Greetings and salutations, my dearest Blues Friends! Na, was geht ab bei euch? Nachdem wir in der letzten Ausgabe unser Bootcamp kurz unterbrochen haben, um von Ace Frehley Abschied zu nehmen, geht es jetzt weiter mit einem amerikanischen Gitarristen, der quer durch die Gitarristenfraktion ein enorm hohes Renommee besitzt. Die Rede ist von Michael Landau.
1990 war ein bemerkenswertes Jahr für den Blues und Blues Rock. Im März erschien Gary Moores Album ‚Still Got The Blues’ und im August verstarb Stevie Ray Vaughan, nur ein gutes Jahr nach seinem furiosen Comeback-Album ‚In Step’. Shred war zwar noch nicht ganz dead, aber durch die Alben ‚Flying In A Blue Dream’ von Joe Satriani und ‚Passion & Warfare’ von Steve Vai war das Thema eigentlich auserzählt, und die ambitionierte Gitarristen-Gemeinde war in einer Art Umorientierungsprozess, an dem auch Robben Fords Album ‚Talk To Your Daughter’ nicht ganz unschuldig war.
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Es wehte generell ein etwas anderer Wind, der dann kurze Zeit später zum Grunge-Sturm wurde. Offensichtlich durch das schockierende Ableben von SRV inspiriert, sahen sich plötzlich Gitarristen veranlasst, Blues Alben zu veröffentlichen, die man vorher eigentlich gar nicht mit diesem Genre in Verbindung gebracht hatte. Einer davon war Michael Landau.
WER IST DIESER MICHAEL LANDAU?
Michael Landau wird am 1. Juni 1958 in Van Nuys, Kalifornien, geboren. Er fängt mit 11 Jahren an, Gitarre zu spielen, und rutscht wenige Jahre später langsam, aber sicher in die Schuhe und Jobs hinein, die sein alter Schulkollege Steve Lukather frei macht, als dieser sich entscheidet, sich mehr und mehr auf seine eigene Band TOTO zu konzentrieren.
Seit den frühen 1980er-Jahren veredeln Landaus Gitarren-Tracks Produktionen unterschiedlichster Stilistiken und Künstler. Seine Diskografie mit um die 900 Alben liest sich wie das „Who is Who” populärer Musik: Von Miles Davis, Joni Mitchell, Michael Jackson, James Taylor, über Quincy Jones, Pink Floyd, Cher, B.B. King, bis zu Richard Marx, Eros Ramazzotti, und, und, und … Die Liste seiner Engagements ist schier endlos.
Parallel dazu spielt er in wechselnden West-Coast-Fusion-Formationen wie ‚Karizma’, ‚Dog’, ‚Cheese’ oder ‚Los Lobotomys’. In dieser Phase veröffentlicht er 1990 sein erstes Solo-Album ‚Tales From The Bulge’, das für viele Landau-Fans bis heute seine beste Soloveröffentlichung ist.
Landau beschließt, danach bandmäßig reger zu werden, und gründet eine Band namens ‚Coma’, die sich zuerst in ‚Doc Landee’, dann in ‚Red Blues’ und schließlich in ‚Burning Water’ umbenennt. Damit sind wir im Jahr 1991 angekommen. Die Band veröffentlicht vier starke Alben mit deutlichem Hendrix-/SRV-Einfluss, die jedoch – abgesehen vom japanischen Markt – kommerziell erfolglos bleiben.
Mein Favorit ist das 1993 veröffentlichte Debüt Album. Mitte der 1990er gründet er das Trio ‚The Raging Honkies’, bei der die Alternative-Blues-Elemente noch eine gehörige Portion Grunge und Punk verpasst bekommen. Seit den 2000er-Jahren spielt er in verschiedenen Fusion-Formationen und veröffentlicht relativ regelmäßig Soloalben, auf denen er es versteht, viele seiner stilistischen Eskapaden der vergangenen Jahre zu bündeln, und die ihm neben seiner zigfach gehörten Studiohandschrift eine eigenständige Stimme als Solokünstler geben. Ein erwähnenswertes Projekt ist übrigens auch das leider sehr kurzlebige ‚Renegade Creation’ mit Robben Ford (2010–2012).
Autor (rechts) triff Held (links) (Bild: Peter Fischer)
PERSÖNLICHE EINFLÜSSE
Laut eigener Aussage ist für Landau Jimi Hendrix der wichtigste musikalische Einfluss, was man auch sehr deutlich auf seinen Platten mit Burning Water hören kann. Daneben sind Jeff Beck, Eric Clapton zu Cream-Zeiten, die Beatles, Joe Walsh und überraschenderweise Kurt Cobain nennenswerte Einflüsse.
Während seiner sporadisch immer wiederkehrenden „Jazz-Phasen” hat er sich auch mit Künstlern wie John McLaughlin, Pat Metheny, Pat Martino und Jaco Pastorius beschäftigt, was man in seinem Spiel aber nicht sonderlich nachverfolgen kann. Lediglich, was den intensiven Einsatz des Tremolo-Hebels betrifft, kann man auf ‚TFTB’ vielleicht einen Allan-Holdsworth-Einfluss hören. Fehlt noch jemand? Natürlich – Steve Lukather. An dem kommt in den 1980ern ja keiner vorbei.
EQUIPMENT UND SOUND
Auf die umfangreichen Bradshaw-Rack-Systeme seiner Studio-HeyDays möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Das würde hier den Rahmen sprengen und ist rein inhaltlich auch ein anderes Thema. Angenehmerweise ist sein Equipment in den letzten Jahren und besonders auch für Live-Situationen doch recht überschaubar und erschwinglich geworden.
Was man braucht, sind leicht zu beschaffende Komponenten:
Eine Stratocaster mit beliebiger Tonabnehmerkonfiguration!
Einen Fender Amp, wie Deluxe Reverb, Hot Rod Deluxe oder ähnliches
einen Ibanez Sonic Distortion (oder eine baugleiche Variante)
Einen Chorus von Arion (ja, richtig, die Billigmarke!), recht schnell und intensiv eingestellt!
Dies sind die Kernelemente. Möchte man es noch ein bisschen variabler, wären noch ein bisschen Tremolo, etwas Delay mit etwa 250ms Verzögerungszeit und ein Univibe oder ein Vibrato eine feine Sache. Wie gesagt – dies sind nicht die Komponenten für den LA-Studio-Rack-Style. Ein wichtiges Element in der Soundgestaltung ist der Einsatz des Volumepotis, das er beim Spielen quasi permanent benutzt, um Klangnuancen zu erzeugen. Landau wechselt beim Spielen auch sehr häufig den Tonabnehmer.
Des Meisters Werkzeug aus nächster Nähe (Bild: Peter Fischer)
CHARAKTERISTISCHE STILELEMENTE
Egal, ob bei polierter Popmusik, Hendrix-beeinflusstem Alternativ Blues oder Fusion unterschiedlicher Ausrichtung – Landau spielt seine Parts immer mit der gleichen Überzeugungskraft. Interessanterweise ist es eigentlich schon fast so, dass er eigentlich immer SEINEN Stil und seine bewährten Ideen spielt, die aber irgendwie in jeder Stilistik zu passen scheinen.
RHYTHMUSGITARRE
Fällt der Name Landau, denken die meisten Gitarristen in erster Linie an geschmackvolle Rhythmusgitarren-Parts und weniger an virtuose, flashy Gitarrensoli (obwohl man diese natürlich auch bei ihm findet, nur vielleicht nicht so oft wie bei Steve Lukather). Ein wichtiges Element sind dabei außergewöhnlich klingende Akkorde, „Magic Chords”, oder wie Fans sie gerne nennen – „Schmo Chords”. Dies sind sehr häufig Sus-Akkorde, Nonenakkorde sowie Akkorde mit Sekundreibungen oder enger Stimmlage.
Analysiert man das Akkordspiel Landaus mal etwas genauer, fällt jedoch auf, dass die „Schmo Chords” häufig gar keine kompletten Akkorde sind, sondern Einzeltöne oder Intervalle, die dann oft die Optionstöne der Grundakkorde sind. Eine kleine Auswahl an „Schmo Chords” findest du in Beispiel 1.
Bei seinen Soloprojekten der 1990er tritt in den Rhythmusgitarren-Parts seine Liebe zu Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan etwas mehr in den Vordergrund. Oft klingt es so, als wolle er den Hendrix-Spirit möglichst authentisch einfangen, nur vielleicht etwas moderner gespielt. Diesen moderneren Sound erzeugt er auch dadurch, dass er gerne das Drop-D-Tuning benutzt und überwiegend Gitarren, die einen Halbton tiefer gestimmt sind. In Beispiel 2 findest du Musik in diesem Stil.
SOLOGITARRE
Bei Landaus Gitarrensolos zeigt er, abhängig von der musikalischen Umgebung, recht unterschiedliche Seiten. Bei seinen eher mainstreamigen Studiojobs überwiegen klare, eingängige Melodien, die er perfekt intoniert und rhythmisch deutlich spielt. Oft und gerne kombiniert mit dem LA-Rack-Sound. Weniger wild und virtuos als Lukather, aber vom Ansatz doch sehr ähnlich.
Bei Fusion-Projekten geht es etwas freier zur Sache, zum Beispiel, was chromatische Durchgangstöne angeht. Seine wahren Wurzeln treten jedoch bei seinen Soloprojekten zutage: Früher mit sehr vielen Anleihen bei Hendrix und SRV, was Licks, Sound und Phrasierung angeht. Immer mit dem Ziel, möglichst variantenreich, dynamisch und expressiv mit der Gitarre zu agieren.
Egal in welcher Stilistik Landau soliert, Ausgangspunkt ist für ihn immer der Blues und vom Tonmaterial daher auch die Pentatonik, der er, abhängig von der Stilistik, etwas Chromatik oder, je nach Komposition und Tonart, mode-spezifische Halbtonschritte hinzufügt.
Den tonalen Rahmen der Durtonleiter inkl. ihrer Modi verlässt er selbst in Fusion-Situationen nur äußerst selten. Ich habe ihn oft live in solchen Szenarien gesehen. Traditionelles „Changes spielen”, wie man es oft in mit Jazz verwandten Styles vorfindet, passiert bei Landau eigentlich nicht. In Beispiel 3 findest du ein sehr SRV-beeinflusstes Lick, das man in der Blues-Rock-Phase mit Burning Water andauernd in seinen Solos hören konnte.
Das Solo dieser Folge ist ein langsamer 6/8-Blues in E. Ich konnte nicht widerstehen, einige „Schmo Chords” aus bekannten Songs einzubauen, einfach, weil es cool ist. Es ist recht luftig und offen gehalten und enthält einen netten Mix von Klischees und innovativen Ideen im Stile von Michael Landau.
WAS KANN MAN VON MICHAEL LANDAU LERNEN?
Herausragend an Mike Landau ist seine Fähigkeit, sich an musikalische Situationen anzupassen, ohne seine musikalischen Wurzeln und Vorlieben zu verlieren. Ein individueller Sound (egal, ob mit preiswertem oder teurem Equipment erzeugt) kombiniert mit der richtigen Attitüde kann sehr stilprägend sein.
Außerdem ist er das perfekte Beispiel für die alte Musikerweisheit „Weniger ist mehr”, denn seine Parts sind oft einfach und durchsichtig und stehen nie dem (Gesangs-)Interpreten im Weg. Bei den Dutzenden Alben, die ich mit Landaus Gitarrenarbeit besitze, kommt nicht ein einziges Mal das Gefühl auf, dass er sich irgendwie in den Vordergrund spielen will oder gar fehl am Platze ist. So, viel für diesen Monat und Episode 41 vom Blues Bootcamp. Viel Erfolg beim Üben und auch sonst so. Haltet durch und bleibt echt. Immer.