Peter Hayes im Interview

Gegen die Kontrolle der Kreativen: Black Rebel Motorcycle Club

Black Rebel Motorcycle
FOTO: Cooperative

Der Black Rebel Motorcycle Club feiert sein 20-jähriges Dienstjubiläum. Mit einem Album, das sich als Mittelfinger an den wenig Rockaffinen Zeitgeist versteht – und, im Umkehrschluss, als Hommage an die romantische Vorstellung einer Band, die nicht nur für ihren Lebensunterhalt tourt, sondern primär aus Berufung und Überzeugung.

Der Rock’n‘Roll, das ist ein offenes Geheimnis, steht vor dem Exitus: Unterwandert von R&B, Pop und HipHop. Verwässert von Produzenten, die alles gleich klingen lassen. Und zusehends ignoriert von den Medien und der Schallplattenindustrie. Die wenigen Bands, die sich erfolgreich dagegen wehren, lassen sich an einer Hand abzählen.

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Dazu zählen auch Black Rebel Motorcycle Club, die soeben ihr achtes Album ‚Wrong Creatures‘ veröffentlicht haben. Laut Sänger/Gitarrist Peter Hayes ein Manifest der Verweigerung und des Widerstands. Von beidem scheint der 41-jährige schwer gezeichnet: Er ist komplett ergraut, raucht Kette, schlürft literweise Kaffee und hat arge Sprach- und Konzentrationsprobleme. Was ein Gespräch nicht einfach macht. Doch lässt man sich erst einmal auf den langsamen, leisen Sprecher ein, hat er einiges zu erzählen.

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interview

Peter, die Band feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Hättest du je damit gerechnet, dass ihr so lange durchhaltet bzw. eine solche Karriere hinlegt?

Peter Hayes: Nein, niemals!

Wie konnte das passieren?

Peter Hayes: Gute Frage – auf die ich keine Antwort habe. Schließlich hatten wir nie vor, Teil der Industrie zu sein. Mehr noch: Als wir anfingen, waren da vor allem Bands, die gegen das Musikgeschäft waren. Wir schauten uns das an und dachten: „Wie wäre es, wenn wir uns von der Bestie schlucken lassen und sie von innen zersetzen – oder sie mit uns in den Abgrund reißen?“ Wir wollten sie zerstören, indem wir sie dazu bringen, ihr Geld für uns zu verschwenden. Aber was ist passiert? Man hat uns rausgeschmissen! Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, was Anti-Establishment überhaupt bedeutet. Es gibt zu viele Leute, die das zu Geld machen. Das ist eine ziemlich verschwommene Sache.

Wie das gesamte heutige Musikgeschäft, in dem ihr trotz eures Stehvermögens immer noch wie Außenseiter oder ein Gegenpol wirkt.

Peter Hayes: Das sind wir auch. Wir wollen nichts mit dem zu tun haben, was in der aktuellen Rockmusik passiert. Heute legt jeder diesen Autotune-Effekt auf seine Stimme. Dabei sollte man davon unbedingt die Finger lassen, weil das den Gesang synthetisch klingen lässt. Im Grunde ist es derselbe Blödsinn wie diese Synthesizer, die Rockbands in den 80ern benutzt haben. Oder DJs, die in den 2000ern auf Rocksongs gescratcht haben. Wenn es das ist, was die Leute wollen, bitte. Aber ich stehe für einen anderen Weg.

Ist Rockmusik tot bzw. stirbt sie aus? Und macht dir diese Entwicklung Sorgen?

Peter Hayes: Es schmerzt schon, darüber nachzudenken, wie sich gerade alles entwickelt oder wie es sich entwickelt hat. Eben, dass die großen Plattenfirmen den Klang ihrer Künstler regelrecht kontrollieren – bis zu einem Grad, wo sie alle gleich klingen. Das hat etwas von Gleichschaltung und Assimilation. Von Kontrolle der Kreativen und der Konsumenten. Natürlich mache ich mir darüber bis zu einem gewissen Grad Sorgen. Denn ich will auf keinen Fall ein Teil davon sein. Andererseits denke ich auch: Diese Leute wollen ja nichts mit mir zu tun haben. Ich agiere unter dem Radar, bin gar nicht interessant für sie. Insofern bin ich irgendwie noch Teil der Bestie, aber nicht wirklich. Eine komplizierte Situation.

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FOTO: Cooperative

Euer letztes Album ist von 2013. Wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt?

Peter Hayes: Unsere Schlagzeugerin Leah hatte eine ziemlich heftige Operation. Sie hatte etwas, das sich Chiari Malformation nennt und sich am einfachsten so erklären lässt: Das Gehirn ist zu groß für den Schädel, wodurch ein Teil davon permanent gegen den Knochen schlägt und für eine Blockade der Rückenmarksflüssigkeit sorgt. Schon während der gesamten letzten Tour – und auch davor – hatte Leah riesige Probleme mit dem Bühnenlicht und fühlte sich extrem unwohl. Sie hat ständig ihr Schlagzeug justiert und gedacht, sie würde wer weiß wie schlecht klingen. Bis sie bei einer Probe zufällig ein Stück ihres Drumsticks ins Auge bekam, zum Arzt musste und geröntgt wurde. Dabei wurde dieses Problem festgestellt. Und sie unterzog sich einer Operation, bei der man ihr einen Teil des Schädels und des Rückenwirbels entfernt hat.

Mal ehrlich: Wenn man so lange an neuen Songs bastelt, fängt man dann nicht irgendwann an, sie regelrecht zu hassen, weil man sie quasi schon vor Veröffentlichung über hat?

Peter Hayes: Absolut richtig. Das passiert mir jedes Mal – mit jedem Album, das wir aufnehmen. Auch aktuell leide ich darunter, weil das neue noch sehr frisch ist. Wobei ich hinzufügen muss: Im Grunde war ich nie in der Lage, mir eines unserer Alben nach Fertigstellung anzuhören.

Warum? Weil du da Sachen hörst, die nicht so sind, wie sie sein sollten? Oder weil die Aufnahmen so traumatisch waren?

Peter Hayes: Es ist definitiv so, dass ich mit jedem Album dieses Level an Hass erreicht habe, das ich gerade beschrieben habe. Nach dem Motto: „Ich ertrage das nicht mehr.“ Und das beruht darauf, dass ich irgendwann während der Sessions erkenne, dass das, was ich da tue, nicht gut ist, und ich es auch nicht besser hinkriege. Sprich: Ich ärgere mich über meine eigene Unzulänglichkeit. Denn ich will das besser machen, aber es geht nicht.

Und deshalb sind alle Platten auch irgendwie Dokumente meiner Unfähigkeit. Sie sind ein Eingeständnis meiner Schwäche. Zwar hört man da das Beste, was ich in dem Moment spielen konnte. Aber im Nachhinein, wenn es geschehen ist, fällt mir meist etwas viel Besseres ein und es ist mir nicht selten peinlich, was ich da im Studio verbrochen habe. Insofern spiele ich einige Stücke auch nie live – ich vergesse sie ganz bewusst. (lacht)

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FOTO: Stuart Sevastos (CC) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Black_Rebel_Motorcycle_Club_@_Metropolis_Fremantle_(3_8_2010)_(4879058460).jpg

‚Wrong Creatures‘ wurde vom britischen Produzenten Nick Launay betreut und klingt, als wäre es live im Studio entstanden. Inwieweit ist das Ganze eine Performance?

Peter Hayes: Für mich gar nicht so sehr. Ich meine, ich finde es toll, wenn Künstler das live im Studio hinkriegen. Das ist das Größte, ein Traum. Nur: Wirklich oft passiert das nicht. Und in meinem Fall ist es fast unmöglich, das so angehen zu wollen, weil es immer ein regelrechter Kampf ist, einen bestimmten Vibe hinzukriegen und dabei möglichst vielschichtig, im Sinne von subtil, vorzugehen. Ich denke, das ist live kaum machbar.

Deshalb ist ein Album für mich etwas anderes als eine Performance. Das sind verschiedene Paar Schuhe, die nichts miteinander zu tun haben. Ich ziehe den Hut vor jedem, der das hinkriegt. Aber: Ich würde nie von mir behaupten, dass ich als Spieler gut genug dafür wäre. Ich bin schon froh, wenn ich es schaffe, mal einen Song ohne Fehler durchzuspielen. Das wäre schon ein kleines Wunder. Und ich wüsste nicht, warum ich alles, was ich falsch mache, auf dem fertigen Album lassen sollte – dafür gibt es ja schließlich Live-Clips auf YouTube. (kichert)

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In Sachen Gear: Was verwendest du im Studio – und wie unterscheidet sich das von der Bühne?

Peter Hayes: Gar nicht – es ist dasselbe. Einfach, weil ich in beiden Situationen möglichst gleich klingen und mir keine großen Gedanken darüber machen will, wie ich etwas, das ich im Studio verbrochen habe, später auf der Bühne reproduziere. Die Herausforderung brauche ich nicht. Ich halte es lieber bewusst simpel und genieße es dann umso mehr. Momentan, also schon die letzten paar Jahre, benutze ich zwei Fender Bandmaster Amps, einen Marshall und einen Fender Pro Reverb. Die beiden Bandmaster sind links und rechts, der Rest ist in der Mitte.

Und bei Gitarren setzt du auf die Gibson ES-335?

Peter Hayes: Ja, ich habe sechs davon – mit mindestens 15 verschiedenen Tunings, die sich darauf verteilen. Dazu kommen noch die akustischen Gitarren. Sie haben alle unterschiedliche Besaitungen und Saitenstärken, die mit dem jeweiligen Tuning zusammenhängen. Und die 335s sind allein deshalb meine favorisierten Gitarren, weil sie das Tuning besser und länger halten, als viele andere, die ich hatte. Sie sind da zuverlässiger. Und ich mag ihre Art des Feedbacks.

Was befindet sich auf deinem Pedalboard?

Peter Hayes: Dasselbe wie beim letzten Album. Ich hatte noch keine Zeit, mich intensiver damit zu befassen. Aber ich denke, ich werde es für die kommende Tournee so minimal wie möglich halten. Einfach, um nicht ständig auf meine Füße schauen zu müssen. (lacht)

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Aber für eure Wall Of Sound, die ihr live wie im Studio errichtet, dürften Effekte doch unverzichtbar sein?

Peter Hayes: Das ist richtig. Auf dem Album sind ja auch bis zu sechs Gitarrenspuren pro Song vertreten. Normalerweise gehen wir so vor, dass wir eine Nummer zwei Mal durchspielen und die beiden Gitarren miteinander reden lassen – also links und rechts. Wenn der eine etwas spielt, legt der andere etwas darüber, was wie eine Antwort ist. Anschließend stellen wir eine dritte Gitarre mit viel Hall in die Mitte – die mit den anderen kommuniziert. Wodurch der Sound dichter wird. Das live umzusetzen, ist gar nicht so leicht. Das geht nur mit Loops und Improvisation. Bislang sind wir aber ohne irgendwelche Zuspieler von Band ausgekommen. Ich hoffe, das bleibt auch so.

Ein weiteres Markenzeichen ist euer vernuschelter, hintergründiger Gesang – was hat es damit auf sich?

Peter Hayes: Ich mag meine Stimme nicht besonders. Und das gilt auch für Rob – wir hören uns wirklich nicht gerne reden. Deshalb handhaben wir das so. Abgesehen davon sind wir Anti-Frontmänner. Das waren wir schon immer.

Ist das Ausdruck eines demokratischen Bandverständnisses und einer Anti-Haltung gegenüber gängigen Rock-Klischees?

Peter Hayes: Vielleicht ist es auch Ausdruck von Faulheit. Aber: Für mich muss alles eins sein. Deshalb rücken wir den Gesang so weit wie möglich in den Hintergrund. Und nur so entstehen coole Sachen. Also wenn man nicht sagen kann, ob da noch eine weitere Stimme am Start ist. Wenn alles richtig diffus und somit auch mystisch ist. Und ich mag es, wenn Leute mit ihrer eigenen Interpretation der Texte aufwarten. Selbst, wenn das zuweilen seltsam ausfällt. Nach dem Motto: „Glaubst du wirklich, dass wir das sagen?“ Aber: So wird aus unserer Kunst auch die Kunst der Fans.

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Robert und du seid jetzt Anfang 40 und habt die Hälfte eures Lebens mit BRMC verbracht. Wie haltet ihr es so lange miteinander aus? Macht ihr euch schon mal Gedanken über die eigene Halbwertszeit?

Peter Hayes: Bislang läuft alles gut. Wir sind wie eine Familie. Was bedeutet: Natürlich streiten wir uns mal. Und es gibt Zeiten, in denen wir nicht miteinander reden. Aber das renkt sich immer wieder ein. Insofern sind wir ein bisschen wie Brüder. Und ich denke, wir machen das einfach so lange wir Spaß und das Gefühl haben, dass da etwas Spannendes entsteht, das uns gefällt. Denn darum geht es in der Musik: Sich auf kreative Weise ausleben zu können. Noch klappt das sehr gut …

Keiner von euch beiden scheint auf ein bestimmtes Instrument festgelegt zu sein: Wie entscheidet ihr, wer wann was spielt?

Peter Hayes: Je nach Lust und Laune, da gibt es keine festen Regeln. Es hat eher damit zu tun, wer von uns gerade eine Idee hat und womit er sie am besten umzusetzen glaubt – mit dem Bass oder der Gitarre. Es kann aber auch passieren, dass ich auf der Bühne stehe und unglaubliches Verlangen nach einer Zigarette habe. Dann wechsele ich allein deshalb an den Bass, weil er leichter zu bedienen ist und es sich somit besser rauchen lässt.

Stimmt es eigentlich, dass du Gitarre spielst, weil du als Kind fast ein Jahr Hausarrest hattest?

Peter Hayes: Ja, das stimmt. Wobei das jetzt kein polizeilicher Hausarrest war, sondern auf Anordnung meiner Eltern, die halt sehr streng waren. Und nachdem ich ein paar Mal nachts von zu Hause abgehauen bin, um Konzerte zu besuchen und mit Freunden abzuhängen, haben sie diese drastische Maßnahme ergriffen. Was ich im Nachhinein durchaus verstehen kann, denn ich war bestimmt kein einfaches Kind, sondern ziemlich rebellisch. Und da meine Mutter Gitarre gespielt hat, habe ich sie halt irgendwann – aus reiner Langeweile – gefragt, ob sie mir die leihen könnte. Das hat sie getan, und mir auch ein paar Akkorde und den einen oder anderen Song beigebracht. Was dafür sorgte, dass wir zum ersten Mal seit Jahren wieder etwas gemeinsam gemacht haben – was mich regelrecht angefixt hat. Danach gab es für mich nur noch dieses Instrument. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Danke für das Interview!

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Diskografie

Black Rebel Motorcycle Club (2001)
Take Them On, On Your Own (2003)
Howl (2005)
Baby 81 (2007)
The Effects Of 333 (2008)
Beat The Devil´s Tattoo (2010)
Specter At The Feast (2013)
Wrong Creatures (2018)

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(erschienen in Gitarre & Bass 03/2018)

Ein Kommentar zu “Gegen die Kontrolle der Kreativen: Black Rebel Motorcycle Club”
  1. Eine der wenigen aktuellen Bands ( seit 2000)
    Die einfach verdammt gut sind
    Und die Gitarre zum Leben bringen

    Live unglaublich pur und direkt
    Schon toll das sie weitermachen

    Thanks

    Antworten
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