mehr wir uns als Musiker weiterentwickeln und besser und präziser werden, umso mehr entwickeln sich auch die Songs. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Präsentation der Stücke grundlegend geändert hat, abgesehen davon, dass wir jedem Detail große Aufmerksamkeit schenken.

Viele Leute im Publikum wissen nicht, weshalb sie die Songs so sehr lieben, sie spüren nur, dass diese Band einen verdammt guten Job macht. Falls wir unseren Job nicht gut machen, werden die Fans zwar nicht unbedingt die Gründe dafür erkennen, sondern vermutlich nur denken „Gott, das war jetzt aber nicht so pralle.”

Deshalb achten wir auf jede Kleinigkeit, denn wir wissen, wie wichtig das fürs Gelingen ist. Das ist auch der Grund, weshalb wir neuerdings mit In-Ear-Monitoring spielen. Jetzt können wir uns gegenseitig so gut hören, als lägen die Songs unter einem Mikroskop, und noch besser auf Details achten.

Hat diese „Mikroskop-Situation” auch Auswirkungen auf dein aktuelles Equipment?

Nein, Gear ist Gear. Ich werde immer eine Les Paul über einen Marshall spielen, das mache ich schon seit 50 Jahren. Allerdings macht mich das In-Ear-Monitoring zu einem präziseren Spieler, da es auf der Bühne nicht mehr so undefiniert wie früher klingt, mit Sidefills, Backline, Wedges und vier bis zwölf dröhnenden Boxen.

Jetzt ist es buchstäblich direkt in den Ohren, wie bei einem Kopfhörer. John Lee behauptet immer, er könne mich in seinem Nacken atmen hören. Und ich wiederum kann hören, ob John Lee mit Plektrum oder Fingern spielt, und ob wir im exakt richtigen Timing sind.

Im Gegensatz zu früher ist jetzt alles sehr offensichtlich. So gesehen macht uns die moderne Technologie zu einer besseren, einer deutlich tighter spielenden Band, bei der jeder jede Note hört. Und deshalb übt man dann auch gerne 250 Stunden für eine 90-minütige Show.

Gibson Les Paul Studio, Baujahr 2001
Gibson Les Paul Standard, Baujahr 1999

Ich vermute, dass du auch weiterhin kein Pedalboard hast, richtig?

Yes, Sir, das ist korrekt! Ich mag den Sound, wenn die Gitarre direkt in den Verstärker gespielt wird. Ich habe lediglich einen Kanalumschalter, mit dem ich zwischen einem cleanen, einem Crunchy- und meinem Solo-Sound hin- und herschalte. Es ist einfach nur ein Controller für den Amp.

Du variierst deinen Sound also nach wie vor ausschließlich mit den Potis deiner Gitarre!

Genauso ist es, so mache ich es schon seit 1972. Ich habe lediglich ein Fractal Audio in meinem Rig, für Delay und etwas Hall, und hole ein wenig zusätzlichen Hall aus meinen Marshall JVMs. Ansonsten bin ich kein Freund von Effektgeräten.

Pitrellis Rack mit Fractal Audio Axe-Fx (Bild: Matthias Mineur)

Es heißt, dass Savatage an Material für ein neues Album arbeiten!

In den zurückliegenden Jahren haben sich alle Bandmitglieder mit Jon Oliva getroffen, um mit ihm Songs zu schreiben. Das gilt auch für mich. Jon und ich haben uns mit Klavier und Gitarre hingesetzt und einfach losgelegt: „Okay, hier ist ein Riff, hier ist eine Idee! Was könnte man daraus entwickeln?”

Und jedes Mal fragten wir uns, was wohl Paul O’Neill dazu beitragen würde, welche Vision er für diesen oder jenen Song haben könnte? Wir haben so viele Jahrzehnte mit Paul gearbeitet, dass wir ihn musikalisch sehr gut kennen. Es ging also darum, herauszufinden: Wo würde er nach links abbiegen? Wo würde er orchestral werden? Wo würde er etwas Dynamisches machen?

Doch die schwierigste Frage war: Was würde er textlich ausdrücken wollen? Ich habe versucht, Ideen in der Tradition von ‚The Wake Of Magellan’ oder vielleicht auch ‚Dead Winter Dead’ zu entwickeln. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, was ich – im Gegensatz zum 33-jährigen Al Pitrelli – als 63-Jähriger schreiben sollte.

In den zurückliegenden zehn Jahren habe ich sehr viel Klassik gehört, häufig Klavier gespielt und Orchestrierungen studiert. Das hat sich auf mein Songwriting ausgewirkt, man findet in meinen Ideen jetzt zum Beispiel Rachmaninow-Einflüsse. Außerdem habe ich vor kurzem die Partitur von Tschaikowskys sechster Symphonie studiert, die sogenannte ‚Pathétique’.

Einige der Akkordbewegungen sind absolut atemberaubend, das versuche ich auch auf meine eigenen Kompositionen zu übertragen. Ich finde, dass mein Songwriting dadurch mehr an Tiefe gewonnen hat. Wenn man die bisherige Entwicklung der Savatage-Alben von ‚Dead Winter Dead’ über ‚The Wake Of Magellan’ bis zu ‚Poets And Madmen’ verfolgt und sich diese Richtung weiterdenkt, wird man vermutlich einiges davon auf dem nächsten Album entdecken.

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)

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