Seine Stammformation Greta Van Fleet schwimmt auf einer gigantischen Erfolgswelle. Das hindert Gitarrist Jake Kiszka allerdings nicht daran, es mit einer Zweitband zu versuchen: Mirador – eine Kooperation mit Ida-Mae-Frontmann Chris Turpin, die genau das auslebt, wovon sich der Rest der Kiszka-Brüder inzwischen distanziert: Die Liebe zu Killer-Riffs der Marke Led Zeppelin. Gitarre & Bass hat den 29-Jährigen in seiner Wahlheimat Nashville, Tennessee, gesprochen.
Die Geschichte von Mirador ist schnell erzählt: Jake Kiszka – neben Zwillingsbruder Josh der Älteste bei Greta Van Fleet – und Ida Mae-Gitarrist/Sänger Chris Tupin haben sich 2018 auf einer gemeinsamen US-Tournee kennengelernt. Im letzten Jahr, als ihre Stamm-Formationen pausierten, trafen sie sich in Nashville, um ihre Liebe für den heftigen, harten Bluesrock der späten 60er und frühen 70er auszuleben: Led Zeppelin, Free, Bad Company oder auch (Small) Faces.
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Musikalisch variieren Mirador geschickt zwischen allen Varianten und Spielarten des Metiers. Sie geben sich mal folkig, mal balladesk, mal keltisch-entrückt oder servieren heftigen Power-Rock – mit kraftvollen Riffs, zweistimmigen Gitarrensalven, polternden Drums sowie hier und da einer Orgel oder einem Streichersatz. Dazu gesellt sich ein inbrünstiger, ekstatischer Gesang, der Robert Plant Tränen der Freude in die Augen treiben dürfte. Einfach, weil er das so nicht mehr hinkriegt.
Aber auch, weil die Texte, die sich im Fantasy-Bereich bewegen, glatt von ihm stammen könnten: Räuber, Piraten, wild-romantische Landschaften, wütende Naturgewalten und das Wunder der Liebe. Geballter Mystizismus – aber nicht peinlich, als vielmehr unterhaltsam. Das gilt für die gesamten elf Songs, die auch ein starkes Greta-Van-Fleet-Album ergeben hätten. Nur: Die wollen mit Led Zep ja nichts mehr zu tun haben. Ein gewaltiger Fehler, wie Mirador zeigt. Aber eins nach dem anderen …
Jake, du hast in der Vergangenheit schon auf einigen Ida-Mae-Songs mitgewirkt. Was hat dich veranlasst, jetzt eigenes Material mit Chris zu schreiben?
Das ist das Ergebnis einer ziemlich interessanten Entwicklung. Und die kurze Antwort lautet: Es fing damit an, dass wir ziemlich gute Freunde geworden sind. Ich denke, wir haben viel gemeinsam, gerade was unsere Liebe zur Musik betrifft – also für alte Roots-Sachen und fürs Gitarrenspiel. Das hat uns zusammengeführt – und zwar ganz langsam, über Jahre hinweg.
Wir hatten das Gefühl, als wären wir so etwas wie verlorene Brüder. Wobei wir anfangs sehr schüchtern und zurückhaltend waren – weil das unsere Art ist. Aber Stephanie, die Frau von Chris, und auch meine Brüder haben uns konstant ermutigt, da etwas aus uns herauszugehen. Nach dem Motto: „Warum hängst du nicht ein bisschen mit Chris ab?” Oder: „Chris, warum besuchst du nicht Jake?”
Einfach, weil sie gespürt haben, dass wir gut zusammenpassen – und das entsprechend fördern wollten. Von da aus hat sich alles weitere entwickelt – aber es war nichts, was sofort passiert wäre, sondern eine ganz langsame Sache. Das ging dann soweit, dass Chris mir angeboten hat, auf einigen Ida-Mae-Songs zu spielen – und ich ihn im Gegenzug zu mir nach Hause eingeladen habe, um zusammen zu jammen und vielleicht auch ein paar Sachen zu schreiben. Denn: Er ist ein unglaublich talentierter Songwriter.
Wir haben es uns dann in meinem Heimstudio bequem gemacht. Also ganz zwangslos und ohne Ziel. Wir wollten einfach nur zusammen Musik machen und schauen, was dabei entsteht. Doch schon am ersten Tag hatten wir zwei fertige Stücke – wovon wir total begeistert waren. Nach dem Motto: „Das war ein ziemlich erfolgreiches Experiment. Warum treffen wir uns nicht morgen wieder und schreiben noch ein bisschen mehr?”
Dabei sind tatsächlich zwei oder drei weitere Stücke entstanden – und so ging das etwa eine Woche lang, was unglaublich war. Am Ende hatten wir den Großteil dessen, was auf dem ersten Album gelandet ist. Es war eine ganz besondere Erfahrung.
Als jemand, der bislang nur Musik mit seinen Brüdern gemacht hat – war das für dich so etwas wie eine Offenbarung?
Und wie! Es war etwas ganz anderes als mit Greta, wo jeder seine eigenen Ideen einbringt und dann geschaut wird, was hängen bleibt – womit wir alle zufrieden sind. Das erfordert jede Menge Kompromisse. Mit Chris war es allein deshalb interessant, weil es ein viel intimerer Prozess war. Also nur zwei statt vier Leute, die dann auch viel schneller eine gemeinsame Linie gefunden haben und zielstrebiger vorgegangen sind.
Ich fühlte mich dabei ein bisschen an Simon & Garfunkel erinnert, diese Art von Duo. Und das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Es war also ganz anders als das übliche Chaos bei Greta – mit dem Aufeinandertreffen von ausgeprägten Egos. Dagegen hatten Chris und ich eher die Ambition, etwas zu schreiben, das zu uns als Individuen passt – in der Art unserer musikalischen Helden und Vorbilder. Das war die übergeordnete Idee, der wir gefolgt sind. Und dabei haben wir uns in beiden Welten bewegt – der des Folk und des 70s Rock, was unglaublich aufregend war und ganz anders als das, was ich gewohnt bin.
Dann war es eine bewusste Entscheidung, diese Richtung einzuschlagen und Folk, Blues und Rock zu kombinieren?
Definitiv. Ich denke, ehe Mirador zu Mirador geworden sind, hatte es eher etwas von einem Songwriting-Experiment zwischen Chris und mir. Es war die Liebe für diese rootsigen Sachen, die in der heutigen Rock- und Popmusik kaum noch auftauchen, was eine Schande ist. Gerade Blues-Musik und Folk führen ein regelrechtes Schatten- und Nischendasein. Aber wir sind halt damit aufgewachsen und insofern ist das für uns wahnsinnig wichtig.
Wobei Chris, der in England großgeworden ist, immer in Richtung USA geschielt hat – in Sachen Blues, aber auch R&B, Gospel, Soul und Motown. Ich dagegen komme aus den USA und habe immer nach Europa und gerade England geschaut, um zu sehen, was da passiert. Ich habe die Bands der sogenannten British Invasion gehört, genau wie alte europäische Folkmusik und alles, was sonst noch über den Ozean geschwappt ist. Etwa Sachen aus Irland.
Und ich hielt dieses Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Einflüssen für etwas sehr Interessantes – für eine spannende Kombination und einen coolen Austausch mit jemandem, der sagt: „Ich liebe alles, was daher stammt, wo du aufgewachsen bist” – und umgekehrt. Von daher war die Idee so etwas wie: „Warum werfen wir das nicht einfach zusammen?” Und ich schätze, das ist es, was wir mit Mirador machen: Wir versuchen etwas zu verbinden, was in der Form noch niemand getan hat, und woran sich aktuell auch niemand wagt.
Sprich: Ihr tragt die Fackel der frühen 70er weiter? Ihr setzt etwas fort, das seit langem vakant scheint?
Ganz genau. Und ich muss sagen, es hat uns selbst überrascht, dass wir damit allein auf weiter Flur sind. Das hatte ich anfangs nicht erwartet, aber es ist tatsächlich so.
Was lässt dich bei Mirador wieder mit den großen Jimmy-Page-Riffs aufwarten, die bei Greta Van Fleet zuletzt deutlich in den Hintergrund getreten sind?
Das sehe ich auch so. Bei Greta gibt es sicherlich noch einige richtig große Riff-Momente, aber es sind tatsächlich nicht mehr so viele wie früher. Was daran liegt, dass sich die Band weiterentwickelt hat und sich auf anderen Gebieten versucht. Sprich: Das ist eine ganz natürliche Entwicklung, weil wir ja nicht immer dasselbe machen wollen und uns vielleicht schon ausreichend daran versucht haben.
Aber: Elemente davon werden immer Bestandteil des Greta-Sounds sein – weil das die Einflüsse sind, die ich in die Band einbringe. Aber es kann schon sein, dass diese Reduktion auch für den Wunsch in mir gesorgt hat, das vielleicht woanders auszuleben. Und es gab tatsächlich eine Menge Ambitionen, was dieses erste Album mit Mirador betrifft. Wir wollten, dass es eine verschlossene Tür eintritt und für ein Statement sorgt – für ein „es geht auch anders.” (lacht)
Und es war Chris, der zu mir meinte: „Wenn wir das machen, muss das Material richtig gefährlich und intensiv sein. Also lass uns das Beste machen, was in uns steckt und ein paar richtig heftige Riffs schreiben.” (lacht) Das haben wir. Ich habe alles dafür zusammengestellt, was ich noch irgendwo auf Halde oder in der Rückhand hatte.
Was dein Gear betrifft: Wie unterscheidet sich Mirador von Greta Van Fleet?
Es ist etwas ganz anderes. Und die große Frage, die sich mir im Vorfeld gestellt hat, war: Wie viel von meinem Equipment – also Amps, Gitarren und was-auch-immer – kann ich bei Mirador verwenden? Ich habe wirklich lange drüber nachgedacht und bin zu dem Fazit gekommen, dass ich auf jeden Fall meine 1961 Gibson SG einsetzen sollte. Einfach, weil das meine absolute Lieblingsgitarre ist. Was Amps, Pedals und Effekte betrifft, ist es aber etwas ganz anderes. Also nicht zu vergleichen. Und das finde ich aufregend.
Jakes 1961 Gibson Les Paul (SG) (Bild: Jacob Kiszka)
Was ist mit deinem angestammten Princeton-Amp?
Ein Princeton ist immer noch auf dem Album – aber nicht meiner, sondern der von David Cobb, unserem Produzenten. Außerdem ein paar Fender Pro Reverbs und ein paar Fender-Champ-Combos. Wir sind da mit der Einstellung herangegangen, einfach das zu nutzen, was uns bei David zur Verfügung stand und was er uns für die unterschiedlichen Songs empfehlen würde. Das war lustigerweise derselbe Princeton, den ich sonst auch nutze.
Außerdem hat David jede Menge Telecasters aus den frühen und mittleren 50ern, die ich ebenfalls verwendet habe. Genauso wie eine braune Gibson ES-335TD aus den frühen 70ern, die mir Daniel, der Drummer von Greta, zum Geburtstag geschenkt hat. Eine 12-Saiter, ziemlich selten und großartig. Wenn man also irgendwo eine 12-saitige Gitarre hört – wie in ‚Fortune’s Fate’ –, ist es diese. Denn damit habe ich viel herumgespielt.
Aber das Hauptaugenmerk lag auf Akustik-Gitarren. Und im Gegensatz zu Greta, wo ich immer auf meine J-50 zurückgreife, waren es diesmal eine 12-saitige Martin und eine Gibson SJ-200 von 1953. Beide hatte ich noch nie zuvor gespielt und fand das sehr interessant. Die SJ-200 hört man zum Beispiel in ‚Ten Thousand More To Ride’. Aber Dave hatte natürlich auch einige Vorkriegs-Martins zur Auswahl, etwa eine 00-18. Allein so ein Teil in Händen zu halten, ist wirklich etwas Besonderes.
Er hat sogar darauf bestanden, dass ich sie einsetze. Ich weiß nicht mehr genau, was für Modelle das waren, aber ich habe natürlich gerne darauf zurückgegriffen – weil es eine Ehre ist, solche teuren Gitarren spielen zu dürfen. Das mache ich ja nicht alle Tage. (lacht) Dazu gehört auch eine J-200, die ebenfalls öfter zum Einsatz kommt.
Wie übrigens auch eine Gibson-Mandoline in ‚Must I Go Bound’. Es war ein großer Spaß – als ob man neues Spielzeug in die Hände gedrückt bekommt und sich damit austoben darf. Aber die einzige Gitarre, auf die ich sowohl bei Greta wie bei Mirador zurückgegriffen habe, ist wohl meine Nummer 1 – meine 61er SG, die schon seit Jahren mein Hauptinstrument ist. Ansonsten war es diesmal wirklich etwas ganz anderes.
Da ihr ein Stück ‚Blood And Custard’ nennt, der Spitzname für einen alten Selmer-Amp, war zu vermuten, dass ihr auch darauf zurückgreift. Warum der Songtitel?
Das zeigt, wie nerdy wir in Bezug auf Equipment sind. Eben, dass wir solche Geschichten aufgreifen – wie von den beiden großen britischen Amps, die es mal gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierten Handelsvereinbarungen zwischen den USA und Großbritannien, die dafür sorgten, dass man nicht beliebig viele Fender-Verstärker nach UK importieren konnte – aus welchen Gründen auch immer. Von daher war es lange Zeit schwer, Equipment aus den USA im freien Handel zu bekommen.
In England waren die Hauptmarken dann Vox und Selmer, die wirklich riesig waren. Und die Geschichte besagt, dass die Beatles zunächst Selmer benutzt haben – bis Vox sie mit einem Werbedeal ausgestattet und ihnen quasi alles gratis zur Verfügung gestellt hat. So wurde Vox zum Marktführer und Selmer verlor immer mehr an Einfluss.
Aber in den frühen 60ern hatten sie einen wunderbaren Verstärker, der eine kastanienbraune-rote Lackierung mit cremefarbenen Streifen aufwies und den Spitznamen „Blood And Custard”, also „Blut und Vanillesauce” trug. Chris meinte, das würde einen extrem coolen Songtitel ergeben – also haben wir es verwendet.