Gerade hat Ben Granfelt sein 21. Soloalbum ‚It’s Personal’ herausgebracht. Das ist mal ein Pensum. Der 62-jährige Gitarrist und Sänger hat sich im Laufe seiner Karriere schon seit vielen Jahren eine treue Fangemeinde in Deutschland erspielt und ist regelmäßig in hiesigen Klubs zu Gast.
Dabei ist er ein nahbarer und außerordentlich freundlicher Zeitgenosse, der das Spielen liebt und seinen musikalischen Fokus stets im Auge behält. Auf ‚It’s Personal’ spielt Ben mit seinem Trio Instrumentalsongs in kompositorisch knackigen Arrangements.
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Seine Einflüsse blitzen immer mal wieder durch und doch hat er schon lange seinen eigenen Trademark-Ton. Als Bonus kommt mit dem Album noch ein packender Live-Mitschnitt, der einmal mehr beweist, dass es sich immer lohnt, Ben auf Tour zu besuchen.
Los ging es für Ben Granfelt 1986 mit der finnischen Hard-Rock-Formation Gringos Locos und ab 1990 für acht Jahre bei den Guitar Slingers, Finnlands erfolgreichster AOR-Rockband dieser Zeit. Zudem gab es eine ordentliche Dosis Rock’n’Roll bei den Leningrad Cowboys, mit denen Ben fünf Jahre lang in den Neunzigern um den Globus unterwegs war und sogar mit dem Chor der russischen Armee bei den MTV Awards auftrat.
Der Ritterschlag kam, als Andy Powell ihn fragte, bei Wishbone Ash einzusteigen. Zwischen 2001 bis 2004 folgten entsprechend vier weitere wilde Jahre rund um die Welt. Seine Solopfade waren gleichwohl schon immer gelegt. Sein erstes Album unter eigener Flagge datiert schon auf 1994 zurück. Bei einer solchen Biographie wird schnell klar: Ben Granfelt ist ein Vollblut-Musiker, er folgt seiner Passion, durch alle Höhen und Tiefen und ohne Plan B.
Ben, heute treffe ich dich im Rahmen der Tour von „Blug, Granfelt & Engelien”. Ein weiteres Projekt, bei dem du involviert bist…
Martin Engelin hat schon lange dieses „Go Music”-Projekt, mit dem er regelmäßig mit unterschiedlichen Musikern auf Tour geht. Noch vor Corona hatte er mich gefragt, ob ich da mitmachen möchte. Nach der zweiten oder dritten Tour fragte er mich, mit wem ich noch gern zusammen spielen wollte.
Und da kam für mich nur Thomas Blug in Frage, den ich als Musiker sehr schätze, aber mit dem ich bis dahin noch nie zusammen gespielt hatte. Das Feedback auf der ersten Tour war dann so positiv, so dass sich das zu Blug, Granfelt & Engelien in der jetzigen Konstellation hin entwickelt hat. Für unser Album Strat-O-Sphere hatte ich viele Demos zu Hause in Finnland aufgenommen.
Später haben wir mit Tommy Fischer am Schlagzeug geprobt und die Basics für sieben oder acht Tracks produziert. Anschließend habe ich dann die Vocals und Gitarren eingespielt, ein paar Arrangements geändert und alles zurückgeschickt, damit die anderen in ihren Studios daran weiterarbeiten konnten. Wir haben sogar noch weiteres Material übrig fürs nächste Album.
Mit ‚It’s Personal’ ist dein 21. Soloalbum erschienen. Wie kam es zu dem Entschluss, wieder ein Instrumentalalbum zu machen?
Weil das letzte Album ‚Gratitude’ eine Art Hommage an Gary Moore, Robin Trower und Jeff Beck war. Da steht der Fokus mehr auf Songs mit Gesang. Danach wusste ich nicht, was ich machen sollte. Ein Cover-Album? Nein, danke. Dann kamen ein paar Gitarristen auf mich zu und meinten: „Warum machst du nicht ein reines Instrumentalalbum? Du hast seit ‚Melodic Relief’ nichts in dieser Richtung gemacht.”
Nach der letzten Tour, bei der ich rund 100 Shows gespielt hatte, war die Lust am Gitarre spielen richtig groß. Ich hatte jede Menge Riffs und Songideen. Ich entschied mich daher für ein Instrumentalalbum. Zudem hatten wir auch einige Shows mitgeschnitten. Da das Musikgeschäft sowieso Selbstmord ist, warum nicht gleich auch kommerziellen Selbstmord begehen und ein Doppelalbum herausbringen – ein Instrumentalteil und einen Live-Teil.
Wie habt ihr aufgenommen?
Alle Basic-Tracks sind in einem großen Raum entstanden – das war richtig gut. Und die Stimmung mit meinem Drummer und Bassisten, Jari und Masa, war einfach fantastisch. Wir hatten Schlagzeug, Bass und Guide-Gitarre aufgenommen. Eigentlich hatte ich vor, mich einen Monat im Proberaum in meinem professionellen Studio einzuschließen, um alle Gitarrenparts zu finalisieren. Zu meiner eigenen Überraschung war ich nach einer Woche fertig! Ich dachte nur: „Was zur Hölle? Schon fertig?” Ich wollte eigentlich mehr machen.
Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, sehr. Das ist die goldene Regel: Du musst selbst glücklich sein. Man hört meine Jeff-Beck- und Mike-Landau-Einflüsse. Es es gibt drei Tracks, die wir quasi live aufgenommen haben: ‚Ben’s Blues’, ‚From a Whisper to a Roar’ und den ‚Outro Jam’, der auf einem Riff basiert, welches ursprünglich für „Blug, Granfelt & Engelien” vorgesehen war, das wir aber nie ausprobiert hatten.
Ich hab zu meiner Band gesagt: „Ich hab da was – dieses Riff, diese Akkorde, dann Solo, dann wieder Akkorde – mal schauen, was passiert.” Und es war der zweite oder dritte Take, der auf dem Album gelandet ist. Am Ende hört man mich auf Finnisch schreien, was übersetzt etwa lautet: „Das war’s, die Platte ist fertig.”
Und so haben wir es einfach gelassen – ein ganz authentischer Outro-Jam. Früher war ich eher bemüht, die Songs „perfekt” zu machen und ein Album im wahrsten Sinne zu produzieren, damit es ein breiteres Publikum anspricht. Das hat aber so gut wie nie funktioniert, hahaha. Jetzt mache ich einfach, worauf ich Lust habe.
Du hast deine Einflüsse schon erwähnt: Robin Trower, Gary Moore, Jeff Beck, vielleicht etwas Mike Landau…
Nicht zu vergessen Steve Lukather. Es gibt so viele gute Gitarristen heute, aber ich kehre immer wieder zu denen zurück, mit denen ich angefangen habe.
Also eine Art Soundtrack deiner Jugend.
Ja, genau. Lustigerweise mochte ich Robin Trower, bevor ich Hendrix entdeckt habe. Ich dachte: „Wer ist dieser Hendrix, der wie Trower klingt?” Und da war es dann klar. Und Robin Trower hat gerade ein neues Album veröffentlicht. Er ist 80! Ich mag das Album, da sind echt gute Songs drauf. Er spielt als Gitarrist komplett ohne Reverb, einfach ganz direkt, roh. Kein Weichzeichner. Es muss aus der Hand und aus der Gitarre kommen. Das inspiriert mich, selbst weiterzumachen.
Bei all diesen Einflüssen – wann würdest du sagen, hast du deinen eigenen Stil gefunden? Und wie würdest du ihn beschreiben?
Ich glaube, ich habe drei Seiten: Eine Grundlage, die nicht klar definiert ist. Da gibt es immer poppige und melodische Elemente. Dann das Bluesige und das leicht Progressive, das ich einbaue. Und als drittes mein Stil bei den Guitar Slingers. Das ist reiner AOR (Adult Oriented Rock, Anm. d. Autors).
Da hole ich dann die Floyd-Rose-Gitarre raus. Aber ich denke, dass ich spätestens mit dem Album ‚Ego’ erkannt habe, dass ich auf eine bestimmte Art komponiere. Das ist einfach mein Stil und daran führt kein Weg vorbei. Mein Spiel hingegen variiert je nach Stimmung. Wenn du tagelang Steve Lukather zum Beispiel hörst, schleicht sich eben ein Lukather-Lick ein. Am nächsten Tag ist es dann wieder was anderes. Aber wenn du es auf deine eigene Weise integrierst, beschwert sich keiner.
Wie gehst du beim Schreiben eines Instrumentals vor?
Wenn man sich das Album anhört, passiert da eine Menge. Es klingt insgesamt sehr rund, aber da sind kleine Dinge hier und da, die es interessant machen. Und ich denke beim Einsatz von Instrumenten immer an einen Song.
Ich will ein Riff, das eingängig ist, und dann eine Melodie, die hängen bleibt. Wenn es für mein eigenes Ohr eingängig ist, benutze ich es. Ich glaube, es war Reb Beach, der mal gesagt hat, es gibt kein besseres Gefühl, als wenn du ein cooles Riff spielst, das dich wie James Bond fühlen lässt – und das stimmt immer noch.
Wenn du in den Groove kommst, die Band tight zusammenspielt und du ein geiles Riff hast – dann ist es schlichtweg großartig. Und wenn eine prägnante Melodie darüber liegt, an die sich die Zuhörer erinnern können, anstelle von irgendwelchem Gedudel, dann ist das ein guter Song. Jeff Beck war da großartig. Der konnte eine seltsame, kleine Phrase spielen, die dann zur Melodie wurde – und du pfeifst sie noch auf der Toilette.
Zurück zu deinem Album: Hast du alles auf der Strat gespielt?
Ja, ein Track ist meine alte Floyd-Rose-Strat, eine 1973 mit Warmoth-Hals – die habe ich schon bei Gringos Locos und Guitar Slingers gespielt. Die lag jahrelang ohne Hals im Koffer und hat einen Humbucker an der Bridge. Die ersten zwei Songs sind mit einer Fender Jeff Beck Strat gespielt, der Rest mit meiner 1963er Strat.
Bei Instrumentals kann ich auf einer Strat einfach mehr machen. Die hat was Persönliches und es war zudem meine erste Gitarre. Zur Les Paul kam ich erst später, 1991 bei den Leningrad Cowboys.
Und bei den Aufnahmen: Hattest du „old school” große Röhren-Amps im Einsatz?
Nein, nur den BluGuitar Amp1 Mercury Edition und die BluGuitar-Box. Die Speaker-Emulation bei den Aufnahmen war meistens der „70s Stack”. Bei zwei Songs den „Tweed12″, weil Jeff Beck kleine Tweeds spielte.
Alles ist direkt ohne Mikro aufgenommen. Ein Song ist sogar komplett mit Plugins eingespielt. Ich saß im Hotel und spielte mit Guitar Rig 5. Zuerst dachte ich, das wird nichts, aber am nächsten Morgen habe ich die Melodie gespielt. Es ging alles schnell: Take 1 – fertig.
BluGuitar Cab (Bild: Christian Tolle)
Interessant, denn es gibt ja die leidenschaftliche Debatte unter den Gitarristen: Röhren-Amp vs. Modeler…
Für mich ist alles grundsätzlich Werkzeug. Wenn du eine Gitarre hast, die du gerne spielst, und einen Amp, der halbwegs okay ist, klingt’s nach dir. Aber eine miese Gitarre an einem Top-Amp – das wird nichts.
Ich war zuerst skeptisch gegenüber den BluGuitar-Amps. Ich dachte erst, das sieht aus wie Spielzeug. Und dann hab ich es gehört – wow. Jetzt habe ich vier davon. Und glaub mir: Ich habe alle meine Röhren-Amps verkauft – Marshall, Fender, ENGL – alles ist weg.
Wie sieht dein Pedalboard dann mittlerweile aus?
Es ist sehr kompakt und das macht es leicht, damit zu touren. Gleichzeitig vereint es alles, was ich mir wünsche und auch nutze. Ich habe einen fantastischen und preisgünstigen Kompressor für Clean-Sounds, den Mooer Yellow Compressor.
Das Teil ist wirklich der Hammer und kostet 60€. Unter dem Board steckt ein Pico-Preamp von ClinchFX, der auch bei den Clean-Sounds zum Einsatz kommt. Von dort geht das Signal ins Cry Baby Wah und danach in den Fuzztner von Ollson Amplification aus Schweden.
Den nutze ich als Octavia. Als nächstes wird mein Musicom Pedal-Switcher angesteuert. In dessen Loops liegen der Arion SCH-1 Chorus und das Voodoo Lab Micro Vibe. Zudem habe ich noch den Sweet Leo Overdrive. Der ist wie ein Tube Screamer mit noch mehr Mitten. Den nutze ich aber selten, ab und zu mal mit dem Steg-Pickup einer Strat zum Andicken.
Als Delay habe ich das Roland SDE-3000D für mich entdeckt. Das ist großartig. Ein Delay ist immer an und ein zweites kann ich für spezielle Effekte dazu schalten. Da der Switcher auch MIDI beinhaltet, habe ich das in Presets organisiert. Ich benutze neuerdings bei Clean-Sounds gerne Shimmer-Reverb und setze das überall ein, wo es passt – das öffnet den Klang. Dafür habe ich das Boss RV-6 auf dem Board. Als ich das Album dem ein oder anderen vorgespielt hatte, war die Frage oft, ob ich Synthesizer verwendet hätte.
Nein, das ist das Shimmer-Reverb. Auch bei allen Gigs, auf denen wir neue Songs gespielt haben, fragen die Leute: „Hast du Backing Tracks?” – Nein, das bin nur ich. Das ist ein toller Effekt, wenn man ihn musikalisch einsetzt. Ansonsten nutze ich das Reverb des BluGuitar Amp 1 – subtil, aber hörbar.
Granfelts Pedalboard mit Arion SCH-1, Mooer Yellow Comp, Dunlop Cry Baby, Olsson Amps The Fuzztner, Voodoo Lab Micro Vibe, Boss RV-6, BluGuitar Amp 1, Musicom Lab EFX-ME & Boss SDE-3000D (Bild: Christian Tolle)
Auf der „Blug, Granfelt und Engelien”-Tour heute hast du zwei Gitarren dabei…
Ja, meine 1963 Fender Strat, die meine Haupt- und Lieblingsgitarre ist, und eine wirklich tolle Real Guitars aus Deutschland mit HSS-Bestückung. Ich bin ja großer Freund von Kloppmann-Pickups und so sind auch in diesen Gitarren weitgehend die Pickups von Andreas verbaut: In der 1963 Fender sind ST62 Neck, ST67 Middle und der Tillcaster an der Bridge, in der Real Guitars ST63 Neck, ST67 Middle und ein Lollar-Imperial-Humbucker an der Bridge zu finden.
Bild: Christian Tolle
1963 Fender Stratocaster mit Kloppmann-Pickups
Bild: Christian Tolle
Real Guitars Strat HSS mit Kloppmann- und Lollar-Bestückung