The Roots

Jimi Hendrix’ frühe musikalische Einflüsse

Es ist eine Binsenweisheit, dass Kreativität, Bildung und Techniken eines Künstlers nie aus dem Nichts entstehen. Individualität hat aber noch nie Inspirationen ausgeschlossen. Der Musiker Jimi Hendrix hat in Interviews häufig auf die für ihn wichtigen Einflüsse hingewiesen; dem idealisierten Gitarrengott wurden dann aber gerne Bezüge zum profanen Musikleben wegmystifiziert: Und alle Kunst kam aus dem innersten Universum dieses Genies.

Hier und in den nächsten Ausgaben Gitarre & Bass einige Gedanken zu wichtigen musikalischen Einflüssen, die einen der wiederum einflussreichsten E-Gitarristen des 20. Jahrhunderts geprägt haben – und damit bis heute wirksam sind.

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(Bild: UNIVERSAL, ARCHIV)

Church & Charts

Hendrix’ Einflüsse, die ihn in seiner Jugend prägten, bestanden zum einen aus der populären Radio-Musik der Charts der 50er-Jahre, zum anderen aus der alten afroamerikanischen Tradition des rhythmischen Löffelschlagens, die er schon früh durch seinen Vater kennenlernte. Ansonsten spielte niemand im engeren Familienkreis ein Instrument oder besaß irgendwelche musikalischen Kenntnisse. In direkten Kontakt mit Musik kam der junge James Marshall Hendrix (*1942) während der sonntäglichen Kirchenbesuche mit seinen Verwandten.

Die Familie gehörte zur Pentecostal Church, einer christlichen, schwarzen Glaubensgemeinschaft, deren Kirchenmusik sich durch einen sehr lebendigen weltlichen Charakter auszeichnet; im Gottesdienst wurden alle möglichen Instrumente eingesetzt, die den Menschen aus ihrem alltäglichen Leben bekannt waren. Jimi soll später, als er mit dem Gitarrenspiel begann, von einem alten Blues-Musiker aus der Nachbarschaft einiges gelernt haben; weitere praktische Hilfe bekam er von Ulysses Heath, dem Gitarristen der Rocking Kings, seiner ersten Band, in der er allerdings auf seinem Instrument noch den Bass-Part spielen musste. Im Übrigen beobachtete er aufmerksam die durchreisenden oder ortsansässigen Blues-Musiker bei ihren Konzerten.

Untersucht man genauer die Auflistungen von Hendrix’ persönlichen Lieblingstiteln oder des Repertoires seiner vorwiegend Cover-Versionen spielenden Band The Rocking Kings aus den Jahren 1958 und ,59, so stößt man auf Titel wie ,Cathy’s Clown‘ von den Everly Brothers, ,La Bomba‘ von den Carlos Brothers, Eddie Cochrans ,Summertime Blues‘, ,The Twist‘ von Hank Ballard und diverse Nummern der R&B-orientierten Gesangsgruppe The Coasters, so etwa ,Charlie Brown‘ , ,Poison Ivy‘ und ,Yakety Yak‘. Selbst Henry Mancinis berühmtes ,Peter Gunn Theme‘ und die ,Petite Fleur‘ des kreolischen Klarinettisten Sidney Bechet werden genannt – insgesamt also eine durchaus gängige, am Geschmack der wei- ßen Bevölkerung orientierte Hitparaden-Mucke.

Darüber hinaus war Jimi in seiner Jugend ein großer Fan der Rock & Roll-Heroen Buddy Holly und Elvis Presley; Ende 1957 konnte er in Seattle selbst ein Elvis-Konzert besuchen. Blues und Soul bekam Hendrix damals kaum zu hören, da es in der Umgebung seiner Heimatstadt Seattle keine „schwarzen“ Radiosender gab, die solche Musik gespielt hätten. Allerdings hörte er schon als kleines Kind bei Freunden oder Verwandten seiner Eltern gelegentlich Jazz und Blues. Vor Muddy Waters’ Musik soll er sich damals regelrecht gefürchtet haben; Duke Ellington, Count Basie und Joe Turner klangen ihm vertrauter. Auch das Repertoire seiner späteren Band The King Casuals, in der er während seiner Army-Zeit zusammen mit Billy Cox spielte, orientierte sich an den Top 40 der Charts.

 

Rhythm & Blues

Größeres Interesse an Blues und R&B, die in den 50s neben dem R&R immer mehr an Popularität gewannen, scheint Hendrix erst später, nach seinem Wechsel ins Profilager, entwickelt zu haben, also erst nach seiner Entlassung aus der Armee im Sommer 1962. Von Nashville/Tennessee aus, wo er, mit Unterbrechungen, das folgende Jahr verbrachte, starteten die sogenannten Package-Tourneen, für die er als Begleitmusiker verpflichtet wurde; hier fanden auch Sessions und Konzerte statt, bei denen er oft Gelegenheit hatte, andere Musiker kennenzulernen: ,That’s where I learned to play really … Nashvillel‘

Auf einer solchen Package-Tour spielte er in der Begleit-Band schwarzer Stars wie Solomon Burke, Jackie Wilson, B.B. King, The Supremes und anderer. In dieser Zeit kam es auch zu ersten Kontakten mit dem Blues-Gitarristen Albert King, der vielleicht zum einzigen wirklichen Vorbild für Hendrix wurde. King war ebenfalls Linkshänder, spielte vergleichsweise bläserorientiert und stimmte sein Instrument um einen Halbton tiefer als üblich, was Hendrix selber erst ungefähr ab Mitte des Jahres 1967 tat. Albert King führte ihn in die Geschichte des Blues ein und verriet ihm auch einige gitarrentechnische Tricks, wie etwa den Einsatz des Daumens zum Greifen der Bass-Saiten oder das „horizontale Anschlagen“ der Saiten durch Pull-Off-Spiel mit der Greifhand.

Neben Albert King entdeckte Hendrix auch die anderen großen Blues-Interpreten wie TBone Walker, Howlin’ Wolf, Robert Johnson, Muddy Waters, John Lee Hooker, Buddy Guy und natürlich B.B. King. Laut Little Richard hat Hendrix während der Zeit in seiner Begleit-Band, The Upsetters, fast genau wie B.B. King gespielt. Ein anderer Blues-Musiker, Willie Dixon, soll Hendrix auf die fundamentale Bedeutung des Blues für die moderne Rockmusik hingewiesen und dabei insbesondere auf Chuck Berry aufmerksam gemacht haben; der hatte den Blues mit den Gitarrentechniken der weißen Country & WesternMusik versetzt und ihn so auch in instrumentaler Hinsicht an den Zeitgeist der 50er-Jahre angepasst.

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(Bild: UNIVERSAL, ARCHIV)

 

Rock & Roll

Dass Hendrix ganz allgemein eine gute Repertoire-Kenntnis besaß, wird deutlich, wenn man seine Elvis-Presley- oder Howlin’-Wolf-Parodien auf der LP ,Loose Ends‘ hört. Noch Ende 1966, beim ersten Konzert mit der Experience in Paris (als Vorgruppe von Johnny Halliday), spielte Hendrix überwiegend R&B- und Soul-Standards; dies geschah jedoch nicht zuletzt wegen der knappen Vorbereitungszeit der erst wenige Tage alten Formation. Little Richard, bei dem Hendrix in der Zeit um 1963 spielte und der sich später immer wieder als eines der großen Vorbilder seines damaligen Schützlings dargestellt hat, übte in Wahrheit kaum einen musikalischen Einfluss auf ihn aus.

Little Richard selbst sieht das jedoch noch 1985 ganz anders: „Leute wie die Jacksons, Prince, Boy George und Bowie haben alles von mir und Jimi Hendrix, und Jimi hat es von mir, weil er mein Gitarrist war.“ Das gute Wetter soll er übrigens auch erfunden haben. Little Richards Musik war ein R&R-Verschnitt mit Blues- und Soul-Einflüssen, meist strikt durcharrangiert und ohne große Improvisationsmöglichkeiten für irgendjemanden außer ihn selbst. Hendrix spielte in dieser Band eine Riff-orientierte Rhythmusgitarre und nur sehr selten knappe, aus dem stilistischen Rahmen etwas herausfallende Soli.

Die Little-Richard-Nummern ,Lucille‘ und ,Tutti Frutti‘, in denen eine angezerrte und mit WahWah versehene ,Original-Hendrix- Gitarre‘ zu hören ist, sind, wenn sie als HendrixAufnahmen ausgegeben werden, nichts anderes als Betrug und pure Fälschung und der Versuch auf den Erfolgszug des Manns aus Seattle aufzuspringen: Hendrix hat auf diesen Songs, entgegen den Angaben auf verschiedenen LP-Covers, keinen einzigen Ton gespielt. Dass Little Richards exzessiver Vokalstil, der Stöhnen, Seufzen und Schreien in seinen R&R-typischen Gesang integrierte, auch eine Inspiration für Hendrix’ vergleichsweise enthemmten Gitarrenstil war, ist zwar durchaus möglich – konkrete Aussagen liegen hierzu jedoch nicht vor. Hendrix hat sich überhaupt nicht gerne über diese für ihn eher unerfreuliche Zeit geäußert.

 

Soul & Jams

Deutlicher auf Hendrix’ Gitarrenspiel ausgewirkt hat sich seine Arbeit als Backing-Gitarrist bei Soul-orientierten Interpreten. Titel wie ,The Wind Cries Mary‘ oder ,Little Wing‘ haben etwas von dieser Atmosphäre und sind deutlich an Bobby Womack und Curtis Mayfield, einen frühen Bewunderer von Hendrix, angelehnt. Im Jahr 1964 spielte Hendrix mit den Isley Brothers. In deren Titel ,Testify‘ hört man eine sehr modern gespielte Rhythmusgitarre; hier setzte Hendrix bereits seine später zum Markenzeichen gewordenen Sharp-Ninth-Akkorde ein. In mehreren Aufnahmen wird er als überzeugender Solist vorgestellt, spielt hier ansonsten aber meist kurze, vom Blues beeinflusste Fills.

Trotzdem genoss er in dieser Band zum ersten Mal relativ große künstlerische Freiheit, zum einen natürlich im Hinblick auf sein Gitarrenspiel, zum anderen aber auch in Bezug auf die Bühnen-Präsentation: Viele später bekannt gewordene Gags und Show-Tricks hat er bei den Isley Brothers zum ersten Mal einsetzen können. Nach seiner Zeit unter der Fuchtel des Diktators Little Richard, der seinen Musikern alles verbot, was ihm die Show hätte stehlen können, waren die Isley Brothers daher gleich in mehrfacher Hinsicht ein großer Schritt nach vorn für ihn.

Eine der ersten Plattenaufnahmen, auf denen Hendrix als Sänger und Gitarrist zu hören ist, entstand im Dezember 1965 in einem Club in Hackensack, New Jersey, mit der Band von Curtis Knight. Erinnert sein Gesang im Titel ,I’m A Man‘ noch sehr an Muddy Waters, so ist sein Instrumentalsolo eine der wenigen frühen Aufnahmen, die ihn als wirklich fähigen und virtuosen Musiker zeigen. Hier finden sich schon viele wichtige Elemente seines späteren Stils wie etwa der verzerrte Sound, die gekonnten Bendings und das einhändige Gitarrenspiel.

Der amerikanische Gitarrist Frank Evans erkennt zukunftsweisende Elemente auch in der Instrumentalversion des Titels ,Love Love‘, die Hendrix laut Plattencover-Angabe 1965 oder 1966 mit Curtis Knight aufgenommen haben soll: „Hier kann man alle Jazz/Rock-Tricks hören, sich wiederholende Bassfiguren, den #9-Akkord, etc.“ Der genannte Titel stammt allerdings aus einer von Curtis Knight unerlaubt mitgeschnittenen und veröffentlichten Session vom Sommer 1967, also nach Hendrix’ Monterey-Erfolg. Wirklich typische Hendrix-Soli im Sinne seiner nach 1966 in England entstandenen Aufnahmen lassen sich nur in wenigen Titeln aus der Zeit mit Knight auffinden.

In ,Hush Now‘ , das deutlich an den Song ,White Room‘ von Cream erinnert, setzt Hendrix einen leicht angezerrten WahWah-Sound und sein typisches OctaveBending ein; da jedoch damals das WahWah-Pedal noch nicht auf dem Markt war, handelt es sich auch hier wieder um ein Produkt aus Knights Nebenerwerbsgeschäft von 1967. Als die Firma Warwick Electronics Inc./Thomas Organ Company im November 1966 das erste Wah-Pedal veröffentlichte, war Hendrix schon in England. Bei den Ende 1963 entstandenen Studioaufnahmen mit Lonnie Youngblood, bisher Hendrix’ erste auf Tonträger dokumentierten Platten-Sessions, kommen sein Blues- und Soul-Background noch deutlicher zur Geltung. Die Titel ,Under The Table‘ und ,Wipe The Sweat‘ enthalten bekannte Effekte wie das geräuschartige Slide-Spiel mit Hand oder Unterarm sowie Bending, Pull-Offs und die Verwendung des Sharp-Ninth-Akkords; und in einer Live-Version von ,GoGo Shoes‘ fallen Hendrix’ variables Akkordspiel und seine rhythmische Sicherheit auf.

Viele Stücke dieser Phase wirken jedoch gerade in Bezug auf den Part der Lead-Gitarre völlig dilettantisch, sodass es in einigen Fällen naheliegt zu vermuten, dass Hendrix an ihnen gar nicht beteiligt war. Die Vermutung ist richtig: In dem reichhaltigen Angebot von 58 Youngblood-&-Hendrix-Titeln finden sich nur neun Songs – in verschiedenen Takes oder Abmischungen – in denen der Gitarrist tatsächlich Jimi Hendrix war. Alle oben genannten Fälschungen sind relativ leicht als solche zu identifizieren. Blues-Phrasierung und weitere wesentliche Elemente seines späteren Stils sind bei den echten Hendrix-Aufnahmen so ausgeprägt und klar erkennbar, dass man schon für diese Zeit von einem technisch versierten und professionell arbeitenden Gitarristen sprechen muss, der zum Beispiel die verstimmten Gitarren und katastrophalen Sound-Einstellungen der übrigen Aufnahmen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um jeden Preis vermieden hätte.

Von Hendrix’ Mitmusikern dieser Zeit ist in Interviews übereinstimmend immer wieder die Professionalität seiner Arbeitsweise betont worden; mit einer anderen Einstellung hätte er wohl auch kaum die Chance bekommen, in so vielen relativ guten Bands zu spielen. Die Position des Gitarristen bei den Isley Brothers erhielt er nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass er schon während seiner allerersten Session mit der Band in der Lage war, das gesamte Repertoire zu spielen und mit ihnen sofort auf Tour zu gehen. Die anfangs erwähnte Aufnahme ,Testify‘ aus dem Jahr 1964 (!) zählt, was die Pre-Experience-Zeit betrifft, zweifellos zu seinen besten. Festzuhalten bleibt also, dass Hendrix deutlich von Blues und Soul geprägt wurde; die Cover-Bands der späten 50erJahre haben, abgesehen von seiner Vorliebe für manche R&R-Standards, weit weniger erkennbare Spuren in seiner Arbeit hinterlassen.

In der nächsten Ausgabe geht es dann um englische Kollegen wie Clapton, Beck, Page und Summers, und deren Einfluss auf Hendrix’ Musik.

Aus: Elektrisch. Jimi Hendrix: Der Musiker hinter dem Mythos, Sonnentanz-Verlag 1991

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