Ein Interview mit Matt Masciandaro zum goldenen Jubiläum

50 Jahre ESP Guitars: Von Tokyo bis Hollywood

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(Bild: ESP Guitars)

Was 1975 als kleine Gitarren-Reparaturwerkstatt von Hisatake Shibuya in Tokyo begann, ist heute eine der renommiertesten Gitarrenmarken der Welt. ESP Guitars feiert 2025 sein 50-jähriges Bestehen – ein halbes Jahrhundert, das die elektrische Gitarre nachhaltig geprägt hat.

Zunächst nur für den Verkauf von Ersatzteilen gedacht, wagte ESP 1983 den Sprung zur eigenen Gitarrenproduktion. Drei Jahre später, 1986, eröffnete das Unternehmen mit „48th Street Guitars” seine erste US-Niederlassung in Manhattan. Zu der kleinen Gruppe von etwa sechs Personen, die ESP in Amerika etablierten, gehörte auch ein junger Mann namens Matt Masciandaro.

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Matt Masciandaro (Bild: ESP Guitars)

Fast vier Jahrzehnte später ist Masciandaro President und CEO von ESP USA und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ESP zur ersten Wahl für Metal-Ikonen wie James Hetfield (Metallica), Alexi Laiho (Children of Bodom) und unzählige andere wurde. Unter seiner Führung baute ESP nicht nur legendäre Signature-Modelle, sondern war dabei, als ESP 1996 mit der LTD-Serie eine erschwingliche Linie einführte, die ESP-Qualität einem breiteren Publikum zugänglich machte.

Von den frühen Custom-Aufträgen für Session-Musiker im New York der 80er Jahre bis zur Eröffnung der ersten US-Fabrik in North Hollywood 2014 – Matt Masciandaro war bei allen entscheidenden Momenten dabei. Zum 50. Geburtstag von ESP sprachen wir mit ihm über die Anfänge in Manhattan, legendäre Künstlerpartnerschaften und die Zukunft einer Marke, die Metal-Geschichte geschrieben hat.

INTERVIEW

ESP wird in diesem Jahr 50 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch! Du verantwortest den US-Bereich nun seit drei Jahrzehnten. Welche persönliche Bedeutung hat dieses Jubiläum für dich?

Das erinnert mich an die ganz frühen Tage von ESP, als wir in einem kleinen Loft in Manhattan gearbeitet haben. Damals waren wir sechs Leute. Dieses Jubiläum führt mir vor Augen, wie weit wir seitdem gekommen sind.

ESP-USA-Team 1993: Matt ist der Dritte von rechts. Ganz links im blauen Shirt ist Todd Binder – immer noch dabei und für die Produktentwicklung zuständig. (Bild: ESP Guitars)

Du warst zwar nicht von Anfang an in Japan dabei, aber ein großer Teil der ESP-Geschichte in den USA geht auf dein Konto. Welches Erbe aus den japanischen Wurzeln von ESP bestimmt die Marke bis heute noch am stärksten?

Schon früh hat sich ESP einen Ruf für Qualität und Innovation erarbeitet. Diese Grundsätze versuchen wir bis heute weiterzutragen. Die Marke entstand in Japan und wurde ausschließlich in ESPs eigener Fertigung in Tokio gebaut. Zehn Jahre später folgte das erste Auslandsbüro in New York.

Als du in den 80ern bei ESP USA angefangen hast – wie sah der amerikanische Gitarrenmarkt damals aus? Und wie hast du Musiker und Musikerinnen in den USA davon überzeugt, eine japanische Marke auszuprobieren?

In den 1980ern hatten nur sehr wenige Gitarrenfirmen überhaupt eine Custom-Shop-Abteilung – heute gehört das ja fast zum Standard. Schon damals war ESP die Adresse, wenn jemand ein Gitarrendesign im Kopf hatte, das es so bei der Konkurrenz nicht gab. Wir konnten diesen Traum Realität werden lassen. Klingt vielleicht kitschig, aber genau so haben wir das verkauft! Viele Artists sind aus genau diesem Grund zu ESP gekommen: Sie hatten eine Idee, eine Vision – und zu dieser Zeit konnte nur der ESP Custom Shop das wirklich umsetzen.

Was war für dich der Wendepunkt – der Moment, in dem dir klar wurde, dass ESP USA so richtig durchstartet?

Wir haben uns in den Anfangsjahren ziemlich schwergetan. Aber mit der Unterstützung unseres Gründers und der Mutterfirma – und dank des qualifizierten, engagierten Teams, das wir in New York aufgebaut haben – haben wir uns durchgebissen. Wir waren damals das, was man heute wohl eine „Boutique”-Gitarrenschmiede nennen würde: Wir bauten ausschließlich High-End-Serienmodelle und Custom-Gitarren.

Bestellungsformular für Custom-Gitarren aus den 80ern (Bild: ESP Guitars)

1995 habe ich dann entschieden, eine günstigere Linie zu starten, die nicht im ESP-Werk in Tokio gefertigt wurde, aber auf vielen der Gitarrendesigns basierte, für die ESP bekannt geworden war. Meine Sorge war damals, dass diese preiswertere Linie die Verkäufe der bestehenden ESP-Modelle „kannibalisieren” könnte. Diese Sorge war unbegründet. Am Ende war es genau die richtige Entscheidung – und diese neue Linie hat maßgeblich zu ESPs Wachstum und Erfolg beigetragen. Das war definitiv ein wichtiger Wendepunkt für ESP. Der Name dieser Linie: LTD.

Wie läuft bei ESP die Entwicklung eines Artist-Modells normalerweise ab?

Fast jede Künstlerin und jeder Künstler hat eine eigene Art, die eigene Idee auszudrücken. Manche sind wirklich auf jedem Level beteiligt – vom ersten Entwurf bis zur fertigen Gitarre. Oft beginnt es mit einer einfachen Handskizze, aus der nach und nach ein fertiges Instrument entsteht, idealerweise genau so, wie der Artist es sich von Anfang an vorgestellt hat. Dieser Weg kann etwas länger dauern. Aber aus meiner Erfahrung gilt: Je stärker sich ein Artist in Design und Entstehung einbringt, desto größer ist die Chance, dass er oder sie am Ende wirklich zufrieden ist.

Andere bauen ihre Custom-Gitarre auf einem bestehenden Modell auf, das dann an ihre Bedürfnisse angepasst wird. Das kann zum Beispiel eine Eclipse mit speziellem Finish, Grafik oder sogar eigenen Inlays sein – nur ein paar von vielen Möglichkeiten, aus einem Serienmodell ein echtes Custom-Modell zu machen.

Die Werkstatt von ESP USA:

(Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars)

Wenn du beschreiben müsstest, was eine ESP-Gitarre in Sachen Verarbeitung, Klang und Charakter unverwechselbar macht – was wäre das?

ESP Guitars und alle unsere weiteren Marken – LTD, ESP USA und ESP E-II – sind auf maximale Bespielbarkeit ausgelegt, ohne dass dem Können der Musiker und Musikerinnen irgendetwas im Weg steht. Genau deshalb werden ESP-Gitarren von Leuten geschätzt, die ihr Handwerk wirklich ernst nehmen – natürlich im Metal, aber ebenso in allen anderen Stilrichtungen, in denen eine perfekte Performance entscheidend ist.

Wie hat sich die Position von ESP am Markt seit deinen Anfangstagen gewandelt – sowohl was die Musiker und Musikerinnen angeht, die eure Instrumente spielen, als auch die Gitarren selbst?

Musik hat sich seit 1975, als ESP gegründet wurde, immer wieder und zum Teil massiv verändert. Der eigentliche Zweck von ESP ist aber genau derselbe geblieben: Instrumente zu bauen, die über das hinausgehen, was andere Marken anbieten.

In den frühen Jahren hat ESP vor allem Custom-Instrumente gebaut. Spätestens seit Mitte der 90er, als wir mit LTD eine Marke eingeführt haben, die unsere Designs für eine viel größere Bandbreite zugänglich gemacht hat, gehört ESP zu den Top-Gitarrenherstellern weltweit. Dabei greifen wir immer auf dieselbe Grundhaltung zurück: In jeder unserer Preisklassen die bestmöglichen Gitarren zu bauen.

ESP wird ja schnell in die Metal-Schublade gesteckt. Dabei seid ihr inzwischen in vielen Bereichen unterwegs. Gibt es ein Genre oder einen Artist, bei dem du selbst nie erwartet hättest, dass er oder sie ausgerechnet zu ESP greift?

Tatsächlich: Punk. Lars Frederiksen von Rancid gehört zu den einflussreichsten Punkrock-Gitarristen überhaupt – und er liebt seine ESP-Gitarren. Ursprünglich hat er ESP Vipers gespielt, und sein Signature-Modell (LTD Volsung) ist ein spezielles Viper-Design, das genau auf Lars’ Spielstil zugeschnitten ist. Punkrock ist eine extrem fordernde Musikrichtung, vor allem live. Wir sehen viele Punk-Gitarristen mit ESP- und LTD-Instrumenten.

Impressionen aus der japanischen Produktion:

(Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars) (Bild: ESP Guitars)

Plant ihr zum 50-jährigen ESP-Jubiläum spezielle Gitarren, Reissues oder besondere Aktionen?

Auf jeden Fall. Auf der NAMM haben wir eine stark limitierte Serie von Anniversary-Gitarren vorgestellt, die in unserem Custom Shop in Tokio gebaut wurden. Jedes Instrument war ein Unikat, aber alle hatten genau die ESP-Handwerkskunst und -Spirit, den die Spieler und Spielerinnen von uns erwarten.

Außerdem haben wir eine limitierte Auflage von LTD-Anniversary-Modellen gebracht – goldene Eclipses mit 50th-Anniversary-Logo-Inlays. Beide Serien waren extrem gefragt und bereits ausverkauft, bevor sie überhaupt fertiggestellt waren.

Wo siehst du ESP in den nächsten zehn Jahren – sowohl was das Gitarrendesign angeht als auch mit Blick auf die Rolle der Marke in der Musiklandschaft?

Wir werden auch in Zukunft weiter innovativ sein – indem wir Instrumente für die Gitarristen und Gitarristinnen von heute und morgen entwickeln und bauen. Ohne ihre Unterstützung wären wir nicht seit fünfzig Jahren am Start. Ich würde es so ausdrücken: Seit 50 Jahren gibt es ESP – und ich hatte das Glück, den größten Teil dieser Zeit dabei zu sein. Aber im Grunde wärmen wir uns gerade erst auf. ●


(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)

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