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Jaco Pastorius’ Fretless Griffbrett

Jaco Griffbrett

Jaco Pastorius (1951 – 1987), der unvergessliche Meister des Fretless-Basses, beeinflusst bis heute unzählige Bassisten und hatte neue Maßstäbe gesetzt, was das musikalische Ausdrucksvermögen des E-Basses angeht. Der eindringliche Klang von Jacos Fretless ist zur Legende geworden. Natürlich waren dafür in erster Linie seine Musikalität und seine exzellente Spieltechnik verantwortlich, aber er benutze auch ein speziell präpariertes Instrument. Nachdem der Vielspieler aus seinem alten Jazz Bass die Bundstäbchen entfernt hatte, versah er das Griffbrett mit einer dicken Schicht Hartlack, um es vor starker Abnutzung durch die rauen Roundwound-Saiten zu schützen.

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Beim Test zweier verschiedener Jaco-Modelle aus dem Fender-Sortiment (siehe Gitarre & Bass Fender Special) fiel mir ein enormer Unterschied im Klangverhalten auf: Ein Bass besaß nur ein dünn lackiertes Griffbrett, während der teure Jaco-Tribute-Bass aus dem Fender Custom Shop eine extrem dicke Beschichtung aufwies, welche dem originalen Instrument entsprach. Ohne Frage war der Custom-Shop-Bass, trotz ansonsten sehr ähnlicher Details, viel näher am typischen Jaco-Sound dran. Das Klangverhalten scheint also mit der Art der Griffbrett-Beschichtung zusammen zu hängen.

Kürzlich bekam ich für ganz kleines Geld eine armselig zugerichtete Jazz-Bass-Kopie in die Finger, wo der Vorbesitzer einfach die vorhandenen Bundstäbchen mit der Feile bis aufs Griffbrettholz abgeschliffen hatte. Da die abgeschliffenen Bundreste sich kaum noch mit vertretbarem Aufwand aus dem Griffbrett herausoperieren ließen und die Blockeinlagen aus Kunststoff ohnehin keine günstige Fretless-Zutat darstellten, war dieses Instrument ein nettes Versuchsobjekt für eine fette Griffbrett-Lackierung nach Jacos Art.

Damit die Geschichte möglichst einfach nachzuvollziehen ist, sollte hier auf exotische Lacke und spezielle Werkzeuge nach Möglichkeit verzichtet werden – Schmirgelpapier, Klebeband und ein üblicher Holz-Siegellack für Parkettböden müssen ausreichen. Aus dem Baumarkt besorgte ich also zunächst von der verbreiteten Marke Clou einen aromatenfreien (und nicht stinkenden) Holz-Siegellack, Typ EL seidenmatt, dazu eine Rolle Maler-Klebeband, einen mittelfeinen Pinsel, je ein Blatt 120er, 180er und 240er Schleifpapier sowie eine kleine Dose passender Lackverdünnung. Und los geht’s.

Vorbereitung

Jaco Griffbrett
1 Griffbrett vorher (Bild: Groll)

Mit dem 120er Schleifpapier wird zunächst das Griffbrett von den gröbsten Unebenheiten sowie von eingelagerten Schmutz- und Fettresten gereinigt, das Ergebnis mit dem 180er und 240er Papier fein geschliffen. Dazu ist es sinnvoll, den Hals bereits vom Basskorpus abzuschrauben. Das Schleifpapier wird unter mittelmäßigem bis leichtem Druck verwendet und dreifach gefaltet in der Handfläche gehalten, ein präzise gerader Schleifblock ist für diese Vorarbeit nicht notwendig, solange man großflächig arbeitet und nicht auf einer kleinen Stelle herumschleift. Nach dem Schleifen wird das Griffbrett entstaubt und sorgfältig, aber ohne Kleckerei mit Lackverdünnung abgewischt, um sicher auch noch letzte Fettreste abzutragen.

Jetzt wird der Halsspannstab so weit gelockert, dass der Hals exakt gerade ist, was man mit einem Blick längs der Griffbrettkante (oder einem Stahllineal bzw. einer geraden Holzkante etc.) überprüfen kann. Die gerade Einstellung ist günstig für eine gleichmäßige Verteilung der Lacksicht, außerdem ist bei einem sehr dicken Hartlackbelag damit zu rechnen, dass dieser den Hals stabilisiert und zusätzlich versteift.

Ohne gelösten Spannstab könnte es passieren, dass der ohne Saiten nach hinten durchgebogene Hals durch die dicke Lackschicht in dieser Einstellung festgehalten würde, was dann nachher Probleme ergibt, wenn die richtige Hohlkrümmung durch den Saitenzug nicht mehr erreicht wird. Auch wenn solche Sorge übertrieben scheint: Bei einem ganz gerade eingestellten Hals ist man auf der sicheren Seite.

Aus Faulheit hatte ich zunächst nicht den Sattel entfernt, was aber nachher fürs Schleifen des lackierten Griffbretts sowieso erforderlich wird – also besser vorher dran denken! Mit einem flach von der Griffbrettseite angelegten Holzblock und behutsamen Hammerschlägen auf den Block lässt sich der Sattel lockern und abnehmen.

Jaco Griffbrett
2 Abgeklebtes Griffbrettende (Bild: Groll)

Nun wird rund ums Griffbrett ein ca. 3 mm nach oben vorstehender Kragen aus Maler-Klebeband angebracht, wobei man das Klebeband gut andrücken sollte, damit kein Lack durchsickern kann. Besonderes Augenmerk ist, je nach Halskonstruktion, darauf zu richten, dass kein Lack in die Spannstabfräsung abläuft, da sonst die Einstellmutter verklebt wird und der Spannstab später nicht mehr justiert werden kann! Ich habe aus Stabilitätsgründen mehrere Lagen Klebeband übereinander geklebt. Daraus ergibt sich eine „Wanne“, so dass auch beim Auftragen dickerer Schichten der Lack nicht seitlich ablaufen kann – schließlich besitzt ein normales Griffbrett ja eine gewisse Wölbung, so dass sich zunächst an den Rändern eine stärkere Lackschicht ansammeln wird.

Jaco Griffbrett
3 Abgeklebter Hals/Kopfplattenübergang (Bild: Groll)

Lack auftragen

Der Holz-Siegellack trocknet in dünnen Schichten relativ schnell an, wobei die gewählte Seidenmatt-Qualität den Vorteil hat, dass dies durch die matt werdende Oberfläche angezeigt wird. Zunächst wird das Griffbrett mit einer dünnen Schicht des leicht verdünnten Siegellacks grundiert. Diese erste Schicht sollte man gründlich durchtrocknen lassen (mehrere Stunden), da sie eine Sperre bilden soll für die Inhaltsstoffe des tropischen Palisanderholzes, welche sonst später die Durchhärtung der folgenden Lackschichten erheblich verzögern können.

In jedem Fall sollte auch zwischen den weiteren Lackschichten das Antrocknen abgewartet werden, denn wenn man die nächste Schicht zu früh aufbringt, verhält sich die vorherige Lage wie zäher Kaugummi und verklebt den Pinsel. Wer hier die Ruhe weg hat und zwischen den Lackaufträgen mehrere Stunden abwartet, wird am Ende sogar Zeit sparen, da hierdurch die letztendliche Aushärtung des Griffbrettbelags deutlich verkürzt wird.

Mit leichtem, fast zärtlichem Pinselstrich geht es nun darum, Schicht für Schicht möglichst gleichmäßig aufs Griffbrett zu bringen. Dazu ist es günstig, den Hals exakt waagerecht zu lagern, damit der noch flüssige Lack nicht in eine Richtung abfließt. Unerwünschtes Gefälle in eine Richtung erkennt man schon beim ersten Lackauftrag; man kann natürlich vor der Lackierung eine Wasserwaage zum Ausrichten des Halses zur Hilfe nehmen.

Jaco Griffbrett
4 Lack auftragen (Bild: Groll)

Da der Holz-Siegellack an der Luft schnell antrocknet, sollte man in ein kleines Gefäß nur jeweils soviel Lackmenge gießen, wie für eine Lage notwendig ist und keinesfalls übrig bleibende Reste in die Lackdose zurück schütten. Auch wenn der ausgewählte Lack keine besonders unangenehmen Ausdünstungen von sich gibt, empfiehlt es sich, den Lackauftrag vor dem offenen Fenster auszuführen.

Und nun geht es Schicht um Schicht voran. Je dicker man die einzelnen Lagen aufträgt, desto länger benötigt der Siegellack zum Antrocknen. Auch im Sinne der Gleichmäßigkeit sind zu dicke Schichten nicht sinnvoll – schließlich laufen sie wegen der vorhandenen Griffbrett-Wölbung ja eh nur zum Rand hin weg. Bei meinem Experiment ergaben sich mit jeder Schicht zunehmende Mindestzeiten für oberflächliches Antrocken von etwa ein bis anderthalb Stunden, aber wie gesagt ist es günstiger, den Einzelschichten mehr Zeit zu gönnen, um durchzutrocknen.

Zwischen den Lackaufträgen ist es ratsam, den Pinsel auf altem Zeitungspapier sorgfältig auszustreichen, damit er für den nächsten Durchgang noch brauchbar ist. Das Auswaschen in der passenden Spezial-Verdünnung kann nicht schaden. Ungeduld ist hier fehl am Platze, und günstigerweise sollte man sich ein Wochenende Zeit nehmen, um einen ausreichend dicken Lackauftrag zu erreichen. Für ein „echtes“ Jaco-Griffbrett sollte da schon fast ein halber Millimeter Lackstärke zusammenkommen. Zu dünn darf der letztendliche Lackbelag nicht sein, denn am Ende wird die Oberfläche ja noch glatt geschliffen, wobei wieder etwas Material verloren geht.

Lack-Desaster

Auch nach etlichen Tagen Wartezeit wollte aber der zunächst verwendete Clou-Lack nicht seine kaugummiweiche Konsistenz aufgeben und endlich durchhärten. Besondere Warnhinweise für den Auftrag auf inhaltsreiche Tropenhölzer (wie z. B. Palisander) gibt dieser Hersteller für seine Heimwerker-Produkte leider nicht. Nachforschungen ergaben aber, dass für die entsprechende Lacksorte aus dem Profi-Bereich eine deutliche Warnung für Tropenhölzer ausgesprochen wird, da deren Inhaltsstoffe ein Durchhärten der Lackschicht stark verzögern oder gar verhindern können. Na Bravo – somit durfte ich den offenbar ungeeigneten Lack mit Spachtel, Ziehklinge und Verdünnung wieder vom Griffbrett herunterschaben und -rubbeln. Mit dem aromatenfreien Clou-Lack lässt sich also kein Jaco-Griffbrett verwirklichen!

Zweiter Versuch

Der Meister selbst hatte nach meinen Informationen einen Zweikomponenten-DD-Lack für die Griffbrett-Beschichtung verwendet. Um weitere Unwägbarkeiten, z. B. bei der Härter-Dosierung für den Zweikomponenten-Lack zu umgehen, habe ich eine einfachere Lösung gesucht und letztendlich vom Hersteller Zweihorn den Einkomponenten-Polyurethan-Parkettlack Unolit UL9 ausgewählt, den man allerdings kaum im normalen Baumarkt, sondern nur im speziellen Malerbedarf bekommt. Das hat seinen guten Grund, denn die aggressiven Ausdünstungen dieses Hartlacks bedingen einen sachgerechten Umgang, und man sollte damit unbedingt im Freien oder zumindest in besonders gut durchlüfteten Räumen arbeiten.

Ansonsten habe ich den Zweihorn-Profilack praktisch genauso aufgetragen wie vorher beschrieben, und anders als mit dem Clou-Produkt ergab sich nach ca. 15 Schichten eine knapp ausreichende Lackschicht, die tatsächlich flott durchhärtete.

Meine Ungeduld beim Auftragen brachte insofern Mängel hervor, als dass ab etwa der zehnten Lackschicht feine Bläschen die Oberfläche verunzierten. Auch durch einen Zwischenschliff ließ sich diese Bläschenbildung nicht vermeiden. Mit jeder Lacklage wurden die winzigen Bläschen zahlreicher, was ich auf die Eile beim Lackauftrag zurückführe. Mit einiger Wahrscheinlichkeit lassen sie sich vermeiden, wenn man zwischen den Lackschichten eine (deutlich) längere Trockenzeit einhält.

Optisch mögen die Mini-Blasen in der Lackhaut ein Makel sein – sie sind aber so klein, dass sie nach erfolgtem Schleifen der Lackbeschichtung nicht weiter stören und keinesfalls die saubere Tonbildung des Instruments beeinträchtigen. Ohnehin ist die milchigweiße Griffbrett-Beschichtung nicht besonders schön anzusehen, aber hier geht es ja in erster Linie um das Klangergebnis. Was das Aushärten der dicken Lackschicht angeht, macht also der Zweihorn-Lack UL9 einen guten Eindruck.

Nacharbeiten

Zum letztendlichen Durchtrocknen und Härten der extrem dicken Lackschicht sollte man mindestens einige Tage vergehen lassen, bevor man mit dem Schleifen beginnt. Allerdings sollte man bereits vorher, nach ca. 10 Stunden, das umlaufende Klebeband vorsichtig vom Hals entfernen, denn später kann es an den Lackkanten des neuen Griffbrettbelags womöglich nur noch weggeschliffen werden. Auch empfiehlt es sich, den Hals während der ersten Stunden in waagerechter Lage zu belassen, damit die noch viskose Lackschicht nicht in eine Richtung wegfließen kann.

Wegen der Adhäsion an der Klebeband- „Wanne“ wird der Griffbrett-Belag zu den Rändern hin ansteigen, und vor allem diese Grate müssen zunächst vorsichtig auf das erwünschte Niveau abgeschliffen werden, bevor es an die Fläche geht. Wenn die einzelnen Schichten gleichmäßig aufgetragen wurden, ergibt sich automatisch eine gut verteilte Oberfläche, an der es nur wenig nachzuarbeiten gibt.

Günstig als Hilfswerkzeug ist ein glatter Schleifklotz aus Holz o. ä. von etwa 10 cm Länge, der mit 120er Schleifpapier umwickelt wird. Bei leichtem bis mittlerem Druck führt man den Schleifklotz in langen Bahnen von einem Griffbrettende zum anderen, wobei es darauf ankommt, gleichmäßig die gesamte Fläche zu erfassen, bis keine glänzenden Inseln mehr zu sehen sind.

Sobald die ganze Fläche vom ersten Schliff mattiert ist, wechselt man zum feineren 180er und dann zum 240er Schleifpapier und wiederholt mit leichtem Andruck die Prozedur, bis wiederum die gesamte Fläche erfasst ist. Handwerklich ungeübte Bastler sollten auch für den ersten Grobschliff mit der 180er Körnung arbeiten, da damit eventuelle Fehler weniger schnell zu schlimmen Folgen führen – es geht allerdings auch langsamer voran.

Durch die ursprünglich vorhandene Wölbung des Griffbretts hat sich ein zu den Rändern hin womöglich ein etwas dickerer Lackbelag ergeben. Je nach Geschick schafft man es, mit dem Schleifblock die vorherige Wölbung wieder herzustellen. Aber bei einem Fretless (zumal beim schmalen Jazz-Bass-Hals) ist auch ein ungewölbtes Griffbrett gut spielbar, so dass man auf solche Feinheiten nicht allzuviel Mühe verwenden muss. Mit dem 240er Endschliff ergibt sich eine halbmatte Oberfläche, wie es übrigens auch beim Jaco Tribute Bass aus dem Fender-Custom-Shop der Fall ist. Mit feiner Stahlwolle und Polierpaste könnte man die Oberfläche auch blitzeblank bekommen, was aber klanglich keine weiteren Auswirkungen haben wird.

Jaco Griffbrett
5 Hals schleifen (Bild: Groll)

Am Ende waren es rund 15 Lackschichten, die aus dem verhunzten Griffbrett meiner Billigkopie einen brauchbaren Jaco-Bass machten, der sich übrigens klanglich sehr überzeugend macht – gegenüber vorher singt er jetzt deutlich intensiver. Entscheidend für den präzisen, aber keineswegs hart ansprechenden Jaco-Sound mag sein, dass die Lackoberfläche keineswegs „knallhart“ ist, sondern eine gewisse Elastizität aufweist, die einer schroffen und zu drahtigen Tonansprache entgegenwirkt. Tatsächlich bringt der ursprünglich verhunzte Billig-Bass jetzt einen sehr schnurrfreudigen Ton mit cremigpräziser Ansprache hervor, die Verbesserung ist nicht zu überhören.

Jetzt, nach einigen Erfahrungen, mag ich annehmen, dass die Schichtdicke von Jacos Griffbrett allmählich mit der Zeit gewachsen ist – wenn’s nötig war, hat er einfach eine neue Lage Lack aufgepinselt. Das wird wohl auch die authentischste Methode sein, zu einer homogenen und blasenfreien Beschichtung zu kommen. Doch bei diesen Versuchen ging es ums Prinzip, und das auf die Schnelle erzielte Ergebnis sieht zwar nicht schön aus, überzeugt aber mit einem singenden, ausdrucksstarken Fretless-Ton.

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2003)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Besser nicht nachmachen. Jaco hatte Epoxidharz verwendet – eigentlich auch kein Geheimnis ….

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