Interview

Joe Krieg über Jazz, Gitarren und Bandleben

John Scofield habe ich entdeckt, weil es 1978 in Deutschlands kleinster Großstadt Trier einen winzigen Plattenladen gab, der dessen erste beiden Enja-Alben ,Live‘ und ,Rough House‘ im Angebot hatte und mir die Semiacoustic auf einer LP-Cover-Rückseite so gut gefiel. Volker Kriegel bin ich zum ersten Mal als 16-Jähriger am Radio begegnet: In einer SWF2-Sendung des legendären Jazz-Experten Joachim-Ernst Berendt hörte ich Musik, die für mich absolut neu war – ,Inside: Missing Link‘, ,Lift‘ und dann ,Topical Harvest‘. Und den Gitarristen Joe Krieg habe ich kennengelernt, weil er sich für meinen Polytone-Amp interessierte, den ich in den eBay-Kleinanzeigen angeboten hatte. That’s life!

Joe Kireg
VOLLMOND KONZERTFOTOGRAFIE

Joe Krieg kam also irgendwann vorbei um den Amp zu testen, stellte sich als sehr sympathischer Mensch heraus, und da fiel mir ein, dass ich Jahre vorher ja auch schon mal eine CD von ihm rezensiert hatte. Im Mai ist mit ,Homegrounded‘ Joes drittes Album erschienen, ein großartiges Stück Musik, und da war es keine Frage mehr, dass er genau hier hin gehört: in diesen Artikel. Warum ich das schreibe? Weil es natürlich oft ganz persönliche Umstände sind, unter denen oder wegen derer man Musik kennen- und lieben lernt. Und weil die Gründe für Begeisterung eigentlich immer subjektive sind, wenn man Kunst liebt. Oder Menschen. Mehr zum Thema aus aktuellem Anlass am Ende der Story.

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Hier also schon wieder ein deutscher Musiker, der einen interessanten Beitrag zur Jazz-Gitarrenszene liefert: Joe Krieg, geboren 1974 als Hans Joachim, kommt aus Würzburg und hatte u.a. Unterricht bei Mike Stern, Ben Monder, Peter Bernstein, Pat Martino und Michael Arlt. Sein neues Album hat er gegenüber den beiden früheren Quartett-Produktionen etwas orchestraler angelegt: mehrere wechselnde Bläserfarben von Saxophonen, Posaune, Trompete, Flügelhorn, Klarinette und Flöte sind bei ,Homegrounded‘ im Spiel. Die Arrangements sind sehr abwechslungsreich und rhythmisch ausgefeilt, und wenn Joe Krieg zu einem Solo über einem Horn-Teppich ansetzt, dann startet er von sicherem Boden – und hebt gitarristisch ab. Das mit immer warmem, plastischem Archtop-Sound von seiner Sonntag-Gitarre.

Ein weiterer Glücksfall sind auch Kriegs Mitmusiker Marco Netzbandt (p), Felix Himmler (b) und Uli Kleideiter (dr), mit denen er auf allen Alben zu hören ist, immer als „Joe Krieg Quartet“. Spielerisch hat sich der Gitarrist und Bandleader seit seinem Debüt ,Anadulphs Traum‘ eigentlich nicht großartig verändert, denn er verfügte schon 2008 über einen tollen Ton und viel Geschmack. Als Komponist hat er allerdings ganz große Schritte gemacht, in der Hinsicht ist sein aktuelles Album wirklich überraschend. Was man aber auch vielen Tracks seines Debüts nicht absprechen kann, die auch schon mal mit einem Drum-N’Bass-Groove überraschen konnten … Tolle Musiker!

Joe Kireg mit seiner Band
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Joe, welche Art von Musik hörst du außer Jazz?

Joe Krieg: Zur Zeit höre wirklich sehr gerne klassische Musik. Am liebsten Klaviermusik. Ich liebe dieses Instrument wirklich sehr. Vielleicht kommt die Vorliebe daher, weil ich in jungen Jahren mit Klavier angefangen habe. Allerdings war es sowohl für mich, meine Eltern und nicht zuletzt für meine Klavierlehrerin eine Qual. Natürlich beschäftige ich mich auch mit aktueller Pop- und Rock-Musik, wenn auch nicht mehr ganz so konsequent wie heute mit dem Jazz. Das leidenschaftliche Feuer für Musik kam aber durch Nirvana, Metallica, Queen …

Welche Alben waren für deine Entwicklung als Musiker wichtig?

Joe Krieg: Schwierige Frage, weil ich schon so lange Musik höre und man sich als Musiker immer weiterentwickelt. Platten die mich früher beeinflusst haben tun es heute nicht mehr und umgekehrt. Ich weiß allerdings, dass mich die Platten von Pat Martino sehr geprägt haben. Ich saß stundenlang vor meiner Anlage und dachte nur: Unfassbar! Es gibt Musik, die hört man und kann sie wertschätzen und toll finden oder auch was von ihr lernen. Es gibt aber Alben oder Künstler, die sind einfach magisch. Ein ganz besonderes Album von Pat Martino ist ,We’ll Be Together Again‘ im Duo mit dem E-Pianisten Gil Goldstein. Bei Pat Martino durfte ich einen Nachmittag in Philadelphia Unterricht genießen. Danach sah ich seine Show, in einem Restaurant ebenfalls in Philadelphia. Ein Highlight in meinem Leben. Ihm habe ich das Stück ,Martino‘ auf meiner zweiten Platte gewidmet.

Kennst du John Scofields Aufnahmen mit der WDR-BigBand: ,East Coast Blow Out‘ von 1989?

Joe Krieg: Ein tolles Album mit sehr viel Tiefgang und Energie. Aber es ist interessant, dass du dieses Album erwähnst. Es gab nämlich zwei Alben, die mich inspiriert haben, mein aktuelles Album ,Homegrounded‘ zu schreiben. Das eine war ,Largo‘ von Brad Mehldau und das andere ,Quiet‘ von John Scofield, wo er Nylonstring spielt, auch vor einer größeren Besetzung..

Ich hätte dich jetzt fast auch noch nach ,Quiet‘ gefragt …

Joe Krieg: Die Horn-Arrangements sind sehr speziell und unterstreichen den Sound der Band und den der Komposition. So wollte ich das gerne auch auf meiner Platte haben.

Wie kamst du eigentlich zum Jazz?

Joe Krieg: Über die Neugier am Instrument und wegen der Harmonien. Ein wenig Fusion, Robben Ford, den ich immer noch sehr hoch halte, und die Musik von Miles Davis. Bei uns in Würzburg ging damals die Progressive-Metal-Welle um, mit Dream Theater und Co. Das wollte ich damals gerne weiterverfolgen und war sehr ambitioniert am Instrument. Dann hatte ich eines Abends eine Erleuchtung, als ich den Gitarristen einer lokalen Funk-&- Soul-Cover-Band gesehen hatte. Diese Musik war weitaus weniger technisch, dafür aber mit viel mehr Farben, Gefühl und Konturen versehen. Ich wusste sofort: Das ist mein Sound! Der Gitarrist gab mir einige Stunden Unterricht, und dann hat er mich auf eine berufsvorbereitende Schule für Musik geschickt. Dort blieb ich ein Jahr und spielte anschließend die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik in Würzburg, wo ich dann ab 1998 Jazz-Gitarre studierte, bei Michael Arlt.

Was war denn deine erste Jazz-Gitarre, und welchen Amp hattest du damals?

Joe Krieg: Angefangen habe ich auf meiner Gibson Les Paul Custom mit drei Humbuckern. Sie ist sehr Jazzkompatibel. Allerdings habe ich mir ab dem dritten Semester dann eine echte Jazz-Gitarre gegönnt. Das war meine blonde Ibanez Johnny Smith. Eine Gibson-Kopie aus den 70ern; mit ihr habe ich meine beiden ersten Alben aufgenommen. Als Amp benutze ich heute meist einen modifizierten Fender Twin Reverb, ein Silverface-Modell aus den 70ern; davor habe ich einen neueren Fender-Concert-Amp gespielt.

Joe Kireg
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Was sind deine Gründe, eine Sonntag-Archtop made in Germany zu spielen?

Joe Krieg: Das klingt jetzt wie ein Werbespruch, aber es stimmt wirklich: Wenn man mal eine Sonntag-Gitarre in der Hand gehalten hat, weiß man was man an ihr hat. Der Hals ist wirklich überzeugend. Neben meiner Ibanez Johnny Smith wollte ich damals gerne auch noch ein massives Instrument. Ich schätze den warmen Ton und profitiere beim Spielen sehr vom direkten akustischen Signal. Also hatte ich mich auf die Suche gemacht. Der Weg führte mich zur Archtop-Messe nach Nürnberg, wo eben auch Stefan Sonntag seine Instrumente ausgestellt hatte. Also habe ich angefangen auf seinen Gitarren zu spielen und nicht mehr aufgehört. Ich wollte dann auch einen Sound, der sich etwas von diesem ganzen Vintage-Boom abgrenzt. Vor drei, vier Jahren habe ich mir von Sonntag die Standard bauen lassen in 17 Zoll, vor einem Jahr kam noch die Brigit in 18 Zoll dazu.

Nimmst du im Studio auch schon mal akustische Anteile der Gitarre mit auf, oder nur den Amp-Sound?

Für das Video ,Jollo‘ habe ich es so gemacht. Da habe ich den Sound der Brigit auch akustisch aufgenommen. Auch für die Aufnahme von ,Lukas‘ habe ich verschiedene Sonntag-Gitarren akustisch aufgenommen. Beide Songs kann man auf meiner Website hören. Für meine Alben hat es sich aber nicht bewährt.

Was ist für dich die größte Herausforderung als Musiker, was grundsätzlich als Mensch.

Joe Krieg: Als Musiker ist man Selbständiger: also selbst und ständig. Das macht es wirklich anstrengend … Die Herausforderungen als Mensch sind eigentlich gar nicht zu trennen von denen als Musiker. Das ist für mich alles eins. Im besten Fall wird man als Musiker zu dem, was man als Mensch ist. Und als solcher muss ich mich ständig entwickeln. Das heißt für mich, ehrlich zu spielen und sich nicht hinter Licks und Tricks zu verstecken. Beim Improvisieren muss ich ständig Entscheidungen treffen. Meistens sind das Entscheidungen, die das Kollektiv betreffen und da bin ich als Mensch gefragt. Wie laut bin ich, soll ich noch einen Chorus spielen oder gebe ich dem anderen auch Raum? Höre ich zu, spiele ich dienlich für den anderen? Bin ich ein Ego-Spieler oder will ich zusammen mit den anderen gut klingen? Mit wie viel Liebe und Aufmerksamkeit begegne ich meinen Mitmusikern, der Musik und meinem Instrument? Die Fragen kann ich nur als Mensch beantworten. Viele Antworten habe ich für mich in der Bibel entdeckt, vor allem im neuen Testament. Ich muss schon sagen, dass meine Musik sehr eng mit dem christlichen Glauben verbunden ist.

Welche Jobs hast du noch neben deinen eigenen Projekten?

Joe Krieg: Ich bin Dozent an der Uni Würzburg und gebe noch privat Unterricht.

Wie hält man eine Band so lange zusammen? Und dann noch eine so großartige, wie dein Quartett?

Joe Krieg: Danke für die Blumen, ich werde sie weitergeben. Wir haben alle zusammen studiert und kennen uns von der Hochschule. Ich denke, dass die Grundvoraussetzung gegeben ist, dass wir uns persönlich alle sehr schätzen. Gerade mit dem Schlagzeuger Uli Kleideiter habe ich schon sehr viel erlebt − und das verbindet. Als nächstes kommt, dass alle drei meine Art zu komponieren sehr mögen. Zumindest sagen sie es immer wieder. Und zum Schluss verstehe ich die Band wie eine Band. Natürlich springt mal ein anderer ein für ein Konzert, wenn es mal nicht anders geht, aber jeder weiß, dass er ein Teil des Sounds ist. Es sind zwar meine Songs, aber unsere Band.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Joe Krieg: Ich liebe es live zu spielen. Und noch mehr mit einer Musik die mir am Herzen liegt. Das kann meine Musik sein, das kann aber auch Musik von anderen sein. Es ist aber wirklich schwer an gute Veranstaltungen zu kommen. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft etwas leichter geht.

Vielen Dank für das nette Gespräch, Joe.

 

Wer Joe Krieg noch nicht kennt, kann sich hier eine kleine aber sehr harmonische Aufnahme eines seiner Konzerte anschauen. Diese Aufnahme wurde in seiner aktuellen Wahlheimat Würzburg gemacht.

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