Living Colour

Vernon Reid: Ich kann nur richtig abgehen, wenn ich einen Song fühle

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FOTO: Zack Whitford

Exzellente Rhythmusarbeit, explosive Leads, kreative Sounds: Das Spiel des New Yorker Gitarristen hat das Genre des Crossover geprägt, machte ‚Cult Of Personality‘ zur Hymne der ausgehenden Achtzigerjahre. Und mit seinen kritischen und politischen Text-Inhalten ist das Quartett mit dem Comeback ‚Shade‘ aktueller denn je.

1988 gelingt den New Yorker Newcomern gleich mit der ersten Single der große Wurf: ‚Cult Of Personality‘ wird mit einem Grammy dekoriert, die Band von MTV zum Best New Artist gekürt. Denn das Debütalbum ‚Vivid‘ birgt eine bis dahin nicht gekannte Fusion aus Rock, Funk und Elementen aus Jazz und HipHop. Was die Band von vergleichbaren Acts wie Fishbone, Clawfinger, Faith No More oder Limp Bizkit unterscheidet, ist zum einen die außergewöhnliche Gitarrenarbeit ihres Gitarristen, der als legitimer Erbe von Jimi Hendrix‘ gefeiert wird (woraufhin Vernon Reid seine Wertschätzung mit einer Cover-Version von ‚Burning Of The Midnight Lamp‘ zeigen wird). Zum anderen positionieren sich Living Colour mit politisch-engagierten Texten gegen Rassismus und Unterdrückung und gründen die Black Rock Coalition.

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Nach einer längeren Pause, in der sich Sänger Corey Glover, Bassist Doug Wimbish, Schlagzeuger Will Calhoun und Gitarrist Reid Soloprojekten widmeten, fand der Vierer im vergangenen Jahr zu einem neuen Studiowerk zusammen. Vorhang auf.

interview

Vernon, was hast du seit ‚Chair In The Doorway‘ gemacht? Euer letzter Longplayer ist acht Jahre her.

Vernon Reid: Ich habe vornehmlich an Soundtracks gearbeitet wie Shola Lynchs ‚Free Angela Davis And All Political Prisoners‘ und Thomas Allen Harris‘ ‚Through A Lens Darkly: Black Photographers And The Emergence Of A People‘. Letzteres ist eine Dokumentation über die afroamerikanische Geschichte. Danach kam mit Brad Lichtensteins ‚As Goes Janesville‘ ein Film über die ökonomische Krise in den USA und den Rechtsruck in der Bevölkerung am Beispiel Visconsin. Außerdem habe ich Musik für die TV-Show ‚Totally Biased‘ geschrieben. Moderator Kamau Bell ist ein großartiger Stand-Up-Comedian und ein bissiger Beobachter der amerikanischen Gesellschaft. Ich hatte jede Menge zu tun.

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FOTO: Travis Shinn

Mit ‚Shade‘ zeigt ihr diesmal eure musikalischen Wurzeln.

Vernon Reid: Genau. ‚Shade‘ hat seine Wurzeln im Blues, dem wir dann unseren eigenen Dreh verpassen. Am Ende bekamen die Songs sogar noch einen weiteren Stempel von Produzent Andre Betts aufgedrückt, der aus dem HipHop kommt. Ein Song wie ‚Blak Out‘ ist da exemplarisch: er besitzt diesen HipHop-Minimalismus, verbunden mit einem Blues-Vibe. In einigen Stücken ist das sehr offensichtlich, in anderen weniger. Oder nimm ‚Who Shot Ya?‘, unsere Interpretation des Songs von Biggie Smalls (alias Notorious B.I.G.). Da geht es allerdings weniger um den Blues in der Musik, als um sein Leben. Eine echte Blues-Story.

Bei Konzerten habt ihr oft Songs von Robert Johnson gespielt und diesmal seinen ‚Preachin‘ Blues‘ gecovert.

Vernon Reid: Wir hatten den Song auf der Hundertjahrfeier ihm zu Ehren gespielt. Und diese Performance war im Grunde unsere Blaupause für ‚Shade‘. Selbst die Art wie die Scheibe entstand. Wir sind einfach ins Studio gegangen und haben die Songs eingespielt. Das mag seltsam klingen, weil die Platte letztlich so lange gedauert hat. Aber die Inspiration dazu passierte in einer Millisekunde. Bei den vielen Projekten, die jeder von uns hat, war es halt schwierig, diesen Funken am Glühen zu halten.

In ‚Program‘ äußert ihr euch kritisch über den Zeitgeist. Worum geht es euch genau?

Vernon Reid: Es geht um die Kommerzialisierung von Kultur und darum, wie Geschmack und Meinungen heute gelenkt und gekauft werden. Wenn irgendjemand heute etwas Neues schafft, sind sofort Trittbrettfahrer unterwegs, Firmen sind bestrebt, sofort Klone unter Vertrag zu nehmen. Es geht heute weniger darum etwas Neues zu finden, sondern kostensparend die nächstbeste Nummer 2 oder 3 zu vermarkten, solange ein Trend heiß ist. Das ist in der Musik besonders krass. Früher lebte der Rock & Roll durch die Verschiedenartigkeit der Künstler, ihrer Produzenten, ihrer Studios und Plattenfirmen. Alle machten ihr eigenes Ding, alle klangen unverwechselbar. Als der Rock & Roll dann zur Ware der Musikindustrie wurde, verkam er zu einem Lifestyle. Was einmal Individualismus war, wurde zur Massenware: steuerbar, kalkulierbar, fade.

Welche Mitschuld tragen die Musiker?

Vernon Reid: Viele Bands machen es sich leicht, ganz klar. Die ersten Synthies zum Beispiel musstest du noch mit Kabeln verbinden. Das war zwar umständlich, gab aber einem Keyboarder einen unverwechselbaren Sound. Heute gibt es Synthies mit Presets und Sound-Bänken und am Ende klingt vieles ähnlich. Bequemlichkeit resultiert letztlich in unkritischer Nutzung, du musst keine Energie investieren. Musik ist bequem geworden. Deswegen hat sie ihre Individualität verloren. Wir brauchen mehr mutige Musiker! Nur sie können die Zuhörer wieder auf eine spannende Reise mitnehmen. Der Punkt der Bequemlichkeit gilt auch für die Hörer: Früher musste man aktiv nach Musik suchen, die man mag. Heute wirst du digital überschüttet. Suchen muss man schon lange nicht mehr.

Deine Soli wie in ‚Inner City Blues‘ sind immer noch explosiv und dramatisch. Wie hat sich dein Spiel in den letzten Jahren entwickelt?

Vernon Reid: Das ist ein stetiges Wechselspiel aus Üben und Loslassen. Ich arbeite seit Längerem am Hybrid-Picking, spiele also mit dem Plek zwischen Daumen und Zeigefinger und zupfe zudem die Saiten mit Mittel- und Ringfinger. Außerdem übe ich verschiedene Picking-Patterns, damit sie sich verfestigten. Ich spiele immer noch gerne Leads, aber mein Fokus hat sich ein bisschen mehr in Richtung Musikalität verschoben.

Du hast mal gesagt, dich trotz deiner herausragenden Technik nie so recht wohl zu fühlen, beim „männlichen Ritual“ des Solierens.

Vernon Reid: (lacht) Stimmt. Ist schon komisch: Ich kann nur richtig abgehen, wenn ich hundertprozentig in einem Song drin bin, wenn ich ihn fühle. Dann passiert es! Ich kann das nicht steuern, ich kann nicht einfach Licks oder Skalen runternudeln. Das muss sich im Moment des Spielens ergeben, sonst fühlt sich das für mich nicht richtig an. Deswegen gebe ich auch nicht gerne Workshops.

Du hast in deiner Karriere eine Menge Instrumente gespielt: Eine Gibson ES-347, diverse Les Pauls, eine Birdland, du warst Endorser für ESP und Hamer. Was spielst du auf ‚Shade‘?

Vernon Reid: Da sich die Produktion von ‚Shade‘ über Jahre hingezogen hat, sind ganz unterschiedliche Gitarren darauf vertreten. Zum einen meine alten Hamers. Dann hatte ich einen Deal mit Parker die mir ein Signature-Modell gebaut haben. Inzwischen arbeite ich mit PRS. Auch sie haben mir eine Signature gebaut, auf der Basis der Custom S2 Vela …

… die auch wieder dein bevorzugtes V-Shape-Halsprofil hat, das man von den Acoustics der Dreißiger- und Vierzigerjahre kennt.

Vernon Reid: Auch Fender baute in den frühen Sechzigerjahren mal leichte V-Shape Necks, ich glaube zwischen 1963-65. Ich hatte mal so einen Hals in der Hand und fand die Form total angenehm. Die habe ich dann von ESP über Parker bis jetzt zu PRS verwendet. Den Hals meiner ersten PRS hat Paul übrigens von Hand für mich gefertigt!

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FOTO: PRS
Vernons PRS-Signature-Modell: Die S2 VR

Eigentlich mögen Gitarristen, die auch gerne mal flott unterwegs sind, eher ein flaches Halsprofil.

Vernon Reid: Ich sehe das anders. Ich mag es, wenn mein Daumen eine solide Ablage hat. Der Winkel ist auch nicht spiegelgleich, der Hals ist oben an der Schulter breiter. So wie ich meine Hand und meinen Daumen beim Spielen halte, fühlt sich das für mich sehr bequem an. Alles Geschmackssache.

Du hast auf ‚Shade‘ auch wieder eine Vielzahl interessanter Sounds am Start.

Vernon Reid: In den vergangenen Jahren erleben wir eine Evolution, besser Revolution, was neue Gitarren-Sounds und Pickups angeht. Auch Gitarren-Synthies haben sich enorm weiterentwickelt. Anfang der Neunziger habe ich ein Roland-System benutzt und hatte einen GK-3 Hex Pickup in meinen Hamers. Inzwischen gibt‘s zahlreiche Alternativen, etwa Fishmans Triple-Play MIDI-Pickup. Die Resultate zum Beispiel mit einem Boss SY-300 sind total faszinierend. Ich mag auch die Effekte, die Bill Rupert für Electro-Harmonix gemacht hat, wie die B9 Organ Machine oder das Mel9, das wie ein Mellotron klingt. Ich habe keinen Schimmer, wie sie das hingekriegt haben, aber die Resultate sind verblüffend. Es gibt heute so viele coole neue Effekte mit denen man kreativ arbeiten und die Gitarre einen Schritt voran bringen kann.

Wie sah es mit Amps aus?

Vernon Reid: Ich hab einen Kemper Profiler Amp und zwei Mesa-Boogies gespielt, einen Dual- und einen Triple-Rectifier. Dann hatte ich einen Randall RM 100 MTS Modul-Amp und einen Crate Blue Voodoo BV300H im Studio. Dann noch einen Amp des Boutique-Builders Mitch Colby. Dazu einen Positive Grid BT4 MIDI Controller, der ziemlich hilfreich ist. Und nicht zu vergessen ein Fractal Audio Axe-Fx Ultra Guitar Effektprozessor.

Du hast kürzlich neue Soloprojekte angekündigt. Was steht an?

Vernon Reid: Ich stehe gerade vor dem Abschluss der Aufnahmen meines Zig Zag Power Trios mit Will Calhoun und Mel Gibbs (Rollins Band). Das Album wird ‚Woodstock Sessions‘ heißen. Dann folgt ein weiteres Yohimbe-Album mit DJ Logic. Und aktuell versuche ich mich gerade als Produzent für eine talentierte Sängerin namens Shelley Nicole. Ich hab gut zu tun.

Vielen Dank fürs Gespräch!

www.livingcolour.com


Discografie

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FOTO: Megaforce Records
Das neue Album ,Shade‘

Shade (2017)
Chair In The Doorway (2009)
Collideoscope (2003)
Stain (1993)
Biscuits (1991)
Time’s Up (1990)
Vivid (1988)

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2017)

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