More Images Than Words

Interview: John Myung von Dream Theater

Interviewmöglichkeiten mit John Myung sind vergleichsweise selten. Bei Anfragen hält sich der Bassist von Dream Theater gerne vornehm zurück und erweist sich auch sonst als auffallend stiller, zurückhaltender, man könnte sogar sagen: scheuer Zeitgenosse. Bekommt man Myung dann doch einmal vors Mikrophon, zeigt er sich jedoch als ausgesprochen freundlicher, zugewandter und gewissenhafter Gesprächspartner.

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Anlässlich der ,Images, Words & Beyond‘ Tour, mit der die amerikanische Prog-Metal-Band zurzeit das Jubiläum ihres 1992er Durchbruch-Albums ,Images And Words‘ feiert, trafen wir uns mit dem 50-Jährigen und bekamen spannende Einblicke in die Gedankenwelt eines Ausnahmemusikers.

John, wie aufregend ist es für dich, ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung von ,Images And Words‘ das wichtigste Album eurer Karriere noch einmal komplett live zu spielen?

John Myung: Ich habe ungeheuer viel Spaß daran, den Fans diese tollen Songs nach so vielen Jahren noch einmal präsentieren zu dürfen. Es gab eine Zeit, in der ich die Lust an ,Images And Words‘ etwas verloren hatte. Versteh mich nicht falsch: Ich mag die Scheibe und mochte sie immer, aber ich war müde, einige der Nummern ständig spielen zu müssen. Dennoch gilt: Dieses Album besitzt für mein Empfinden genau jene Magie, nach der man als Künstler bei jeder Scheibe strebt und die eine Veröffentlichung zu etwas Besonderem macht. Als ,Images And Words‘ 1992 erschien, begann für uns eine unglaublich aufregende Zeit. Natürlich wussten wir damals noch nicht, welch großen Einfluss die Scheibe auf unsere gesamte Karriere haben und wie wichtig sie bis heute für uns sein würde.

Das Album hat weltweit die entscheidenden Türen für euch geöffnet …

John Myung: Exakt. Wir wurden von den Ereignissen, die unmittelbar danach einsetzten, förmlich überrannt. Man spürte, dass sich gerade etwas Großes abspielte, aber wir waren so im Moment gefangen, dass wir die Auswirkungen auf unsere Zukunft nicht überblickt haben. Wir tourten mit dem Album mehr als ein Jahr und machten als Band einen riesengroßen Schritt vorwärts. Heute ist es toll, sich noch einmal an diese Zeit zu erinnern, noch einmal das Gefühl von damals zu spüren und die Songs zu spielen. Manchmal ist es für einen Musiker wichtig, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und sich daran zu erinnern, wie es ganz am Anfang war. Das kann für einen Menschen sehr heilsam sein.

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Myungs Bass-Techniker Jerry Pratt (Bild: Matthias Mineur)

Wie war die Stimmung im Studio, als ihr die Scheibe im Herbst 1991 aufnahmt? Habt ihr gespürt, dass ihr da etwas Großes in den Händen haltet?

John Myung: Beim gesamten Album war ich mir nicht sicher, aber bei ,Pull Me Under‘ spürte ich es sofort. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich vor dem Studio saß und zuhörte, wie John Petrucci einige Overdub-Gitarren für diesen Song einspielte. Ich spürte, dass wir gerade etwas Großes erschaffen, dass wir hier die Essenz des Songs getroffen haben. Ich wusste, wenn eine Nummer dem Album zum Durchbruch verhelfen kann, dann ist es ,Pull Me Under‘. Und genauso war es dann ja auch.

Der Effektpedaleinschub mit je dreimal TC Electronic (Vortex, Flashback & Hall Of Fame) und MXR (Fuzz Deluxe, Octave Deluxe & Chorus Deluxe)

Wenn ich mich richtig erinnere, hattest du damals einen Spector NS-2Bass.

John Myung: Das stimmt. Mit dem Spector habe ich ,Images And Words‘ aufgenommen und bin damit anschließend auch auf Tour gegangen. Es war ein Viersaiter mit einem wundervollen, warmen Klang.

Über welchen Amp hast du damals gespielt?

John Myung: Unser Produzent David Prater hatte eigene Vorstellungen, wie man einen Bass aufnehmen sollte. Ich glaube, wir verwendeten damals einen Marshall-Combo, spielten viele Passagen aber auch mit einer D.I.-Box direkt ins Pult. Für mich war es sehr interessant, mit jemandem zu arbeiten, der eine so konkrete Vision hat wie er. Mir gefiel das Endresultat, und auch das vom späteren ,A Change Of Seasons‘, das ebenfalls von David produziert wurde. Zwischen uns und ihm herrschte eine enge Synergie, die der Musik sehr zuträglich war.

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Das Pedalboard mit Fractal MFC 101-Mark II und Radial SGI-44 Interface (Bild: Matthias Mineur)

Inwieweit hatte euer damaliger Schlagzeuger Mike Portnoy Einfluss auf dein Spiel? Und inwieweit haben deine Bass-Parts Portnoys Drumming beeinflusst?

John Myung: Jeder in der Band bringt eigene Vorstellungen mit und die Chemie zwischen den einzelnen Musikern macht dann den Gesamt-Sound aus. Bei ,Learning To Live‘ beispielsweise hatte ich einige melodische Bass-Parts und rhythmische Ideen im Kopf, die wir nicht nur mit den Drums, sondern auch mit den Rhythmusgitarren und den Keyboards in Einklang bringen mussten. Der Trick besteht darin, auch die nicht sofort offensichtlichen Besonderheiten eines Bass-Parts beibehalten zu können, ohne dass sie den Drums-Groove oder die Akkordbewegungen der Gitarren negativ beeinflussen. Bei anderen Stücken gab das Schlagzeug eine bestimmte Stimmung, einen bestimmten Groove vor, und meine Aufgabe war es, mein Spiel daran auszurichten. Letztendlich ist es immer dieser ganz spezielle Funke eines jeden Songs, der den Rhythmus vorgibt.

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Sein Music Man Bongo Custom Sixstring (Bild: Matthias Mineur)

Haben sich die Grooves und Rhythmen bei Dream Theater verändert, nachdem Mike Portnoy durch Mike Mangini ersetzt wurde?

John Myung: Natürlich hat jeder Musiker seinen eigenen Stil. Mike Portnoy und Mike Mangini sind unterschiedliche Schlagzeuger, aber Mangini spielte nahezu alle Songs exakt genauso, wie sie damals von Portnoy angelegt wurden. Insofern sind es wirklich nur Marginalien, die das Drumming unterscheiden. Für mich ist Musik nichts anderes, als die richtigen Noten im richtigen Moment zu spielen und daraus etwas Besonderes entstehen zu lassen. Und wenn das geschieht, kümmere ich mich nur noch um meine Rolle in diesem großen Kontext. Ich betrachte mich generell als jemanden, der Dinge vervollständigt. Und bei Portnoy musste ich halt andere Dinge vervollständigen als bei Mangini.

Mike Portnoy ist ein riesiger Musik-Fan und liebt die unterschiedlichsten Bands und Stile. Er kann einem genau erklären, woher er bei bestimmten Parts seine Inspiration bekommen hat. Mike sagt dann: „Hör dir mal dieses oder jenes an, dann verstehst du, was ich meine.“ Solche Situationen kamen bei den Aufnahmen zu ,Images And Words‘ permanent vor. Mir hat das immer sehr gut gefallen, denn ich denke, dass man sehr viel lernen kann, wenn man sich mit der Musik anderer Künstler beschäftigt. Mike hat diese Fähigkeit, ich kann mich mit seiner Haltung zur Musik absolut identifizieren. Ich mache so etwas auch heute noch, höre mir Musik von früher an und frage mich, wer meine eigenen Vorbilder seinerzeit beeinflusst hat oder woher bestimmte Inspirationen stammen. Ich studiere heutzutage mehr denn je Musik unter solchen Gesichtspunkten und versuche zu verstehen, wie die Strukturen bestimmter Bass-Part oder Arrangements sind.

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Das Rack u.a. mit Radial JX 44, Fractal Axe-FX II Preamp, Demeter Tube Bass Preamp, Matrix GT 1000 FX, Demeter TMP-28 und Radial Workhorse (Bild: Matthias Mineur)

Überrascht es dich heutzutage mitunter, wie ausgefeilt und detailreich dein Spiel auf ,Images And Words‘ bereits vor 25 Jahren war?

John Myung: Nein, denn wir haben damals einfach das aufgenommen, was uns als Musiker und auch als Menschen bewegt hat. Wir haben alle den gleichen musikalischen Background, wir alle lieben Rush und Iron Maiden, wir lieben Yes. Wir arbeiteten fast zwei Jahre an den Songs von ,Images And Words‘. Monatelang probten und komponierten wir von montags bis freitags jeweils zwischen 18 Uhr und Mitternacht an dieser Scheibe. Immer wenn jemand mit einer starken Idee ankam, versuchten wir, diesen Part in ein gelungenes Arrangement einzubetten. Die Arbeit war erst dann getan, wenn wirklich alle Band-Mitglieder mit dem Resultat absolut glücklich waren. Dieser Aspekt, nämlich die uneingeschränkt offene Zusammenarbeit aller Dream-Theater-Musiker, ist und war entscheidend für diese Band, und dafür verantwortlich, dass ,Images And Words‘ so außergewöhnlich wurde. Ohne dieses Arbeitsethos würde es Dream Theater nicht so lange geben.

Letzte Frage: Macht dir das Spielen von ,Images And Words‘ heute mehr Spaß als 1992, als du nach dem intensiven Komponieren und Produzieren der Songs möglicherweise noch zu dicht am finalen Resultat warst?

John Myung: Mir macht es auf alle Fälle unglaublich großen Spaß, dieses Album jetzt noch einmal neu zu entdecken. Ich fühle mich in dieser Band sehr wohl, bin glücklich mit dem Team um uns herum, mit meinem Equipment, meinem Sound. Es ist toll, heute so viel Erfahrung zu besitzen. Ich bin jeden Abend aufs Neue begeistert, wie sehr die Zuschauer ,Images And Words‘ lieben. Es ist für mich auch nach 25 Jahren immer noch ein ganz besonderes Album. Ich denke, dass solche Momente der Grund dafür sind, weshalb ich das Gefühl immer noch habe, dem besten Job der Welt nachgehen zu dürfen.

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2017)

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