Die Pioniere

Extended Range Guitars: Meshuggah

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(Bild: Nuclear Blast)

Den Einfluss der Band Meshuggah auf die Extended-Range-Szene kann man kaum genug betonen. Natürlich gab es schon vor den schwedischen Schwergewichten Pioniere mit Extended-Range-Instrumenten – unter anderem Metal-Gitarristen wie Steve Vai, die New-Metal-Band Korn und die Grindcore Visionäre von Human Remains, um mal drei völlig verschiedene Beispiele zu nennen. Die Popularität der 7-Saiter hatte mit dem Ende des New-Metal-Booms ordentlich abgebaut, aber als Meshuggah das erste Mal mit ihren Custom-Ibanez- 8-String auf den Plan traten, löste dies geradezu einen lawinenartigen Trend aus. Also lasst uns doch heute mal über die Band und ihren Einfluss auf modernen Metal und die Gitarrenindustrie sprechen.

Destroy – Erase – Improve

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Destroy – Erase – Improve: Meshuggah erfinden sich zum ersten Mal neu! (Bild: Nuclear Blast)

Mal abgesehen davon, dass dies der Titel des ersten Meshuggah-Albums ist, das ich je gehört habe, dürfte dieser ziemlich treffend das Motto der Band reflektieren. Besonders über die ersten paar Releases veränderte sich der Sound der Schweden rasant: Vom unter dem inoffiziellem Namen ,Psysisk Testbild‘ bekannten Demo, das überwiegend in Thrash-Metal-Gefilden umherwilderte, entwickelte man sich zum Debütalbum schon in eine deutlich technischere und progressivere Richtung. Im Musikvideo zu ,Abnegating Cecity‘ sah man Sänger (und damals auch gleichzeitig Rhythmus-Gitarrist) Jens Kidman außerdem bereits auf einer siebensaitigen Ibanez Universe shredden.

Aber mit ,Destroy – Erase – Improve‘ erfand sich die Band zum ersten Mal so richtig neu. Ich kannte sie bis Dato nur durch ein Foto in einem Ibanez Katalog, welches mich dazu veranlasste sie auszuchecken. Und als ,Future Breed Machine‘ das erste Mal aus den Boxen rollte, planierte es mich geradezu. Das Ganze erinnerte mich stark an Bands wie Fear Factory oder Strapping Young Lad, kam mir aber gleichzeitig noch „krasser“ vor. Als Teenager und Metal-Fan war „krass sein“ auch definitiv ein legitimes, musikalisches Qualitätsmerkmal.

Doch kommen wir zu den großen Veränderungen: Meshuggah ließen ihre Thrash-Einflüsse weitestgehend zurück und versetzten ,Destroy – Erase – Improve‘ mit einer gehörigen Ladung technischer Grooves und mehr Härte. Mårten Hagström trat der Band als permanenter Rhythmus-Gitarrist bei und Jens Kidman legte die Gitarre endgültig beiseite, um sich auf die Vocals zu konzentrieren – aus denen konsequenterweise auch das kleine bisschen James Hetfield verschwand, das man in den vorherigen Releases durchaus raushören konnte.

Für viele Fans beginnt an dieser Stelle der interessante Teil der Geschichte von Meshuggah. Ohne Zweifel ist ,Destroy – Erase – Improve‘ das bis dahin eigenständigste Album und ein erstes Anzeichen dafür, in welche Richtung sich die Schweden in Zukunft entwickeln würden. Und mit dem folgenden ,Chaosphere‘, welches seinem Namen alle Ehre macht, zeichnete sich dies noch deutlicher ab. Die Rhythmen wurden verschrobener, die Vocals brutaler, die Produktion kälter. ,Chaosphere‘ ist wirklich eine schwer zu schluckende Pille und hat mich als Teenager zwar begeistert, aber zunächst auch ziemlich überfordert. Heute ist es eines meiner Lieblingsalben.

Von einer ERG-Szene konnte zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch keine Rede sein. Moderne Metal-Bands wie Fear Factory oder Korn machten zwar 7- Saiter-Gitarren populär und der New-Metal-Hype sorgte dafür, dass viele junge Gitarristen auf diese Instrumente aufmerksam wurden, aber den Einfluss, den Meshuggah auf diese Zielgruppe hatten, kann man bestenfalls als unerheblich beschreiben. Trotz internationaler Touren mit Bands wie Slayer und Entombed wurde die Band aus Umeå noch immer als Geheimtipp unter aufgeschlossenen Metallern gehandelt. Doch das sollte sich bald ändern…

Nothing

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Nothing: Inoffizielle Initialzündung des Extended- Range-Booms. (Bild: Nuclear Blast)

Für ihr nächstes Album entschlossen sich die Schweden im Jahre 2002, ihre Gitarren noch tiefer zu stimmen. Zunächst baute der schwedische Gitarrenbauer Nevborn für Mårten Hagström und Fredrik Thordendal Custom-Achtsaiter. Diese stellten sich allerdings als zu instabil heraus und Meshuggah sahen sich gezwungen, auf ihre Ibanez-Bariton- 7-Strings zurückzugreifen. ,Nothing‘ stellte allein durch den ungewöhnlichen Gitarrensound abermals einen ziemlich heftigen Bruch mit dem bisherigen Sound von Meshuggah dar, auch wenn die polyrhythmischen und Groove-orientierten Momente auf dem Vorgänger ,Chaosphere‘ die Richtung schon etwas andeuteten.

Die Band betrat mit dem Tuning allerdings tatsächlich Neuland und passte ihr gesamtes Spiel dem neuen Frequenzspektrum an. Gerüchten zufolge überlegten die Schweden wohl sogar zeitweise, das gesamte Album ausschließlich mit Bassgitarren einzuspielen – und wenn man sich das Riffing auf ,Nothing‘ so anhört, meint man das an einigen Stellen auch deutlich rauszuhören. Und auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran zu denken war, dürfte das Album schlussendlich die Initialzündung für den Extended-Range-Boom gewesen sein.

Es sollte zwar noch eine Weile dauern, bis Meshuggah ihre ersten Custom-8-Strings von Ibanez ausgehändigt bekamen (mit denen die Schweden im Jahre 2006 ,Nothing‘ auch nochmal komplett neu einspielten), aber das folgende Release ,Catch 33‘ wirbelte in der Metal-Szene ordentlich Staub auf. Und mit ,Obzen‘ erreichten die Schweden 3 Jahre später unerwarteterweise auch schlagartig Unmengen jüngerer Musiker. Und dann ging es erst so richtig los…

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obZen: Der Durchbruch bei einer deutlich jüngeren Hörerschaft (Bild: Nuclear Blast)

Zunächst mal stieg die Nachfrage nach einem achtsaitigen Serienmodell von Ibanez rapide. Bis dahin waren moderne E-Gitarren mit acht Saiten bestenfalls eine Kuriosität und ausschließlich über kleine Custom Shops zu beziehen. Aber bei Ibanez erkannte man die Zeichen der Zeit und ließ sich nicht allzu lange bitten. Vor 10 Jahren, im Jahre 2007, war es endlich soweit: Die RG2228 kam auf den Markt und ermöglichte als erste Serien-Achter fortan Metal-Gitarristen in Sphären vorzudringen, die Meshuggah bis dahin mehr oder weniger für sich allein beanspruchen konnten. Zumindest wurden diese Sphären denen eröffnet, die sich leisten konnten, 2000 Euro für die RG2228 auszugeben. Da die Nachfrage aber nicht abriss, wurde drei Jahre später mit der deutlich erschwinglicheren RGA8 nachgelegt – ganz davon zu schweigen, dass weitere Hersteller auf den Zug aufsprangen und Modelle in verschiedenen Preisklassen anbieten konnten.

Die Pioniere

All dies wäre meiner Meinung nach ohne Meshuggah nahezu undenkbar gewesen. Man kann die Wichtigkeit und den Einfluss der Band auf die Gitarren-Industrie nicht genug betonen. Ohne den unaufhaltbaren Innovationsdrang und die kompromisslose Attitüde der Schweden, würde ich heute diese Kolumne vermutlich gar nicht schreiben. 7-Strings hätten vielleicht irgendwann ein Comeback erlebt, aber ob der Begriff Extended Range Guitars ohne die dank der Band entstandene Nachfrage nach Serien-Modellen von 8- Strings so eine große Rolle spielen würde, ist schwer zu sagen. Beim ersten 7-String-Boom hörte man den Begriff jedenfalls nicht. Und Meshuggahs musikalischer Einfluss, gepaart mit der Veröffentlichung von Serien-Achtsaitern, ist ja auch längst nicht das Ende der Fahnenstange gewesen.

Der Trend entwickelte sich zunächst mal frei nach dem Motto „The sky is the limit“ und brachte Gitarren mit neun, zehn und mehr Saiten hervor, Fanned Frets bzw. Multiscale-Konstruktionen wurden dem Gitarren-Mainstream zugänglich gemacht und selbst die großen Gitarren-Marken sind mit vielen dieser Entwicklungen am Start. Musikalisch führte der große Einfluss von Meshuggah auf ein zunehmend junges Publikum zur Entstehung eines mehr oder weniger gänzlich neuen Genres namens Djent, welches ganz klar den Sound der Schweden mit Einflüssen aus dem modernen Metalcore, Prog und radiotauglichen Alternative-Rock-Hooklines verbindet.

Kritiker mögen dies als Verwässerung der ursprünglichen Einflüsse bezeichnen, aber junge Metal-Fans und -Gitarristen stehen drauf und kaufen wie wild die entsprechenden Instrumente. Egal, wie kritisch man diese Entwicklung also sehen mag – man kann nicht sagen, sie hätte keinen frischen Wind in die Gitarren-Landschaft gebracht.

Ibanez M8M, M80M und FTM33

So war es nur eine Frage der Zeit, bis Meshuggah ihre eigenen Signature-Modelle bekommen sollten. Pünktlich zum Release von ,Koloss‘ im Jahre 2012 wurde die Ibanez M8M angekündigt. Dabei wollten Mårten Hagström und Fredrik Thordendal keinerlei Kompromisse eingehen und sicher gehen, dass die verfügbaren Modelle 1 zu 1 denen entsprachen, die Meshuggah auch live spielten. Dafür wurden sie vom Sugi Custom Shop in Japan komplett per Hand gebaut. Mit einer Preisempfehlung von über € 6000 ließ man sich im Hause Ibanez aber auch fürstlich dafür bezahlen und verfehlte damit meiner Meinung nach absolut die Zielgruppe.

Die Specs waren dennoch beeindruckend: Die M8M kommt mit einer gigantischen Mensur von 30 Zoll und einem durchgehenden, 5-teiligen Ahorn/Bubingahals daher, um den sich zwei Erleflügel schmiegen. In düster anmutendem, transparentem Schwarz gebeizt und mit nur einem Pickup ausgestattet, strahlt die Gitarre pure Kompromisslosigkeit und Souveränität aus. Da sie sich aber kaum ein typischer Meshuggah-Fan leisten konnte, legte Ibanez 2 Jahre später mit der M80M nach. Gefertigt in Indonesien, mit einem Korpus aus Sumpfesche und einem geschraubten Hals, aber der gleichen 30-Zoll-Mensur und ebenfalls dem Lundgren-M8-Humbucker, verspricht die M80M den Meshuggah Sound für deutlich weniger Geld abliefern zu können – nämlich mit einem Preis von knapp unter € 1400.

Ich besorgte mir selbst dieses Schlachtschiff und spielte damit unter anderem die ,Chasm‘-EP meiner neuen Band Nightmarer ein. Die lange Mensur stellte für meine kurzen Finger zwar eine ordentliche Herausforderung dar, aber das Level an straffer Definiertheit, mit der die M80M das Meshuggah-typische F-Tuning wiedergibt, sucht wahrlich seinesgleichen.

Bei 30 Zoll und nur einem Pickup sollte aber jedem klar sein, dass es sich bei diesem Modell nicht um eine Shred-freundliche Gitarre, sondern um ein Tiefton- und Rhythmusspiel-Monster handelt. Auf dem Gitarre&Bass Soundcloud-Kanal könnt ihr euch selbst davon überzeugen und ein paar Clips meiner Ibanez M80M anhören.

Auf der diesjährigen NAMM Show in Anaheim, Kalifornien, sollte eine weitere Neuerung auf Meshuggah-Fans warten: Die Ibanez FTM33, basierend auf den von Fredrik Thordendal entworfenen ,Stoneman‘-8-Strings aus dem Ibanez Custom Shop. Die Gitarre ist deutlich klassischer geprägt, mit einem Body, der wie ein Hybrid aus Gibson Firebird, Ibanez Destroyer und Iceman aussieht. Meine Güte, was ein Gerät!!!

Die FTM33 ist wahrlich nichts für Hänflinge, sieht an (m)einer etwas stabileren Statur somit also zum Glück auch nicht ganz so überdimensioniert aus (siehe Foto). Die Mensur musste auf 27 Zoll verkürzt werden, da man sonst wahrscheinlich mit einer erheblichen Kopflastigkeit zu kämpfen hätte. Dafür gibt es aber einen durchgehenden Hals und ausnahmsweise auch mal einen Pickup in der Halsposition – natürlich auch wieder den Lundgren M8. Für eine in Indonesien gefertigte Gitarre wirkt die Preisempfehlung von 2000 Euro allerdings recht heftig – dafür kriegt man aber auch eine wahnsinnig eigenständige und wirklich saucoole Gitarre!

Lebende Legenden

Kann man das sagen? Sind Meshuggah bereits beim Legendenstatus angelangt? Wenn man mich fragt – auf jeden Fall! Die Band hat sich nicht nur selbst mehrfach neu, sondern auch ihr eigenes Genre erfunden, welches wiederum den Grundstein für ein weiteres, neues Genre gelegt hat. Und ganz nebenbei ist sie für einen Trend im Gitarrensektor verantwortlich, der jetzt schon 10 Jahre anhält – Ende nicht absehbar! Das muss man erstmal schaffen.

Die Schweden haben außerdem unlängst mit ihrem neuen Album ,The Violent Sleep of Reason‘ bewiesen, dass sie noch ordentlich Feuer unterm Hintern haben. Dass das ganze Album quasi live eingespielt worden ist, setzt dem Ganzen die Krone auf. Ich bin gespannt, wohin die Reise für Meshuggah führt. Sicher, das Repertoire ihres ganz eigenen Sounds ist nicht unerschöpflich – das merkt man den letzten zwei Alben schon an. Aber wer weiß, vielleicht erfinden sich die Band bereits für das nächsten Album wieder neu… und die Gitarrenindustrie gleich mit.


Empfehlung des Monats: Meshuggah – Catch 33

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(Bild: Nuclear Blast)

Das aktuelle Album ,The Violent Sleep of Reason‘ habe ich ja bereits in einem der vorherigen Teile dieser Kolumne besprochen, also widmen wir uns heute dem, zumindest meiner Meinung nach, Magnum Opus der Band! ,Catch 33‘ ist nicht nur mit digitalen Verstärkersimulationen von Line6 eingespielt, sondern enthält auch komplett programmierte Drums. Das hört man dem Album aber kaum an – denn obwohl diese Art des Recordings anno 2005 längst noch nicht so weit war wie heute, klingt ,Catch 33‘ wirklich mächtig.

Mit diesem Album haben Meshuggah den Versuch unternommen, statt einzelner Songs eine zusammenhängende Komposition über Albumlänge zu schreiben – und das ist ihnen mehr als gelungen! ,Catch 33‘ enthält nicht nur einige der besten Meshuggah-Riffs überhaupt, sondern hat auch eine unvergleichlich endzeitliche Atmosphäre, die keinerlei Langeweile aufkommen lässt. Dominiert wird das Album von einem Groove, der einen über gut 45 min geradezu dazu zwingt, zumindest mit dem Kopf mitzunicken – oder schlichtweg zu headbangen! Mich fesselt ,Catch 33‘ selbst 12 Jahre nach seinem Release jedenfalls noch immer wie kein anderes Meshuggah Album! [1321]

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