The Roots

Jimi Hendrix & der Rock

Nachdem wir letztes Mal die frühen Blues- und R&B-Einflüsse von Jimi Hendrix analysiert haben, reisen wir jetzt mit ihm nach England, wo er ab Ende 1966 mit jeder Menge großartiger Kollegen in Kontakt kam. Für einen an Musik & Kunst im umfassenden Sinn interessierten Menschen ein Traum. Und der ging weiter, als er ein Jahr später als Star in seine amerikanische Heimat zurück kam …

Jimi Hendrix
(Bild: Universal; Archiv)

BritRock

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Was sich auf der Grundlage von Jimi Hendrix’ solidem BIues-plus-Soul-Background durch spätere Kontakte zu Rock- und Jazz-Musikern entwickelte, hat diese Wurzeln relativ unberührt gelassen; Letztere sind in Hendrix’ Musik immer klar zu erkennen gewesen. Im Vergleich zu seinen Blues/Soul-Bezügen wird der Einfluss, den verschiedene Rock-Gitarristen auf ihn genommen haben, weithin überschätzt. Bekannt ist, dass Jimi Hendrix schon während seiner New Yorker Zeit den Engländer Eric Clapton geradezu verehrte.

Chas Chandler versprach ihm dann auch, nach seiner Übersiedlung nach London ein Treffen mit Clapton zu arrangieren, damit er diesen persönlich kennenlernen konnte. In der Zeit nach 1967 äußerte sich Hendrix dann aber zunehmend kritisch über sein einstiges Idol; so bemängelte er Claptons offenkundige Unfähigkeit, Rhythmusgitarre zu spielen. Immer wieder unterstrich Hendrix die Bedeutung der Rhythmusgitarre, da sie im Wesentlichen die Struktur eines Songs oder einer Komposition definiere: „In dieser Welt gibt es nur noch Lead-Gitarristen, aber das Wichtigste überhaupt ist, das Takthalten zu lernen, den Rhythmus.“ In diesem Zusammenhang verwies Hendrix auf Billy Butler und Robert Lockwood Jr. als für ihn bedeutende Rhythmusgitarristen, beides R&B bzw. Blues-Musiker.

Jeff Beck und Pete Townshend, die Hendrix mit seinen ersten Londoner Club-Auftritten beeindruckte, halfen ihm allerdings, seine FeedbackTechnik weiterzuentwickeln. Von einigen Aufnahmen Becks soll Hendrix begeistert gewesen sein; weitere Hinweise, etwa auf eine engere Zusammenarbeit der beiden, gibt es jedoch nicht, sieht man von einigen Jam-Sessions ab. Gerade die Ursprünge des Feedback-Einsatzes sind heute nur schwer zu klären. Pete Townshend war ohne Zweifel einer der ersten bekannten Rock-Gitarristen, die mit dieser Technik arbeiteten; ebenso steht fest, dass er Hendrix künstlerisch beeinflusst hat, auch wenn diese Einwirkung nicht mit konkreten Details belegt werden kann. Bedenkt man, dass Feedback seit Beginn der elektrischen Verstärkung der Gitarre ein bekanntes, anfangs eher unerwünschtes Phänomen war, das dann jedoch seit den 50er-Jahren im R&B auch positiv, nämlich zur Verlängerung des Gitarrentons, genutzt wurde, so ist die zweifelsfreie Bestimmung eines „Erstanwenders“ kaum möglich.

Jimi Hendrix
(Bild: Universal; Archiv)

Hendrix hatte seine ersten Feedback-Erfahrungen natürlich schon als unbekannter Live-Musiker in den USA. Sicher ist aber, dass ihm Pete Townshend Ende 1966 in der Praxis der Feedback-Verwendung noch um einiges voraus war. Dieser Vorsprung schrumpfte jedoch schnell. Im Gegensatz dazu berichtet Mike Bloomfield, Hendrix habe das große Potential dieser Spieltechnik erstmals erkannt, nachdem er die Yardbirds gehört hatte; ob er dabei die Besetzung mit Jeff Beck (ab 1965) oder mit Jimmy Page (ab 1966) oder gar die Urformation mit Clapton als Gitarrist meint, die schon im Dezember 1963 ihre erste Live-LP eingespielt hatte, bleibt unklar.

Da Hendrix schon in seiner New Yorker Zeit, also bevor er nach England übersiedelte, Claptons Musik von Schallplatten kannte und bewunderte, könnten die frühen Yardbirds in diesem Zusammenhang wirklich eine Rolle gespielt haben. Deutlich wird in jedem Fall, dass Jimi Hendrix nicht nur von einer Seite beeinflusst worden ist. Die britische Musikszene hatte ihm ohne Frage viel Neues und Interessantes zu bieten, und diese Chance wird er entsprechend genutzt haben, um, nicht anders als schon in den USA, immer neue musikalische Erfahrungen aufzusaugen.

American Idols

Abgesehen von den unmittelbaren Einflüssen, denen Hendrix durch diverse Begegnungen ausgesetzt war, gab es auch eine ganze Reihe von Musikern, die schon vor ihm in ähnliche Richtungen gearbeitet hatten, sprich: einzelne Hendrix-typische Techniken oder Konzepte bereits früher verwendeten. Weiß man aus zahlreichen Hendrix-Interviews, dass Bob Dylans Lyrik und sein Gesangsstil nicht spurlos an ihm vorübergingen, so sind auch noch andere Musiker zu nennen, deren Musik er aufgrund ihrer Charts-Erfolge zweifellos gekannt hat. Immer wieder genannt wird in diesem Zusammenhang der Name Link Wray.

Der 1929 geborene Halbindianer hatte gegen Ende der 50er-Jahre einen Hit mit ,Rumble‘, einem Gitarren-Instrumentalstück, das später von Rock-Journalisten als „die erste Hardrock-Nummer“ identifiziert wurde. Erst Ende 1970 wiederentdeckt und nicht zuletzt aufgrund der Protegierung durch einige mittlerweile berühmt gewordene Verehrer wie Pete Townshend doch noch zu einem gewissen Kultstatus gekommen, räumte Wray in einem Interview vom Mai 1989 mit einigen Gerüchten um seine Musik auf: „Es gibt diese Geschichten, dass ich mir meine Effektgeräte selbst gebastelt hätte, aber das ist Unsinn. Ich habe immer nur den Verstärker voll aufgedreht!“ Beeinflusst von Johnny Smith, Hank Williams, Les Paul und Chet Atkins, also von Musikern aus der Jazz- und Country-Szene, spielte Link Wray mit relativ klarem harten Ton einen rifforientierten Gitarren-Rock.

Jimi Hendrix
(Bild: Universal; Archiv)

Seine Bedeutung als Erfinder des WahWah-Pedals und anderer Effektgeräte scheint jedoch, glaubt man seinen eigenen Angaben, auf einer Legende zu beruhen. Das WahWah-Pedal kam bekanntlich auch erst 1967 serienmäßig auf den Markt. Wer sich vorher wann, wie, wo und warum ein solches Gerät im Hobbykeller zusammengebastelt hat, lässt sich heute kaum mehr klären. Im Zusammenhang mit Hendrix dürfen einige Klassiker der E-Gitarre nicht vergessen werden: Neben Scotty Moore, Elvis Presleys erstem Rock-&-Roll-Gitarrist (ab 1956), neben Duane Eddy, der an Bass und Gitarre durch seinen exzessiven Gebrauch des Bigsby-Vibratosystems auffiel, und neben Chuck Berry, dem modernen Virtuosen des R&R, sind noch drei andere Musiker wegen der von ihnen eingeführten Neuerungen besonders wichtig: der Gitarrist Bo Diddley, der schon zehn Jahre vor Hendrix mit Echo, Hall und Verzerrer-Effekten experimentierte.

Der Jazz- und Country-Musiker Chet Atkins, der – wie jeder zweite E-Gitarrist der Historie – ebenfalls angeblich als erster WahWah, Octave-Doubler (ein Gerät, um Gitarrenstimmen einen Bass zu unterlegen) und die Technik des Right-Hand-Muting einführte (Abdämpfen der angeschlagenen Saiten mit dem rechten Handballen, eine Technik, die in den 70er-Jahren durch Al Di Meola erneut populär gemacht wurde); und schließlich der Gitarrist und Produzent Les Paul. In der nächsten Ausgabe geht es dann um Produzenten und Studio-Konzepte, die Hendrix als Sound-Komponisten entscheidend geprägt haben.

Aus: Elektrisch. Jimi Hendrix: Der Musiker hinter dem Mythos, Sonnentanz-Verlag 1991

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Danke schön! Great Stuff! Time for a Link Wray feature?

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  1. Steve Lukather über 25 Jahre Toto › GITARRE & BASS

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