Das Schweigen der Lämmer

Musikmesse Frankfurt 2017

What a mess, wird sich der ein oder andere Gitarrenenthusiast, der die diesjährige Frankfurter Musikmesse besuchte, gedacht haben …

FOTO: Rebellius, Lehmann, Erhart, Braunschmidt, Lyubavskyy

Aber genauso war es, ähnlich wie im Vorjahr – eine sehr überschaubare Halle 11, in der wieder Drums und E-Gitarren zusammen ein Dasein führten, dass leider nicht mehr als die Nabelschau der internationalen Musikinstrumenten- Szene zählen kann: So glänzten fast alle großen Marken durch Abwesenheit, und auch die Bemühungen, einen Teil der bekannten Namen durch einen Gemeinschaftsstand eines Musikladens (Music Store) präsent zu machen, waren zwar gut gemeint, wirkten aber allzu bemüht.

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Gründe gab es viele, die die Firmen davon abhielten, in Frankfurt auszustellen: Die hohen Stand-Preise, die unausgegorene Ausrichtung (Publikums- oder Fachhandelsmesse?), die merkwürdige Hallenplanung, der ewige Kampf gegen den Lärm, die Trennung von der Prolight + Sound, die in diesem Jahr zumindest an drei Tagen parallel stattfand, die nur für Fachhändler zugelassene Halle 11.1, in der einige Großhändler Kunden empfangen und Produkte präsentieren, die fürs normale Publikum damit nicht sichtbar sind … und so weiter und so fort. Und die Dickfelligkeit der Messegesellschaft, diese Probleme nicht wirklich anzugehen, sondern sich eher in Detailverbesserungen zu verlieren.

Doch allein den schwarzen Peter der Messe in die Schuhe zu schieben, wäre zu einseitig. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will: Solche Veranstaltungen sind wichtig, um das Feuer hochzuhalten – und da stehen die Firmen, Vertriebe und Hersteller unserer Meinung nach auch in der Pflicht. Warum kommen von deren Seite nur vereinzelt neue Konzepte, die eine Messe eben für beide Seiten attraktiver werden lässt? Wie es geht, haben einige der großen Player in diesem Jahr vorgemacht – Warwick Distribution mit seinem riesigen Pedal-Mania-Stand, auf dem nicht nur die Produkte angespielt werden konnten, sondern wo auch Musiker und bekannte YouTuber vor Ort und gesprächsbereit waren.

Dann die Firma Meinl, die mit einem großen Stand die beeindruckende aktuelle Ibanez-Palette komplett präsentierte – mit kompetentem Personal, das Rede und Antwort stand, und dazu noch in Halle 8 mit einem Ortega-Stand vertreten war. Natürlich Yamaha, die im benachbarten Portalhaus ihre komplette Produktpalette inkl. Line 6 ausstellten, und dazu noch ein Stockwerk höher eine riesige Händlerzone boten. Dann das von der Messe organisierte Guitar- und Bass-Camp, in dem rund um die Messeuhr Clinics und Konzerte von namhaften Endorsern veranstaltet wurden – bestens aufgehoben in schalldichten Kabinen, die immer proppevoll waren. Wie früher! Ebenso gab es im Außenbereich neben den vielen Food-Trucks wieder zwei Bühnen, auf denen non-stop ein attraktives Programm geboten wurde, mit Steve Stevens und Don Airey als Zugpferde.

Oder unsere Schwesterzeitschrift Sound & Recording, die in Halle 9 (Recording, Keyboards, Piano) einen riesigen Gemeinschaftstand „Studioszene“ mit kompetenten Workshops, Seminaren und Präsentationen betreute, und als Zuschauermagnet fungierte.

Im Gespräch mit den Firmen, die das Thema Messe kreativ angingen, kam heraus, dass sie durchaus zufrieden waren – mit der Resonanz im Allgemeinen und im Speziellen mit der Tatsache, dass ihnen durch das Fehlen so vieler bekannter Marken die nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit zufiel. So kann es auch gehen! Herausragend war auch das Konzept von Elixir – sympathisch, dass die Anpreisung des eigenen Produktes (Elixir-Saiten) nicht im Vordergrund stand. Vielmehr war der Stand als reine Meet-and-Greet-Area konzipiert, und am Tresen traf man nicht nur die Elixir-MitarbeiterInnen, sondern auch Messepublikum und Mitarbeiter anderer Firmen, die mal zwischendurch zwanglos plaudern wollten. Live-Musik gab es auch, und zwar richtig gute – und in einer gesprächstauglichen Lautstärke, denn die Zuhörer wurden mit einem Kopfhörersystem mit der Musik versorgt. Geht doch, mag man da all den anderen lärmenden Ausstellern zurufen.

Mit einem weiteren funktionierenden Konzept wartete der EGB auf, der European Guitar Builders e.V., der ja auch die Holy Grail Show in Berlin ausrichtet. In Verhandlungen mit der Messegesellschaft erreichte der EGB, dass er als Verein einen bestimmten Bereich anmieten und diesen wiederum zu ähnlichen Bedingungen wie bei der Holy Grail Show scheibchenweise an Gitarrenbauer untervermieten konnte. Inkl. Schallkabine übrigens. Die Messegesellschaft sei äußerst kooperativ gewesen, erzählten uns die Macher des EGB. Schade nur, dass nicht viele der EGB-Gitarrenbauer sich dazu durchringen konnten, in Frankfurt auszustellen – ich habe ganze acht gezählt. Bekanntermaßen stellen bei der Holy Grail Guitar Show ja mehr als 100 aus… Da wäre also noch Luft nach oben gewesen. Über die Platzierung der EGB-Fläche in einer Ecke der riesigen Halle 8 kann man natürlich auch geteilter Meinung sein. Aber wer z. B. Nik Huber, Stoll oder Spalt Guitars suchte, der fand auch seinen Weg dorthin.

Ansonsten zeigte sich die Halle 8, der das Thema Akustik-Gitarre (plus Verlage plus Bläser) gewidmet war, ebenfalls leicht gelichtet. Dennoch – hier waren fast alle wichtigen Marken am Start, und das war gut so. Traditionell konnte man hier auch noch normal miteinander sprechen, ohne sich im (ebenso traditionellen) Gitarrengewitter der Halle 11 anbrüllen zu müssen. Einige von uns Journalisten genossen auf der Messe auch die neue Freiheit, sich um die Firmen zu kümmern, die sonst im Konzert der Großen vermutlich untergegangen wären. Interessante Gespräche, innovative Produkte, neue Namen, die vielleicht in Zukunft in unserer Publikation öfter auftauchen werden. Unsere Bilderstrecke zur diesjährigen Messe wird denn zwangsläufig auch einige dieser neuen Firmen vorstellen, von denen etliche zum ersten Mal in Frankfurt dabei waren und sich durchaus irritiert darüber zeigten, welche anderen Marken eben nicht dort waren. Ob sie noch einmal wiederkommen? Wir werden es nächstes Jahr erleben, wenn …

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