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FAQs zu Marshall-Amps, Teil 5

In diesem Monat geht es wieder um häufig gestellte Fragen zum Thema Lautsprecher und Boxen.

Udo Pipper
Frühe Marshall-Box mit Alnico-Lautsprechern

Der Ton von Eric Clapton auf John Mayalls ‚Bluesbreaker‘-Album gilt als legendär. Dass Clapton damals einen Marshall JTM45, aka Bluesbreaker-Combo gespielt hat, ist bekannt. Doch welche Speaker waren da verbaut?

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Darüber gibt es in unterschiedlichen Foren gefühlte hunderttausend Seiten Text. Eric Claptons Bluesbreaker- Combo wurde vermutlich Ende 1965 gebaut. Es wird angenommen, dass er zur Ausstellung auf einer Musikmesse gebaut wurde. Es handelt sich um die Combo Version 2, eine neue Version des 1964 eingeführten Amps mit schlankeren Seitenwänden und dem neuen Script-Logo. Es kann daher gut sein, dass dieser Amp noch mit Celestion Alnico T652 bestückt war. Ab 1966 kamen alle 2×12-Combos mit Celestion Greenback G12M-Speakern.

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Claptons Sound auf dem Album deutet darauf hin, denn man hört auf den Aufnahmen noch die für die Alnicos typische Kompression. Ganz genau weiß es aber niemand. Eric Clapton kann sich nicht mehr erinnern. Außerdem interessierten ihn technische Details kaum. Jim Marshall habe ich 1999 persönlich danach gefragt. Aber auch er wusste das nicht mehr. Die Frage schien ihn sogar etwas zu nerven, denn er musste sie schon zahlreichen Journalisten beantworten. Wer es ganz genau wissen möchte, muss eben selbst Alnicos und Greenbacks miteinander vergleichen und so ermitteln, welche Speaker dem Sound Claptons am nächsten kommen. Ich habe genau das vor einigen Jahren gemacht und hatte den Eindruck, dass die Alnicos den Beano- Sound besser umsetzen. Aber das bleibt eine Mutmaßung.

Udo Pipper
1966 Marshall-Pinstripe-Box

Ich besitze ein Marshall 100-Watt-Top ohne Impedanzwahlschalter. Die festgelegte Impedanz ist 16 Ohm für eine Box. Droht mein Amp nun kaputtzugehen, wenn ich zwei Boxen anschließe und damit eine Fehlanpassung (8 Ohm) erzeuge?

Du hast recht! Zwei 16-Ohm-Boxen parallel zu betreiben, wäre eine Fehlanpassung. Aber das kann der Ausgangsübertrager in der Regel ohne Probleme verkraften. Rate mal, wie viele Musiker sich früher um solche Probleme geschert haben! Ich gehe mal davon aus, dass Clapton, Hendrix, Townshend und Co. ziemlich unbedarft von einer auf zwei Boxen umgestöpselt haben, ohne überhaupt zu wissen, dass ihre Amps einen Impedanzwahlschalter haben. Meist waren die dazu verwendeten Stecker längst auf Tour abhanden gekommen. Die Allman Brothers haben manchmal sogar vier Boxen an ihre Amps angeschlossen. Ebenso Alvin Lee von Ten Years After. Im Zweifelsfall ist ein Unterschreiten der vorgegebenen Impedanz für den Amp sogar sicherer als eine höhere Impedanz.

Udo Pipper
Celestion G12-Alnico von circa 1964

Das hat mein Kollege Dirk Groll in einem sehr gut recherchierten Artikel vor ein paar Jahren hier im Magazin dargelegt. Nochmal: geringere Impedanz ist sicherer als eine höhere! Eine Fehlanpassung um 100 Prozent – wie in diesem Fall – können die meisten Verstärker jedoch ohne Schaden verkraften. Die Nachteile liegen eher in der Klangausbeute. Fehlimpedanzen klingen in der Regel leiser und weniger dynamisch als wenn die Impedanz stimmt. Aber auch das ist Geschmackssache. Angeblich gefallen manchen Musikern, wie zum Beispiel Eric Johnson, die Fehlanpassungen klanglich besonders gut. Das heißt, er setzt sie bewusst zur Klangformung ein. Für meinen JTM45 verwende ich hin und wieder auch den 8-Ohm-Ausgang für eine 16-Ohm- Marshall-Box. Er klingt eben etwas leiser und komprimierter, was manchmal willkommen ist.

Ich habe einmal gesehen, dass die Lautsprecher alter Marshall-Boxen nach einem anderen Schema verlötet wurden als neuere. Es heißt, es gäbe Unterschiede zwischen der Series/Parallel- und Parallel/Series-Verschaltung. Klingen diese Schaltungen auch unterschiedlich?

Genauso ist es! Bei neueren Marshall- Boxen werden zwei Lautsprecher zunächst in Serie verlötet und dann an der Buchse parallel geschaltet. Bei älteren Boxen wurden zwei Speaker parallel verkabelt und an der Buchse in Serie geschaltet. Einmal hat man also zweimal 32 Ohm, die an der Buchse parallel wieder auf 16 Ohm verschaltet werden, ein anderes Mal werden zwei parallel geschaltete 16- Ohm Speaker (in der Summe also jeweils 8 Ohm) an der Buchse in Serie geschaltet, worauf die Gesamtlast wieder 16 Ohm beträgt. Mehr kann ich gar nicht dazu sagen, denn die klanglichen Unterschiede sind tückisch.

Udo Pipper
Celestion G12M-25 von circa 1970

Während man nach dem Test einer Parallel/Series-Box begeistert feststellen mag, dass genau das die richtige Verschaltung sei, kam man irgendwann bei einer anderen Box zu dem Ergebnis, dass doch Series/Parallel das Maß aller Dinge zu sein scheint. Die spezifischen Klangeigenschaften der unzähligen Celestion-Modelle und die konstruktionsbedingten Abweichungen der unterschiedlichen Speaker-Gehäuse können einen aufs Glatteis führen.

Techniker sind sich da nicht einmal einig, welche Verschaltung nun parallel/series und welche series/parallel genannt werden soll. Da bleibt am Ende nur der Versuch. Wenn ich eine Marshall-Box kaufe, probiere ich stets beide Verkabelungsvarianten, um zu ermitteln, welche mir besser gefällt. Und häufig ist es die Variante, die ich parallel/series nenne. Zuerst werden jeweils zwei Speaker-Paare parallel auf 8 Ohm verschaltet und dann in Reihe auf 16 Ohm verkabelt. Diese Verkabelung hat meiner Meinung nach etwas weniger Mitten, klingt offener und fetter. Aber das ist auch Geschmackssache. Meine Lieblings- Marshall-Box von 1970, die einem Freund von mir gehört, ist genau so verschaltet.

Udo Pipper
Celestion G12M Heritage

Kann man die unterschiedlichen Marshall-Boxen-Varianten vielleicht klanglich spezifizieren? Es gibt da ja reichlich Meinungen, welche Box für bestimmte Musikrichtungen am besten geeignet ist. Man kann ja unmöglich alle Modelle kaufen und ausprobieren. Im Musikladen darf man zudem meist nur recht leise testen.

Das könnte man versuchen. Für manche Musiker ist „Vintage“ das Maß aller Dinge. Da müssen es dann natürlich alte Boxen aus den Sechzigern mit Metallschalengriffen sein. Die Boxen sind meist mit Celestion Greenback G12M-20 oder G12M-25 bestückt. Der Sound dieser Speaker gilt als warm und cremig, ideal also für Bluesrock, Rock’n‘Roll oder Vintage-Rocksounds. Geprägt wurde diese Ansicht durch Protagonisten dieser Ära wie Clapton, Hendrix, Page und Beck, die alle solche Boxen in ihrer frühen Schaffensphase verwendet haben. Diese Lautsprecher waren jedoch aufgrund ihrer geringen Leistung recht anfällig für Ausfälle. Sie waren aber besonders beliebt wegen ihrer kompakten Mitten und ihres oft kehligen Grundcharakters.

Udo Pipper
Celestion G12-65

In der Zeit von 1969 bis 1970 folgten die Celestion G12H-Speaker mit 30 Watt. Diese haben mehr Bass und mehr Höhen, sind etwas klarer, aber lassen diese „bluesigen“ Mitten vermissen. Mit einer Stratocaster klingen die G12H fantastisch crisp und offen, mit Humbucker- Gitarren allerdings manchmal zu dick und mitunter auch etwas schrill. In den Siebzigern gab es dann stärkere M- und H-Modelle mit schwarzer Abdeckkappe (Blackbacks) in sehr unterschiedlichen Ausführungen. Diese Lautsprecher sind mittlerweile auch unter Sammlern recht begehrt, da sie etwas heller und aggressiver als die alten Greenbacks klingen. Während es von Celestion für die alten Greenbacks G12M und G12H sehr gute Repliken in der Heritage-Serie gibt, sind die Blackbacks als neue Speaker nicht erhältlich.

Ende der Siebziger kamen die komplett schwarzen Marshall-Boxen mit großem Schriftzug. Hier findet man meist die G12- 65 oder G12-75, die einen fantastisch stabilen und warmen Rocksound abliefern. Der Sound erinnert vor allem an Größen wie ZZ-Top, AC/DC oder Thin Lizzy, um nur einige zu nennen. Natürlich hat auch Steve Lukather solche Boxen während der frühen Toto-Ära verwendet. Für die 65er gibt es ebenfalls eine sehr gute moderne Replik von Celestion.

Udo Pipper
Celestion G12M „Blackback“ mit Alu-Kalotte

Etwa Mitte der Achtziger brachte Marshall dann den kräftigen Vintage 30 mit 65 Watt auf den Markt. Der Speaker war sofort wegen seines extrem mittigen Rock-Sounds beliebt. All meine Kollegen waren von diesem Speaker derart begeistert, dass es eigentlich nur noch einen Celestion-Speaker hätte geben müssen. In der Rückschau sind diese Lautsprecher allerdings sehr fokussiert in den Mitten und daher etwas einseitig. Für Rock- Sounds à la Gary Moore, van Halen oder Brian Adams klingen sie jedoch nach wie vor perfekt. Außerdem sind sie laut! Die in China gefertigten aktuellen Modelle klingen allerdings noch etwas heller und aggressiver als ihre Vorgänger Made in England.

Udo Pipper
Celestion G12M „Blackback“

In den Neunzigern kam es zur Neuauflage des Greenback G12M-25, der seinen Urahnen kaum nachsteht. Diese Speaker stehen etwa bei mir zu Hause für Tests mit typischem Marshall-Flair. Seit ich bei Matthias Jabs eine mit diesen Speakern bestückte Box gehört habe, musste ich solche Lautsprecher haben. Natürlich mag es alte Greenbacks geben, die noch etwas feiner und musikalischer klingen, aber es wird immer schwerer, intakte Exemplare aus den Sechzigern zu finden. Die meisten davon sind durchgespielt und damit matschig im Klang und leistungsschwach.

Ich würde ohnehin jedem Liebhaber alter Marshall-Boxen empfehlen, niemals ungeprüft Lautsprecher oder ganze Boxen bei eBay zu kaufen. Das kann übel ausgehen. Da gibt es richtig schlechte Exemplare für sehr viel Geld. Besser ist es, hinzufahren und zu testen. Dann findet man vielleicht seine Traumbox.

Udo Pipper
Parallel/Series-Verkabelung

Insgesamt kann ich beobachten, dass bei den zahlreichen Sammlern, die ich regelmäßig besuche, neben den alten Schätzen meist auf einer nagelneuen Marshall-Box aus der Handwired-Serie gespielt wird. Die Boxen haben Heritage-G12H-Speaker mit 55 Hertz eingebaut und klingen eigentlich mit jedem alten Marshall sehr gut. Auch bei mir steht so eine Box als Referenz für Verstärker-Tests. Tiefer gestimmte Heavy-Gitarren kommen dagegen perfekt über eine Box mit Vintage 30. Letztere geben auch einen sehr überzeugenden AC/DC-Ton ab.

Auch seitens der Gehäuse gibt es reichlich Varianten. Vor allem bezüglich der Rückwände gibt es da die Diskussion Birkensperrholz versus Span-Platte. Letztere mache den Sound etwas zu weich, zu instabil und mitunter „mumpfig“. Dann gibt es natürlich auch unterschiedliche Klangauswirkungen der Frontbespannung. Während der Pinstripe-Stoff aus den Sechzigern noch relativ dicht und daher für Höhen undurchlässig war, ist der sogenannte Wheat-Grill der späten Sechziger und Siebziger wesentlich offener und klingt daher heller. Aber auch das ist alles Geschmackssache. Soweit in diesem Monat … bis zum nächsten Mal!

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Aus Gitarre & Bass 04/2017

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